[
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    "start": 0.0,
    "text": "Andrea Sawatzki:\nStell Dir vor, du hast den Nachmittag frei und bummelst durch die Stadt. Bisschen Shopping, bisschen Leutegucken, vielleicht nachher ein Eis. Und dann siehst du sie plötzlich. Deine alte Freundin, seit 20 Jahren habt ihr nichts voneinander gehört. Kann sie das wirklich sein? \nIm nächsten Moment fallt ihr euch um den Hals und keine 10 Minuten später sitzt ihr in einem Café, vor euch Kaffee und Kuchen und versucht atemlos die letzten 20 Jahre zusammenzufassen. Familie, Arbeit, neue Freunde, sie gibt dir einen Schnelldurchlauf: \"... und dann sind wir vor 2 Jahren wieder hierher zurückgezogen\", sagt sie, \"Und dann, das glaubst du nicht, haben sie bei mir doch tatsächlich vor nem halben Jahr Hansen-Krankheit diagnostiziert.\" Sie lächelt schief und du fragst: \"Hansen-Krankheit?\"\n\"Ähm, ja\" Sie scheint zu zögern. \"Also die meisten nennen es immer noch Lepra.\"\nSchmeckt das Stück Kuchen in deinem Mund noch? Denkst du mit einem Anflug von Panik an den Moment, als ihr euch um den Hals gefallen seid? Was für Bilder hast du plötzlich im Kopf?\nEs ist äußerst unwahrscheinlich, in diese Situation zu kommen. Ganz konkret: Es ist mehr als hundertmal wahrscheinlicher, dass sie dir erzählt: \"Und dann bin ich ja vor einem halben Jahr Lotto-Millionärin geworden.\" \nIn den letzten Jahrzehnten wurde in Deutschland im Durchschnitt ein neuer Fall von Hansen-Krankheit - von Lepra - diagnostiziert. Und es ist wohl auch eher unwahrscheinlich, dass die Betroffenen so frei heraus bei Kaffee und Kuchen von ihrer Erkrankung reden – schon aus Angst vor der Reaktion.\nWir erzählen in dieser Folge, warum die Krankheit zumindest hier in Deutschland heute so extrem selten geworden ist - und warum man sich keine Sorgen machen muss, wenn man doch einmal jemandem begegnet, der sozusagen 100 Mal mehr Pech hatte, als man für einen Millionengewinn Glück braucht.",
    "end": 123.0
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    "text": "Sprecher:\nSiege der Medizin. Ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau.",
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    "text": "Andrea Sawatzki:\nMein Name ist Andrea Sawatzki und ich begrüße euch ganz herzlich zu einer neuen Folge von \"Siege der Medizin\". Wir erzählen diesmal von einer Krankheit, die wie kaum eine andere gefürchtet war und bis heute von Mythen umrankt ist. Wie immer haben wir fachkundige Unterstützung und bleiben so dicht wie möglich bei den Fakten. Was in diesem Fall bedeutet: wir müssen eine ganze Reihe von ebensolchen Mythen aufdecken.\nWenn wir das Wort \"Lepra\" hören, haben die meisten von uns sicher sofort eine ganze Reihe von Bildern im Kopf. Und zwar keine schönen Bilder. Und: vielleicht auch ein paar falsche Bilder. Zu kaum einer Krankheit existieren so viele Vorurteile, Stigmata, Legenden, Klischees und - ja, auch dumme Witze. \nMan kann darum der Meinung sein, dass man dieses Wort gar nicht mehr benutzen und die Krankheit nur noch mit ihrem neueren Namen \"Morbus Hansen\", also \"Hansen-Krankheit\", nennen sollte.\nIch denke, für unsere Zwecke ist besser, beim L-Wort zu bleiben und stattdessen die Vorurteile und Klischees und Ängste auseinanderzunehmen, die bis heute mit der Krankheit verbunden sind.",
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    "start": 215.0,
    "text": "Carville, Louisiana, gut 16 Kilometer südlich von Baton Rouge. Frühjahr 2001. \n\"Nein, nein junger Mann, bitte fragen Sie nicht weiter. Schreiben Sie: Betty Martin, so heiße ich seit 73 Jahren und mehr muss niemand wissen!\"\nDer \"junge Mann\" lächelt und nickt - Ted Irvine geht selbst schon auf die 50 zu. Er ist Reporter beim Louisiana Frontiers Weekly. Die Frau, die sich Betty Martin nennt, ist 82 Jahre alt. Sie sitzt in einem Rollstuhl, ein altmodisches Ding, das fast so fragil wie sie selbst wirkt. Eine Krankenschwester schiebt sie durch den weitläufigen Park des „Carville Historic District“. Die Frau, die sich Betty Martin nennt, hat sich nie an diesen Namen gewöhnt. Für sie bleibt es das „U.S. Marine Hospital Nummer 66 und Nationales Lepra-Heim der Vereinigten Staaten“. „Historic District“ – das klingt nach einem Museum, und was wäre sie dann? Ein Ausstellungsstück? \nIrvine probiert es noch einmal: \"Denken Sie nicht, dass es Zeit wäre, ihren richtigen Namen zu sagen? Sie sind eine Heldin! Und die Zeiten haben sich geändert ...\"\n\"Ach ja, haben Sie das? Haben Sie mir die Hand geschüttelt bei der Begrüßung? Würden Sie einen Apfel essen, den ich Ihnen gebe?\"\n\"Natürlich würde ich den Apfel ... also nachdem ich ihn abgewaschen habe, das mache ich immer so …\"\nDie Krankenschwester lacht höhnisch auf. Betty winkt nur ab. „Ach machen Sie sich mal keine Sorgen, Mister, ähm, I-forgot-your-Name“.\n„Irvine“, sagt Irvine.\n„Jaja, jedenfalls: Ich nehm’s keinem mehr übel, ich kenn das. Und da draußen gibt es immer noch genug Leute, die denken, mit Lepra siehst du aus wie ein Sumpfmonster aus den Bayous und dass uns dauernd Finger abfallen und was weiß ich noch alles.“ Sie kichert und hebt eine Hand. „Alle noch dran, sie können nachzählen!“\n„Aber Miss Martin, das ist doch heutzutage …“\nSie lässt ihn nicht ausreden. \"'Schafft sie weg, bevor sie die ganze Stadt ansteckt!' - das hat der Arzt damals nach meiner Diagnose gesagt. 'Schafft sie weg!' Können sie sich vorstellen, was es für meine Eltern und meine Geschwister bedeutet hätte, wenn herausgekommen wäre, dass ihre Tochter Lepra hat?! Sie waren hochangesehen in der besseren Gesellschaft von New Orleans, was glauben Sie: Zu wie vielen Bällen und Dinner Partys hätte man sie noch eingeladen?\" \nSie hebt gebieterisch, wenn auch etwas zitternd, die von Altersflecken überzogene Hand, als Irvine etwas einwerfen will. \"Ja, die Zeiten haben sich Gottseidank geändert, aber ich habe damals geschworen, den Namen meiner Familie nie zu verraten, und ich werde mich daran halten.\"\nDas Trio läuft, schiebt und rollt am National Hansens Disease Museum vorbei bis zur Point Clair Road, die direkt am Mississippi entlangführt. Der Blick auf die trägen, schlammigen Fluten des Stroms ist heute unverstellt. Als Betty das erste Mal hier ankam, als sie zu „Betty“ wurde, war das ganze Gelände mit Stacheldraht eingezäunt. \n„Tja, damals war für uns hier Schluss.“\nEnde 1927. Betty Martin, heißt noch nicht Betty Martin. Sie ist eine 19jährige Debütantin, verlobt mit einem schmucken Medizinstudenten, Weihnachten steht vor der Tür und die ganze Welt steht ihr offen. Der blassrosa Fleck an ihrem Oberschenkel macht ihr keine großen Sorgen. Der Arzt hat eine Gewebeprobe ins Labor geschickt. \"Nur ein paar Tests\", hat er gesagt.\nKurz nach Weihnachten 1927 bekommt sie die Diagnose und ihre Welt bricht zusammen. \"Schafft sie weg\", sagt der Arzt - und man schafft sie weg.\nWir werden Betty Martin bald wiederbegegnen. Aber erst einmal müssen wir ein paar Sachen klären und ein ganzes Stück weiter in der Vergangenheit zurückreisen. Natürlich wie immer mit sachkundiger Begleitung",
    "end": 438.0
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    "text": "Dr. Saskia Kreibich: \n„Mein Name ist Saskia Kreibich. Ich arbeite bei der DAHW, Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe, und engagiere mich hier eben ganz stark im Bereich der Lepra, aber auch der vernachlässigten Truppenerkrankungen. Mein Hintergrund ist, ich bin promovierte Infektionsbiologin. Und habe dann noch einen Master in internationaler Gesundheit am Schweizer Tropeninstitut absolviert.“",
    "end": 457.0
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    "text": "Andrea Sawatzki:\nMoment mal. D-A-HW? Für Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe? Müsste die Abkürzung nicht irgendwas mit L und T sein? Für Lepra und Tuberkulose?\nDamit sind wir schon bei einem anderen sehr bekannten Wort für Lepra bzw. \"Morbus Hansen\" auf der Spur. Der Verein wurde 1957 als \"Deutsches Aussätzigen Hilfswerk - DAHW\" gegründet. 2003 wurde er in \"Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe\" umbenannt, um das stigmatisierende Wort \"Aussätzig\" zu vermeiden, und um dem erweiterten Fokus Rechnung zu tragen. Die alte, gut eingeführte Abkürzung wurde aber beibehalten. \nDa wir uns hier mit der Geschichte der Krankheit und ihrer Heilung beschäftigen, werden wir trotzdem - wo es für den Kontext sinnvoll ist - von \"Aussätzigen\" sprechen. Das Wort kennt man natürlich aus deutschsprachigen Bibelübersetzungen. Im hebräischen Original des Alten Testaments ist dagegen von \"tsara'at\" die Rede. \"Tsara'at\" beschreibt eine Hautkrankheit, es ist sozusagen eine Art Diagnose. Das deutsche \"Aussätzig\" beschreibt dagegen den sozialen Status der Kranken – sie wurden verstoßen, ausgesetzt. \nDie Krankheit ist natürlich viel älter als die Bibel. Ihre Spuren ließen sich in 6000 Jahre alten Skeletten nachweisen, erste schriftliche Hinweise stammen aus Indien und sind gut 3500 Jahre alt. Von Indien gelangte sie vermutlich im letzten Jahrtausend vor Christus in den Mittelmeerraum und dort schließlich ins Alte Testament, wo sie Dutzende Male erwähnt wird. \nNoch später, im neuen Testament, das im damaligen Griechisch verfasst wurde, wird der Begriff \"Lepra\" verwendet. Eine Ableitung von \"Lepis\" – \"Schuppe\". Lepra bedeutet sinngemäß soviel wie \"schuppige Hautkrankheit\". \nSchauen wir uns doch mal aus heutiger Sicht die Symptome an.",
    "end": 584.0
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  {
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    "text": "Dr. Saskia Kreibich: \n„Grundsätzlich ist Lepra eine Erkrankung, die sowohl die Haut als auch die peripheren Nervenbahnen betrifft. Und sie kennzeichnet sich körperlich zunächst einmal eigentlich immer durch sogenannte Hautläsionen. Die sich vor allen Dingen an den Extremitäten des Körpers bemerkbar machen, weil das Bakterium sozusagen eine Affinität für eher kältere Körperbereiche hat. Also da kann es einfach besser wachsen. Und dort findet man diese Hautläsionen, die sich typischerweise auch immer dadurch kennzeichnen, dass sie in der Regel mit Sensibilitätsstörungen einhergehen.“",
    "end": 614.0
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    "start": 614.0,
    "text": "Andrea Sawatzki:\nLäsionen sind sichtbare krankhafte Veränderungen der Haut, meist sind es Flecken. Bei Menschen mit dunkler Haut, sind sie heller als die Umgebung, bei hellhäutigen meist rötlich. \nDas passt gut zu Symptombeschreibungen in der Bibel, wo ebenfalls von hellen Flecken auf der Haut die Rede ist. Natürlich kann man die entsprechenden Bibelverse nicht 1:1 als medizinische Diagnose lesen. Auch andere Hautkrankheiten wie Schuppenflechte, Krätze und Ekzeme werden damals vermutlich als als \"tsara'at\", Aussatz, oder Lepra bezeichnet. Sogar Kleidung und Häuser können davon befallen sein - vermutlich sind hierbei Schimmelflecken und ähnliches gemeint.\nDie Hautveränderungen sind meist die ersten sichtbaren Merkmale der Krankheit. Anfangs betreffen sie vor allem Hände und Füße und sie sind vollkommen schmerzlos. Stichwort \"Sensibilitätsstörungen\". Was nach einer guten Nachricht für die Betroffenen klingt, ist einer der tückischsten Aspekte der Krankheit.",
    "end": 675.0
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  {
    "start": 675.0,
    "text": "Dr. Saskia Kreibich: \n„Die betroffenen Personen spüren im Bereich der Hautläsion eben nichts mehr. Und das ist auch ein Problem, weil dort dann eben sehr, sehr viele Verletzungen und Wunden auftreten können, die die Personen gar nicht bemerken und die dann auch zu schwerwiegenden Sekundärinfektionen etc. führen können.“",
    "end": 690.0
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    "start": 690.0,
    "text": "Andrea Sawatzki:\nEin verbreiteter Mythos lautet: Leprakranken würden Finger, Zehen, ganze Gliedmaßen abfallen. Wenn das passiert, ist es meist die Folge solcher Sekundärinfektionen, zu Abszessen und Geschwüren, die früher nicht oder nur durch eine Amputation behandelt werden konnten.\nBei einem schweren Verlauf der Krankheit vermehren sich die Erreger ungebremst, zerstören Nervenbahnen, es kommt zu Muskelschwund und einer Rückbildung von Gliedmaßen - die Hände verkrümmen sich zu sogenannten Klauenhänden. Die Haut, auch die Gesichtshaut, verdickt sich und ist von knotigen Wucherungen überzogen. \nManchmal wird der Nasenknorpel durch die Krankheit zerstört, die Betroffenen bekommen ein sogenanntes Löwengesicht und erblinden häufig. \nMan spricht hier oft vom \"Endstadium\" der Krankheit. Aber das ist eigentlich falsch: Lepra ist in der Regel nicht tödlich. Sie führt zu schrecklichen Behinderungen und Entstellungen, doch was die Opfer tötet, sind meist die eben beschriebenen Sekundärinfektionen oder andere Krankheiten, für die der geschwächte Körper anfällig wird. \nDas Alte Testament liefert an vielen Stellen erstaunlich genaue und klare Anweisungen, wie mit Leprakranken umzugehen ist. Im Buch Leviticus aus dem Alten Testament verkündet der (damals wohl noch nicht ganz so liebe) Gott seinem Propheten Mose: \n\"Der Aussätzige [...] soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungekämmt lassen [...] und ausrufen: Unrein! Unrein! [...] Er soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten.\"\nDie Krankheit wird als Folge eines sündigen Lebens dargestellt und an mehreren Stellen sogar von Gott höchstpersönlich als Strafe verhängt, zum Beispiel als die Prophetin Mirjam schlecht über ihren Kollegen und Bruder Moses redet:\n„Und der Zorn des HERRN entbrannte gegen sie, und er wandte sich weg [...] Und siehe, da war Mirjam aussätzig wie Schnee.“",
    "end": 818.0
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  {
    "start": 818.0,
    "text": "Dr. Saskia Kreibich: \n„Lepra ist halt tief verwurzelt mit Stigmatisierung und Ausgrenzung. Und das liegt sicherlich daran, dass diese Erkrankung auch sehr stark mit Vorurteilen behaftet war, und dass eben die Betroffenen schon ganz früh in der Geschichte auch immer isoliert wurden und eben auch als Aussätzige bezeichnet wurden. Und das hatte auf jeden Fall auch religiöse Motive, aber natürlich auch medizinische Aspekte, also man konnte sich nicht anders vor der Erkrankung schützen.“",
    "end": 843.0
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    "start": 843.0,
    "text": "Andrea Sawatzki:\nIn der Vergangenheit war das Aussetzen, Isolieren oder Verstoßen von Kranken eine zwar grausame, aber auch effektive, ja, eigentlich die einzige wirksame Maßnahme, um die weitere Ausbreitung einer Seuche zu verhindern. Ausgerechnet beim \"Aussatz\", also bei Lepra, trifft das aber gar nicht unbedingt zu. Noch so ein Mythos: \"Lepra ist hochansteckend - wer einen Kranken berührt, dem droht dasselbe Schicksal\".",
    "end": 871.0
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    "text": "Dr. Saskia Kreibich: \n„Also wenn Sie einmaligen Kontakt mit einer Lepra-Patientin oder -Patienten hatten, dann ist die Wahrscheinlichkeit unglaublich gering. Weil insgesamt ist das Leprabakterium gar nicht besonders infektiös. Man sollte sich schon über mehrere Monate mehrere Tage die Woche mit dieser Person aufhalten, damit eine Ansteckung überhaupt stattfindet. Dementsprechend ist das Risiko oder die Angst eben gar nicht so sehr berechtigt, dass man sich bei einem einmaligen Kontakt so fürchtet vor diesen Leprapatienten oder sich gar nicht traut, die Menschen zu berühren.“",
    "end": 889.0
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    "start": 889.0,
    "text": "Andrea Sawatzki\nViele Menschen besitzen sogar eine natürliche Immunität gegen Lepra. Dass sich die Krankheit überhaupt halten und weiterverbreiten kann, liegt an der langen Inkubationszeit von durchschnittlich 3 - 10 Jahren, in denen die Infizierten teilweise schon den Erreger weitergeben können.\nZurück zu unserer kleinen Bibelstunde. Ein junger Mann namens Jesus bringt frischen Wind in die ganze Angelegenheit. Zum einen heilt er die Aussätzigen natürlich, und wendet dabei - den Quellen zufolge - ein äußerst schnelles, gründliches und nebenwirkungsfreies Verfahren an, das leider aber nur ihm und seinen 12 Jüngern zur Verfügung steht: \"Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Sei rein! Und alsbald wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein.\" \nWas viel revolutionärer ist und über die Jahrhunderte wirkmächtig bleiben wird ist, dass er die \"Aussätzigen\" nicht als \"aussätzig\" behandelt, sondern als leidende Mitmenschen; er reicht ihnen buchstäblich die Hand. Zwar nimmt er die alten Gebote nicht direkt zurück, aber er lebt einen anderen, menschlicheren Umgang vor. \nUnd dann ist da noch das Gleichnis vom armen Lazarus und dem reichen Mann. Es wird im Mittelalter in Europa eine große Rolle spielen – aber erst einmal muss die Lepra nach Europa kommen, darum heben wir es uns noch ein bisschen auf.",
    "end": 1000.0
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    "start": 1000.0,
    "text": "Möglicherweise sind es römische Legionäre, die die Krankheit erstmals hierher tragen. Eine wichtige Rolle könnte auch der Pelzhandel gespielt zu haben. Eichhörnchen können als Wirt für den Erreger der Krankheit fungieren - und Eichhörnchenfelle sind eine begehrte Ware. Da Lepra aber nicht so ansteckend ist, wie andere Krankheiten und die Menschen zu dieser Zeit noch nicht so eng aufeinander hocken wie in späteren Perioden, bleiben die Auswirkungen in der Spätantike und im frühen Mittelalter örtlich begrenzt. \nIm Hochmittelalter aber explodieren plötzlich die Fallzahlen in Europa. \nDie Hauptursache dafür sind vermutlich die Kreuzzüge. Hunderttausende Menschen gelangen mit ihnen in den Nahen Osten, wo die Krankheit seit Jahrhunderten endemisch, also dauerhaft in der Bevölkerung verbreitet, ist. Obwohl Historiker davon ausgehen, dass nicht einmal die Hälfte - möglicherweise nur ein Viertel - der Kreuzritter und ihrer Begleittruppen überlebt, tragen sie die Krankheit nach ihrer Rückkehr in ihre Heimatländer in ganz Europa. \nMittelalter und Lepra - na, da haben sich ja zwei gefunden! Die perfekten Zutaten für richtig finstere Geschichten. Und die werden ja auch oft genug erzählt.\nAber: auch im Mittelalter schien die Sonne, es wurde gelebt und geliebt und gelacht. Wir sprechen von gut 1000 Jahren und einem ganzen Kontinent, da ist viel Platz für Schwarz und Weiß und alles dazwischen.\nAuch, was den Umgang mit der Lepra angeht. Die Krankheit bleibt selbst in der Hochphase ihrer Ausbreitung relativ selten – wenn man sie etwa mit den Verheerungen vergleicht, die die Pest anrichtet. Und doch beschäftigt sie die Menschen über alle Maßen. Davon zeugen sehr viele Vorschriften und Gesetze, sowohl im kirchlichen wie auch im weltlichen Recht, die das Aussonderungsgebot des Alten Testaments festschreiben. Manche dieser Vorschriften erscheinen uns außergewöhnlich grausam. Aber oft geraten uns da historische Fakten, Einzelfälle, Übertreibungen und pure Mythen durcheinander.\nEine dieser Mythen: Leprakranke werden im Mittelalter zu \"lebenden Toten\" erklärt, ihnen wird eine Totenmesse ausgerichtet, anschließend müssen sie in ihr eigenes Grab steigen und werden lebendig begraben. Passt gut zum Bild vom \"finsteren Mittelalter\". \nUnd ist nicht komplett falsch. \nSchon in einem Gesetzestext aus dem Jahr 643 im heutigen Italien, dem Edictum Rothari, wird festgelegt, ich zitiere:\n\"Wenn jemand aussätzig geworden ist [...] und er aus seinem Haus verstoßen wurde, soll es ihm nicht erlaubt sein, seine Güter zu veräußern. Denn an demselben Tag, an dem er aus seinem Haus vertrieben wird, gilt er als tot. Doch solange er noch lebt, soll er von den Gütern, die er zurückgelassen hat, als Unterhalt entlohnt und ernährt werden.\"\nEinerseits \"gilt als tot\", andererseits \"so lange er noch lebt\"? Im Mittelalter wird oft zwischen zwei \"Toden\" unterschieden. Dem Tod, wie wir ihn verstehen und dem \"zivilen\" oder sozialen Tod: mors civilis. Der betrifft neben Leprakranken auch andere, aus der Gemeinschaft Ausgestoßene. Und sogar Nonnen und Mönche, die die weltliche Gemeinschaft mehr oder weniger freiwillig verlassen haben. Es handelt sich um einen juristischen Status. \nIn diesem Sinne: Ja, Leprakranke wurden zu lebenden Toten erklärt, aber das hat nichts mit unserem Bild von \"The living\" oder \"walking dead\" zu tun. \nDas Gesetz verlangt eindeutig: \"sie sollen aus den Gütern, die sie zurückgelassen haben entlohnt und ernährt werden\". Sie werden isoliert, verlieren Eigentum und Freiheit, aber man kümmert sich. Was die Totenmessen angeht: Auch die gibt es. Zumindest hier und da und ab und zu. Besonders drastisch verfährt man in manchen Gebieten Frankreichs im 16. Jahrhundert.\nDie Kranken müssen ein Totengewand tragen oder werden mit schwarzen Leichentüchern behängt. Nach der Messe müssen sie in ein frisch ausgehobenes Grab steigen und werden vom Priester mit drei Schaufeln Erde beworfen.\nAnschließend durften sie allerdings wieder herauskommen und ihr Leben als Ausgesetzte, als Lebende, nur juristisch Tote fortsetzen. \nEin anderes weitverbreitetes Bild: Die Lepra-Glöckchen: Leprakranke müssen spezielle Gewänder tragen und mit einer kleinen Glocke oder einer Klapper die Gesunden vor sich warnen und vertreiben.\nEs gibt aber auch andere Deutungen. Die Historikerin Carole Rawcliff, die in den letzten Jahren intensiv zur Geschichte der Lepra geforscht und zahlreiche Mythen aufs Korn genommen hat, vermutet, dass das Glöckchen die genau entgegengesetzte Funktion hat: \nSchließlich betteln die Kranken um Almosen, vielleicht soll das Glöckchen ja die Leute anlocken? Oder, wie es der Journalist Oliver Basciano, Autor des Bestsellers \"Outcast - a History of Leprosy, Humanity and the modern World\" formuliert: \"Das Äquivalent eines Eiswagens, der Musik abspielt, um Kunden anzulocken\"\nGrundsätzlich erscheint das schon plausibel. Vermutlich stimmt schlicht und einfach beides und die Klingel bedeutet: \"Kommt her und helft mir, aber kommt mir nicht allzu nahe.\"\nUnd dann sind da noch die Leprosorien: Während viele an Lepra Erkrankte in Hütten am Rand des Dorfes leben oder bettelnd durch die Lande ziehen, werden andere in diese Leprahäuser aufgenommen. Im Hoch- und Spätmittelalter gibt es in Europa Hunderte, möglicherweise Tausende davon. Man darf sie sich nicht als grausige mittelalterliche Verliese vorstellen. Sie erinnern oft eher an Kloster, inklusive klosterähnlicher Vorschriften. In den Regeln eines Lübecker Leprosoriums heißt es:\n\"Es ist die Pflicht der Aussätzigen, daß alle gemeinsam im Stehen nach dem Essen fünf Paternoster und fünf Ave-Maria sprechen. Wer dieses vernachlässigt, dem wird zur folgenden Mahlzeit kein Essen gegeben.\"\nWas zumindest schon mal heißt: Es gibt Essen. Eine andere Regel geht so:\n\"Wenn ein Bruder und eine Schwester beim Koitus ertappt werden [...], dann werden diese für ein Jahr aus dem Spital verwiesen.\"\nLeprosorien sind keine Verliese - wer sich nicht benimmt wird rausgeschmissen! \nIm Mittelalter gilt die Lepra noch immer als Strafe Gottes für begangene Sünden. Gleichzeitig gelten die Betroffenen aber auch als eine Art \"Heilige auf Abruf\", als Auserwählte. Manchmal wurden sie gar in die Nähe von Christus selbst gerückt. Und das liegt nicht zuletzt am Gleichnis vom armen Lazarus und dem reichen Mann:\nEs war aber ein reicher Mann, der lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür, der war voll von Geschwüren und begehrte sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Es geschah aber: Der Arme starb und erhielt das Premium-Paket mit VIP-Shuttle und Close-Proximity-Onboarding oder, wie es bei Lukas, Kapitel 16, Vers 22 heißt: „er wurde getragen von den Engeln in Abrahams Schoß“. \nAuch der Reiche stirbt und findet sich in der Hölle wieder. Umgehend löst er ein Beschwerdeticket: unerträgliche Qualen, keine Klimaanlage usw. usf. und ob man nicht Lazarus vorbeischicken könne, „damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme.“ \nAbraham - Chief Customer Relations Officer und Head of Client Experiences muss die Anfrage höflich, aber bestimmt ablehnen: „Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber wirst … ähm, geröstet.“\nOkay, wir haben uns nicht hundertprozentig an den Wortlaut der Lutherbibel gehalten, sondern uns an einer vorsichtigen Neuübersetzung versucht, aber grundsätzlich stimmt die Geschichte.\nDieses Gleichnis vom armen Lazarus und dem reichen Mann wirft bis heute viele interessante theologische Fragen auf. Die aus praktischer Sicht wichtigste Frage ist aber, ob der reiche Mann für seine Mitleidlosigkeit gegenüber dem armen Lazarus bestraft wird. Oder ob Reichtum und ein glückliches Leben auf Erden grundsätzlich für das Himmelreich disqualifizieren. Muss man also entweder im Diesseits oder im Jenseits durch die Hölle gehen? Und was bedeutet das eigentlich für Leute, deren irdisches Dasein so lala ist? Kommen sie in ein so-lala-Paradies? Überlassen wir das der Theologie. \nIm Gleichnis wird übrigens nie von \"Lepra\" oder \"Aussatz\" gesprochen. Lazarus' Geschwüre könnten alle möglichen Ursachen haben. Dennoch wird man im Mittelalter sein Leiden weitgehend mit der Lepra gleichsetzen. Aber dazu kommen wir gleich. \nWie schon erwähnt ist diese Geschichte extrem wirkmächtig. Und sie bringt zahlreiche wohlhabende Adelige und Bürger dazu, beträchtliche Summen für die Leprosorien zu spenden. Sie wollen nicht in der Hölle landen, wie der mitleidlose, reiche Mann aus dem Gleichnis.\nDie Versorgung der Erkrankten war wohl jedenfalls in vielen Fällen besser als in unserer Vorstellung. Aber, um die rosa Brille mal wieder abzusetzen: Das Leid und die Ausgrenzung sind real und brutal. Die erzwungene Trennung von der Familie – oft für den Rest des Lebens - der Verlust von Hab und Gut und jeglichem sozialen Status. \nUnd natürlich: die Schrecken der Krankheit selbst. Die damaligen Behandlungsmethoden sind bestenfalls wirkungslos. Man versucht es mit den damals allgegenwärtigen Aderlässen, mit Quecksilber und Schlangenblut. Hildegard von Bingen empfiehlt im 12. Jahrhundert:\n„Wer vom Fressen und Saufen aussätzig wird, nehme Schwalbenkot, [...] Storchenfett [...] und etwas Schwefel [...] und bereite so daraus eine Salbe.\"\nSogar die Kastration wird als Heilmittel diskutiert. \nNaja, zumindest wäre damit das Koitus-Verbot im Leprosorium kein Problem mehr ...\nUnd dann ... verschwindet die Lepra plötzlich aus Europa …\nEs ist ein ziemlich einmaliger Vorgang: Um das Jahr 1400 beginnen die Fallzahlen zu sinken. Dramatisch zu sinken, bis die Lepra im 17. Jahrhundert in weiten Teilen Europas praktisch nicht mehr vorhanden ist. Zahlreiche Leprosorien werden umgewidmet, zum Beispiel zu Pesthäusern, denn, naja, an Krankheiten herrscht trotzdem kein Mangel. \nDie Ursachen sind bis heute nicht ganz geklärt. Eine Theorie sagt, dass es an besserer Hygiene gelegen haben könnte - aber hätte der Rückgang dann nicht auch zahlreiche andere Krankheiten betroffen? Lange Zeit ist die anerkannte Lehrmeinung, dass die Ausbreitung anderer Krankheiten die Lepra verdrängt habe. Vor allem die Tuberkulose, deren Erreger eng mit dem der Lepra verwandt ist, und die Pest stehen im Verdacht. Diese viel schnelleren und effektiveren Killer könnten so viele Lepra-Infizierte getötet haben, dass sie die Verbreitung gestoppt haben. Wie \"der Teufel mit dem Beelzebub\" wurde also möglicherweise \"die Lepra mit der Pest\" ausgetrieben. \nAuch nicht gerade ein Grund zu feiern. Und die Krankheit ist ja nicht verschwunden. In Indien, in Afrika, in Skandinavien und im Nahen Osten bleibt sie weit verbreitet, auch wenn genaue Zahlen fehlen. \nVom amerikanischen Kontinent glaubte man lange Zeit, dass er bis zur Ankunft der Europäer leprafrei gewesen sei. Inzwischen zeigten aber DNA-Untersuchungen an 4000 Jahre alten Skeletten in Chile, dass ein bestimmter Stamm von Lepra-Erregern dort schon lange heimisch war. Die Situation scheint aber eher der in Europa vor den Kreuzzügen entsprochen zu haben, mit lokalen Ausbrüchen und wenigen Betroffenen. \nDas ändert sich mit der Kolonisierung der \"Neuen Welt\" und ganz besonders mit dem Sklavenhandel. Millionen von afrikanischen Menschen werden nach Amerika verschleppt - darunter vermutlich Tausende, wenn nicht Zehntausende an Lepra Erkrankten. Sie bringen andere, aggressivere Stämme des Erregers mit. In den Kolonien wütet die Krankheit wie nie zuvor.",
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    "start": 1797.0,
    "text": "Moloka'I ist eine der hawaiianischen Hauptinseln, ein tropisches Paradies, in dem es unter anderem den mit 900 Metern höchsten Wasserfall der USA zu bestaunen gibt. Das Motto von Moloka'I lautet \"Die freundliche Insel\", obwohl sie wegen ihrer geringen Bevölkerungsdichte manchmal auch die \"vergessene Insel\" genannt wird. Im Norden befindet sich die Halbinsel Kalaupapa, heute ein Nationalpark. \nWer den besuchen möchte, muss eine spezielle Erlaubnis vorweisen und zu Fuß oder mit dem Maultier auf schmalen Serpentinenpfaden die Hunderte Meter emporragenden Klippen überwinden, die Kalaupapa vom Rest der Insel trennen. \nDie isolierte Lage macht die Halbinsel im 19. Jahrhundert zum scheinbar idealen Ort für eine Leprakolonie. \nHawaii, die Inselkette im Pazifik ist lange von der Krankheit verschont geblieben. Erst im Jahr 1823 erreicht sie schließlich Hawaii. Vermutlich haben chinesische Gastarbeiter sie mitgebracht. Die Krankheit verbreitet sich ungewöhnlich schnell - die Hawaiianer haben keine natürliche Immunität gegen die Seuche. Und die Bevölkerung ist durch andere aus Europa importierte Krankheiten wie Keuchhusten und Ruhr geschwächt und dezimiert. \nIm Jahr 1865 verabschiedet der König des damals noch unabhängigen Inselreichs ein Gesetz, das die Krankheit regelrecht kriminalisiert und die Einrichtung einer Leprakolonie auf der abgeschiedenen, schwer zugänglichen Halbinsel vorsieht.\nDie Regierung siedelt die ursprünglichen Bewohnerinnen und Bewohner um. 1866 werden bereits knapp 150 Menschen dort ausgesetzt. Man muss es so nennen. Im Gegensatz zu den \"Aussätzigen\" in der Bibel und im Mittelalter werden sie praktisch vollkommen sich selbst überlassen. Man geht davon aus, dass sie die zurückgelassenen Hütten bewohnen, die Felder bestellen und sich selbst versorgen würden. Doch viele der Ausgesetzten sind dafür zu schwach oder vom erzwungenen Exil vollkommen demoralisiert.\nMan muss sich das vorstellen: Familien werden auseinandergerissen, die Erkrankten werden von Kopfgeldjägern entführt. Und sie wissen, dass sie ihre Liebsten wohl nie wieder sehen werden. Selbst Kinder werden ihren Eltern entrissen und weggeschafft - oder bleiben als Waisen zurück, wenn ihre Eltern in die Kolonie verfrachtet werden. Lebenslänglich. Ohne Bewährung. Das paradiesische Kalaupapa wird zu einem Ort des Schreckens und der Verzweiflung.\nDie Situation bessert sich als 1873 der aus Belgien stammende Priester Damian de Veuster nach Kalaupapa kommt. Bald wird er international als \"Vater Damian, Apostel der Leprakranken\" bekannt und kann große Verbesserungen für die Verbannten durchsetzen. Kalaupapa entwickelt sich zu einer echten Gemeinde und wird über die Jahre und Jahrzehnte für viele der insgesamt 8000 Menschen, die bis in die 1950er Jahre hierhergebracht werden, zu einer neuen Heimat. \nVater Damian aber erkrankt 12 Jahre nach seiner Ankunft selbst an Lepra und stirbt im Jahr 1889 in Kalaupapa an der Seuche. \nÜberall in den Kolonialgebieten entstehen vor allem im 18. Und 19. Jahrhundert solche Leprakolonien, Zehntausende werden ihrer Heimat, ihrer Familie und der Fürsorge ihrer Gemeinde beraubt und interniert. In einigen Kolonien versorgt man sie gerade so mit dem Nötigsten, um nicht zu verhungern. An anderen Orten gibt es Menschen wie Vater Damian, manchmal auch Kolonialbeamte, die versuchen, das Los der Unglücklichen zu verbessern. Zum Beispiel den Arzt James Barry in Südafrika, dem wir in Staffel 3 eine Folge gewidmet haben.\nManche dieser Kolonien entwickeln sich zu echten Gemeinwesen, mit lokalen Handwerkern, mit einer eigenen \"Kulturszene\" wie man heute sagen würde und einer eigenen Wirtschaft. Einige Regierungen oder Kolonialverwaltungen führen deshalb ab Ende des 19. Jahrhunderts spezielle Währungen für diese Orte ein. Wenn die Verbannten Handel mit der Außenwelt betreiben wollen oder wenn Menschen von draußen Geld an ihre Verwandten in der Leprakolonie schicken möchten, geht das nur über den zuständigen Gouverneur oder andere staatliche Stellen. Die legen den Umrechnungskurs oft vollkommen willkürlich fest und bereichern sich an der Differenz.\nLeprakolonien existieren bis weit in 20. Jahrhundert. Nach Kalaupapa kommen übrigens nur die hawaiianischen Ureinwohner. Weiße, die sich auf Hawaii infizieren werden aufs Festland, ins National Leprosatorium nach Carville gebracht.\nZeit für einen weiteren Besuch bei Betty Martin.\nAnfang 1928. „Schafft sie sofort raus aus New Orleans oder ich informiere die Gesundheitsbehörde.“ Der Arzt, ein alter Freund der Familie, lässt nicht mit sich reden. „Ihre Geschwister sind wahrscheinlich auch infiziert, wir müssen sie alle untersuchen.“ \nSpäter kann sie sich nicht daran erinnern, ihre Eltern weinen gesehen zu haben. Nur ein verzweifelter Satz ihrer Mutter bleibt ihr in Erinnerung: „Aber sie braucht doch anständige Kleidung“\nDer Arzt schüttelt den Kopf: „Die wird ihr dort zur Verfügung gestellt“\nDort. In ihrem neuen Leben. In Carville. Umgeben von Stacheldraht. Herausgerissen aus ihrer Familie, ausgestoßen von der Gesellschaft. Sie verliert sogar das Recht zu Wählen. Sie wird zu: Betty.\n\"Die waren natürlich noch viel kleiner\", sagt sie mehr als 70 Jahre später gedankenverloren. \"Wer?\" fragt Irvine verwirrt.\n\"Die Pecanbäume, Dummerchen! Und die dort\", sie wedelt mit der Hand in Richtung der prächtigen zweistöckigen Patientenbehausungen im neoklassischen Stil, \"die standen noch gar nicht. Die wurden erst in den 40ern gebaut. Aber es ging uns auch vorher schon relativ gut. Hattens natürlich viel besser als die armen Teufel in den Leprakolonien in andern Teilen der Welt. Und trotzdem …\"\nAls sie nach Carville kommt, hofft sie, dass die Behandlung mit Chaulmoogra Öl sie heilen wird. Es ist die einzige wirkungsvolle Medizin, die damals zur Verfügung steht. Die Behandlung ist schmerzhaft und mit vielen Nebenwirkungen verbunden. Meist kann es die Erkrankung nur verlangsamen; nur in wenigen Fällen führt es zu einer Heilung. Und trotzdem: Ein halbes Jahr vielleicht, länger wird sie doch nicht bleiben müssen, oder? Nach einem Jahr teilt ihr Verlobter ihr mit, dass er sie verlasse. \nDas hier ist jetzt ihre Welt, ihr Leben, ihre Familie. \nSie macht das Beste daraus. Sie arbeitet im Labor des Krankenhauses, findet Freunde, verliebt sich in den Mitpatienten Harry Martin. Eine Heirat ist ihnen verboten, also schneiden sie eines nachts im Jahr 1933 ein Loch in den Stacheldraht und fliehen. Sie heiraten in New Orleans und leben mehr als 5 Jahre unerkannt in Freiheit. Dann kehren sie freiwillig zurück, als die Krankheitssymptome bei Harry zu stark werden. Als Strafe für die Flucht wird Betty Martin einen Monat lang in ein vergittertes Zimmer in einer kleinen Baracke gesperrt. \n\"Nach der Entlassung - naja, was heißt schon Entlassung, sagen wir so: Ich durfte aus dem kleinen Gefängnis wieder ins große umziehen. Danach hatten Harry und ich absolutes Kontaktverbot, aber zum Glück hat sich niemand darum geschert.\" Betty schweigt und lächelt still in sich hinein. In Gedanken ist sie beim besten Abendessen ihres Lebens.\nHühnchen mit Spaghetti. Juans Spezialität. Ihr guter Freund hat sie in seiner Villa empfangen - so nennt er die kleine Hütte, die er am Rand des Geländes selbst gebaut und mit einer winzigen Küche ausgestattet hat. \"Willkommen zurück in der Familie der Verdammten und Vergessenen!\", ruft er aus und hebt das Glas. \"Vergesst das Da-Draußen! Hier drinnen gibt es alles, was man braucht! Spaghettihuhn, meine Villa und - wie wir dank euch jetzt wissen - sogar ein Gefängnis!\"\nBetty Martin weiß es natürlich nicht, aber drei Jahre nach diesem Spaghetti-Dinner wird sich ihr Leben wieder einmal komplett ändern.",
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    "text": "Aber um diese Geschichte zu erzählen, müssen wir noch einmal ins Jahr 1873 zurückspringen. Am 28. Februar schaut im eiskalten norwegischen Winter der Arzt und Zoologe Gerhard Henrik Armauer Hansen durch sein neues und stark verbessertes Mikroskop am Lungegaards-Hospital in Bergen. Ja, genau. Der Hansen von Morbus Hansen. An diesem Morgen sorgt er dafür, dass die Krankheit eines Tages seinen Namen tragen wird.\nUnter dem Objektiv liegen frische Proben von kleinen Knötchen, sogenannten Lepromen, aus der Gesichtshaut eines Patienten, der an Lepra erkrankt ist. Norwegen ist zu dieser Zeit ein Hotspot der in weiten Teilen Europas selten gewordenen Krankheit. \nAls Hansen in der Gewebeprobe „stäbchenförmige, stark an Bakterien ähnelnde Körperchen“ sieht und diese später auch in zahlreichen weiteren Proben von Leprakranken findet, ist er sicher, dass er den Erreger der Lepra entdeckt hat: Mycobacterium leprae.\nHansens \"Körperchen\", wie er sie noch nennt, können unterschiedliche Formen der Krankheit auslösen. Unter anderem die \"tuberkuloide Lepra\". Ohne auf die Details einzugehen: Das ist in der Regel die am wenigsten schlimme Form. Sie bleibt meist auf die Haut und periphere Nerven beschränkt und manchmal kommen sogar spontane Selbstheilungen vor. \nViel gefährlicher ist die \"lepramotöse Lepra\". Sie führt auch zu den schlimmsten Entstellungen, zur schuppigen, elefantenartigen Haut, zu Blindheit, zu all den Symptomen, die das Schreckensbild der Lepra seit Jahrhunderten prägen.\nFür die endgültige Anerkennung seiner Entdeckung fehlt Hansen aber noch der Nachweis der Übertragbarkeit. Dummerweise lässt sich der Erreger nicht in der Petrischale kultivieren. Auch alle Versuche, ihn auf Tiere zu übertragen, scheitern.\nUnd so beginnt Hansen an Menschen zu experimentieren. In mindestens einem Fall ohne deren Einwilligung.\n3. November 1879. Die 33jährige Kari Nielsdatter Spidsøen lebt seit 17 Jahren in der Lepra-Einrichtung des Lungegaards-Hospitals. Sie leidet an der harmloseren, der tuberkuloiden Form der Lepra. Während einer Visite bittet Hansen sie, ihn in sein Büro zu begleiten. Er wolle mit ihr sprechen, sagt er.\nWir wissen nicht, ob er wirklich mit ihr gesprochen und was er gesagt hat. Plötzlich aber hat er ein Skalpell in der Hand. Sie versucht ihn mit dem Arm zurückzuhalten, ein anderer Arzt versucht sie zu beruhigen und hält sie fest, während Hansen mit dem Messer in die Bindehaut eines ihrer Augen ritzt ... \nDas Messer hat er kurz zuvor durch ein aktives Leprom eines Patienten gezogen, der an der gefährlicheren lepramotösen Lepra leidet.\nKari Nielsdatter Spidsøen erzählt ihre Geschichte dem Krankenhauspfarrer. Der informiert die Behörden und Hansen wird vor Gericht gestellt. \nDer Angeklagte gibt freimütig zu, der Patientin weder erklärt zu haben, was er vorhat, noch um Erlaubnis gebeten zu haben. Seine Begründung: Sie hätte sowieso nicht verstanden, worum es ging und wie wichtig es für die Welt sei, dass er ihr mit einem kontaminierten Messer ins Auge steche. Außerdem habe er große Erfahrung mit Augenoperationen. Sollte etwas passieren, dass ihr Sehvermögen bedroht, könne er es sicher unter Kontrolle bringen.\nHansen wird verurteilt und verliert seine Stelle im Lepra-Hospital. Allerdings behält er die prestigeträchtigere und einflussreichere Position als Generalinspekteur für Lepra im Königreich Norwegen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, noch zu seinen Lebzeiten, beginnt sich der Name \"Morbus Hansen\", Hansen-Krankheit, in der wissenschaftlichen Community zu seinen Ehren durchzusetzen. \nMan kanns auch so sehen: Irgendwie hat er’s verdient, dass eine so unangenehme Krankheit heute seinen Namen trägt.\nIn der umfangreichen juristischen, medizinethischen und historischen Literatur zum Fall findet sich kein einziger Hinweis auf das weitere Schicksal von Kari Nielsdatter Spidsøen.\nDie Übertragbarkeit wird schließlich von anderen nachgewiesen. Die Lepraerkrankung von Vater Damian gilt als wichtiger Beleg. Dazu kommen zahlreiche klinische Beobachtungen. Aber auch weitere Menschenversuche, unter anderem in der Leprakolonie Kalaupapa.\nDie große Hoffnung, dass die wissenschaftlichen Fortschritte zu einer schnellen Heilung der Krankheit führen, zerschlägt sich jedoch.\nBis zur Ankunft von … \"Promin\".\nDie Geschichte des ersten wirklich wirksamen Heilmittels beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts mit Paul Ehrlich und seiner Suche nach der sogenannten \"Zauberkugel\". Wir haben davon ausführlich in unserer Paul Ehrlich Folge in Staffel 3 erzählt, darum nur ganz kurz. Zu den wichtigsten Hilfsmitteln bei mikroskopischen Untersuchungen zählen die Färbemethoden. Bestimmte Substanzen färben nur bestimmte Arten von Zellen oder mikrobiellen Strukturen ein und machen sie unter dem Mikroskop besser erkennbar. Krankheitserreger oder Tumore zum Beispiel. Paul Ehrlichs Gedanke: wenn man sie gezielt färben kann, kann man sie vielleicht auch gezielt töten. Die “Zauberkugel” würde nur sie treffen. Die Idee macht ihn zum \"Vater der Chemotherapie\". Auch wenn die Zauberkugel eine Idealvorstellung bleibt, so funktionieren heute doch viele Medikamente und Therapien grundsätzlich nach diesem Prinzip. \nAusgehend von dieser Idee leitet in den frühen 1930er Jahren der Pathologe und Bakteriologe Gerhard Domagk ein Forschungsprogramm bei dem hunderte von synthetischen Farbstoffen auf mögliche medizinisch nutzbare Wirkungen untersucht werden. 1932 stellt er fest, dass der Farbstoff Prontosil, ein Burgunderrot, bei Mäusen effektiv gegen den Erreger Streptococcus pyogenes wirkt. In dieser Zeit trifft ein Schicksalsschlag seine Familie: Domagks 6jährige Tochter Hildegard fällt am 4. Dezember 1935 eine Treppe herunter. Sie ist gerade mit Handarbeiten beschäftigt und hält noch eine Nähnadel in der Hand. Beim Sturz dringt die in die Hand des Mädchens und bricht ab. \nSie kann zwar schnell und problemlos chirurgisch entfernt werden, doch das Unglück ist bereits geschehen: Hildegard hat sich an der - natürlich nicht sterilen - Nähnadel mit Streptokokken infiziert. Wenig später scheint es, als könne nur noch eine Amputation des Arms ihr Leben retten.\nStattdessen rettet sie Prontosil. Domagk hat gerade mit Versuchen an Patientinnen und Patienten begonnen und behandelt seine Tochter mit dem neuen Medikament. \nJuristisch und ethisch ist das sehr fragwürdig. Aber, naja, verstehen kann man ihn und natürlich ist das auch eine ganz andere Nummer als die rücksichtslosen Experimente von Hansen oder von einigen Ärzten auf Kalaupapa. \nEine Injektion genügt. Hildegard wird gesund, sie behält ihren Arm und als Erinnerung eine permanente rötliche Verfärbung der Haut ...\nEbenfalls 1935 isoliert ein französisches Team am Institut Pasteur die wirksame Substanz in Prontosil: Sie heißt Sulfanilamid und stammt aus der Stoffklasse der Sulfonamide aus der Gruppe der Sulfonsäureamide, die sich wiederum von von der 4-Aminobenzolsulfonsäure ableitet ... womit das hinreichend geklärt sein dürfte.\nWichtig für uns: Viele dieser Sulfonamide haben eine antimikrobielle Wirkung. Die Entdeckung löst eine weltweite Suche nach weiteren, als Medikament einsetzbaren Varianten aus. In den nächsten 10 Jahren werden mehr als 5000 Sulfonamide synthetisiert, von denen eine ganze Reihe als Medikament für die unterschiedlichsten Krankheiten auf den Markt kommen.\n1937 untersuchen mehrere Teams auch das Sufonamid Dapson, einen Farbstoff, der bereits 1908 synthetisiert wurde. Wie Prontosil hat er eine antimikrobielle Wirkung. Den amerikanischen Forschern Edward Tillitson und Benjamin Tullar gelingt es kurz darauf, das schwer anwendbare Dapson in eine wasserlösliche Form zu überführen, die sich für Injektionen eignet. Sie nennen das Medikament \"Promin\".\nVersuche an Meerschweinchen zeigen, dass es ziemlich wirksam gegen den Erreger der Tuberkulose ist: Mycobakterium Tuberculosis. Der Name sagt es schon: Er ist eng verwandt mit Mycobacterium Leprae. \nDas weckt die Aufmerksamkeit von Dr. Edmund Cowdry, der an der Washington University beginnt, das Medikament an mit Lepra infizierten Ratten zu erproben. Die Ergebnisse sind sensationell, was wiederum den Arzt Dr. Guy Faget vom Lepra-Hospital von Carville, Louisiana, auf den Plan ruft. \nIm März 1941 behandelte Faget die ersten Patientinnen und Patienten in Carville mit Promin.\n„Sieht aus wie ein Soldatenfriedhof, was?“, Betty lässt den Blick über die exakt in Reih und Glied stehenden, gleichförmigen Grabsteine des Patientenfriedhofs von Carville schweifen. „Wussten Sie, dass früher Männer und Frauen in Carville früher streng getrennt waren? Sogar Eheleute, die zusammen eingeliefert wurden. Der Friedhof war die einzige Ausnahme! Hier trafen sich die Liebenden. Zu meiner und Harrys Zeit war das alles nicht mehr so streng, aber wir hatten auch unsere Friedhofsrendezvous. Naja, wenn die Welt einen sowieso für tot hält, kommt einem ein kleiner Kuss zwischen Gräbern gar nicht mehr sooo makaber vor ...“Ted Irvine schaut auf seine Armbanduhr und räuspert sich. \"Ähm, Mrs. Martin ...Darf ich vielleicht kurz unterbrechen ...\"\nDarf er nicht.\n\"Komisch, nicht wahr?! Manchmal waren wir wirklich glücklich. Aber über allem lag die Angst. Wir sahen oft genug bei anderen Patienten, was uns in Zukunft blühte. Die verkümmerten Gliedmaßen, die Entstellungen und unsere größte Sorge: die Blindheit ...\"\"Und dann kam das Frühjahr '41\", wirft Irvine ein, um endlich auf sein Thema zu sprechen zu kommen. Er soll einen kurzen Text zum 60. Jahrestag der ersten Prominbehandlungen gegen Lepra schreiben. Gerade mal eine Spalte auf Seite 7 hat ihm der Chefredakteur zugestanden. \n\"Dann kam das Frühjahr '41\", bestätigt Betty und schweigt. \n\"Ähm ja. 'Das Wunder von Carville'. Vielleicht erzählen Sie mir kurz davon\", sagt Irvine flehend. Er wünschte, die alte Dame würde einfach die Fragen von seiner Liste beantworten und sich nicht die ganze Zeit in ihren Erinnerungen verlieren.Aber da hat sie sich schon wieder verloren, sitzt in Gedanken mit ihrem Ehemann unter einem Pecanbaum, schaut durch einen stacheldrahtgekrönten Zaun auf den friedlich dahinfließenden Mississippi und träumt von einem Leben in Freiheit ...\n\"Das Wunder von Carville\" ist der Titel der Autobiografie von Betty Martin, die in den 50er Jahren zu einem internationalen Bestseller wird. \nSie und ihr Mann Harry gehören zu den ersten, die unter Guy Faget mit Promin, bzw. Dapson behandelt - und geheilt werden. Hansen-Krankheit ist nicht länger ein Schicksal, vor dem es kein Entkommen gibt. \nEnde der 40er Jahre werden Betty und Harry als geheilt entlassen. \nEin paar Details und den verzweifelten Journalisten haben wir uns ausgedacht, die meisten Fakten über Betty Martins Leben in Carville sind aber durch viele Quellen belegt – unter anderem durch ihr Buch. Ihr Geburtsname ist inzwischen auch ans Licht gekommen, aber den müsst ihr selbst ergooglen – wir halten uns an ihren Wunsch.",
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    "text": "Dapson ist natürlich kein Wundermittel, keine göttliche Berührung wie bei Jesus: Behinderungen, die bereits entstanden sind, bleiben; gefühllose Stellen werden nie mehr etwas spüren, und sind daher ein Leben lang stark verletzungs- und infektionsgefährdet. \nUnd noch etwas kann Dapson nicht heilen: Die Angst, als \"aussätzig\" angesehen zu werden. Harry Martin schreibt später: \n\"Wir haben zu lange in Einsamkeit und Angst gelitten. Unsere Angst vor dem Stigma hat eher zu- als abgenommen, weil wir jetzt mehr zu verlieren haben, wenn wir entlarvt werden.\"\nHarry Martin stirbt im September 1996, Betty Martin wird 93 alt und stirbt im Juni 2002.\nDie Geschichte der Heilung von Hansen-Krankheit endet nicht mit Dapson. Auch wenn es bis heute eines der wichtigsten Medikamente bleibt.\nDer Erreger von Hansen-Krankheit ist, wie erwähnt, eng mit dem Erreger der Tuberkulose verwandt. Das führt zu ähnlichen Problemen bei der Behandlung. Vielleicht habt ihr ja schon unsere Folge über die Tuberkulose gehört, wo wir darauf näher eingehen - wenn nicht: Hört mal rein, das lohnt sich.\nHier nur ganz kurz: Mycobakterium Leprae und Mycobakterium Tuberculosis sind sehr, sehr widerstands- und anpassungsfähig.",
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    "text": "Dr. Saskia Kreibich: \n„Es gab sehr viele Resistenzentwicklungen, was immer der Fall ist, wenn man Bakterien mit einem einzelnen Antibiotikum für einen langen Zeitraum behandelt. Seit 1983 hat die WHO offiziell diese Multikombinationstherapie genehmigt. Das ist eine Kombinationstherapie aus Rifampicin, Dapson und Clofazimin, die man über einen Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten verabreichen muss. Früher waren es eigentlich bis zu zwei Jahre, aber seit 2018 ist die WHO auch davon abgewichen und sagt, es reicht eigentlich in der Regel, wenn Patienten je nach Manifestationsgrad der Erkrankung sechs Monate oder zwölf Monate behandelt werden.“",
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    "text": "Andrea Sawatzki:\nIn Ausnahmefällen auch noch deutlicher länger. Die Behandlung ist herausfordernd und oft extrem belastend. Aber: Am Ende steht meistens die Heilung.\nDie Kombinationstherapie-Therapie hat seit ihrer Einführung viele Millionen Menschen geheilt. Und, was wirklich eine gute Nachricht ist: Bereits drei Tage nach der ersten Dosis ist die Krankheit nicht mehr ansteckend. \nSogar eine Ausrottung der Lepra scheint möglich, so wie es uns einst mit den Pocken gelungen ist - und das obwohl es keine zugelassene Impfung gibt. Noch nicht: Im Jahr 2025 begann der testweise Einsatz eines Impfstoffes in Brasilien.\nDie Weltgesundheitsorganisation jedenfalls hat das Ziel ausgerufen, die Lepra noch in diesem Jahrzehnt zu eliminieren. Ihre \"Towards Zero Leprosy\"-Strategie besteht eigentlich aus drei Zielen: Null Ansteckungen und Erkrankungen. Logisch. Null leprabedingte Behinderungen. Auch klar. Und, nicht ganz so offensichtlich: Null Ausgrenzung und Stigmatisierung. \nIn Deutschland gab es in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich einen neuen Leprafall. Es handelte sich in allen Fällen um „importierte Infektionen“: Menschen, die sich anderswo angesteckt haben, in einem Land, in dem die Krankheit noch immer recht häufig ist. Unsere kleine fiktive Szene vom Anfang ist nicht ausgeschlossen, aber sehr, sehr unwahrscheinlich, das hatten wir ja schon. Und das ist natürlich eine gute Nachricht. In der aber gleich drei schlechte Nachrichten stecken. \nErstens: Es gibt Länder, in denen die Krankheit noch recht häufig ist. Dazu kommen wir gleich. \nZweitens: Dass sie in Deutschland praktisch verschwunden ist, macht die Diagnose schwierig. Es kann viel Zeit vergehen, bevor eine Ärztin, ein Arzt, überhaupt auf die Idee kommt, dass dieser rötliche Fleck am Schienenbein oder die merkwürdig taube Stelle am Handgelenk auf Mycobakterium Leprae hindeuten könnte.\nUnd Drittens: Der Fokus der medizinischen und pharmakologischen Forschung liegt auf den Problemen - und, seien wir ehrlich - Absatzmärkten der reichen Industrienationen. \nEtwa 180.000 Fälle werden weltweit jährlich neu diagnostiziert und gemeldet, vor allem aus Indien, Indonesien, Myanmar, Brasilien und Nigeria. \nBesonders tragisch: Aufgrund der - begründeten - Angst vor sozialer Ächtung und der prekären Lage der Gesundheitssysteme in diesen Ländern, werden viele Erkrankungen viel zu spät diagnostiziert.",
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    "text": "Dr. Saskia Kreibich:\n„Und in vielen Ländern sehen wir, 30 bis 40 Prozent der neu infizierten Patienten haben bereits Behinderungen, weil dann die Menschen teilweise schon jahrelang von diesen Symptomen betroffen waren, aber sich nicht getraut haben und dann eben nach außen hin ganz sichtbar von der Lepra betroffen sind. Und dadurch dann auch gesellschaftlich häufig wieder mehr ausgeschlossen und diskriminiert werden. Und es gibt weltweit immer noch über 100 diskriminierende Gesetze, die Leprabetroffenen absolut nicht die gleichen Rechte zusprechen. Und wenn man sich vorstellt, dass zum Beispiel bis in die 90er Jahre in Japan eine Lepradiagnose ein Grund für eine Zwangssterilisation bei Frauen war, dann ist das schon irgendwie sinnbildlich dafür, wie stark diese Stigmatisierung bis heute fortgetragen wird. Es hat sich so eine gewisse Offenheit ergeben, aber leider glaube ich, ist die Angst vor der Lepra teilweise irrational nach wie vor noch vorhanden. Und vor allen Dingen die Eigenscham.“",
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    "text": "Andrea Sawatzki:\nEs scheint noch ein weiter Weg bis zu den drei Nullen, die von der Weltgesundheitsorganisation für das Jahr 2030 angestrebt werden. Aber die größten und schwierigsten Schritte haben wir schon getan. Und ich hoffe sehr, dass uns nicht auf den letzten Metern die Motivation verlässt oder wir sogar, wie im Fall der Tuberkulose, wieder rückwärts gehen. Hansen-Krankheit ist heilbar. Desinteresse und Unwissenheit hoffentlich auch.\nVielen, vielen Dank fürs Zuhören! Und natürlich auch an unsere Expertin, Dr. Saskia Kreibich. Wenn euch diese Folge gefallen hat und ihr uns einen kleinen, aber wirklich hilfreichen Gefallen tun wollt, dann bewertet uns bitte bei Spotify, Apple Podcasts oder in der Podcast-App eurer Wahl. Das freut uns wahnsinnig und es hilft anderen, den Podcast besser zu finden.\nIn unserer nächsten Episode geht es unter anderem um die Cholera. Eine tödliche Krankheit – auch Auslöser für große Revolutionen in der Hygiene, der Stadtplanung, der Epidemiologie. Bis dahin: Bleibt gesund, und neugierig und: wenn euch doch eines Tages eine Freundin von ihrer Lepradiagnose erzählt: nehmt sie einfach kurz in den Arm.\nEure Andrea Sawatzki",
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    "text": "Sprecher:\nSiege der Medizin. Ein Podcast von gesundheit-hören – das Audio-Angebot der Apotheken Umschau.\nExecutive Producers „gesundheit-hören“: Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück\nExecutive Producers „WakeWord“: Ruben Schulze Fröhlich und Christoph Falke\nAutor: Volker Strübing\nRegisseur: Berni Mayer\nRedaktion „WakeWord“: Berni Mayer, Volker Strübing, Josephine Aleyt\nRedaktion „gesundheit-hören“: Kari Kungel\nMedizinisch-pharmazeutischer Faktencheck: Dr. Andreas Baum, Dr. Roland Mühlbauer, Dr. Katharina Kremser\nMusik: Johannes Cornelius\nSound Design: Felix Stäblein\nProduktionsleitung: Josephine Aleyt\nProduziert von den Wake Word Studios in München",
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