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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nIch war schon da, lange bevor ihr Namen für mich hattet. Ich bin kleiner als ein Staubkorn, habe keine Augen, keine Gliedmaßen. Ich brauche nicht viel. Ein bisschen Wärme, ein Wirt, der mich trägt. Ein bisschen Blut, in dem ich mich vermehren kann. Und ich kann warten. In Erdböden, in Nagetieren. Jahrhunderte, Jahrtausende.  Und wenn die Zeit reif ist, breite ich mich aus. Schnell. Lautlos. Tödlich. Ihr habt mir viele Namen gegeben: Schwarzer Tod, große Sterblichkeit, Geißel Gottes. Ihr habt Schuldige gesucht: in fernen Ländern, bei Minderheiten, selten bei euch selbst. Ich habe währenddessen Weltreiche gestürzt und neue Ordnungen entstehen lassen. Ich war der unsichtbare Begleiter auf euren Karawanen, euren Schiffen, euren Kriegen. Und ich bin längst nicht Geschichte. Ich bin irgendwo – immer. Ich bin die Pest.",
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    "text": "SPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nDas hat Intro hat gesessen, oder? Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von “Siege der Medizin”. Mein Name ist Andrea Sawatzki und ich freue mich, Euch wieder auf dieser medizinhistorischen Zeitreise mitnehmen zu können. Wie immer faktentreu, mit fachlicher Unterstützung - und ab und zu mit ein bisschen Fantasie, um die Geschichte zum Leben zu erwecken. In dieser Folge geht es um eine der schlimmsten Seuchen der Menschheitsgeschichte: Die Pest.  \nMan könnte fast sagen: Die Pest ist die Seuche schlechthin, schließlich stammt das Wort vom Lateinischen pestis, was „Seuche“, „Unheil“, „Verderben“ bedeutet. Kaum eine andere Krankheit hat so tiefe Spuren in der Kultur hinterlassen und sich ins kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegraben, hat Politik und Geschichte so stark beeinflusst und so viele Opfer gefordert. Im Mittelalter hat sie ganze Landstriche in Europa entvölkert und in ihrem Gefolge kamen oft Krieg und Hunger – die apokalyptischen Reiter. Seit Menschengedenken ist dieses „Verderben“ unser dunkler Begleiter … auch heute noch.",
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    "text": "MARTIN DINGES:\nDie Pest ist eine bakterielle Infektionskrankheit, die hat eine sehr lange Geschichte von 5.000 bis 20.000 Jahre, je nachdem, welche Bakteriologen man liest.",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nDas ist Professor Martin Dinges, langjähriger stellvertretender Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Bosch Stiftung sowie emeritierter Professor für Neuzeitgeschichte an der Universität Mannheim, der uns in dieser Folge als Experte zur Seite steht. Wir werden nachher noch mehr von ihm hören, aber erstmal schauen wir uns die frühesten nachgewiesenen Pestfälle an.\nBereits im 19 Jh. werden in Riņņukalns im heutigen Lettland die Knochen von zwei Menschen ausgegraben. Ausgerechnet der Berliner Charité-Direktor Rudolf Virchow wird damals in einen Streit zweier lettischer Archäologen über das Alter des Fundes verstrickt. Der schon zu dieser Zeit weltberühmte Forscher reist auf Einladung des Ausgräbers, des Grafen Carl Georg Sievers, nach Lettland. Dort besichtigt er die Ausgrabungsstätte und schließt sich der Meinung des Archäologen an, dass es sich tatsächlich um einen prähistorischen Fund handeln müsse – und nicht nur um ein Begräbnisort aus dem Mittelalter. Die beiden Schädel nimmt Virchow kurzerhand mit zurück nach Berlin, um sie dort weiter zu untersuchen und veröffentlicht 1877 einen kurzen Bericht. Danach landen die Knochen aber für fast anderthalb Jahrhunderte in einem Magazinschrank, unbeachtet und vergessen. \nBis ganze 140 Jahre später, im Jahr 2017, noch einmal in Lettland nachgegraben wird – sicher ist sicher. Zur Überraschung aller Beteiligten finden die modernen Ausgräber und Ausgräberinnen dort zwei weitere Gräber. Aber aus welcher Zeit stammen sie? Mit der Technologie von 2017 lässt sich mit Hilfe der Radiokarbonmethode das Alter der Knochen auf zwischen 5050 und 5300 Jahre bestimmen. Sie stammen also mit Sicherheit aus der Steinzeit. Graf Sievers und Virchow hatten recht! \nGut, das alles klingt jetzt – außer vielleicht für Archäologinnen und Archäologen – noch nicht so besonders aufregend. Aber die Knochen werden weiter untersucht, unter anderem von Forschenden vom Institut für Molekularbiologie in Kiel. Man versucht herauszufinden, ob sich Spuren von Bakterien-DNA in den Knochen erhalten haben. Dabei schaut man sich vor allem das Zahninnere an, das zu Lebzeiten gut durchblutet war – dort lassen sich DNA-Schnipsel von Krankheitserregern mit Glück auch noch nach Jahrtausenden nachweisen. Und so kann man bestimmen, woran die steinzeitlichen Individuen gestorben sind. \nDoch die beiden neugefunden Skelette sind zunächst eine Enttäuschung. Hier findet sich einfach nichts Aufschlussreiches. Dann fällt dem Team ein, dass es ja noch die beiden Schädel aus Virchows Sammlung geben könnte, man macht sich auf die Suche und wird tatsächlich fündig – beide sind noch da und werden aus ihren verstaubten Kisten im Magazin der Charité geholt. RV 1852 und RV 2039 heißen sie, etwas unpersönlich, nach ihren Inventarnummern.  RV steht dabei für Rudolf Virchow. \nDie Überraschung ist groß, als man bei einem der beiden, RV2039, tatsächlich etwas entdeckt – im Zahn findet sich die DNA des Bakteriums Yersinia Pestis - des Pesterregers. Das ist eine Sensation, denn damit ist die Pest offenbar schon früher aufgetreten als bislang angenommen, also bereits vor über 5000 Jahren bereits. \nUnd noch etwas wird klar: Es ist zwar derselbe Erreger, aber ein inzwischen ausgestorbener Stamm. Und er wirkt sich damals noch völlig anders aus als mehrere Jahrtausende später. Bedeutet: Die Pest ist in der Steinzeit offenbar noch eine harmlose Krankheit. Es ist nicht einmal klar, ob sie zum Tod von RV 2039 , den Patienten, mit dem alles anfing, geführt hat. Pestpatient Null, wenn man so will.\nDer könnte auch an einer anderen Ursache gestorben sein, etwa an einer Sepsis, also einer Blutvergiftung, durch einen Tierbiss – und den Pestbazillus hatte er dann nur zufällig zusätzlich im Blut. Die Forschenden gehen mittlerweile davon aus, dass die Pest damals weit weniger ansteckend war als einige Jahrtausende später. Denn sowohl in Rinnukalns als auch in anderen Fundorten von Pestopfern aus dieser frühen Phase gibt es keine Massengräber, sondern offenbar nur vereinzelte Ansteckungen. Die Krankheit blieb offensichtlich lokal begrenzt und weitgehend harmlos. Doch ... das wird nicht so bleiben. \nDer Grund dafür ist klein, aber weit größer als der Pesterreger, der in den Überresten steinzeitlicher Menschen gefunden wurde. Nicht nur ein paar Mikrometer, sondern anderthalb bis zweieinhalb Millimeter groß. Den kann man schon gut mit dem bloßen Auge sehen. Er trägt den wissenschaftlichen Namen Xenopsylla cheopis und kann sich gut fortbewegen. Sehr gut sogar. Sprünge von bis zu einem halben oder ganzen Meter sind kein Problem. Übertragen auf uns Menschen würde das bedeuten, dass wir aus dem Stand auf ein mehrere hundert Meter hohes Haus hüpfen könnten. Und auch Xenopsylla cheopis ist auf das Blut eines Wirts angewiesen. Moment ...ein hochspringender Pestüberträger? Wovon reden wir denn eigentlich gerade? Wir reden von einem Floh. Genauer gesagt dem sogenannten Rattenfloh. Flöhe gibt es seit Millionen von Jahren, länger als den Homo Sapiens. Doch erst etwa um 1800 vor Christus gehen Flöhe und Pestbazillus eine unheilvolle Verbindung ein, die zu einer der tödlichsten Gefahren werden soll, denen die Menschheit je begegnet ist: Denn Yersinia Pestis verändert seine eigene DNA. \nAber machen wir zunächst noch einmal einen Schritt zurück in der Zeit. Denn der Pestbazillus war nicht immer ein Pestbazillus. Noch vor etwa 7500 Jahren führt das Bakterium noch als Yersinia Pseudotuberculosis ein ganz anderes Dasein. \nEs fühlt sich in schlammigen Pfützen wohl, befällt hin und wieder Nagetiere und Wildvögel, verursacht dort aber nur harmlose Magenverstimmungen und Verdauungsbeschwerden. Über die Ausscheidungen der Tiere und damit kontaminierte Nahrungsmittel gelangt es auch ganz selten in den Menschen, aber bewirkt dort auch höchstens mal beschleunigten Stuhlgang. Yersinia pseudotuberculosis gibt es bis heute, es kommt quasi überall vor. Ist aber größtenteils harmlos. \nDoch etwa im Jahr 5500 vor Christus mutiert das Bakterium –es entsteht sein gefährlicherer Zwilling: Yersinia Pestis. Jetzt kann das Bakterium die Lunge befallen und schmerzhaften Husten auslösen, der im schlimmsten Fall auch zum Tod führt. Doch auch dieser neue Stamm bleibt vorerst harmlos. Krankheitsfälle bleiben lokal begrenzt und selten. Irgendetwas fehlt da noch. \nDieses “Etwas” kommt erst im Jahr 1800 vor Christus hinzu: Eine weitere kleine, aber entscheidende Mutation. Yersinia Pestis besitzt ab jetzt ein besonderes Gen, das eigentlich weder für das Bakterium noch für die von ihm befallenen Nagetiere große Bedeutung hat. Aber eben für ein besonderes Wirtstier schon: Den Floh. Sucht sich nun ein Floh ein befallenes Nagetier aus, um ihm durch einen beherzten Biss Blut abzuzapfen, setzt das eine unheilvolle Spirale in Gang: Das neue Gen des Pestbazillus sorgt im Magen des Flohs für einen Biofilm, eine dünne, schleimige Schicht, die den Magenausgang verstopft und es dem Floh unmöglich macht, Nahrung zu verdauen.\nDie Genmutaion des Pestbazillus sorgt also dafür, dass der Floh nicht mehr satt wird. Er entwickelt einen regelrechten Heißhunger und springt auf das nächste Wirtstier über, da er ja beim ersten nicht satt wurde. Wieder saugt er Blut. Doch auch dort lässt sich sein immer größer werdender, rasender Hunger nicht stillen. Obwohl er immer mehr frisst, wird seine Gier immer schlimmer. Und auf seinem Weg von Wirt zu Wirt verbreitet er aber durch den Biss den Pesterreger im Blut seiner Opfer. Da die befallenen Wirte natürlich auch wieder selbst potentielle Imbissbuden für andere Flöhen sein können, kann sowas schnell exponentiell anwachsen. Rezept für eine Katastrophe.\nDoch die bleibt – auf wundersame Weise – zunächst erst einmal aus. Über 2000 Jahre ist es erstaunlich still um die Pest. Klar gibt es inzwischen immer mehr Nachweise für sehr frühes Auftreten, so wurde etwa erst 2024  die Pest-DNA bei einer 3200 Jahre alten Mumie aus Ägypten nachgewiesen -  zum ersten Mal zeigt sich die Pest damit auch außerhalb des eurasischen Raums. Aber die großen Seuchen bleiben vorerst aus. Das verwundert, da man bis vor gar nicht so langer Zeit glaubte, dass es bereits in der Antike große Pestepidemien gab: Doch auch wenn die „attische Seuche“, die sogenannte „Pest von Athen“ und zum Beispiel auch Erwähnungen in der Bibel immer wieder den Namen „Pest“ ins Spiel bringen, handelt es sich dabei jeweils um andere Erkrankungen. Mit Yersinia Pestis haben sie noch nichts zu tun. Die großen Pandemien kommen erst noch. Der Startschuss dazu fällt im Jahr 541 nach Christus. \nDie Morgendämmerung legt sich wie ein goldener Schleier über die Stadt Konstantinopel, dem Zentrum des oströmischen Reiches mit seinen fast 500.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Kaiser Justinian steht am Fenster seines Palastes und blickt auf die gewaltigen Stadtmauern, sein Blick schweift über die Kuppeln der Hagia Sophia auf die schon in den frühen Stunden des anbrechenden Tages belebten Straßen. \nDie fast schon fröhliche Geschäftigkeit draußen ist ein starker Kontrast zur bleiernen Schwere, die auf ihm selbst liegt. Seit Tagen spürt er, dass sich etwas Unheilvolles zusammenbraut. Die Anzeichen sind da. Die zahlreichen Karren mit Getreide, die in die Stadt gebracht werden - sonst eigentlich ein gutes Zeichen – sind diesmal ein eher schlechtes Omen, denn Justinian muss sie aus dem fernen Ägypten heranschaffen lassen. Missernten ließen die Lieferungen aus dem Norden des Reiches ausfallen, jetzt muss jeder Sack teuer mit Schiffen aus dem Süden zum Bosporus transportiert werden.  \nUnd jetzt kommen ausgerechnet aus Ägypten unheilvolle Gerüchte. Boten berichten von einer seltsamen Krankheit, die im ägyptischen Pelusion ausgebrochen sei. Vor kurzem hätte Justinian die Nachrichten noch als unwichtig abgetan - Krankheiten gibt es schließlich viele in seinem riesigen Reich. Doch die Berichte häufen sich, werden dringlicher. Eine loimós, eine ansteckende Krankheit, so heißt es, breite sich aus wie ein Lauffeuer. Die Latein-sprechende Bevölkerung nennt sie „pestis“.\nWenige Tage später erreicht sie Alexandria, dann Palästina, und schließlich, mit den Schiffen, die das dringend benötigte Korn und andere Waren bringen, Konstantinopel selbst. Plötzlich sind es nicht mehr nur Gerüchte, die Kaiser Justinian am Fenster seines Palastes vernimmt.\nZuerst erkranken nur wenige. Die Ärzte, die dem Kaiser Bericht erstatten, stehen ratlos vor den Symptomen: hohes Fieber, schmerzhafte Beulen an Hals, Achseln und Leiste, schwarze Flecken auf der Haut. Die Kranken sterben oft schon nach wenigen Tagen. Die Zahl der Toten wächst mit erschreckender Geschwindigkeit. Bald sind es Hunderte, dann Tausende, die täglich ihr Leben verlieren ... und der Kaiser kann nur zuschauen.\nTrauer und Verzweiflung machen sich in der Stadt breit. Die Menschen meiden einander, als könnten sie so dem Unsichtbaren entkommen. Die Leichen liegen auf den Plätzen, in den Häusern, in den Gängen der Paläste. Die Totengräber können die Masse nicht mehr bewältigen. Man stapelt die Toten regelrecht in Türmen oder wirft sie ins Meer, weil es nirgendwo keinen Platz mehr gibt. Die Märkte sind verlassen, die Felder bleiben unbestellt, der Handel kommt zum Erliegen. Hunger und Elend greifen um sich. Der Kaiser verschanzt sich in seinem Palast. \nUnd auch Justinian selbst bleibt nicht verschont. Eines Morgens erwacht er mit Fieber. Panische Angst erfüllt ihn – er, der mächtigste Mann der Welt, ist dem gleichen Schicksal ausgeliefert wie sein Volk. Theodora, seine Gemahlin, weicht nicht von seiner Seite. Die Ärzte versuchen ihr Bestes, die Priester beten Tag und Nacht. Nach bangen Tagen bessert sich sein Zustand. Justinian überlebt – ein Wunder, wie viele sagen.\nDoch das Reich ist längst schwer getroffen. Die Pest macht keinen Unterschied zwischen Arm und Reich, zwischen Soldaten, Händlern, Priestern und Bäuerinnen. Ganze Stadtviertel stehen leer, die Gebete und Gesänge in Klöster und Kirchen sind verstummt. Die Verwaltung bricht zusammen, die Armeen schwinden, weil niemand mehr da ist, der kämpfen kann. Wer überlebt, ist wie gelähmt vor Angst.\nJustinian regiert weiter inmitten dieser Apokalypse, ein Kaiser ohne Macht. Er ordnet Bitt-Prozessionen an, lässt Reliquien durch die Straßen tragen, Gebete sprechen. Doch die Pest lacht nur über diese verzweifelten Versuche, ihrer Herr zu werden. Wenn sie mal kurz verschwindet, dann nur um bald darauf wiederzukehren. Sie kommt in Wellen. Und doch – Justinian glaubt noch daran, dass das Reich diese Prüfung überstehen kann. Jeden Morgen tritt er ans Fenster, blickt auf die Stadt, die so schwer leidet, und betet um Erlösung. Und nach zwei harten Jahren kommt sie endlich. 544 wird die Pest für beendet erklärt. \nDer Kaiser sieht in der Seuche eine klare Botschaft Gottes. Der Herr hat die Pest als Strafe für sündiges Leben geschickt, er hat sie als Lohn für Justinians beharrlichen Glauben wieder von ihm genommen. Der Kaiser schwört: fortan wird er sich noch stärker als zuvor der Kirchenpolitik widmen und auch die Reste des alten heidnischen Glaubens mit aller Kraft bekämpfen. Gepriesen sei der Herr.   \nAls Kaiser Justinian 544 offiziell das Ende der Pest verkündet, vergisst er leider, die Seuche selbst davon in Kenntnis zu setzen.  Denn nur ein paar Jahre später kehrt sie in schöner Regelmäßigkeit zurück. 543 hat sie bereits das heutige Frankreich erreicht, Spanien, das Rheintal und das südliche Bayern, sogar bis auf die britischen Inseln schwappt die Pestwelle. Im Jahr 557, 570 und danach alle 15 bis 20 Jahre bricht sie in mehr oder weniger heftigen Wellen über das oströmische Reich herein. Und macht auch nicht an Landesgrenzen Halt. Über die Seeverbindungen gelangt die Pest in die die Mittelmeerhäfen, arbeitet sich durch die Flusstäler nach Kontinentaleuropa. Das wissen wir nicht nur aus zeitgenössischen Chroniken, sondern seit wenigen Jahren aus mikrobiologischen Nachweisen des Pesterregers selbst. So wurde in Gräberfeldern im bayrischen Aschheim und in Altenerding jeweils Pest-DNA in Skeletten aus der justinianischen Zeit nachgewiesen. Auch im englischen Edix Hill fanden Forschende vor kurzem den Nachweis für Yersinia Pestis in einem Grab aus dem 6. Jahrhundert.\nDie Krankheit ist schon damals grausam im Verlauf und endet meistens tödlich.",
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    "text": "MARTIN DINGES:\nDie Pest, so wie wir sie in Europa kennen und worüber wir heute auch sprechen können, tritt in drei Varianten auf. Einerseits die Beulenpest, bei der man an Symptomen schweres Fieber hat, Schmerzen, Eiter, aber insbesondere schwarze Beulen und da wiederum insbesondere in der Leistengegend, da sind gewissermaßen Auspufferungen im Zusammenhang mit den infizierten Lymphknoten. Daneben gibt es die Lungenpest, die eben bei Eindringen des Schädlings in die Lunge dazu führt, dass die sich gewissermaßen entzünden und auf die Art und Weise dann blutiger Auswurf produziert wird und die Leute daran auch sterben können.",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nAn dieser Stelle sei noch erwähnt, dass es auch eine Variante mit leichterem Verlauf gibt, bei der man die Krankheit überleben kann. Das nennt man die sogenannte „abortive Pest“.",
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    "text": "MARTIN DINGES:  \nUnd bei alledem kann aber auch eine Pestsepsis entstehen, also eine Blutvergiftung, die dazu führt, dass man zu 100 Prozent stirbt. Die Sterblichkeiten bei den anderen Pestsorten, die sind recht unterschiedlich. \nDie Beulenpest, das ist die am meisten verbreitete Sorte von Pest. Da liegt die Sterblichkeit bei 30 bis 75 Prozent, also ein Drittel bis drei Viertel. Bei der Lungenpest ist es mit 90 bis 95 Prozent sehr, sehr viel mehr und am tödlichsten ist die Pest Sepsis. Also bei einer Blutvergiftung, da hat man eigentlich gar keine Chance. Das liegt so bei 99 bis 100 Prozent.",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nForschende vermuten, dass die Kombination aus Beulen- und Lungenpest viel zum verheerenden Verlauf beiträgt, da die Beulenpest durch längere Inkubationszeit von den Infizierten über größere Distanzen verbreitet werden kann, während die Lungenpest für eine rasche lokale Verbreitung in einem Ballungsraum sorgt. Ein Reisender im Mittelalter könnte also tagelang die Beulenpest mit sich herumtragen, bis sie dann im vermeintlich sicheren Zufluchtsort ausbricht und durch die Verwandlung in die Lungenpest einen Großteil der Bewohner der Ortschaft in wenigen Stunden infiziert. \nDiese erste Welle, die nach dem byzantinischen Kaiser benannte „justinianische Pest“, tötet nach vorsichtigen Schätzungen ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung der spätantiken Welt. Weniger vorsichtige Historikerinnen und Historiker gehen sogar davon aus, dass die Seuche nahezu die Hälfte der Einwohner des Mittelmeerraums dahinrafft.  \nDer spätantike Historiker Prokop, ein Zeitgenosse Justinians und Augenzeuge der Pest, behauptet, es habe nicht mehr genug Lebende gegeben, um die Toten zu bestatten. In der Hochphase seien täglich 5.000 bis 10.000 Einwohner Konstantinopels gestorben. Die Bevölkerung habe sich in ihren Häusern verschanzt. Wenn man dann doch einen lebenden Menschen auf der Straße erblickte, habe er eine Leiche getragen. Fast die gesamte Menschheit sei dahingerafft worden, schreibt er.Weshalb die Pest plötzlich mit solcher Vehemenz hereinbricht, nachdem sie Jahrtausende geschlafen hatte, ist unbekannt. Eine der Hauptthesen hat mit Vulkanen zu tun, Murmeltieren und schlechtem Wetter. Okay, das klingt etwas wild, ergibt aber gleich mehr Sinn – einen kleinen Moment noch. Um 536 scheint es zwei kurz hintereinander folgende heftige Vulkanausbrüche gegeben zu haben: Einen auf Island und einen weiteren in den Tropen. Die Folge der gewaltigen Ascheeruptionen und der damit einhergehenden reduzierten Sonneneinstrahlung ist eine weltweit spürbare Abkühlung. Tatsächlich passt auch der Bericht des schon erwähnten Geschichtsschreibers Prokop dazu. \nEr schreibt: „Die Sonne, ohne Strahlkraft, leuchtete das ganze Jahr hindurch nur wie der Mond und machte den Eindruck, als ob sie fast ganz verfinstert sei. Außerdem war ihr Licht nicht rein und so wie gewöhnlich.“  \nDie extreme Kälte löscht mutmaßlich nicht nur halb Skandinavien aus und führt zu Missernten in Mitteleuropa, sondern treibt auch Murmeltiere in der chinesischen Steppe aus ihren angestammten Gebieten näher an menschliche Siedlungsgebiete. Gut, letzteres klingt im Vergleich vielleicht nicht ganz so dramatisch, könnte man denken. Aber diese Nagetiere sind seit jeher Wirte für die Pest. Bislang lebten sie in menschenleeren Gegenden, nun aber springt der Erreger dank seiner Genmutation mit Umweg über die Flöhe leicht auf menschliche Wirte über. \nUnd noch eine Folge könnten die jahrelangen kühleren Temperaturen gehabt haben: Yersinia Pestis verträgt keine Hitze. Jetzt aber ist es für den Bazillus ein leichtes, über die Handelswege der antiken Seidenstraße seinen Weg nach Westen einzuschlagen, über Ägypten in den Mittelmeerraum schließlich ins Byzantinische Reich mit seiner Hauptstadt Konstantinopel zu gelangen. Dort trifft es auf eine durch ständige Kriege und Hungersnöte bereits geschwächte Bevölkerung, die zudem auch noch zum Teil in hygienisch fragwürdigen Umständen in Ballungszentren zusammenlebt. Fertig ist die Katastrophe. Soweit zumindest die Theorie, ganz sicher ist man sich da nicht. \nDie Pest verschwindet um 770 n. Chr. nach etwa 15 bis 18 Pestwellen genauso plötzlich, wie sie aufgetaucht war. Auch hierfür sind die Gründe unbekannt. Die sogenannte „Kleine Eiszeit der Spätantike“, wie die Abkühlung durch die Vulkanausbrüche genannt wird, ist da auch schon wieder vorbei, das Klima normalisiert sich. Man nimmt auch an, dass das Immunsystem der spätantiken Bevölkerung nun besser auf den Erreger eingestellt ist.  Für fast 6 Jahrhunderte hat die Menschheit nun erst einmal Ruhe vor der Pest. Sie gerät in Vergessenheit. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts.\nDie dröhnenden Einschläge der Bliden, der großen Wurfmaschinen der mongolischen Truppen, lassen die Mauern der Stadt erzittern. Francesco, ein junger Kaufmann aus Genua, verflucht sich erneut, dass er damals auf das Angebot seines Kollegen Lorenzo eingegangen war: „Ruhm und Reichtum, junger Freund“ hatte ihm der weitaus ältere Gewürzhändler lachend versprochen und ihm auf die Schulter geklopft, während die Tinte auf dem Vertrag mit seiner geschwungenen Unterschrift trocknete – und damit offenbar sein Schicksal besiegelte. \nDenn hier in Kaffa auf der Krim warteten nicht Gewürze und Rubine auf ihn, sondern eine Belagerung, die fast genau in dem Moment begann, da er die Handelsstadt betreten hat. Lorenzo hat ihm wohlweislich verschwiegen, dass die Stadt immer wieder von den Mongolen belagert wird. Francesco biegt um eine enge Häuserecke und kann gerade noch ausweichen, bevor er beinahe von einem Trümmerteil erschlagen wird. Mit einem kurzen Dankgebet an die Gottesmutter auf den Lippen fasst er den schweren Topf noch etwas fester, den er schon durch die halbe Stadt getragen hat und eilt die engen Treppen auf die Zinnen hinauf. Geduckt, um nicht von mongolischen Pfeilen getroffen zu werden, arbeitet er sich bis zu den Zinnen vor, um das schwere Gefäß ächzend abzustellen. Einer der Soldaten, der ebenfalls hinter der schützenden Brüstung kauert, winkt ihn zu sich heran. „He Bursche, hilf mir mal!“. Er deutet auf einen weiteren Krug, dessen Inhalt bereits hell vor sich hin lodert. „Auf mein Zeichen!“ befiehlt der Soldat. „Jetzt!“ Francesco nickt knapp, dann hievt er das Gefäß an den Henkeln mit Hilfe des älteren Soldaten auf die Zinne und lässt es über den Rand kippen. Der brennende Inhalt trifft genau auf den Rammbock, mit dem einige mongolische Krieger gerade versuchen, eines der Seitentore direkt unter ihnen aufzubrechen. Das hölzerne Gestell fängt augenblicklich Feuer. Panisch lassen die feindlichen Kämpfer das Belagerungsgerät los und stürzen und stolpern vor dem plötzlich ausgebrochenen Inferno davon, um nicht selbst von den Flammen erfasst zu werden. „Griechisches Feuer“, murmelt Francesco anerkennend. Und doch: Wenn nicht ein Wunder geschieht, werden sie vermutlich bald von der Goldenen Horde überrannt werden. „Das glaub ich jetzt nicht“, brummt der Soldat neben ihm. Er weist über die Mauerkrone auf eine gerade im Mongolenlager gehisste Flagge. „Da, eine weiße Fahne. Die wollen verhandeln. Wir haben gewonnen!“ Die bald in den Gassen herrschende Stille beunruhigt Francesco fast mehr als der Lärm der Belagerung noch wenige Stunden zuvor. Irgendwie kommt ihm die Ruhe trügerisch vor. Doch die Verhandlungen laufen gut, das mongolische Heer stellt kaum Forderungen. Man munkelt von einer seltsamen Krankheit, die die Belagerer ereilt hätte und sie nun zwingt, die Kampfhandlungen einzustellen. Seltsame Beulen hätten sie unter den Achseln, am Hals und an den Lenden bekommen. Inzwischen seien schon mehr an der Krankheit als an den Kampfhandlungen gestorben. Strafte der HERR die heidnischen Angreifer für ihre Sünden? Gott war also wirklich mit den Genuesen!\nUnd noch mehr gute Nachrichten: Wenige Tage später kann sogar der Handel wieder aufgenommen werden. Francesco will dennoch weg, zurück ins geliebte heimische Genua. So nimmt er das verlockende Angebot vielleicht ein wenig zu rasch an: Eine ganze Schiffladung Getreide von der Krim für nur eine Handvoll seiner genuesischen Goldmünzen. Nur eine Woche nach dem Ende der Belagerung setzt das schlanke Schiff bereits Segel in Richtung Italien. Als die Küste bereits langsam am Horizont verschwindet, huscht eine Ratte an ihm vorbei und verschwindet im Laderaum. Francesco flucht. Ah, deswegen war das Getreide so billig gewesen. Nun ja, um das Rattenproblem wird er sich bei seiner Ankunft kümmern. Der junge Kaufmann kratzt sich hinter dem Ohr. Diese lästigen Flöhe… \nDen jungen Händler Francesco haben wir uns natürlich ausgedacht, aber so, oder so ähnlich könnte es sich zugetragen haben, als sich die erste Pestwelle nach Jahrhunderten wieder einen Weg nach Europa bahnt. Und wie schon bei der Pestpandemie 600 Jahre zuvor beginnt alles wieder mit den Murmeltieren. Diesmal sind lässt sich der Ursprung sogar relativ genau eingrenzen. Alles scheint 1338 seinen Anfang am Yssykköl-See im heutigen Kirgisistan zu nehmen. Heute ist der zweitgrößte Gebirgssee der Erde vor allem Naturschutzgebiet und beliebte Ferienregion. Doch im 14. Jh. ist er offenbar der Ursprung der bislang schlimmsten bekannten Seuchenwelle der Menschheit. Dass die Pest dort nach Jahrhunderten trügerischer Ruhe zum ersten Mal von einer Murmeltierkolonie wieder auf den Menschen übersprang, wissen wir erst seit kurzem. \nIm Jahr 2021 gelang es Forschenden, darunter Teams des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der Universität Tübingen und der University of Stirling in Großbritannien, in zwei Gräbern aus der Region den Pesterreger genetisch nachzuweisen. Und wie schon bei den steinzeitlichen Funden aus Rinnukalns waren die Begräbnisstätten schon vor 140 Jahren freigelegt worden. Bereits damals war man auf Grabsteine einer hier angesiedelten kleinen Handelsgemeinschaft gestoßen, deren Inschriften darauf hindeuteten, dass hier Menschen an einer unbekannten Krankheit gestorben waren. Aufgrund der modernen Untersuchung der Skelette konnte endlich der eindeutige Nachweis erbracht werden, dass der Auslöser Yersinia Pestis gewesen war. \n1345 erkrankten die ersten Menschen in Sarai an der unteren Wolga und auf der Krim.  Beide Gebiete befinden sich im Reich der Goldenen Horde, einem Teilreich des späten Mongolischen Reiches. 1346 erreichte die Pest die Belagerungsarmee vor den Toren der genuesischen Handelsstadt Kaffa. Übrigens, auch wenn man das immer noch hin und wieder liest – nein, die Mongolen haben keine Pestleichen mit Katapulten in die Stadt hineingeschleudert, um die Belagerten mit der Seuche anzustecken. Das klingt zwar eindrucksvoll und macht sich gut in reißerischen TV-Dokus über die Pest, aber die einzige Quelle für diese angebliche frühe Form biologischer Kriegsführung ist der Bericht eines Notars aus Piacenza, Gabriele de Mussi, der aber nachweislich gar nicht Augenzeuge war – und sich das ganze wohl einfach ausgedacht hat. Ganz schön Phantasie der Mann. Was aber inzwischen gut belegt werden kann, ist der Weg der Pest über Kaffa nach Italien und von dort aus nach ganz Europa, Nordafrika und die arabische Halbinsel. Bezeichnenderweise hatte die Belagerung die Pest sogar noch kurz aufgehalten, denn mit Ende der Kriegshandlungen war der Weg wieder frei für die Getreidelieferungen von der Krim in die europäischen Mittelmeerhäfen. Die Pest reiste als blinder Passagier auf den flohverseuchten Ratten mit.",
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    "text": "MARTIN DINGES:\nKonstantinopel gilt als die Stadt mit den meisten Pest-Erfahrungen und den besten Bedingungen für die Ratten, wegen enger Fachwerkhäuser, engem Zusammenleben und natürlich weil der ganze Schiffsverkehr aus dem Schwarzen Meer da durchgeht. Denn die Pest kommt ja aus Kaffa, das liegt auf der Krim. Theodosia heißt das heute oder Theodossia in der russischen Version. Und dann muss man sich so eine Landkarte vorstellen, wohin fahren denn die Schiffe hin aus Konstantinopel? Also natürlich nach Venedig, nach Genoa, nach Marseille, nach Barcelona, dann hat man schon mal so den ersten Ring, wo es losgeht. Dann gibt es im nächsten Jahr im Grunde große Teile Frankreichs, der südlichen Hälfte. Man hat auch bereits Gebiete im Balkan weiter nach Norden, es geht dann über die Alpen auch rum. Aber eher noch mit den Schiffen von Norden nach Deutschland rein, interessanterweise, und auch nach England. Und das zieht sich so eine Welle natürlich - in diesem Fall etwa fünf Jahre, bis sie dann in Island und in Norwegen angekommen ist. Und auch dort  ihre unselige Wirkung entfalten kann.",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nDie vergangene europäische Geschichtsschreibung neigt ja leider dazu, sich nur auf die eigenen Gefilde zu beschränken und sich weniger dafür zu interessieren, was außerhalb geschehen ist. Aber bis auf die wenigen Nachweise entlang der Handelsrouten scheint es im weiteren asiatischen Raum tatsächlich kaum Pestfälle gegeben zu haben. Weder in China noch in Indien wird von einer vergleichbaren Epidemie berichtet. Umso härter trifft es den europäischen Raum. In den folgenden vier Jahren tragen die Schiffe die Pest über den Seeweg und die Flussläufe hinauf, dann über den Landweg auch in die entlegensten Regionen Europas. 1347 erreicht die Pest das byzantinische Reich, Ägypten, die Levante und Sizilien. 1348 erkranken bereits Menschen in Paris, Toulouse und dem damaligen Sitz des Papstes, Avignon. Aber auch in Tunesien und Marokko. 1349 bricht die Pest im heutigen Deutschland aus, gelangt von dort in den Norden bis nach Großbritannien und Skandinavien. 1352 erreicht die Seuche Russland. Was ein weiter Weg...Obwohl die Zahl der Todesopfer durch diese erste Welle der Pestpandemie in der Geschichtswissenschaft Gegenstand hitziger Debatten ist, wirkt die Seuche definitiv verheerend. Schätzungen reichen von 20 bis 60 Prozent der Bevölkerung, die allein in diesen ersten Jahren dahingerafft werden. Berechnungen sind auch deshalb schwierig, weil die Pest in den Regionen unterschiedlich stark wütet. Listen führt ohnehin keiner. Im Gegenteil: Vielerorts bricht die Ordnung zusammen, es herrscht Panik und Chaos. Der zeitgenössische Dichter Giovanni Boccaccio beschreibt es in seinem berühmten Decamerone folgendermaßen: \n„Die fürchterliche Heimsuchung hatte eine solche Verwirrung in den Herzen der Männer und Frauen gestiftet, dass ein Bruder den anderen, der Onkel den Neffen, die Schwester den Bruder und oft die Frau den Ehemann verließ; ja, was noch merkwürdiger und schier unglaublich scheint: Vater und Mutter scheuten sich, nach ihren Kindern zu sehen und sie zu pflegen – als ob sie nicht die ihren wären.“ \nZitat Ende. Viele Menschen lassen Familien und Besitz im Stich, fliehen aus den pestverseuchten Gebieten und schleppen damit erst recht die Seuche in die Nachbarorte weiter. \nÜbrigens hat die Bezeichnung „Schwarzer Tod nichts mit der Farbe der Pestbeulen zu tun, auch wenn diese natürlich schwarz sind. Der Name kommt offenbar von einer schlechten Rückübersetzung aus dem Lateinischen von „atra mors“. „Atra“ kann natürlich auch als „schwarz“ im Sinne einer Farbe übersetzt werden, soll hier aber eigentlich so etwas wie  „Düster“ grausam“ oder „Schrecklich“ bedeuten. Denn der Tod tritt so rasch ein, dass der erkrankte Mensch keine Möglichkeit mehr hat, entsprechend darauf zu reagieren. \nWas für einen Menschen im Mittelalter vermutlich noch erschreckender ist, da man sich nicht im ausreichenden Maße auf das Sterben und den Tod in religiöser Hinsicht vorbereiten kann. In Pestzeiten fällt durch Tod oder Flucht der Priester und die Möglichkeit der Beichte weg, die Sterbesakramente fallen aus und wenn man Pech hat, wird man sogar nicht einmal in geweihter Erde auf dem Kirchhof begraben. Neben der leiblichen Bedrohung wiegt die Bedrohung des Seelenheils fast noch schwerer. Denn wofür ist der Tod denn dann überhaupt noch gut, wenn man nicht mal ins Himmelreich eingehen kann?  \nDie Menschen damals können sich einfach nicht erklären, woher diese brutale Krankheit so plötzlich kommt. Ist sie eine Strafe Gottes für ihr sündiges Treiben? Davon sind die sogenannten Flagellanten überzeugt. Das sind sich spontan bildende Gruppen von fanatischen Gläubigen, die sich zur Buße für sich und ihre Mitmenschen in langen Prozessionsmärschen mit Peitschenhieben die entblößten Oberkörper malträtieren. Bittere Pointe: Da sie von Stadt zu Stadt ziehen, werden sie sicher auch ohne es selbst zu ahnen zur weiteren Ausbreitung der Pest beigetragen haben. Aber vielleicht liegt das alles ja auch an einem ominösen Pesthauch, dem Miasma:",
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    "text": "MARTIN DINGES:\nDie Zeitgenossen hatten das Klima in der Regel im Verdacht. Feuchtes, warmes Klima wurde generell für gefährlich gehalten und spielte auch eine Rolle bei den Vorstellungen des Gleichgewichts der Säfte im Körper, also feuchte Wärme ist nicht gut. Und dementsprechend wurde auch der Pest zugetraut, dass sie sich bei feuchter Wärm verbreitet, das sind die so genannten Miasmen. Miasmen heißt einfach schlechte Luft. Das ist die Haupttheorie noch lange bis ins 19. Jahrhundert hinein, die Frage, wie der Bodenzustand ist und was da an giftigen Ausdünstungen gewissermaßen aus dem Boden kommt, das spielt eine große Rolle. Dann zweitens ist ganz wichtig die Vorstellung, es handele sich um Gottes Strafe.Also, die Vorstellung, man sei sündig und Gott strafe die Menschheit mit den Pfeilen der Pest, auch das Motiv der Pfeile kommt aus der Antike, das spielt in der christlichen Ikonographie dann eine Rolle, weil der Sebastian dann zum Pestheiligen wird. Der ist ja im Rahmen seines Martyriums, ist er ja mit Pfeilen beschossen worden, mit ganz vielen Pfeilen, und das ist so ein Motiv, wenn man selber Pfeile abbekommen hat, dann kann man fremde Pfeile abwehren. Also deswegen wird er zum Pestheiligen. Ja, das sind gewissermaßen die naturwissenschaftlichen und religiösen Erklärungen der Zeit. Natürlich gibt es in einer Zeit, in der Sterndeutung und das Firmament und die Astronomie eine große Rolle spielen, auch die Vorstellungen, dass bestimmte Sternkonstellationen eine Rolle spielen. Die das begünstigen, dass das Miasma sich verbreitet. Und es gibt ja auch im 16. Jahrhundert noch Ärzte, die also entlang solcher Vorstellung durchaus gutlaufende Praxen haben.",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nDie meisten Gegenmaßnahmen, die auf diesen Annahmen beruhen, sind aus heutiger Sicht ziemlich nutzlos. So raten die Ärzte zu Aderlass und blutigem Schröpfen, dem Verbrennen aromatischer Substanzen und empfehlen, bei Nordwind die Fenster nicht zu öffnen. Und nicht zu vergessen, das angebliche Allheilmittel Theriak, - geneigte „Siege der Medizin“-Hörende kennen es schon. Da kommt neben Schlangenöl offenbar alles rein, was noch so in der Apotheke rumliegt: Anis, Fenchel, Kümmel, Zimt, Myrrhe, Eisensulfat, Entenblut und Krötenfleisch – und anderes mehr, die Rezepte werden immer wieder neu variiert, zum Teil wandern zwischen 60 bis 300 Bestandteile hinein. Eine Wirkung hat es - außer auf den Geldbeutel der Käuferinnen und Käufer - nicht. \nAndere Maßnahmen sind tatsächlich sinnvoller. So führen die italienischen Häfen eine Wartezeit von vierzig Tagen für pestverdächtige Schiffe ein, im mittelalterlichen Italienisch „Quarantäne“ genannt. Tatsächlich erwischt man so die längstmögliche Inkubationszeit für Beulenpest. Wurde innerhalb dieser 40 Tage auf dem Schiff niemand krank, bestand keine Gefahr mehr, die Seuche einzuschleppen. Zumindest nicht durch die Menschen; die mit Pestflöhen verseuchten Ratten stört das vermutlich wenig, die gehen unbemerkt einfach über die Ankertaue an Land. Strikte Isolation ist aber tatsächlich eine Methode, die sich als sehr wirksam herausstellt und manche Städte wie Mailand zumindest eine Zeitlang vor der Pest bewahrt. \nNachdem die erste heftige Pestwelle von 1346-1353 verebbt, ist es aber keineswegs vorbei: sie wird endemisch. Soll heißen: Die Pest ist gekommen, um zu bleiben. In den nächste 3-4 Jahrhunderten tritt sie in fast regelmäßigen Abständen in den verschiedenen Regionen Europas in unterschiedlicher Intensität immer wieder auf. Mal sterben nur Einzelne, manchmal, wie bei der Pest von London 1665/66 rafft sie in kurzer Zeit 70.000 und damit 20 Prozent der Einwohner der englischen Hauptstadt dahin. Die Bevölkerung und die Mediziner stehen der Seuche mehr oder weniger hilflos gegenüber. \nÜbrigens: Auch wenn sie in der Populärkultur bis heute sehr beliebt sind: Pestärzte liefen wohl niemals mit den schnabelförmigen Pesthauben oder Pestmasken herum. Sie gehen auf eine Karikatur aus dem Jahr 1656 zurück, deren Motiv über Jahrhunderte fast unverändert weitergetragen wurde. Handfeste Belege für eine Nutzung dieser gruselig anmutenden Schutzbekleidung gibt es aber nicht, auch wenn die Darstellung von „Doktor Schnabel“ bis heute als Sinnbild für die Pest, ja für den Schrecken der Seuchen schlechthin steht. Sieht ja auch eindrucksvoll aus.\n Die damaligen Medizinier schneiden Pestbeulen oftmals einfach auf. So soll verhindert werden, dass sie nach innen aufbrechen.  Aus heutiger Sicht keine allzu sinnvolle Methode:  Das kann nämlich zum einen zu zusätzlichen Infektionen führen und zum anderen ist das Sekret der Beulen hochansteckend. Von ärztlicher Seite bleibt die wirksamste Behandlungsmethode – beziehungsweise Vorsorge vor weiterer Übertragung auf andere: die strikte Isolation der Kranken. Bedeutet: Erkrankte oder auch nur pestverdächtige Personen werden in Pesthäusern oder in ihren eigenen Behausungen eingeschlossen. Manchmal werden ganze Ortschaften von der Obrigkeit zwangsweise abgeriegelt und ihrem Schicksal überlassen.\n In anderen Fällen, wie im englischen Eyam, zeigen sich aber auch Fälle von rührender Selbstaufopferung: Als in dem kleinen Städtchen 1665 erste Pestfälle auftreten, beschließen die Einwohner, sich selbst zu isolieren, um ihre Nachbarn nicht mit der Seuche anzustecken. Während ein Großteil der Bewohner diese selbstauferlegte, 14-monatige Quarantäne nicht überlebt, werden die Nachbarorte tatsächlich verschont. Leider bringt die Pest nicht nur das Gute, sondern auch das Schlechte in den Menschen hervor: Da man sich das plötzliche und heftige Auftauchen der Krankheit nicht erklären kann, sucht man Sündenböcke: Beim Auftreten der ersten Pestwelle werden sehr schnell Jüdinnen und Juden beschuldigt, die Brunnen der Christen vergiftet zu haben. Was danach passiert, ist eine bis dahin nicht dagewesene Judenverfolgung. \nIn zahlreichen französischen und deutschen Städten begehen die christlichen Einwohner Massaker an ihren jüdischen Mitbürgern, in anderen wählen die ansässigen Juden den Freitod, indem sie sich in ihren Häusern selbst verbrennen, um Zwangstaufen oder Schlimmerem zu entgehen. Diese Pogrome flauen zwar mit dem Ende der ersten Pestwelle wieder ab, aber auch in den folgenden Jahrhunderten werden Randgruppen der Gesellschaft immer wieder als Urheber der Seuche verdächtigt und verfolgt, etwa angebliche Hexen, „Ausländer“, Häretiker, wenngleich auch nicht mehr in dem Ausmaß wie bei den Judenpogromen. Immerhin fällt auch den Zeitgenossen irgendwann auf, dass die vermeintlichen Urheber der Pest ja auch selbst der Seuche zum Opfer fallen und sie daher wohl eher nicht als Auslöser in Frage kommen.\nWie auch schon bei der Justianischen Pest endet die zweite große Pestpandemie so plötzlich, wie sie begonnen hat. Nachdem sie 1720 noch einmal im französischen Marseille ausbricht und etwa ein Drittel bis zur Hälfte der Einwohner der Seuche erliegen, kehrt sie in den folgenden Jahren nicht mehr wieder. Die Menschen reiben sich verwundert die Augen, in ganz Europa läuten die Glocken, mancherorts werden Gedenkmedaillen herausgegeben. Und wieder haben die Menschen jahrhundertelang Ruhe vor der Pest. Weshalb, ist ein bis heute ungelöstes Rätsel. Dennoch gibt es Theorien.",
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    "text": "MARTIN DINGES:\nAlso sicher ist richtig, dass großräumige Absperrungen von Territorien, also nicht nur um eine Stadt herum, sondern durch ganze Staaten, also die ganze Provence zum Beispiel abgesperrt wurde oder Der berühmteste ist der Pest-Kordon im Habsburg-Reich gegen die Osmanen, aber es gab entsprechende Bemühungen auch an anderen Stellen, wo man ja über 1900 Kilometer gewissermaßen eine Zollgrenze eingeführt hat mit Wehrdörfern und so weiter und dafür gesorgt hat, dass der gesamte Handeln mit dem Osmanischen Reich dann unterbrochen wurde. Also das hat sicher alles eine Rolle gespielt zur Reduzierung der Pestszüge, zur Verlangsamung und manchmal auch dazu beigetragen sie aufzuhalten. Auch bei der nordischen Pest, die sich dann doch nicht mehr so weit nach Nord- und Ostdeutschland ausbreiten konnte, wie das hätte auch passieren können. Aber trotzdem nimmt man mittlerweile an, aber man weiß es nicht, dass eine andere Ratten-Sorte der Hauptgrund ist. Dass eine Ratte, die also über die großen russischen und ukrainischen Ströme schwimmen konnte, die vorherige Pontisch, also diese Rattensorte, aus den Pontischen Wüsten verdrängt hat. Und es ist anscheinend diese veränderte Rattenpopulation, aber das weiß man nicht sicher.",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nEnde des 19 Jahrhundert kommt es dennoch zu einem grausigen Comeback der Pest, wenn auch nicht in Europa. In der südchinesischen Provinz Yunnan wird plötzlich immer wieder von rätselhaften Todesfällen berichtet. Die Erkrankten weisen extrem geschwollene Lymphknoten auf. Die Fälle häufen sich und 1894 erreicht die Seuche die Metropole Guangzhou und schließlich Hongkong. \nDie Schwüle hängt in der Luft wie ein nasser Vorhang. Überall Stille – die unheimliche, gespannte Stille, die nur Orte kennen, an denen der Tod Einzug gehalten hat. In den Gassen Hongkongs - Leichen. Männer, Frauen, Kinder – manche noch sitzend auf der Türschwelle, als hätten sie es nicht mehr weiter als bis hier geschafft. Fliegen summen über eingefallenen Körpern. Händler haben ihre Stände verlassen, die Märkte sind wie leergefegt. Über der Stadt hängt der süßlich-faule Geruch von Verwesung. An einem Randviertel, dort wo die westliche Kolonialverwaltung längst nicht mehr hinsieht, öffnet sich ein Bambusvorhang. Eine Gestalt tritt heraus– hager, das Hemd durchgeschwitzt, der Blick wach. Sie hält ein Glasröhrchen mit einer Gewebeprobe prüfend ins Licht. Alexandre Yersin. Arzt, Bakteriologe, Einzelgänger. Einer, der sich lieber mit seinen Reagenzgläsern unterhält als mit Amtsleuten. Hier ist er nicht willkommen. Die Briten in der Stadtverwaltung geben ihm keinen Zugang zu den Krankenhäusern, kein Labor, keine Hilfe, kein Geld. Die medizinische Forschung soll ein anderer übernehmen: der japanische Kollege Kitasato Shibasaburō – ein Forscher mit Geld, mit Ansehen, mit Ausstattung. Yersin stört das nicht. Er richtet sich sein Labor in einer Bambushütte ein – Strohdach, Feldbett, eine Kiste als Arbeitstisch. Er hat ein Mikroskop, einige Farbstoffe, ein Skalpell – mehr braucht er nicht. Nicht mal einen Brutkasten – für die Anlage von Zellkulturen genügt ihm das schwüle Klima Hongkongs. Jeden Tag tragen ihm die chinesischen Helfer neue Leichen zu. Keine Totenbahren. Kein Tuch. Einfach auf Holzpritschen. Junge Männer, mit schwarzen Beulen in den Achselhöhlen. Alte Frauen mit eingefallenen Augen. Und natürlich: Kinder. Er beugt sich über sie, arbeitet ruhig, mit der Präzision eines Uhrmachers. Mit dem Skalpell öffnet er einen Lymphknoten. Das Gewebe ist dunkel, matschig, von Eiter durchzogen. Er nimmt eine Probe, färbt sie mit Methylenblau, trägt sie auf einen Objektträger auf. Dann schiebt er sie unters Mikroskop. Was er sieht, elektrisiert ihn. Kleine, gekrümmte Stäbchen, mit verdickten Enden. Sie liegen zu Hunderten in der Gewebeprobe, eingebettet in Zelltrümmer und Lymphe. Die Bakterien sind überall. Aber das reicht ihm nicht. Er will mehr. Einen Beweis. Einen Wirt. Also beginnt er, die toten Ratten zu untersuchen, die überall in den Gassen liegen – unter Karren, in Abflussrinnen, in den Vorratskammern der Teehändler. Er präpariert eine dieser Ratten- Seziert sie, färbt, schaut durchs Okular – und da sind sie wieder. Dieselben Bakterien, wie in den Menschen. Der Kreis schließt sich. All die Wissenschaftler der früheren Jahrhunderte – sie haben falsch gelegen. Die Krankheit kommt nicht aus der Luft. Sie kommt aus dem Fell. Naja, besser gesagt: Sie wandert von Ratte zu Mensch. Von der Rolle der Flöhe ahnt Yersin damals noch nichts. Doch der unsichtbare Feind ist erstmals enttarnt. Es ist ein Bakterium. Yersinia pestis – später wird es so benannt, nach seinem Entdecker Yersin schreibt daraufhin einen Bericht. Schickt ihn nach Paris, ans Pasteur-Institut. Keine drei Wochen später bestätigt ein Kollege die Entdeckung. Doch in der Fachwelt redet man nicht über ihn.  Denn Kitasato ist ihm zuvorgekommen, hat nur wenige Tage früher publiziert, allerdings ungenau. Yersins Arbeit ist präziser, wiederholbar, entscheidend. Und doch bleibt er im Schatten. Kein Artikel, keine Ehrung. Die wird Kitasato bekommen. Erst viel später soll sich herausstellen: Kitasato hatte vermutlich nicht den Pesterreger, sondern nur einen zufälligen Begleitkeim nachgewiesen.  \nDer ausbleibende Ruhm stört Yersin nicht. Kurz reist er nach Paris, um das erste Mittel gegen die Pest zu entwickeln und bedient sich dabei einer Methode, die erst wenige Jahre zuvor entwickelt wurde: Die sogenannte passive Impfung über die Gabe eines Serums.  Dabei werden den Patienten bereits fertige Antikörper gegen eine bestimmte Krankheit verabreicht, um einen schnellen, aber kurzfristigen Schutz zu bieten, der aber dafür nur kurze Zeit anhält.  Yersin injiziert dazu Pferden steigende Dosen des durch Hitze abgetöteten Pest-Erregers – in der Hoffnung, dass ihr Immunsystem Antikörper bildet. Falls es geklappt hat und die Pferde immunisiert sind, beginnt die heikle Prozedur: Yersins Team zapft Blut ab, trennt das Plasma – die flüssige Komponente – von den Zellen und entfernt die gerinnungsfördernden Eiweiße, die das Blut sonst zum Stocken gebracht hätten. Zurück bleibt das sogenannte Serum – jener kostbare Teil des Blutes, der die lebensrettenden Antikörper enthält. Es soll die tödlichen Gifte der Pestbakterien neutralisieren.\nDoch das Verfahren ist alles andere als sicher. Die Qualität des Serums schwankt. Immer wieder sterben Pferde bei der Herstellung, gibt es Rückschläge. Am Ende bleibt die Produktion hinter den Erwartungen zurück. Aber Yersin zögert nicht lange, er will helfen, auch mit dem wenigen, was er hat. 1896 ist er wieder in Asien, im Gepäck bescheidene 700 Dosen Pestserum – und einer Portion Hoffnung.  In China, in den Städten Canton and Amoyand und ein Jahr darauf im indischen Bombay (heute Mumbai) verabreicht er das Serum den ersten Menschen. Behandelt selbst, mit seinen eigenen Händen. \nDoch das Mittel wirkt wenig. Zudem ist die Wirkung mit starken Nebenwirkungen und Schmerzen verbunden, er begegnet Skepsis und Argwohn sowohl offizieller Seite als auch in der Bevölkerung. Zwar kann Yersin mit einem verbesserten Serum die Hälfte seiner Patientinnen und Patienten retten, zu viele sterben dennoch. Dann stellt sich auch noch die Regierung in Bombay quer und untersagt ihm weitere Unterstützung. Enttäuscht wendet er sich anderen Projekten zu. Im Auftrag der Kolonialverwaltung kümmert er sich um die Aufzucht von Heilpflanzen, unter anderem dem Chinarindenbaum, aus dem Chinin gewonnen werden kann. Wird erst Leiter eines medizinischen Instituts, dann des Pasteur-Instituts in Saigon. Bei der dortigen Bevölkerung ist er beliebt, da er nicht nur mit den vietnamesischen Ärzten zusammenarbeitet, sondern viele Einheimische kostenlos behandelt, die sich sonst keine medizinische Hilfe leisten können. Nach seinem Tod 1946 wird sein Andenken in Vietnam bis heute hochgehalten. Nicht so sehr für seine Forschung zur Pest, sondern – vielleicht etwas überraschend – insbesondere für seine Vorhersage von Taifunen, die zahlreichen Fischern das Leben rettete.  \nYersins Entdeckung des Pesterregers zusammen mit dem Beweis der Übertragung über Flöhe durch seinen Pariser Kollegen Paul-Louis Simmond bringt dennoch den entscheidenden Durchbruch. So kann man etwa beim Ausbruch der Pest in den chinesischen Arbeitervierteln endlich etwas gegen die eigentlichen Ursachen unternehmen, nämlich die Hygiene verbessern und die Rattenplage bekämpfen. Trotzdem kostet die dritte Pestpandemie weltweit geschätzt rund 15 Millionen Menschenleben, insbesondere in China und Indien. Europa bleibt dieses Mal weitgehend verschont, hier kommt es lediglich zu wenigen hundert Toten, vor allem in den Seehäfen und den Armenvierteln. Erst 1945 wird die italienische Stadt Tarent die letzten Pesttoten in Europa melden.Okay, man weiß zwar jetzt, woher die Krankheit kommt und wie sie übertragen wird – und dass es insgesamt besser ist, etwas gegen die unhygienischen Zustände in den Armutsvierteln der Welt zu tun. Aber der Pesterreger selbst? Der bleibt unbesiegt. Die Pest ist Mitte des 20. Jahrhunderts also weiterhin eine Bedrohung, könnte weiter jederzeit wieder ausbrechen. Übrigens: bis heute gibt es keinen regulär zugelassenen Impfstoff gegen die Pest. Allerdings gibt es moderne Forschungen und vielleicht tut sich hier ja bald etwas…wäre tröstlich - aber zurück ins 20. Jahrhundert. Wenn man Yersinia Pestis nur direkt bekämpfen, den Erreger ausschalten könnte...Seit 1940 ist das Antibiotikum Penicillin bekannt. Ein Schimmelpilz, der ist aber nur gegen eine begrenzte Zahl von Erregern wirksam ist. Nicht gegen die Pest. Das ändert sich 1943, als in einem Kellerlabor in New Jersey ein junger Doktorand namens Albert Schatz eine andere spektakuläre Entdeckung macht: Nicht nur Schimmelpilze, sondern auch ansonsten harmlose Bodenbakterien können gegen bakterielle Krankheitserreger eingesetzt werden. Und zwar auch gegen solche, gegen die es bisher keine wirksamen Mittel gab. Eigentlich war Schatz auf der Suche nach einem Wirkstoff gegen Tuberkulose – und damit auch erfolgreich. Aber das Bakterium mit dem Namen Streptomyces griseus machte nicht nur diesem Krankheitskeim den Garaus, sondern auch anderen – wie eben auch dem Pesterreger. Der Name für dieses neue Wundermittel: Streptomycin. Doch trotz Albert Schatz’ großem Verdienst: den Ruhm heimst jemand anderer ein. Das Ganze könnt ihr dann auch nochmal in unserer vorletzten Folge nachhören, in der es um die Tuberkulose geht. \nStreptomycin wird zum ersten echten Medikament gegen Yersinia pestis. Es blockiert die Eiweißproduktion in den Bakterien, lässt sie verhungern. Die Sterblichkeitsrate sinkt dramatisch: Bei frühzeitig behandelter Beulenpest auf unter 10 %, bei Lungenpest – sonst fast immer tödlich – immerhin auf unter 50 %. In den Folgejahren kommen weitere Antibiotika dazu: Tetracyclin, Chloramphenicol, später Gentamicin, Ciprofloxacin, Doxycyclin. Die Pest – einst ein Todesurteil – wird zu einer kontrollierbaren Krankheit.\nUnd doch: Der Sieg ist unvollständig. Denn wenn sie nicht schnell genug behandelt wird, kann sie immer noch tödlich verlaufen. Und gerade das passiert in den ärmeren Teilen der Welt, etwa im Kongo, auf Madagaskar oder in der Mongolei. Aber auch in wohlhabenderen Ländern taucht die Pest bis heute noch auf, wenn auch selten und auch nicht in Deutschland, wo sich der letzte bekannte Fall 1908 in Alton ereignete. In den USA dagegen machen regelmäßig Berichte von Ausbrüchen der Krankheit Schlagzeilen.  Nagetiere wie pestverseuchte Eichhörnchen und - über deren Flöhe - auch Haustiere wie Katzen und Hunde können sich den Erreger einfangen und auf den Menschen übertragen. Erst im Juli 2025 stirbt in Arizona ein Mann an der Pest – an einer Krankheit, die die meisten vermutlich schon längst für ausgerottet halten. Statistisch gesehen fallen weltweit immer noch 100-200 Menschen pro Jahr der Pest zum Opfer – obwohl man sie in der Regel retten könnte. Die Gründe sind so alt wie tragisch: Armut. Vernachlässigte Gesundheitssysteme. Politisches Chaos. Fehlender Zugang zu Medikamenten. Und zu späte Behandlung. Bereits 2013 hat ein Team am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung (MPIKG) in Potsdam einen Schnelltest für die Pest entwickelt, bei dem man ähnlich wie beim Corona-Schnelltest in kurzer Zeit den Erreger nachweisen kann – und dadurch durch raschen Behandlungsbeginn Menschenleben retten könnte. Doch leider existiert das Test-Kit nur als Prototyp – denn bislang fand sich kein Pharmaunternehmen, das das Kit massenhaft produzieren wollte – das lohnt sich finanziell offenbar nicht. Noch nicht, denn die Pest könnte bald wieder ein größeres Problem darstellen. Einige Pesterregerstämme – etwa in Madagaskar – zeigen erste Anzeichen von Multiresistenz. Und zwar gegen gleich mehrere Antibiotika – sollte der Erreger sich ausbreiten, benötigen wir schnell wieder einen neuen „Sieg der Medizin“. Und doch: Die Entdeckungen von Alexandre Yersin und Albert Schatz und vielen weiteren beteiligten Forscherinnen und Forschern haben den Schwarzen Tod (zumindest vorerst) aufgehalten und unzähligen Menschen das Leben gerettet. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit konnte der größten bekannten und vermutlich gefährlichsten Seuche aller Zeiten Einhalt geboten und der Weg für weitere Durchbrüche geebnet werden. \nDamit sind wir zwar leider noch nicht am Ende der Pest angekommen, aber am Ende dieser Folge. Ich bedanke mich ganz herzlich fürs Zuhören. Ein großer Dank gilt natürlich Professor Martin Dinges für das interessante Gespräch. Falls Euch es euch gefallen hat, hört doch unbedingt in unsere anderen Folgen rein, inzwischen gibt schon über 40 spannende und faszinierende Geschichten rund um die Medizin und um die Menschen, die mit ihr zu tun hatten und haben. Falls Ihr die alle schon kennt, dann schaut doch mal bei gesundheit-hören.de vorbei, das ist das Audioangebot der Apotheken Umschau. Dort gibt es noch eine Menge weiterer spannender Podcasts zu Gesundheitsthemen. In der nächsten Folge geht es um eine Krankheit, die das sogenannte „Teufelsgrinsen“ auslösen kann, und noch viel schlimmeres. Eine Krankheit, die man sich jederzeit im eigenen Garten zuziehen kann. Zumindest wenn man ungeimpft ist. Wir reden von Tetanus, auch Wundstarrkrampf genannt. Bis dahin, bleibt gesund und neugierig. Eure Andrea Sawatzki.",
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    "text": "SPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau\nExecutive Producers „gesundheit-hören“: Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück\nExecutive Producers „WakeWord“: Ruben Schulze Fröhlich und Christoph Falke\nAutor: Mirko Gutjahr\nRegisseur: Berni Mayer\nRedaktion „WakeWord“: Berni Mayer, Volker Strübing, Josephine Aleyt\nRedaktion „gesundheit-hören“: Kari Kungel\nMedizinisch-pharmazeutischer Faktencheck: Dr. Andreas Baum, Dr. Roland Mühlbauer, Dr. Katharina Kremser\nMusik: Johannes Cornelius\nSound Design: Felix Stäblein\nProduktionsleitung: Josephine Aleyt\nProduziert von den Wake Word Studios in München",
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