[
  {
    "start": 0.0,
    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nWenn diese Podcastfolge eine Farbe hätte, dann wäre es - natürlich Schwarz. Es geht um schließlich um Depression und Melancholie. Nicht die “süße” Melancholie, die wohlige Wehmut, die uns zum Beispiel bei schönen Erinnerungen befällt und die wir manchmal regelrecht genießen. \nSondern um die wortwörtliche Melancholie – vom altgriechischen \"melas\" für schwarz und \"cholé\" für Galle. So nannte Hippokrates um 400 vor unserer Zeitrechnung das, was wir heute Depression nennen. Schwarze Galle. Schwärze und Dunkelheit tauchen immer wieder bei der Beschreibung der Krankheit auf. “Tadirtu” - ein mesopotamisches Wort für die Verdunkelung der Seele, die \"sichtbare Finsternis“ bei Milton, die “dunkle Nacht der Seele” des Mystikers Johannes vom Kreuz im 16. Jahrhundert, Jungs \"Dame in Schwarz“, Churchills \"schwarzer Hund“, schwarze Sonne, schwarzes Loch, Schwarzer Stern, \"Our Darkness“ … seit Jahrtausenden beschreiben Menschen Depression als finster und schwarz.\nAber keine Sorge, wir werden ein bisschen Licht und ein bisschen Farbe in diese Dunkelheit bringen …\nHerzlich willkommen und keine Angst: Nur weil es um Depression geht, werden wir noch lange keine deprimierende Folge machen. Schließlich erzählen wir hier von \"Siegen der Medizin\", von Hoffnung und Fortschritt. Und natürlich auch von skurrilen oder grusligen Irrwegen, sehr speziellen Charakteren und irrwitzigen Zufällen. Von alldem gibt es in dieser Geschichte reichlich. Wir erzählen von Hühnergeschnetzeltem, traurigen Fürzen, dem Badehaus des Teufels und natürlich von Jack Nicholson ... \nWir halten uns so gut es geht an die Fakten. Nur ab und zu nehmen wir auch die Fantasie zu Hilfe, um ein paar Anekdoten zum Leben zu erwecken. \nSPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau\nANDREA SAWATZKI:\nMein Name ist Andrea Sawatzki und ich habe wie immer sachkundige Unterstützung:  Auf unserer \"Reise in die Dunkelheit\" begleitet uns Professorin Dr. Eva-Lotta Brakemeier, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und Inhaberin des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Greifswald. \nWahrscheinlich habt ihr alle eine Vorstellung davon, was Depression ist, aber bevor wir in die Vergangenheit abtauchen, klären wir das doch noch einmal.\nPROF. DR. EVA-LOTTA BRAKEMEIER:\n\"Ja, also Depressionen sind - erst mal ganz wichtig - mehr als nur Traurigsein. Dass wir mal traurig sind, das kennen alle Menschen. Wichtig ist, Depressionen sind behandlungsbedürftige Erkrankungen, die unser Denken, unser Fühlen, auch den Körper und das Verhalten betreffen. Und wir haben sehr, sehr viele verschiedene Symptome, die eine Depression kennzeichnen. Und zwar zum einen die gedrückte depressive Stimmung. Dann der Interessensverlust und die Freudlosigkeit und ein Antriebsmangel und erhöhte Ermütbarkeit. Auch ist sehr häufig der Fall, dass die Betroffenen ein sehr vermindertes Selbstwertgefühl haben, auch wenig Selbstvertrauen. Auch Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit können eine Rolle spielen, negative und pessimistische Zukunftsperspektiven. Wir haben Schlafstörungen, verminderten Appetit. Es kann aber auch sein, dass es ein gesteigerter Appetit ist. Und besonders ernsthaft ist natürlich, dass das auch bis zu Suizidgedanken und Suizidhandlungen kommen kann.“\nANDREA SAWATZKI:\nEins muss klar sein: Depression ist eine lebensgefährliche Krankheit. Keine \"Befindlichkeit\", kein \"Schlecht-Drauf-Sein\". Und auch kein Phänomen der heutigen Zeit, in der wir vermeintlich nur noch um uns selbst kreisen und in unserer Nabelschau aus jeder schlechtgelaunten Mücke einen depressiven Elefanten machen. Die Krankheit lässt sich über Jahrtausende zurückverfolgen.\nPROF. DR. EVA-LOTTA BRAKEMEIER:\n\"Im Grunde kann man da bis in die Antike zurückgehen. Denn schon damals ist überliefert, dass Menschen eben depressionsähnliche Verhaltensweisen gezeigt haben. Damals war das ja eher so eine übernatürliche Sichtweise, die annahm, dass Menschen mit psychischen Störungen vom Teufel oder von bösen Geistern besessen sind. Dann etwas später kam ja Hippokrates, der die frühen biologischen Erklärungen eingebracht hat. Er hat ja quasi die sogenannte Vier-Säfte-Lehre begründet und danach ist die Gesundheit eines Körpers von vier verschiedenen Säften abhängig. Also Blut, Schleim, Gelbe und Schwarze Galle.“\nANDREA SAWATZKI:\nMan könnte ein Trinkspiel draus machen. Natürlich nicht mit Schnaps, es geht in diesem Podcast schließlich um Gesundheit und Medizin. Sagen wir doch: einen lauwarmen Ingwer-Tee auf ex, sobald die 4-Säfte-Lehre in unserem Podcast auftaucht. Wir haben sie oft in Zusammenhang mit Galen erwähnt, aber tatsächlich wird sie schon lange vor ihm in den hippokratischen Schriften ausformuliert und zwar um das Jahr 400 vor unserer Zeitrechnung. \nPROF. DR. EVA-LOTTA BRAKEMEIER:\n\"Nur wenn alle vier Säfte im Gleichgewicht sind, dann sei der Mensch gesund. Und er hatte auch schon drei Kategorien, die Manie, die Melancholie und Phrenitis. Und Melancholie ist eben dann am ehesten der Depression ähnlich.“\nANDREA SAWATZKI:\nUnd sie ist eben gekennzeichnet durch ein Übermaß an: schwarzer Galle. Die Symptome bei Hippokrates erinnern schon stark an heutige Diagnosekriterien für Depression: Angst, Traurigkeit, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit ... und zwar, das ist ganz wichtig, über einen langen Zeitraum hinweg.\nPROF. DR. EVA-LOTTA BRAKEMEIER:\n\"Also wir haben das Zeitkriterium auch in der Definition, in der Diagnose länger als 14 Tage, mehr oder weniger eben jeden Tag. Und dann spielt auch das Leid eine große Rolle. Ja, also wenn ich auch wirklich merke, dass ich im Alltag nicht mehr zurechtkomme.“ \nANDREA SAWATZKI:\nSpätestens in Aristoteles Schrift \"Über die Melancholie\" taucht ein weiteres Merkmal auf: Dass sie nämlich nicht unbedingt einen direkten äußeren Anlass haben muss. Heute spricht man von \"endogener Depression\" im Gegensatz zur \"reaktiven Depression\", die auf einen Auslöser - zum Beispiel einen Trauerfall, Arbeitslosigkeit oder eine schwere Krankheit - zurückgeführt werden kann. \nAristoteles fragt auch: \"Warum sind alle, die in Philosophie, Politik, Poesie oder Kunst zu Berühmtheit gelangt sind, Melancholiker?\" Seit der Antike wird also ein Zusammenhang zwischen Genialität und Melancholie beschworen. \nDer Arzt Rufus von Ephesos warnt Anfang des 2. Jahrhunderts: \"Niemand, der zu sehr über eine bestimmte Wissenschaft nachdenkt, kann es vermeiden, melancholisch zu werden.\" Ein interessantes Henne-Ei-Problem, das bis heute diskutiert wird: Macht die Grübelei die Melancholie oder umgekehrt?\nDie Behandlung in der Antike unterscheidet sich – wenig überraschend - deutlich von heute. Es gibt damals noch keine Psychotherapie und keine Antidepressiva. Dafür gibt es zum Beispiel: Nieswurz.\nNatürlich vor allem den Schwarzen Nieswurz (Helleborus niger), der laut dem griechischen Arzt Dioskurides  gegen \"Melancholia“ helfen soll. Verblüffenderweise heißt der \"schwarze” Nieswurz im Deutschen auch \"Schneerose” - wegen seiner weißen Blüten - naja, aber für medizinische Anwendungen werden die Wurzeln verwendet und die sind wirklich schwarz. Man stellt aus ihnen Niespulver und Abführmittel her.\n Macht Sinn, nach der Säftelehre: Der schwarze Nieswurz treibt die schwarze Galle auf die eine oder andere Art aus dem Körper und stellt das Gleichgewicht wieder her. Kein Wunder, dass auch der Aderlass zu den antiken Heilverfahren bei Melancholie zählt.\nAndere widersprechen: nein, nein, die Melancholie sei gar nichts für Ärzte und könne nur von Philosophen geheilt werden. So sehen es - wenig überraschend - vor allem Philosophen wie Platon und Sokrates. Sie stellen die Seele über den Körper, weshalb sie zuerst geheilt werden müsse. Heute würde Hippokrates vermutlich Antidepressiva verschreiben und Platon eine Psychotherapie empfehlen. \nHippokrates Melancholie kann natürlich nicht 1:1 mit Depression im heutigen, klar definierten Sinn gleichgesetzt werden. Verschiedene Ärzte und Philosophen fassen alle möglichen Symptome und Krankheiten darunter zusammen. Manche zählen die Euphorie dazu, andere Wahnvorstellungen oder die Hypochondrie, also das eingebildete Kranksein. \nUnd Ishaq ibn Imran, der um das Jahr 900 herum in Bagdad und in Kairuan im heutigen Tunesien praktiziert, beschreibt unter anderem die \"melancholische Flatulenz\", die man - ungenau aber schön - als \"trauriges Furzen\" übersetzen könnte.\nEs gibt eine berühmte Anekdote über Hippokrates und den Philosophen Demokrit, die um 400 vor Christus spielt, aber erst 500 Jahre später aufgeschrieben wurde. Die Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Abdera am Ägäischen Meer in der heutigen Türkei machen sich Sorgen um Demokrit, ihren berühmtesten Sohn. Er ist offensichtlich wahnsinnig geworden, denn er lacht ununterbrochen. \nAuf Bitten der Abderaner besucht Hippokrates den \"lachenden Philosophen\" ...\n\"Bring mich zu deinem Herrn\", befiehlt Hippokrates, als ihm die alte Sklavin die Tür öffnet.. Sie tritt ehrfürchtig zur Seite, dann führt sie Hippokrates durch einen schmalen, dunklen Gang, in dem es nach Hühnersuppe riecht, zum geräumigen Innenhof. In der Mitte ragt ein runder Brunnenschacht mit niedrigem Rand aus dem Boden; entlang einer Seite zieht sich ein überdachter Säulengang. Helles Sonnenlicht fällt in den Hof. \nDemokrit sitzt im Schatten des Säulenganges auf einem einfachen Holzschemel, vor sich ein niedriger Tisch. Er ist barfuß, die Füße staubig, das graue Haar und der Bart ein wenig zu lang, ein wenig zu wild, als hätte er sie seit Wochen nicht gepflegt. \nZu seinen Füßen liegen zwei tote Hühner, ihre glitschigen Eingeweide liegen achtlos verteilt auf dem Tisch. Demokrit hält ein Stück Leber zwischen Daumen und Zeigefinger in die Luft, betrachtet es gegen das Licht – und lacht.\nDie Sklavin bleibt am Rand des Hofes stehen und senkt den Blick. Hippokrates blinzelt, bis seine Augen sich an die Halbdunkelheit unter dem Gang gewöhnt haben, dann geht er auf Demokrit zu. Der Philosoph blickt auf, sein lautes Lachen weicht belustigtem Glucksen.\n\"Hippokrates von Kos“, sagt er. \"Der berühmte Arzt. Mein gelehrigster Schüler ... wie lange ist es her? Nun ja, zu lange auf jeden Fall. Willkommen, mein Freund. Man hat mir gesagt, dass nach euch geschickt wurde.“\nHippokrates lächelt. \"Die Leute sagen, du seist wahnsinnig geworden, Meister. Jetzt sehe ich dich hier sitzen und lachend in Hühnerinnereien herumwühlen. Haben sie am Ende recht?“\n\"Nun, lass es uns gemeinsam herausfinden. Lehrst du nicht, dass die Melancholie ein Übermaß an schwarzer Galle sei? Hilf mir, sie zu finden! Ich hab nun schon Dutzende Hühner aufgeschnitten, auch die Innereien einiger Schafe durchsucht, und doch habe ich sie nirgends entdeckt.\"\nEr schiebt ein paar Hühnergedärme zur Seite und hält ein kleines, grünes Gallenbläschen hoch. \"Kein Schwarz, nirgends\", sagt er und lacht laut auf. \"Vielleicht müssen wir einen traurigen Menschen aufschneiden!\"\n\"Die schwarze Galle ...\" Hippokrates zögert, betrachtet einen zweiten Schemel an dem kleinen Tisch und - nachdem er sich versichert hat, dass dieser frei von Hühnergeschnetzeltem ist - lässt sich erschöpft darauf nieder. \"Sie ist ein Prinzip, keine buchstäbliche Substanz, wie die anderen Säfte. Sie ist das trockene in uns, das kalte, die Erde, der Herbst. Du wirst sie nicht finden!\"\n\"Ich weiß. Aber ich dachte, ich schau mal nach.\" Demokrit kichert. \"Niemand hat sie je gesehen. Und doch meinst du, ihr Übermaß sei Ursache der Melancholie.\" \nEr wendet sich ab, schaut in den strahlend blauen Himmel. \"Die Menschen sagen, ich sei verrückt, weil ich lache, über alles, und vor allem über sie, über ihre kleinen Dramen, ihre törichten Kriege und unglücklichen Liebeleien, ihre endlose Jagd nach Ruhm und Reichtum. Sie leben ihr Leben, als sei es endlos, als drehe sich die Welt um ihre Wünsche. Und dann ringen sie die Hände und klagen die Götter an, wenn ihnen Schlimmes widerfährt - nur um am nächsten Tag fortzufahren wie bisher ... sag mir Hippokrates ...\" Er hält inne, als ihm die Stimme wegbricht und stoßweise, schniefende Geräusche aus seiner Kehle dringen und plötzlich ist sich Hippokrates nicht mehr sicher, ob sein alter Lehrer tatsächlich lacht - oder weint.\nAls sich Demokrit ihm wieder das Gesicht zuwendet ihm zuwendet, grinst er, doch seine Augen schimmern feucht. \"Sag mir, wer ist verrückt? Die Menschen, die über Dinge weinen, die sie selbst verschuldet haben oder nicht ändern können - oder ich, der ich über ihre Torheit lache?\"\nEhe Hippokrates antworten kann, steht Demokrit auf und streicht seine Tunika glatt. \"Nun, lass uns die Frage bei einem guten Essen weiterdiskutieren. Du bleibst doch sicher?! Es gibt Hühnchen …\"\nDie Geschichte lässt sich unterschiedlich interpretieren. Lacht Demokrit über die Torheit der Menschen? Oder ist seine Verzweiflung über ihr Leid und den Zustand der Welt so groß, dass sie in ihr scheinbares Gegenteil umgeschlagen ist?\nDie Anekdote rührt an eine Frage, die wir uns bis heute stellen: Sind nicht in Wahrheit die vermeintlich \"normalen\" Menschen verrückt? Schaut euch an, in welchem Zustand die Welt heute ist: Der Zerfall der Demokratien, der ungebremste Klimawandel, die Gefahr eines dritten Weltkrieges, die unabsehbare Folgen der Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz und, und, und ... der Gedanke liegt nicht fern, dass absolute Verzweiflung oder irres Gelächter viel angemessener sind, als weiterzumachen, als sei die Welt in Ordnung.\nVerzweiflung, Trauer, Angst sind normale und wichtige Reaktionen auf äußere Umstände, aber sie können eine reaktive Depression auslösen oder eine endogene Depression verschlimmern.\nEs zählt zu den großen Tücken der Krankheit: Jeder Depressive kann begründen, warum er keine Hoffnung sieht, warum nichts mehr Sinn macht oder warum er der wertloseste Mensch der Welt ist. Und es kann den Betroffenen anfangs beinahe wie ein Verrat an ihren Gefühlen vorkommen, sich Hilfe zu suchen. Ich trauere - und jetzt soll ich zum Arzt gehen, damit der mir womöglich Pillen dagegen gibt?\nUm es einmal deutlich zu sagen, bevor wir uns aufmachen ins Mittelalter: Nein, Trauer ist keine Depression und nicht im selben Sinne behandlungsbedürftig. Trauer an sich ist gesund – was helfen kann, ist Trauerbegleitung, menschliche Nähe oder auch eine Therapie, die einen unterstützt, die Trauer zu verarbeiten. \nDas Mittelalter ist nicht gerade eine Zeit des medizinischen - oder sonstigen - Fortschritts. Die 4-Säftelehre ist noch immer der Grundpfeiler der Medizin, dazu kommen religiöse Deutungen: die \"Acedia\", die \"Trägheit des Herzens\" wird als sündhafte Traurigkeit verstanden, als Abkehr von Gott und der in ihm liegenden Freude und Hoffnung - eine Todsünde!  Ein Sprichwort, das später auch von Luther aufgegriffen wird, verkündet: \"Ein melancholischer Kopf ist das Badehaus des Teufels\".\nDann, im 15. Jahrhundert, zu Beginn der Renaissance, macht der italienische Arzt, Astrologe und Philosoph Marsilio Ficino aus der Sünde - eine Gottesgabe. \nMelancholie sei die Voraussetzung für Kreativität und Genialität. Diese positive Verknüpfung hatten wir ja schon bei Aristoteles. Ficino verhilft ihr zu ungeahnter Popularität. Sein Werk \"De vita libri tres\" - “drei Bücher über das Leben”, eine Art Gesundheitsratgeber für Intellektuelle - :  - wird ein europäischer Bestseller und erlebt über Jahrhunderte hinweg unzählige Auflagen. \nVor allem in England scheint seine Theorie der genialen Melancholie auf fruchtbaren Boden zu fallen. Im 16. Jahrhundert wird es vor allem unter Schriftstellern geradezu en vogue, melancholisch zu sein. Das Phänomen ist so verbreitet, dass es bald zum Ziel des Spotts wird. Es gibt da zum Beispiel eine Komödie von Ben Johnson aus dem Jahr 1598. Kleine Kostprobe?\nJUNGER MANN: Wahrlich, mein Herr, ich neige sehr zur Melancholie.\nÄLTERER MANN: Oh, das ist Ihre einzige gute Eigenschaft, Sir:  Die Melancholie bringt Ihren perfekten, feinen Witz hervor. Wissen Sie, ich bin selbst manchmal melancholisch und dann nehme ich Feder und Papier zur Hand und schreibe Ihnen ein Dutzend Sonetten auf einmal. Bitte, mein Herr, nutzen Sie mein Arbeitszimmer, es steht Ihnen zur Verfügung.\nJUNGER MANN: Ich danke Ihnen, Sir, haben Sie dort auch einen Hocker, auf dem ich melancholisch sein kann?\nÄLTERER MANN: Ja, mein Herr, den habe ich.\nJUNGER MANN: Ist es so gut? Bin ich jetzt melancholisch genug?\nÄLTERER MANN: Ja, ausgezeichnet.\nGar nicht so übel für eine mehr als 500 Jahre alte Sitcom, oder? Nur um das klarzustellen: Johnson macht sich nicht über Depression im heutigen Sinne lustig, sondern über eine affektierte Mode unter Literaten, die durch schwarze Kleidung, betrübten Gesichtsausdruck und viel Geseufze von mangelndem Talent ablenken wollen.\nNatürlich gibt es damals auch Menschen, die - soweit wir das heute beurteilen können - wirklich an Depression leiden. Einer von ihnen ist Robert Burton.\nRobert Burton wird 1577 in Lindley, England, geboren. Seine Eltern sind wohlhabende Landadlige. Er wird am Christ Chuch College in Oxford ausgebildet, wo er zeitlebens als Lehrer arbeiten wird. Nebenher versucht er sich als Autor lateinischer Gedichte und seichter Komödien, bevor er schließlich mit der Arbeit an seinem Lebenswerk beginnt: The Anatomy of Melancholy - Anatomie der Schwermut. \nBurton veröffentlicht sein Werk unter dem Pseudonym Demokritus junior aus Bewunderung für den lachenden Philosophen der 2000 Jahre zuvor die Melancholie in Hühnerinnereien suchte und seine eigene Verzweiflung über die Dummheit der Menschen lauthals weglachte.\nBurtons \"Anatomie\" ist ein ausuferndes und auf den ersten Blick ziemlich chaotisches Werk, ein Sammelsurium aus Zitaten, durchsetzt mit Burtons eigenen Gedanken, politischen und religiösen Überlegungen, jeder Menge Scharfsinn, beißender Satire und Selbstbetrachtungen. \nEr selbst beschreibt es als Zitat: \"eine Rhapsodie aus Lumpen, die aus mehreren Misthaufen zusammengetragen wurden, Exkremente von [anderen] Autoren, [...] Firlefanz, [...]  ohne Kunst, [...] Witz, Bildung\". Zitat Ende. \nSpricht da sein Selbsthass oder versucht er nur sich gegen Kritik zu immunisieren? \nEs ist eine Enzyklopädie - und der Versuch einer Therapie: Für ihn selbst, aber auch für den Leser, dem er mitgibt: \"Du selbst bist das Thema meiner Abhandlung\", die Anatomie soll zu Selbsterkenntnis und Trost verhelfen. \nAuf die Warnung von Zeitgenossen, seine Beschäftigung mit der Melancholie mache ihn selbst melancholisch, antwortet er: \"Ich schreibe über die Melancholie, um durch die Arbeit der Melancholie zu entgehen\".\nDer Legende zufolge gehören zu seiner Selbsttherapie auch regelmäßige Spaziergänge zur Folly Bridge in Oxford, wo er sich schlapplacht über die wüsten Beschimpfungen, die sich die Schiffsleute dort tagein, tagaus an den Kopf werfen.\nNaja, ich schätze, das heutige Äquivalent wäre, dass man sich im Berufsverkehr an eine große Kreuzung stellt und sich über die ganzen Stinkefinger, die Hupkonzerte und die wütenden Gesichter hinter den Windschutzscheiben kaputtlacht. Hm, würde bei mir nicht funktionieren, sondern deprimiert mich nur noch mehr. Da fehlt mir wohl das Lachende-Philosophen-Gen von Demokrit und Burton.\nBis zu seinem Tod überarbeitet und erweitert Robert Burton sein Werk. Am Ende hat es mehr als 1500 Seiten. Es beeinflusst die Wahrnehmung der Melancholie und später der Depression über Jahrhunderte. Bis heute ist es ein fester Bezugspunkt in der Geschichte der Medizin und Psychotherapie. Und ein Klassiker der englischen Literatur. Nick Cave zum Beispiel zählt die \"Anatomie der Schwermut\" zu seinen Lieblingsbüchern. \nIn der Romantik, vor allem der deutschen Romantik, erlebt der Kult um die Melancholie seinen Höhepunkt. Wir hatten es ja schon in unserer Folge über die Tuberkulose: Das Leiden an einer Krankheit, an der Liebe oder der Welt wird praktisch zur Voraussetzung kreativer Leistungen erklärt. Eins ist, glaube ich, unbestritten: In dieser Epoche entstehen Werke, die dem depressiven Leiden wie nie zuvor Ausdruck verleihen.\nPROF. DR. EVA-LOTTA BRAKEMEIER:\n„Wenn man zum Beispiel Schubert's Winterreise hört, also das ist eigentlich der Inbegriff von jemandem, der unter Depression leidet und es gibt ja auch quasi die Hypothese, dass man aus der Depression, auch übrigens aus der Einsamkeit, ja auch eben sehr viel Kreativität  schöpfen kann. Oder dass das eben auch so eine bestimmte Art von Fühlen ist, sowas ganz Tiefgehendes, eben einen tiefgehenden Schmerz, den man dann künstlerisch ausdrücken kann. Und weil viele Menschen diesen Schmerzen auch fühlen, diese dann auch besonders auf diese Kunst ansprechen. Beispielsweise auch bei Caspar David Friedrich und seinen Bildern, das ist eben was, was uns unmittelbar tief innen berührt.“ \nANDREA SAWATZKI:\nVon der Antike bis in die Gegenwart wird diese Verbindung gezogen. Ein Bekannter, selbst kreativ tätig, hat mir erzählt, wie er sich jahrelang einredete, seine Verzweiflung sei der Preis für seine Kunst, nur er würde das Leben in all seiner Düsternis verstehen. Und bei allem Selbsthass, der ihn quälte, hielt er sich für überlegen und weise im Vergleich zu eher heiteren Menschen. \nEs dauerte lange bis er endlich Hilfe gesucht und gefunden hat - heute beschreibt er das als einen der größten Glücksfälle seines Lebens - und doch blieb da ein kleiner Stich, dieses leise Gefühl eines Verrats: Die einmalige, von undurchdringlicher Finsternis erfüllte Tiefe seiner sensiblen Künstlerseele hieß auf einmal: \"F32.2\" - das ist der Code für schwere Depression gemäß der internationalen Klassifikation der Krankheiten.\nWo wir gerade in der Gegenwart sind, schauen wir uns diesen Zusammenhang doch einmal genauer an. Das Wichtigste zuerst: Eine unbehandelte Depression inspiriert nicht, sondern blockiert. Endlose düstere Gedankenspiralen helfen nicht, Neues zu schaffen und die meist mit der Depression einhergehende Lähmung steht der Umsetzung aller Ideen im Weg. \nEs gibt aber Zusammenhänge: Eine große Studie aus Schweden wertete Daten von mehr als 1 Million Menschen aus. Stellt sich raus: In vielen kreativen Berufen ist das Risiko, eine Depression oder andere psychischen Erkrankungen zu entwickeln, deutlich erhöht. Am Extremsten ist da bei Schriftstellerinnen und Schriftstellern: Sie haben - wie gesagt in Schweden - eine 50% höhere Wahrscheinlichkeit, durch Selbstmord - oft eine tödlich verlaufende Depression - zu sterben. \nAber hier sind wir wieder bei Henne und Ei. Es scheint, dass die Depression eher eine Folge des Berufes ist - und keineswegs ihre Voraussetzung. Andauerndes Grübeln, eine oft unsichere wirtschaftliche Situation und die Einsamkeit des Schreibzimmers zählen zur Jobbeschreibung: Alles Faktoren, die eine Depression begünstigen können.\nDie Zusammenhänge sind sehr komplex und noch lange nicht vollständig erforscht. Aber, um noch mal auf die Komödie von vorhin zurückzukommen: In aller Regel ist für kreative Arbeiten ein guter Bürostuhl (oder von mir aus ein Sitzball) dem Melancholiehocker vorzuziehen. Ist auch besser für den Rücken!\nIm Jahr 1818 malt Caspar David Friedrich seinen einsamen \"Wanderer über dem Nebelmeer\", der von einem Felsen in nebelverhangene Tiefe und unergründliche Unendlichkeit blickt - ein perfektes Sinnbild für die romantische Melancholie. \nIm selben Jahr veröffentlicht der Leipziger Psychiater Johann Christian Heinroth sein zweibändiges \"Lehrbuch der Störungen des Seelenlebens\". Heinroth ist zu dieser Zeit der allererste Professor für Psychiatrie weltweit - seit 1811 hält er den neugeschaffenen Lehrstuhl für \"Psychische Therapie\" an der Universität Leipzig inne. \nNatürlich ist er nicht der erste Psychiater im modernen Sinne - andere Ärzte vor ihm wie William Battie in England oder Philippe Pinel in Frankreich hätten Anspruch auf diesen Titel. \nFür unsere Geschichte ist Heinroth aber besonders interessant. Mit ihm hält der Begriff \"Depression\" als Diagnose Einzug in die Medizin. Für ihn ist sie ganz klar eine psychische Erkrankung. \nGanz so modern, wie das jetzt vielleicht klingt, ist er dann aber doch nicht: Ursache für Erkrankungen der Seele, so glaubt er, ist vor allem ein sündhafter Lebenswandel. Das klingt schon wieder eher nach Mittelalter. Und auch seine Behandlungsmethoden entsprechen nicht unbedingt heutigen Standards. \nUnter anderem empfiehlt er bei \"Verrückten aller Art\" den Einsatz von Drehmaschinen, bei denen die – naja, man muss schon sagen: Opfer - auf einem an Seilen aufgehängte Stuhl festgeschnallt werden. Der wird dann in Drehung versetzt. Man erreicht bis zu 120 Umdrehungen pro Minute, die zu Übelkeit, Erbrechen, Desorientierung und Ohnmacht führen. \nNaja ... jede Folge \"Siege der Medizin\" ist zu einem Gutteil auch immer eine Folge über \"Irrwege der Medizin\".\nHeinroth hat übrigens noch eine ganz andere Seite: Unter dem wirklich großartigen Pseudonym \"Treumund Wellentreter\" versucht er sich selbst in romantisch-melancholischer Lyrik:\nDa quillt so warm, so innig\ndie Trän' aus voller Brust,\nda wird mir still und sinnig,\nda wird der Schmerz zur Lust.\nPROF. DR. EVA-LOTTA BRAKEMEIER:\n\"Die richtige Einteilung, die wir jetzt auch bis heute natürlich etwas modifiziert haben, die kam ja dann durch die biologische Wende, so in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, durch Psychiater wie Wilhelm Griesinger und Emil Kappelin, die dann noch mal sauber unterschieden haben zwischen Depression, Schizophrenie, Angststörung und so weiter. Und darauf basierend hat man dann ja immer mehr auch medikamentöse und dann auch psychotherapeutische differenzierte Behandlung.“\nANDREA SAWATZKI:\nZum Beginn des 20. Jahrhundert, beginnt aber endlich eine Zeit echter Fortschritte und Durchbrüche. Auf völlig verschiedenen Gebieten. Am besten erzählen wir sie erst einmal getrennt voneinander. Beginnen wir mit der modernen Psychotherapie, deren Anfänge untrennbar mit einem Namen verbunden sind:\nPROF. DR. EVA-LOTTA BRAKEMEIER:\n\"Die Psychotherapie ist ja insbesondere von Freud entwickelt worden. Also zunächst die Psychoanalyse, die ja auch bis heute bestand hat in der analytischen Psychotherapien bzw. der etwas kürzeren Variante der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Und Freud hat dann die Ursachen vor allem in der Kindheit gesehen und hat durch eine Rede-Kur, also mit Patientinnen sprechen über die Kindheit, die Kindheitsaufarbeiten, Traumdeutung ... eben durch solche Verfahren versucht, gerade auch Menschen mit Depressionen zu behandeln.“\nANDREA SAWATZKI:\nRiesenthema, zum Glück kann ich es hier ein bisschen abkürzen und wieder einmal auf eine ältere Folge hinweisen: Gleich in der 4. Folge der ersten Staffel hat sich mein lieber Kollege Ulrich Noethen ausführlich mit der Geschichte der Psychotherapie beschäftigt. \nHalten wir es also erst einmal kurz. Die Psychoanalyse erobert vor allem die USA im Sturm, manche bezeichnen die Zeit bis Ende der 1930erJahre auch als \"Freudsche Ära\". Und tatsächlich: Psychoanalytische Gesprächstherapien erweisen sich oft als wirksam bei leichten oder mittleren depressiven Verstimmungen. In schweren Fällen haben sie aber oft weniger Erfolg. Außerdem sind sie sehr langwierig und entsprechend teuer. Und so entstehen bald ganz neue psychotherapeutische Ansätze:\nPROF. DR. EVA-LOTTA BRAKEMEIER:\n\"Etwas später hat sich die Verhaltenstherapie entwickelt. Somit Skinner und Watson, die dann eher vertreten haben, dass Depressionen durch ungünstig erlerntes Verhalten entstanden ist und wir das Verhalten aber auch wieder verändern können.“\nANDREA SAWATZKI:\nDie sogenannte erste Welle der Verhaltenstherapie, der \"Behaviorismus\", geht eigentlich auf Beobachtungen an Tieren zurück, vor allem auf die Forschungen von Ivan Petrowitsch Pavlov. Ja, der mit dem nach ihm benannten pavlovschen Reflex, ihr wisst schon: Glocke bimmelt, Hund sabbert, weil die Glocke vorher immer beim Füttern geläutet wurde. Ganz grob kann man die Idee so zusammenfassen: Alles Verhalten ist erlernt. Depressiv sein ist letztlich auch ein Verhalten und kann daher auch wieder \"verlernt\" werden. \nWas bei einer psychischen Störung in der Seele vorgeht, ist für diese Form der Verhaltenstherapie nicht entscheidend. Ein bestimmtes Verhalten führt zu einem bestimmten Ergebnis. Und wenn dieses Ergebnis zum Beispiel eine depressive Störung ist, dann muss man eben das Verhalten ändern, statt endlos auf einer Couch rumzuliegen und in der Vergangenheit zu graben oder Träume zu analysieren.\nIn den 60er, 70er Jahren beginnt die Zeit der kognitiven Verhaltenstherapie; auch als 2. Welle der Verhaltenstherapie bekannt.  Neben dem von außen sichtbaren Verhalten rückt das Denken wieder in den Fokus. \nVor allem geht es darum, negative Muster zu durchbrechen; endlose Grübeleien, die um Sätze wie \"Ich empfinde keine Freude mehr\", \"Niemand kann mir helfen\", \"Ich bin wertlos\" kreisen; düstere Gedankenspiralen, denen schwer Depressive allein kaum entkommen können. \nDie kognitive Verhaltenstherapie hilft den Patientinnen und Patienten diese eigentlich immer falschen Vorstellungen anhand der Realität zu überprüfen und zu widerlegen. Gleichzeitig werden praktische Schritte unternommen, um wieder Freude am Leben zu finden oder es überhaupt erst einmal wieder auf die Reihe zu bekommen. Kleine Rituale oder Routinen, von Spaziergängen bis hin zum Führen eines Kalenders, in dem man jede kleine positive Erfahrung einträgt.\nSeither hat sich das Feld weiter ausdifferenziert, es gibt zahllose Therapieformen, man spricht von einer dritten Welle, in der zum Beispiel Achtsamkeit und Akzeptanz stärker in den Mittelpunkt rücken. Inzwischen ist sogar von einer vierten Welle mit stärker körperbetonten Therapien die Rede. \nDie verschiedenen Formen der kognitiven Verhaltenstherapie sind heute in Deutschland die am häufigsten angewendeten Psychotherapien. \nAber: funktionieren sie? Kurz gesagt: ja. Die längere Antwort heben wir uns auf, bis wir uns zwei andere heute gebräuchliche Therapieformen angeschaut haben.\n1951. Staten Island, New York\n\"Sea View\" - wie himmlisch das klingt. Für Virginia Sutton ist das Hospital ein Höllenloch. Sie schaut dem Bus nach, der sie hergebracht wird und ihr Herz sinkt. Für gerade einmal 4 Monate ist sie diesem Ort entkommen, ist zu ihrer Familie gezogen, nachdem ihre Mutter an einem Herzinfarkt gestorben ist, nun zwingt sie die Not, an ihre alte Arbeitsstelle zurückzukehren.\nSea View ist ein Krankenhaus für Tuberkulosekranke. Mehr als 20 Jahre hat sie hier gearbeitet und Unzählige sterben sehen, hat sie in ihren letzten Monaten gepflegt, während sie sich die Seele aus dem Leib husteten und auf das unvermeidliche Ende warteten. Und währenddessen wurden Virginia und ihre Kolleginnen, allesamt schwarz und aus einfachen Verhältnissen, selbst wie Aussätzige behandelt, mussten arbeiten bis zur Erschöpfung, als seien sie Verbrauchsmaterial. \nDa war die Oberschwester, Lorna Doone Mitchell, eine Weiße, die sie bis aufs Blut schikanierte. Die ihnen das Tragen von Masken inmitten der hochansteckenden Patienten verweigerte, weil sie das angeblich träge machen würde. Da war der Präsident der Krankenhausverwaltung, der 1933 erklärt hatte, warum man ausschließlich schwarze Krankenschwestern nach Seaview schickte: \"Weil wir in 20 Jahren kein Farbigen-Problem in Amerika mehr haben werden, denn dann sind sie alle an Tuberkulose gestorben.\"\nFreilich, das ist jetzt fast 20 Jahre her und Virginia lebt immer noch. Einiges hat sich in den letzten Jahren verbessert - und doch kann sich Virginia kaum einen schlimmeren Ort auf Erden vorstellen.\nSie seufzt, nimmt ihren Koffer und tritt durch das eiserne Tor der Anstalt.\n\"Macht dich auf etwas gefasst. Dass wird die Überraschung deines Lebens!\" Ruth, die gute alte Ruth, die fast ebenso lange in Sea View ist, wie sie selbst, hat sie gleich in der Eingangshalle abgefangen. \"Lass den Koffer stehen, da kümmern wir uns später drum\", hat sie nach einer stürmischen Willkommensumarmung gerufen und Virginia am Arm zur Station C geschleift, der Station für die hoffnungslosen Fälle. \n\"Bereit?\", fragt sie jetzt. Virginia spürt, wie sich ihr Körper versteift. Nein, sie ist nicht bereit für die langen Reihen von Betten, für das Halbdunkel, die eingefallenen Gesichter, das Husten und die alles erdrückende Verzweiflung.\nRuth drückt die Klinke herunter und öffnet die Tür.\nVirginia bleibt im Rahmen stehen. Die Betten stehen noch an ihrem Platz, doch viele sind leer, die Patienten stehen in Grüppchen an den offenen Fenstern, durch die Sonnenlicht hereinflutet. Sie sitzen auf den Bettkanten zusammen, reden, spielen Karten; zwei junge Männer halten sich an den Händen und drehen sich unbeholfen zur Musik und über das immer noch allgegenwärtige Husten erhebt sich fröhliches Stimmgewirr und das denkbar unwahrscheinlichste Geräusch an einem Ort wie diesem: Gelächter ...\nEine Weile steht sie einfach da und versucht zu begreifen, was sie sieht. Dann breitet sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus und sie dreht sich zu ihrer alten Freundin: \"Sie sind geheilt!\" Ruth lacht kurz auf, dann hält sie abrupt inne, wird ernst, zieht Virginia von der Tür weg und schließt sie.\n\"Ihre Verzweiflung ist geheilt. Der Tod wird viele von ihnen trotzdem holen, Virginia.\" Ruth flüstert jetzt fast. \"Aber das Warten auf das Ende fällt leichter …\"\nUnsere kleine Geschichte und ihre Heldin Virginia haben wir uns ausgedacht, doch sie basiert auf Tatsachen:\nEnde 1951 werden im Sea View Hospital auf Staten Island neue Medikamente gegen Tuberkulose getestet – bei Patientinnen und Patienten, die man oft schon als \"aussichtslos“ abgestempelt hat. Unter anderem bekommen sie ein Antibiotikum namens Iproniazid. \nWas Ruth sagt, stimmt nicht ganz: Das Medikament hilft durchaus gegen die Tuberkulose. Das Bakterienwachstum wird gebremst, das Fieber geht herunter, die Krankheit wird aufgehalten oder bildet sich sogar zurück. Heute kommt Iproniazid nicht mehr bei Tuberkulose zum Einsatz. Andere, zeitgleich oder später entwickelte Medikamente sind wirkungsvoller und haben weniger starke Nebenwirkungen. \nEine dieser Nebenwirkung wird allerdings zur Sensation, als die Presse davon mitbekommt: Die Patientinnen und Patienten entwickeln wieder Appetit und Lebensfreude, die Verzweiflung der Todkranken schlägt in einigen Fällen ins Gegenteil um. In Zeitungsberichten und späteren Rückblicken ist von Patientinnen die Rede, die \"in den Gängen tanzten, obwohl sie Löcher in der Lunge hatten“. \nIronischerweise hat diese Nebenwirkung ebenfalls eine, tja, Nebenwirkung: Die dramatische Stimmungsverbesserung führt dazu, dass viele Patientinnen ihren körperlichen Zustand überschätzen, sich zu viel zumuten oder sogar die Behandlung verfrüht abbrechen.  \nAb 1957 wird Iproniazid an hunderttausenden Menschen mit Depression getestet. Und: bei vielen von ihnen tritt eine deutliche Besserung ein. Iproniazid gilt heute als eines der ersten modernen Antidepressiva, ein sogenannter MAO-Hemmer. \nMAOs, das sind Enzyme, die unter anderem für den Abbau von Serotonin zuständig sind. Ihr wisst schon, das sogenannte Glückshormon. Diese Bezeichnung ist zwar streng genommen etwas verkürzt, aber Serotonin ist unter anderem an der Steuerung der Stimmung beteiligt. So: und weniger MAO-Aktivität bedeutet: Es steht mehr Serotonin zur Verfügung.\nIn den Jahrzehnten nach dem Zufallsfund werden neue Wirkstoffgruppen entdeckt bzw. entwickelt. Heute kommen vor allem sogenannte Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer zum Einsatz.  \nSerotonin wird unter anderem von bestimmten Zellen im Gehirn gebildet. Dieselben Zellen nehmen es aber auch wieder zurück, wenn es vermeintlich nicht mehr gebraucht wird.  Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer verhindern oder verlangsamen diese, naja, Wiederaufnahme eben - und dadurch steht es länger zur Verfügung.\nAntidepressiva sind aber keine \"Wundermittel\" oder \"Glückspillen\", mit denen die Depression ein für alle Male und bei jedem geheilt werden kann.\nPROF. DR. EVA-LOTTA BRAKEMEIER:\n\"Also wir wissen schon, dass sie wirken und dass sie etwa 40 bis 60 Prozent der Betroffenen auch helfen. Wir haben aber auch eine recht große Placebo-Ansprechrate. Und eben auch entsprechend 40 bis 50 Prozent, wo sie nicht helfen. Und vor allem wissen wir auch noch nicht wirklich, wie sie wirken. Also lange hatte man gedacht, ja, dass ein Serotoninmangel die Ursache bei Depressionen sei. Und diese Hypothese ist aber heute widerlegt. Also sie greift klar zu kurz. Depression ist  viel komplexer und sie entsteht durch ein Zusammenspiel von biologischen, psychosozialen Faktoren und auch Genen.“ \nANDREA SAWATZKI:\nWas dazu kommt: Auch moderne Antidepressiva können starke Nebenwirkungen haben. Ein weiteres Problem ist, dass die Krankheit nach dem Absetzen manchmal mit aller Macht zurückkehrt.\nPROF. DR. EVA-LOTTA BRAKEMEIER:\n\"Das ist für mich jetzt als Psychotherapeutin auch sehr nachvollziehbar, dass  Antidepressiva ja erstmal biologisch helfen, aber wenn man nicht grundlegend an den Verhaltensweisen, Kognitionen und auch an den Beziehungen arbeitet ... ist ja auch nachvollziehbar, das nach Absetzen dann eine Depression auch wiederkehrt. Insofern ist es, und das empfehlen ja auch die Leitlinien, ganz wichtig, dass ich gerade bei schweren Depressionen auch in Kombination behandele.“ \nANDREA SAWATZKI:\nAlso eine kombinierte Behandlung aus Medikamenten und Psychotherapie. Darauf gehen wir gleich noch genauer ein, jetzt schauen wir uns erst einmal eine dritte Therapieform an. Und auch diese Geschichte beginnt mit einem Medikament, das eigentlich für eine ganz andere Erkrankung gedacht ist.  \nIm Jahr 1922 macht eine Wunderarznei weltweit Furore: Insulin. Eigentlich ein körpereigenes Hormon, das aber bei Menschen mit Diabetes entweder nicht ausreichend gebildet wird oder auf das der Körper nicht so reagiert, wie er sollte. Auf gar keinen Fall werde ich jetzt schon wieder Eigenwerbung betreiben und auf unsere wirklich hervorragende Episode zum Thema Diabetes hinweisen, die wirklich jeder gehört haben sollte. \nNeben der Diabetes-Behandlung sucht und findet man schnell andere Indikationen, in denen Insulin vermeintlich hilft. An einer Privatklinik in Berlin behandelt der Arzt Manfred Sakel um das Jahr 1930 herum  morphiumsüchtige Künstlerinnen und Künstler. Eine seiner Patientinnen leidet neben ihrer Sucht an Diabetes und erhält Insulin. Versehentlich wird der Frau eine geringe Überdosis gespritzt, was eine leichte Hypoglykämie - eine Unterzuckerung - auslöst. Erstaunt beobachtet Sakel, dass ihr Verlangen nach Morphium nach diesem Vorfall geringer zu sein scheint und er beginnt, auch andere Suchtpatienten mit Insulin zu behandeln. Schließlich geht er einen Schritt weiter. Und damit zwei Schritte zu weit: \nEr überträgt das Verfahren auf Patienten, die an Schizophrenie leiden.\nEine Überdosis Insulin führt zu einer gefährlichen Unterzuckerung, bis hin zum sogenannten Insulinschock, der unter anderem Krämpfe und Bewusstlosigkeit auslösen und tödlich enden kann. Sakel löst diese Schocks absichtlich aus und versetzt die Patienten kurzzeitig in ein hypoglykämisches Koma. \nAuf die Idee hat ihn ein seit Jahrhunderten bekanntes Phänomen gebracht: Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen, die außerdem an Epilepsie leiden, tritt nach einem epileptischen Anfall, der ja ebenfalls mit Krämpfen einhergeht, oft eine Verbesserung ein.\nDoch: Seine Insulinschocktherapie ist brutal und extrem gefährlich. Nach verschiedenen Quellen sterben zwischen einem und fünf Prozent der so Behandelten, bei vielen anderen bleiben dauerhafte Schäden zurück. Trotzdem wird sie in Europa und den USAbis in die 1950er Jahre zur Behandlung von Psychosen, Suchterkrankungen und Depressionen eingesetzt.Und das obwohl schon in den 40er Jahren Studien belegen, dass die Insulinschocktherapie weitgehend nutzlos ist. Doch erst Mitte der 50er Jahre wird sie endgültig aufgegeben.\nEbenfalls zu Beginn der 30er Jahre und Parallel zu Sakel verfolgt in Budapest der Psychiater Ladislaus von Meduna ähnliche Ansätze und experimentiert mit anderen Wirkstoffen, um Anfälle und Krämpfe auszulösen. . Seine \"Behandlungen“ sind nicht ganz so lebensgefährlich - dafür aber oft sehr qualvoll. Die Behandelten erleben Todesangst und die Krämpfe können so extrem werden, dass sie Wirbelfrakturen erleiden. Von solchen \"Kleinigkeiten“  abgesehen, kann Meduna offenbar einige Behandlungserfolge vorweisen. \nDavon inspiriert untersucht der italienische Neurologe und Psychiater Ugo Cerletti die Möglichkeit, Krämpfe mittels elektrischen Stroms auszulösen. Im Mai 1938 wendet er seine Methode erstmals an einem Menschen an. \nDer Patient leidet an starker Schizophrenie. In seinem Zustand ist er wohl kaum in der Lage eine \"informierte Zustimmung\" zu dem Experiment zu geben. Darüber hinaus hat Cerletti sowieso keine Genehmigung für diesen Menschenversuch. Er führt ihn heimlich durch, in einem abgelegenen Materialraum der Universität, vor dessen Tür er zwei Assistenten postiert, damit niemand zufällig hereinspaziert.\nKein guter Anfang für die \"Elektrokonvulsionstherapie\", die EKT.\nOkay, wer von euch \"Einer flog über's Kuckucksnest\" gesehen hat, wird sich an diese Szene erinnern: Randle McMurphy, gespielt von Jack Nicholson, ein Häftling, der wegen einer vorgetäuschten psychischen Erkrankung in die Psychiatrie eingeliefert wurde, wird auf einer Liege festgeschnallt, eine Schwester steckt ihm ein Beißstück aus Gummi in den Mund und hält ihm Elektroden an die Schläfen, dann ...\nObwohl er festgeschnallt ist, müssen mehrere Pfleger McMurphy festhalten, als er unkontrolliert in Krämpfen zuckt. \nEine verstörende Szene. Das ist keine Behandlung, das ist Folter, so wird es im Film dargestellt. Es gibt keine medizinische Indikation für den Einsatz. Die Elektroschocks sollen nicht heilen, sie sollen ihn ruhigstellen und für sein aufsässiges Verhalten bestrafen.\nDie Geschichte der Psychiatrie ist durchzogen von Grausamkeiten - denkt nur mal an die Drehmaschinen, von denen ich vorhin erzählt habe. Aber das wahrscheinlich düsterste Kapitel ist der Einsatz der institutionalisierten Psychiatrie, von Zwangseinweisungen und Zwangsbehandlungen zur Unterdrückung, Maßregelung, Diffamierung, letztlich zur Zerstörung politischer Gegner und anderer unangepasster oder unliebsamer Personen im 20. Jahrhundert.\n\"Einer flog über das Kuckucksnest\" ist eine beeindruckende und wirkmächtige Anklage solcher Praktiken und trägt wesentlich zu Erstarken einer Anti-Psychiatriebewegung bei. Die EKT stößt dabei auf besondere Ablehnung.\nAber: Sie funktioniert. Cerletti lädt schon bald zahlreiche Beobachter zu den Behandlungen ein und nach 11 Sitzungen kann der Patient- nicht geheilt aber in deutlich besserem Zustand - entlassen werden. \nBis heute wird die EKT eingesetzt, etwa bei schweren depressiven Erkrankungen, denen mit Psychotherapie oder Medikamenten nicht beizukommen ist. In Deutschland werden jedes Jahr mehr 5000 Personen damit behandelt. \nMit der Szene aus \"Einer flog über's Kuckucksnest\" hat das wenig zu tun. \nDie EKT wird heute unter Vollnarkose durchgeführt. Das wurde sie übrigens auch schon als die Romanvorlage zum Film in den 60er Jahren geschrieben wurde. \nAußerdem werden Mittel zur Muskelrelaxation eingesetzt. Relaxation: Tja, bedeutet Entspannung oder Erschlaffung und verhindert die Krampfanfälle bei der Behandlung. Die Nebenwirkungen sind in der Regel vergleichsweise mild: etwa Kopfschmerzen und Muskelkater, Übelkeit und Schwindelgefühle, zeitweise Beeinträchtigungen des Gedächtnisses. \nWie und warum die EKT funktioniert, das ist noch nicht hundertprozentig geklärt. Wie es scheint, löst sie körper- oder besser gesagt: hirneigene Heilungsprozesse aus. Neue Nervenzellen werden gebildet, neue Verbindungen im Hirngewebe werden geknüpft. Die Therapie macht sich die sogenannte Neuroplastizität zu nutze.\nPROF. DR. EVA-LOTTA BRAKEMEIER:\n\"Also, Neuroplastizität - das ist auch eine wirklich sehr gute Nachricht, dass es die gibt. Das ist nämlich quasi die Fähigkeit des Gehirns, dass wir uns ein Leben lang verändern können. Also, das heißt: Nervenzellen bilden immer wieder neue Verbindungen. Bestehende Netzwerke können gestärkt oder auch abgeschwächt werden. Also, das passiert zum Beispiel beim Lernen, auch in der Psychotherapie. Ja, also, dass das Gehirn quasi formbar ist. Und wir uns anpassen können. Eben Heilung möglich ist und Entwicklung.“\nANDREA SAWATZKI:\nUnd damit stehen sie fest, unsere drei Kandidaten für das große Was-ist-die-beste Therapie-Quiz!\nKandidat A: Psychotherapie\nKandidat B: Medikamente\nKandidat C. Elektrokonvulsions-Therapie\nUnd richtig ist: D! \"Es kommt darauf an!\"\nPROF. DR. EVA-LOTTA BRAKEMEIER:\n\"Das liegt eben daran, dass wir so viele verschiedene Depressionen haben. Darum ich spreche auch nur noch von Plural. Es gibt halt nicht die Depression, die einfach zu behandeln ist. Das liegt auch an unserer Individualität.“\nANDREA SAWATZKI:\nDepression ist nicht gleich Depression. Schon in der klinischen Einordnung zeigt sich das. Da wird unterschieden zwischen endogener Depression ohne äußeren Anlass und reaktiver als psychische Antwort auf traumatisierende Erfahrungen, zwischen leichten, mittelschweren und schweren depressiven Episoden, organischer Depressionen, die auf körperliche Ursachen zurückgeführt werden können, zwischen chronischer, akuter, unipolarer und bipolarer Depression, bei der auch manische Phasen auftreten, psychotischer Depression und so weiter. Dazu kommen Phänomene wie Wochenbett- und Altersdepression und die sogenannte maskierte Depression, die sich hinter körperlichen Beschwerden verbirgt.\nLassen wir die medizinische Einteilung mal beiseite: Jede Depression ist so einzigartig wie der Mensch, der von ihr betroffen ist. Allen gemeinsam ist nur das Leiden, das Leiden an einer Krankheit, die dem Leben die Freude und die Hoffnung nimmt, einer Krankheit, die tödlich sein kann.\nEs gibt keine Standardtherapie. Trotzdem gibt es ein paar Anhaltspunkte. Die deutschen Leitlinien zur Medizin empfehlen zum Beispiel bei leichten Depressionen eher psychotherapeutische Ansätze, bei mittelscheren Fällen entweder Psychotherapie oder Medikamente und bei schweren Depressionen eine Kombination aus Antidepressiva und Psychotherapie. Bei akuter Suizidgefahr kommt auch ein stationärer Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik in Frage, bei einem Versagen anderer Therapieformen kann eventuell die Elektrokonvulsionstherapie helfen. \nPsychotherapeutische Verfahren haben die geringste Rückfallquote - allerdings dauert es sehr lange - Wochen oder Monate - bis sie tatsächlich anschlagen. Antidepressiva wirken deutlich schneller, haben aber eine verhältnismäßig hohe Rückfallquote nach dem Absetzen der Medikamente - wenn keine weitere Behandlung durch zum Beispiel eine Verhaltenstherapie erfolgt. Die EKT wirkt sehr schnell, hat aber auch das höchste Rückfallrisiko. \nKeine Therapie wirkt bei jedem. Oder in jeder Situation. Oft müssen verschiedene Verfahren ausprobiert oder kombiniert werden. Häufig wird mit Psychotherapie oder Medikamenten begonnen. Eine Elektro-Konvulsions-Therapie wird vor allem nach mehreren erfolglosen Therapieversuchen eingesetzt. Doch eines ist klar: Dass Depressionen behandelbar wurden, hat unzähligen Patientinnen und Patienten Lebensmut und -freude zurückgegeben und ihnen in vielen Fällen ganz konkret das Leben gerettet.\nEs geht nicht um die Frage: Was ist die beste Therapie. Sondern: Was ist für mich, für Dich, für jeden einzelnen die beste Therapie, wenn wir an einer Depression erkranken. Die Suche danach kann dauern und frustrierend sein, ja, manchmal kann ein erfolgloser Behandlungsversuch gar auf genau die Grübeleien einzahlen, die den Depressiven quälen: \"Mir ist sowieso nicht zu helfen\", \"Es gibt keine Heilung\", \"Alles wird immer nur schlimmer\" …\nPROF. DR. EVA-LOTTA BRAKEMEIER:\n\"Auf keinen Fall aufgeben, wenn ich einen ersten Behandlungsversuch mache, sei es eben mit Medikamenten, Psychotherapie oder anderen Methoden und der bei mir nicht hilft, sondern weiterschauen, sich einfach gut informieren und beraten lassen und sich immer wieder einlassen, auch auf neue Behandlungsversuche. Ganz wichtig ist auch, wir wissen auch schon, wie die Erwartung auch wirklich wichtig ist. Dass man versucht, auch mit positiven oder hoffnungsvollen Erwartungen auch neue Behandlungsversuche anzugehen. Und ich weiß, das ist halt gerade dann besonders schwer, weil die Depression ja gerade dort auch eben sehr gemein ansetzt und wir eben dann keine Hoffnung haben und alles so negativ sehen. Da sind eben auch Angehörige, Freundinnen, Arbeitskolleginnen wichtig, dass man da auch versucht wirklich weiter in Kontakt zu bleiben, Zuversicht auszustrahlen und dass wir uns kümmern um Menschen, die über depressive Symptome berichten oder depressiv wirken.“\nANDREA SAWATZKI:\nAber: wann ist es soweit? Wann müssen wir trösten und Mut zusprechen, wann müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen? Wann müssen wir uns um uns Selbst ernsthaft Sorgen machen? Wann sind wir traurig, wann sind wir depressiv? \nOkay. Erst einmal: Trösten und Mut zusprechen sind eigentlich immer gut. Solange man den Getrösteten ernst nimmt. \"Alles nur halb so schlimm\" - der Satz passt vielleicht, wenn sich ein Kind das Knie aufgeschlagen hat. Ansonsten sollte man sich lieber auf die Zunge beißen, als das zu sagen. Bei einer Depression verstärkt es nur das Gefühl, allein zu sein und von niemandem verstanden zu werden.\nAuch fies: \"Hey, lach doch mal, dann fühlst du dich gleich besser.\" \nEs gibt Anzeichen für eine Depression. Langanhaltende gedrückte Stimmung, Dinge, die früher Freude gemacht haben, werden uninteressant; Müdigkeit, Hoffnungslosigkeit, düstere, unentrinnbar scheinende Gedankenstrudel, Selbsthass, in besonders schlimmen Fällen Suizidgedanken ...\nIm Internet findet ihr Selbsttests, zum Beispiel den der Deutschen Depressionshilfe. Den verlinken wir euch in den Shownotes. So ein Test kann einen ersten Hinweis liefern, aber aber das Wichtigste bleibtl, mit Fachleuten zu reden, oder mit jemandem dem man vertraut, bei dem man sich sicher fühlt und der einen garantiert nicht mit irgendeiner Bis-zur-Hochzeit-ist-alles-wieder-gut-Antwort abspeist. \nDie Hausärztin oder Hausarzt ist eine gute Adresse für eine allererste Einschätzung. Sie oder er kann euch auch direkt Medikamente verschreiben oder euch an eine Spezialistin überweisen. \nWenn ihr in einer Situation seid, wo scheinbar gar nichts mehr geht, wo ihr selbst, oder wo Freunde oder Verwandte das Leiden nicht mehr ertragen und sogar Suizidgedanken auftauchen - dann solltet ihr sofort handeln. Die Telefonseelsorge kann in solchen Krisensituationen helfen. Wir verlinken euch Anlaufstellen in den Shownotes dieser Folge. Ihr könnt aber auch die 112 anrufen anrufen oder direkt die Notaufnahme einer entsprechenden Klinik aufsuchen. Denn: Ja! - das ist ein Notfall und die Rettungsdienste sind auch auf solche Rettungseinsätze eingestellt. \nZu Anfang habe ich gesagt: wenn dieser Podcast eine Farbe hätte, dann wäre es Schwarz. Zum Glück - stimmt das nicht ganz.\nDenn es gibt heute so viele Möglichkeiten zu helfen, dass wir über viele davon gar nicht sprechen konnten. Lichttherapie und Bewegungstherapie zum Beispiel. Und immer neue Wege werden erforscht,darunter auch der Einsatz von künstlicher Intelligenz - nicht als Ersatz zur Psychotherapie, sondern als Ergänzung.\nVielleicht die wichtigste Entwicklung ist aber, dass wir immer offener über diese schreckliche und häufige Erkrankung reden und dass immer mehr Betroffene, darunter viele Prominente, offen über ihre Depression sprechen.\nKlar, auch da gibt es noch viel zu tun. Das Stigma ist nicht ganz verschwunden. Wahrscheinlich wird der Satz “ich mach Therapie” nie so selbstverständlich klingen wie: “ich hab einen Gipsarm”. Und das ist ja auch okay – natürlich ist eine Depression etwas viel ... ja ... intimeres als ein gebrochener Arm. Aber hoffentlich wird es eines Tages genauso normal sein, wegen psychischer Leiden professionelle Hilfe zu suchen, wie wegen körperlicher.\nUnd vor allem: auch für Männer, die tun sich damit nämlich aus einer Vielfalt von Gründen besonders schwer. Und manchmal wird es ihnen auch immer noch besonders schwer gemacht. Vielleicht hört ihr mal in unseren Geschwisterpodcast “The Sex Gap” zu geschlechtergerechter Medizin rein. Da gibt es die Folge “Depression bei Männern” - Untertitel, sehr bezeichnend: “Der Oberarzt hat mich ausgelacht”. Es gibt noch viel zu tun! Ich mach mir dabei weniger Sorgen um die psychologische und medizinische Seite – wir werden die Krankheit immer besser verstehen und es wird weitere Fortschritte bei den Therapien geben. Es hapert eben mal wieder bei der Gesellschaft. Um nur mal das größte Problem zu nennen: Der Mangel an Therapieplätzen.\nUnd trotzdem: Es gibt Hilfe, es gibt Hoffnung.  Und mehr als einen Silberstreif für Betroffene. Auch in so beängstigenden Zeiten wie diesen. \nPROF. DR. EVA-LOTTA BRAKEMEIER:\n\"Ich verfolge da gerne eine Strategie auch persönlich, die ich allen Menschen versuche mitzugeben. Das passt auch zur Depression, weil wenn wir sehr gestresst sind, früher schon der Säbelzahntiger kommt, dann neigen wir Menschen eben zu fight, flight, freeze. Also wir frieren ein, wir ziehen uns zurück ... Und wie wir diese biologischen Reaktionen positiv unmünzen können, ist, dass wir wirklich schauen, wo kann ich im Kleinen auch was verändern? Am besten mit anderen. Das ist Selbstwirksamkeit und total wichtig gegen Depressionen. Wenn ich merke, ich kann was ver ändern, vielleicht auch erst mal im ganz Kleinen, ist das hilfreich. Und was auch noch Wichtig ist, statt zu fliehen, sich in den Rückzug zu begeben, ist zu schauen, was brauche ich denn jetzt in diesen krisenbehafteten Zeiten, um persönlich aufzutanken? Ich darf mir auch was Gutes tun in diesen Krisenzeiten. Ich muss es sogar, um halt selbst genug Energien zu haben. Also kurz gesagt, engagieren, akzeptieren, Selbstfürsorge und das am besten gemeinsam mit anderen Menschen in Resonanz. Und das gibt dann Hoffnung und Zuversicht, wenn das eben viele so beherzigen.“\nANDREA SAWATZKI:\nEs gibt immer Hoffnung. Sogar in Schuberts Winterreise - naja, nur in homöopathischen Dosen, aber immerhin. Und es gibt immer Hilfe. Depression ist heute in den allermeisten Fällen gut behandelbar. Fast immer können die Symptome deutlich gebessert werden, in vielen Fällen sogar ganz abklingen. Wichtig ist, schon die ersten Anzeichen einer Depression ernst zu nehmen. Bei euch selbst oder Menschen, die euch nahestehen. \nFragt eure Ärztin oder euren Arzt oder wendet euch an Menschen, denen ihr vertraut. Ihr habt nichts zu verlieren. Aber unter Umständen euer Leben zurückzugewinnen.\nHerzlichen Dank an Professorin Dr. Eva-Lotta Brakemeier für ihre Mitwirkung. Wie immer auch ein herzlicher Dank an euch fürs zuhören und für eure Treue. Eine Sache übrigens, die bei uns immer stimmungsaufhellend wirkt, ist, wenn ihr uns auf der Podcastplattform eurer Wahl bewertet oder sogar einen  Kommentar da lasst :)\nIn unserer nächsten Folge geht es um eine Krankheit die derzeit leider ein tragisches  und völlig unnötiges Comeback hat: Die Masern, der \"Fluch der Kindheit\".\nBis dahin: Bleibt gesund, bleibt hoffnungsvoll und bleibt neugierig!\nEure Andrea Sawatzki\nSPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau\nExecutive Producers „gesundheit-hören“: Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück\nExecutive Producers „WakeWord“: Ruben Schulze Fröhlich und Christoph Falke\nAutor: Volker Strübing\nRegisseur: Berni Mayer\nRedaktion „WakeWord“: Berni Mayer, Volker Strübing, Josephine Aleyt\nRedaktion „gesundheit-hören“: Kari Kungel\nMedizinisch-pharmazeutischer Faktencheck: Dr. Andreas Baum, Dr. Roland Mühlbauer, Dr. Katharina Kremser\nMusik: Johannes Cornelius\nSound Design: Felix Stäblein\nProduktionsleitung: Josephine Aleyt\nProduziert von den Wake Word Studios in München",
    "end": 3698.76
  }
]