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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nHallo und willkommen im Reich der Sünde. Willkommen im kinky Kosmos der sexuell übertragbaren Krankheiten, der sexually transmitted infections, in besonders verruchten Fachkreisen auch STIs genannt. Hier finden wir eine Krankheit, deren Ruf in den letzten 500 Jahren konstant schlecht geblieben ist. Gedeutet als die Strafe der Venus oder noch schlimmer – eine Strafe Gottes. Eine Strafe für sexuelle Maßlosigkeit, für sündhaften Lebenswandel, für einen gravierenden Mangel an Moral. Und in dieser Folge schauen wir uns mal an, was passiert, wenn der menschlichste aller menschlichen Impulse auf eine tödliche Krankheit trifft. Ok, hier dachtet ihr sicher, ich rede bei menschlichen Impulsen von unserem Sexualtrieb. Doch den meine ich gar nicht. Ich meine vielmehr unseren Hang, immer den anderen die Schuld zu geben. SPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau\nANDREA SAWATZKI:Hallo, mein Name ist Andrea Sawatzki und ich begrüße euch ganz herzlich bei „Siege der Medizin“. Wie immer unternehmen wir nicht nur eine Expedition durch die Geschichte der Krankheit, sondern tauchen hier und da auch bisschen fiktiv in Einzelschicksale ein, in dieser Folge u.a. auf einem Schiff der Kolumbus-Expedition, einer schneeverwehten Piazza in Turin um die Jahrhundertwende und einem Flugplatz in Alabama. Die Syphilis ist bei den meisten von euch sicher als sogenannte Sex-Krankheit abgespeichert.  Und in der Tat zählt die Syphilis zur Gruppe chronischer Infektionskrankheiten aus der Gruppe sexuell übertragbarer Erkrankungen. \nPROF. DR. NORBERT BROCKMEYER:\nDie Syphilis wird durch Geschlechtskontakte übertragen oder durch enge Körperkontakt. Also es ist nicht nur der invasive Geschlechtverkehr, sondern es sind auch ganz enge Körperkontakte. Natürlich ausgeprägte Küsse, Knutschen, alles das, wo es zu sehr engen Kontakten kommt. Und deshalb sind auch die Veränderungen, die wir haben, sind dann sehr häufig im Mundbereich. Sie sind vaginal, sie sind am Penis, sie sind anal. Und die Dermatologen haben früher immer sehr gerne an so Hautveränderungen die so bei der Syphilis 2 entstehen, herumgekratzt. Und dann hatten sie auch, weil die so hochinfektiös sind, hatten sie dann auch schon mal den Syphilisinfekt am Finger.\nANDREA SAWATZKI:Das ist Prof. Dr. Norbert Brockmeyer, Facharzt und Forscher für Haut- und Geschlechtskrankheiten und ehemaliger Präsident der deutschen AIDS-Gesellschaft.Die Syphilis wird ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen. Falls Hunde oder Katzen zuhören, können die an dieser Stelle aufatmen. Zurück zur Übertragung: Schleimhautkontakt ist hier der entscheidende Faktor, das bedeutet aber auch, dass eine erkrankte Mutter während der Schwangerschaft ihr Kind infizieren kann. Man spricht dann von kongenitaler oder angeborener Syphilis.Die Syphilis hat neben ihrem eigentlich ganz ästhetischen Hauptnamen noch ein paar andere bemerkenswerte Namen bzw. Synonyme. Da wäre zunächst mein Favorit: harter Schanker. Klingt doch deutlich ungemütlicher als Syphilis, oder? Dann heißt sie auch Lues oder Lues venera, Morbus Schaudinn, Maselsucht oder auch ganz anschaulich… Liebespest.  Im Lauf der Geschichte wurde sie zudem – und das zeigt so ein bisschen wo die Reise hingeht – Morbus Gallicus, also die „Franzosenkrankheit“ genannt. Zumindest in Deutschland und Italien. In Frankreich nennt man sie „Mal de Naples“, die „Neapolitanische Krankheit“, in Polen „Deutsche Krankheit“, in Russland ist es die „Polnische Krankheit“, in der Türkei „die christliche“ und für die Perser die „türkische Krankheit“.  Das Muster ist klar: Die Ausländer sind schuld.\nDoch woran eigentlich genau? Am Sex? An der unzüchtigen Lebensweise? An der ganzen Krankheit? Ich behaupte einfach mal ganz dreist: Die Hauptschuld liegt bei einem Bakterium namens Treponema pallidum.\nPROF. DR. NORBERT BROCKMEYER: Also für die Syphyllis brauchen wir wirklich enge Körperkontakte, wo dann die Syphilis, die Treponema pallidum, dann wirklich auch durch Mini-Hautläsionen in den Körper eindringen können. Denn wenn sie außerhalb des menschlichen Körpers sind, sind die Treponemen nicht sehr lange überlebensfähig.\nANDREA SAWATZKI:Die Krankheit verläuft in unterschiedlichen Stadien und das Tückische daran ist, das die zum Teil Jahre, wenn nicht Jahrzehnte auseinander liegen können. Im Primärstadium – auch Lues 1 genannt – zeigt sich etwa drei Wochen nach Ansteckung an der Eintrittsstelle ein hartes, schmerzloses Geschwür mit verhärtetem Rand – der sogenannte „harte Schanker“. Je nachdem, wie man sich angesteckt hat, taucht es am Penis, an den Schamlippen, in der Vagina, im Enddarm oder im Mund auf. Gleichzeitig schwellen die Lymphknoten in der Umgebung an. Nach 3 bis 6 Wochen heilt das Geschwür auch ohne Behandlung ab, scheinbar ist die Krankheit überstanden. Einige Wochen bis Monate später folgt dann aber häufig das Sekundärstadium, Lues 2, mit grippeähnlichen Symptomen wie Fieber, Müdigkeit und Kopf- oder Gliederschmerzen. Am ganzen Körper können sich Ausschläge zeigen – manchmal als rötliche Flecken, manchmal als nässende Papeln, also erhöhte Stellen, die besonders ansteckend sind. Auch Haarausfall oder Augenentzündungen mit Sehstörungen sind möglich. In dieser Phase ist die Syphilis am ansteckendsten. Und dann verschwinden in vielen Fällen die Symptome wieder. Oft  für Jahre oder sogar Jahrzehnte.  Man spricht hier von der „latenten Phase“, denn die Krankheit kann in dieser Zeit klammheimlich fortschreiten. Ohne Behandlung entwickelt ungefähr ein Drittel der Infizierten eine Spätsyphilis – die Krankheit erreicht das Tertiärstadium. Jahre bis Jahrzehnte nach der Ansteckung befällt sie innere Organe, Gefäße und Knochen. Typisch sind sogenannte „Gummen“ – gummiartige Knoten, die das Gewebe zerstören. Auf der Haut entstehen tiefe Geschwüre, an Knochen und Schleimhäuten kann es zu entstellenden Schäden kommen. Besonders gefürchtet ist die syphilitische Aortitis: Sie schwächt die Hauptschlagader, im schlimmsten Fall droht sogar ein lebensgefährlicher Riss. Und dann gibt es da noch die Neurosyphilis. Früher wurde sie fälschlicherweise als 4. Stadium bezeichnet. Und um die ranken sich die ganzen Mythen von Genie und Wahnsinn und sogar gesteigerter Libido kurz vor dem Tod. Tatsächlich ist die Beteiligung des Nervensystems aber keine eigene „vierte Stufe“, sondern kann in jedem Stadium auftreten. Der bis heute übliche Name Syphilis geht auf den italienischen Arzt und Dichter Girolamo Fracastoro [Dschirólamo Frakastóro] zurück. Der hat 1530 eine Art Lehrgedicht über die Krankheit verfasst und sie gleich mal den Franzosen untergejubelt. In dem Gedicht gibt es einen Hirtenjungen mit dem Namen Syphilus, der als erster an der Krankheit erkrankt, ein Patient Null sozusagen. Syphilus wird von Apollo wegen Gotteslästerung bestraft – das Ganze fängt also schon mit einer Schuldzuweisung an. Dazu kommt, dass der Name Syphilus auch mit „Schweine-liebend“ übersetzt werden kann, klingt ja auch nicht nett. Doch wenn nicht Apollo oder der Hirte Schuld sind, woher kommt denn nun die Syphilis? Für eine mögliche Antwort begeben wir uns zunächst mal auf hohe See.\nMitte Februar 1493. Die atlantische Nacht fühlt sich kälter an als noch gestern. Das Treppengeländer, das zum Unterdeck führt, ist feucht. Der Schiffschirurg, der „barbero“,  ein kleiner und geduldiger Mann namens Hernando Alvarez hat eine anstrengende Nacht vor sich. Er wischt sich trotz der Kälte den Schweiß von seiner breiten Stirn, dann zieht er sich seinen Hut über die Ohren und tritt den Weg ins Achterkastell an. Eine kleine Öllampe leuchtet ihm den Weg durch schlafende, stinkende und hustende Matrosen. Alavarez mag die Niña nicht besonders. Es ist ihr einziges verbleibendes Schiff nach dem schweren Sturm bei den Azoren und dem Untergang des Flaggschiffs. Es ist klein, eng und überall klamm und kalt. Das Wasser steht ihnen in manchen Teilen bis zu den Knien und es riecht wie in einem Ziegenstall. Alvarez zieht den Kopf ein und betritt den schmalen Durchgang zum hospitalillo [ospitalijo], dem kleinen Krankenquartier im Vorschiff. Der Schiffspriester liegt auf einem Strohsack in einer Ecke, isoliert von den anderen Kranken, um seinem Sonderstatus zumindest irgendwie gerecht zu werden.\n„Wie geht es Ihnen heute, Padre?“, fragt Alvarez und stellt die Öllampe auf den Boden, in der Hoffnung, dass sie bei dem unangenehmen Seegang nicht umkippt und das Stroh in Brand setzt, auf dem der Priester liegt. „So Gott will, wird es mir bald besser gehen“, antwortet der Kapellenpfarrer aus Nordspanien, der in den letzten Monaten so getan hat, als wäre er höchstpersönlich von Papst Alexander VI gesandt, um das Wort Gottes unter die Ungläubigen zu tragen. Und der kein Problem damit zu haben schien, wenn die Männer den Einheimischen die Hände oder sogar den Kopf abschlugen, falls sie beim Stehlen von Lebensmitteln erwischt wurden. „So Gott will, legen wir in ein paar Tagen auf den Inseln an und eure Heiligkeit können sich unter einer Palme ausruhen und frische Früchte zu sich nehmen statt Schiffszwieback, der in der Härte den azoischen Felsen nicht nachsteht.“, sagt Alvarez.„Ich lege all mein Vertrauen in meinen Herrn, Alavarez. Aber tut gerne, was ihr tun könnt. Nicht nur die Männer hier brauchen meinen Beistand, auch die Moral unseres Kapitäns hängt von meiner schnellen Genesung ab. Kolumbus braucht jetzt jede nur denkbare Hilfe, um uns nach Hause zu bringen.“\nNimm dich nur nicht zu wichtig, denkt Alvarez und greift in den Lederbeutel, den er sich umgehängt hat. Er mustert den Priester, dessen Hände umklammern den Rosenkranz, als hinge sein Leben davon ab. Sie sind mit braunen und roten Flecken übersät.Alvarez holt ein Schwefelpräparat aus seinem Täschchen und träufelt etwas davon auf einen Holzlöffel. Dann kippt er den Löffel vorsichtig auf einen der wunden Flecken auf dem Gesicht des Priesters und wartet dessen Reaktion ab. Der Priester stöhnt auf und versucht sich zu kratzen, dabei fällt der Rosenkranz ins Stroh. \n„Nicht kratzen, Padre, das macht es nur schlimmer. Haben Sie sonst irgendwo Schmerzen?“„Nein, nicht mehr. Es war auch nichts Ernstes.“  Seine Stimme klingt schwach und trotzdem seltsam trotzig.„Jetzt rücken Sie schon raus mit der Sprache, ich kann Ihnen nicht helfen, wenn ich nicht weiß, wo es Ihnen weh tut. Wenn Sie eine Schwellung oder ein Geschwür haben, von dem ich nichts weiß, kann es platzen und Sie vergiften sich mit ihrem eigenen Blut.“Der Geistliche nickt unendlich langsam, bevor er die Augen schließt und ächzt: „Die Lenden, es war in den Lenden, doch der Herr hat mich davon erlöst.“Der Priester ist nicht der Erste der Besatzung, der in den letzten Wochen über Schmerzen an seinen „partes privadas“ geklagt hat. „Soll ich trotzdem nachsehen?“, fragt Alvarez.„Nein, nicht notwendig, lassen Sie es sein“, faucht der Priester. „Ich vertraue auf Gottes Gnade. Möge seine Strafe milde ausfallen.“ Seine Hände wühlen verzweifelt nach dem Rosenkranz im Stroh.„Wovon reden Sie, Padre? Strafe wofür?“, will Alvarez wissen.„Dass wir uns mit den Ungläubigen eingelassen haben. Was war ich für ein Narr zu glauben, dass sie die Lehre Christi einfach so annehmen.“Alvarez muss sich ein höhnisches Grinsen verbeißen. „Und das, obwohl Sie die Lehre unter Einsatz all ihrer Manneskraft eigenhändig verbreitet haben.“„Gott wird auch Sie bestrafen für ihre frevelhaften Worte, Alvarez“. Der hat Nerven, mir zu drohen, denkt Alvarez. Er hat so viel Elend gesehen, seit sie aus der neuen Welt aufgebrochen sind, er hat zahllose Wunden gesäubert, Männer zur Ader gelassen und sogar Gliedmaßen amputiert, ohne groß zu fragen, aber diesen arroganten Priester muss er mit Samthandschuhen anfassen, weil Kolumbus das so will. Weil der Papst es so will. Oder Gott selbst. Weiß der Teufel, wer hier eigentlich noch das Sagen hat. Alles, was Alvarez weiß, ist, dass diese Krankheit seit Tagen um sich greift wie die Pest. Es ist fast, als hätten sie etwas aus der neuen Welt mitgebracht. Die Rache der Einheimischen.„Lassen Sie mich jetzt endlich beten“, sagt der Priester und umklammert zitternd seinen Rosenkranz, den er mit letzter Kraft aus dem Stroh gefischt hat. „Na dann gute Nacht, Eure Hochheiligkeit“, sagt Alvarez, hebt die Öllampe auf und widmet sich seinem nächsten Patienten.\nEinen Barbero namens Alavarez hat es auf Kolumbus Rückreise vermutlich ebenso wenig gegeben wie den Priester mit den Syphilis-Symptomen, aber beide könnte es gegeben haben. Warum wir diese Geschichte erzählen? Weil die Kolumbus Expedition zumindest EINER Theorie zufolge als Startschuss für die Syphilis in Europa gilt, auch wenn bis heute nicht exakt belegt werden kann, dass da tatsächlich etwas aus der neuen Welt eingeschleppt wurde. Die anderen Theorien schauen wir uns gleich danach an. 1492 setzt Christoph Kolumbus in Spanien die Segel, um auf dem Seeweg eine neue Route nach Asien zu entdecken. Stattdessen landet er auf dem amerikanischen Kontinent und hinterlässt dort sofort jede Menge Bakterien aus der alten Welt, die die Einheimischen im Eiltempo dahinraffen. Masern, Tetanus, Typhus … you name it. Man könnte fast sagen, die Syphilis sei eine Revanche gewesen. Die Kolumbus-Theorie ist bis heute bei Fachleuten umstritten, aber hat im Jahr 2000 Fahrt aufgenommen, nachdem der Anthropologe Bruce Rothschild in der Dominikanischen Republik Hinweise auf Syphilis in Skeletten fand. Denn die Dominikanische Republik lag definitiv auf Kolumbus Rückreise-Route. Aber vermutlich gab es zumindest sehr ähnliche Krankheiten schon vorher in Europa. Eine Studie aus Zürich aus dem Jahr 2020 deutet darauf hin, dass Treponema Pallidum wohl schon vor Kolumbus Tournee durch die neue Welt verbreitet war. Anhand von DNA-Proben konnten bei vier Funden menschlicher Überreste in Finnland, Estland und in den Niederlanden Spuren des Krankheitserregers gefunden werden. Und auch in Österreich, genauer gesagt am Domplatz in St. Pölten sind Archäologen vor gut zehn Jahren auf Skelette aus dem 14. Jahrhundert gestoßen, die Symptome einer kongenitalen Syphilis aufweisen. So gesehen: Wieder so eine Sache, die Kolumbus dann doch nicht wirklich als Erster entdeckt hat. Denn auch in Amerika waren ja lange vorher schon die Wikinger da gewesen - und natürlich die Indigenen selbst. Was Kolumbus aber als zweifelhaften Ehrenwimpel behalten darf: Kurz nachdem er am 15. März 1493 im spanischen Hafen Palos eintrifft, fängt die Syphilis an, sich mit furchterregender Geschwindigkeit in Europa auszubreiten, der Höhepunkt davon ist der Ausbruch in Neapel im Jahr 1495, zu dem kommen wir gleich. Auf einer weiteren seiner Tourneen durch die Neue Welt erkrankt Kolumbus übrigens selbst wiederholt an hohem Fieber, zeigt immer mehr Anzeichen von Verwirrtheit und sogar Wahnsinn und stirbt schließlich 1506 mit den Worten „In Manus Tuas Domine, Commendo Spiritum Meum“. In deine Hände, Herr, lege ich meinen Geist. Oder das, was davon übrig ist.\nNeapel 1495. Das süditalienische Machtzentrum mit lukrativem Zugang zum Mittelmeer. Das sich der französische König Karl VIII unter den Nagel reißen will, weil er seine eigene Dynastie für weit wichtiger hält als die des neapolitanischen Machthabers Alfonso II von Aragon, einem Spanier. In dessen Heer sich unter anderem ehemalige Seefahrer-Kollegen von Kolumbus befinden. 18.000 berittene Franzosen und 20.000 Fußsoldaten erstürmen die Stadt, die sich innerhalb kürzester Zeit ergibt. Karl VIII reitet kurz darauf höchstpersönlich in einem Streitwagen ein, lässt sich von vier weißen Pferden ziehen. Win-Win-Situation für Karl, könnte man meinen, doch innerhalb einer Woche rebelliert die Bevölkerung gegen den plündernden Besatzer und Karl ist schneller weg, als er „au revoir“ sagen kann. PROF. DR. NORBERT BROCKMEYER: Als er dann wieder Neapel aufgeben musste, also Karl der Achte, hat sich sein Söldnerheer ja natürlich verstreut, das was noch da war. Und dadurch ist überall wo diese Söldner aufgetreten sind, sind dann halt große Syphilis-Epidemien entstanden. Sodass sich ganz schnell die Syphilis über halb Europa, ganz Europa verteilt hat. \nANDREA SAWATZKI:Und damit haben wir den Salat. Und den beschreibt der Sizilianische Arzt Nicolas Squillacio so: „Die eitrigen Pusteln verbreiten sich kreisförmig und ein hochansteckender Lupus verbreitet sich im Übermaß. Die Anzeichen der Krankheit sind die Folgenden: Juckende Stellen und Schmerzen in den Gelenken, das Fieber steigt rasant an, die Haut ist entzündet und mit geradezu widerwärtigem Schorf bedeckt und vollkommen überzogen mit leuchtend roten Geschwülsten und Tuberkeln, die bald immer dunkler werden. Nach ein paar Tagen quillt ein blutiger Fluss heraus; darauf folgen Wucherungen, die wie kleine Schwämme aussehen, die jemand ausgedrückt hat. Die Krankheit dauert nicht länger an als ein Jahr, obwohl die Narben auf der Haut zurückbleiben. Sie beginnt oft in den Genitalien … und ich fordere Sie alle auf, eine neue Medizin zu finden und die Plage der Italiener zu beseitigen. Nichts ist schlimmer als dieser Fluch, dieses barbarische Gift.“ Da ist es wieder: Die anderen sind schuld. Es gibt sogar die Bezeichnung „Zombies der Renaissance“, denn die Überlieferungen von Augenzeugen in Neapel berichten von „faulenden Gesichtern, von abfallenden Nasen und Genitalien während die Menschen noch am Leben sind und verwirrt durch die Straßen wandern“.Ok, damit ist die Syphilis in der Welt, bzw. in der „alten Welt“. Und Seeleute und Soldaten kehren nach dem Krieg in ihre Heimatländer und Städte zurück und haben eine nette Überraschung für ihre Familien und Mitmenschen im Gepäck. Und natürlich gleich eine Ausrede: Die Franzosen bezichtigen zum Beispiel die unmoralischen spanischen und italienischen Frauen, für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich zu sein. Der Theologe Erasmus von Rotterdam sagt 1518: „Wenn man mich fragt, welche Krankheit die meisten Menschen tötet, dann würde ich sagen, es ist diese.“ Er nennt sie „horrendum malum“, ein schreckliches Übel. Also muss dringend ein Heilmittel her. Ein deftiges, denn man treibt den Teufel ja am besten mit dem Beelzebub aus, wie man so schön sagt.Ein französisches Landhaus irgendwo in der Nähe von Lyon im Sommer des Jahres 1503. Nehmen wir mal an, dort wohnt die adelige Familie Beaujolie, es ist Juni, selbst um 9 Uhr abends ist es noch taghell. Der junge Adelige Jean liegt auf seinem Bett und schwitzt fässerweise Körperflüssigkeiten aus. Die Familie befürchtet das Schlimmste, schließlich war er wenige Jahre zuvor auf dem Neapelfeldzug. Deshalb hat sein Vater auch Karls ehemaligen Feldarzt geholt, einen großgewachsenen Barbier namens René Sauvant, der den jungen Mann untersucht. „Das wird jetzt ein wenig brennen, Euer Durchlaucht“, sagt Sauvant. „Es ist das Mercure, nur das kann euch vorm sicheren Tod bewahren.“ Sauvant trägt die silbergraue Substanz auf die Wunden auf und der junge Jean schreit, fängt an sich zu winden und zu krümmen. „Tja“, sagt Sauvant. „Wer sich mit der Venus einlässt, muss mit dem Merkur leben.“Klar, auch die kleine Szene haben wir uns mehr oder weniger ausgedacht, aber Fakt ist, dass ab dem 16. Jahrhundert die Krankheit der Venus mit dem Silber des Merkur ausgetrieben wird. Mit Quecksilber. Das ist es, was der Arzt hier dem Adeligen auf die Haut träufelt. Den Adeligen haben wir übrigens deshalb gewählt, um klarzustellen, dass die Syphilis weder in Frankreich noch in Italien oder sonstwo an eine bestimmte Gesellschaftsschicht gebunden ist. Jeder kann sie bekommen. Quecksilber wird damals nicht nur oral verabreicht, es existiert auch als Salbe oder man spritzt es den Patientinnen und Patienten u.a.… in die Harnröhre. Autsch. Das legt zumindest ein Fund an Bord vom Wrack des legendären Piraten Blackbeard nahe. Das gab sicher einen lauten Fluch in der Karibik. Doch wirkt Quecksilber überhaupt? Und was für Nebenwirkungen stehen auf dem Beipackzettel? PROF. DR. NORBERT BROCKMEYER: Die großen Erfolge sind da sicher nicht eingetreten. Wahrscheinlich sind mehr Leute an Quecksilber gestorben und an Quecksilbervergiftung gestorben und verstümmelt worden als durch die Syphilis selber, also da hat das Quecksilber auch noch mal eine ganz ordentliche Rolle gespielt was Todesfälle anbetraf. \nANDREA SAWATZKI:\nEine akute Quecksilber-Vergiftung verursacht entzündete Mundschleimhäute, Ausschläge, Bauchmerzen, Erbrechen und Durchfall. Eine chronische Vergiftung durch längere Anwendung löst Depressionen und Halluzinationen aus, kann zu Gedächtnisverlust führen und schließlich zum Tod. Und das alles für nur sehr geringe und meist nicht dauerhafte Heilungschancen. Aber Quecksilbergaben sind lange Zeit tatsächlich alles, was die Medizin im Kampf gegen diese unappetitliche Geschlechtskrankheit zu bieten hat, auch wenn natürlich einiges versucht wurde. Etwa sogenanntes Guajakholz, „heiliges Holz“, das man aus Südamerika importiert. Aber es hilft trotz einer großen Marketingkampagne nichts und so bleibt man überwiegend beim Quecksilber und das vergiftet die Patienten und Patientinnen dann leider mit Schwermetall, um sie von der Syphilis zu erlösen. Während die Syphilis 1510 Südostasien erreicht, rätselt man in Europa also weiter über den Ursprung der Krankheit, macht sogar eine ungünstige Sternenkonstellation für den Ausbruch verantwortlich. Erst 1536 erkennt unser alter Freund Paracelsus, dass das Quecksilber vereinzelt, wenn auch nicht dauerhaft, gegen die Krankheit hilft, aber nur in einer ganz bestimmten Dosierung. Der revolutionäre Mediziner ist quasi ein Zeitgenosse der ersten großen Syphilis-Welle und auch er nennt die Krankheit anfangs „morbus gallicus“, also die französische Krankheit, kommt aber dann bald mit einer eigenen Bezeichnung um die Ecke, der „Lues Venerea“, frei übersetzt: Seuche der Venus. Was Paracelsus früh und richtig erkennt: Die Syphilis ist eine eigenständige Krankheit, ein „Fremdkörper“ im Blut, den es durch spezielle Mittel wieder loszuwerden gilt. Damit widerspricht er Zeitgenossen, die die Krankheit mit der Lepra gleichsetzen.  Die Syphilis und sexuell übertragbare Krankheiten sind also spätestens seit Paracelsus eine eigene medizinische Disziplin … manche sprechen anmutig vom Beginn der Syphilogie. Und ab dann .. passiert erst mal 200 Jahre lang gar nichts.Die Gesellschaft hat die „Lustseuche“ stattdessen unfreiwillig in ihre Mitte aufgenommen und durch Kolonialismus und weltweiten Handel ordentlich weiterverbreitet. Ihre Stellung festigt die Krankheit natürlich auch durch ihre prominenten Opfer. Man attestiert sie dem Marquis de Sade, Cyrano de Bergerac und einem gewissen Casanova. Und wer sie nicht hat, schreibt darüber:PROF. DR. NORBERT BROCKMEYER: Und auch Goethe hat ja auch ein Gedicht geschrieben zur Syphilis. Und in den lieblichsten Rosen lauert tückisch der Wurm, greift den Genießenden an. Also da sieht man, wie weit das verbreitet war.Und es gab ja damals gerade so im 17., 18., 19. Jahrhundert gab es ja gerade sehr, sehr viele Herrscherhäuser, die auch ein sehr freies Leben geführt haben, sag ich mal. Da gab es durchaus auch nicht wie heute Pornofilme, sondern so eine Porno-Darstellung als Theaterstücke. Und dann war aber klar, dass da auch sehr viele irgendeine Form von sechs übertragbaren Infektionen hatten. \nANDREA SAWATZKI:Prominente Syphilis-Fälle betrafen mehr oder minder gerüchteweise übrigens auch: den Komponist Robert Schumann, den Schriftsteller Oscar Wilde, Charles Baudelaire, Franz Schubert, Ludwig van Beethoven, mit ziemlicher Sicherheit Gangsterboss Al Capone und einen großen deutschen Philosophen, auf den wir gleich noch zu sprechen kommen. Und vielleicht sogar Hitler. Auch die Schuldzuweisungen bleiben Teil des Phänomens. Am häufigsten wird mit den Fingern auf Frauen und vor allem Prostituierte gedeutet. Die Männer waren‘s auf jeden Fall nicht. Bisschen vorausgegriffen: Bis ins 20. Jahrhundert konnten Frauen in Deutschland wegen einer Ansteckung angezeigt und sogar gegen ihren Willen interniert werden. Und noch in den 1960ern gab es z.B. in der DDR sogenannte geschlossene Venerologische Stationen, in die Mädchen und Frauen ab dem 12. Lebensjahr bei Verdacht auf Geschlechtskrankheit zwangseingewiesen werden konnten. Frauen mit Syphilis disqualifizierten sich in der Gesellschaft fast automatisch als laster- und schandhaft, während die armen Männer die Konsequenzen tragen mussten. Daher gibt es vermutlich auch in Aufzählungen prominenter Syph-Opfer kaum Frauen. Mal so eine These von mir. Zurück in die Vergangenheit: Bevor die Syphilis-Forschung nach mehreren Jahrhunderten endlich das entscheidende nächste Kapitel aufschlägt, fordert sie aber vermutlich noch ein weiteres prominentes Opfer.\nTurin, 3. Januar 1889.Die Piazza Carlo Alberto ist mit Neuschnee bedeckt und doch herrscht geschäftiges Treiben. Die Stadt ist aus der Neujahrsruhe erwacht und der Kutschenbetrieb wieder in vollem Gange. Es ist kurz nach 11, Valentina Micheli ist viel zu spät dran mit ihren Besorgungen und es ist ihr zu nass und zu kalt. Die Kälte scheint sofort unter die Kleider zu kriechen, sobald man nur fünf Minuten draußen verbringt. Eben hat sie sich aus der Merceria Stoffreste besorgt, um sich zuhause ein Abendkleid für die Hochzeit ihres Bruders nähen zu können, jetzt verlässt sie die kleine Panetteria in der Via Carlo Alberto mit einem noch warmen Laib Brot, den sie zusammen mit den Stoffresten und einem in Papier eingewickelten Stück Toma-Käse in einem geflochtenen Korb trägt. Ein Wiehern und ein lauter italienischer Fluch erwecken ihre Aufmerksamkeit. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite schlägt ein Kutscher mit seiner Reitpeitsche auf ein scheuendes Pferd ein. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, doch was jetzt passiert, hat Valentina dann doch noch nicht erlebt. Ein älterer Mann mit schwarzem Gehrock und einem riesigen Walrossbart läuft schreiend neben ihr über die Straße auf Pferd und Kutscher zu und verliert dabei seinen Filzhut, der in den schmutzigen Schnee fällt. Der Mann ruft etwas in einer anderen Sprache – es klingt nach Deutsch – und stürzt sich auf das Pferd. Der Kutscher weicht erschrocken einen Schritt zurück, als der Deutsche seine Arme um den Hals des Pferdes schlingt und laut zu schluchzen beginnt. Mittlerweile ist nicht nur Valentina stehengeblieben, die halbe Piazza Carlo Alberto wird Zeuge, wie der Mann erst vor dem Pferd auf die Knie sinkt und sich dann nach hinten in den Schnee fallen lässt, als hätte er gerade einen Korb von der Liebe seines Lebens bekommen. Von einem Pferd offensichtlich. „Madonna mia!“, sagt Valentina halblaut und überlegt, ob sie dem Mann irgendwie helfen kann. Doch da hat sich schon eine Gruppe von Passanten um den Deutschen herum gebildet, einer davon scheint ihn zu kennen. Sie heben ihn hoch, er zeigt keine Reaktion – Valentina fragt sich, ob er tot ist. Doch als sie genauer hinschaut, sieht sie, wie seine Hände zucken. Der Mann wird jetzt von drei weiteren Männern gestützt und getragen, sie entfernen sich in Richtung der Via Carlo Alberta. Valentina bemerkt, dass sie sich schon eine ganze Weile nicht von der Stelle bewegt hat und beschließt nach Hause zu gehen, damit die Kälte ihr nicht noch mehr unter die Haut kriecht. „I tedeschi sono pazzi“, murmelt sie auf dem Weg nach Hause. „Die spinnen, die Deutschen.“Valentina Micheli haben wir uns ausgedacht. Den deutschen Mann, der verzweifelt das verprügelte Pferd umarmt, gab es wirklich. Nur ob sich sein Zusammenbruch damals im Januar 1889 genauso ereignet hat, dafür gibt es keine konkreten Beweise. Auch nicht, ob die Syphilis schuld an dem Zwischenfall ist. Warum erzähl ich euch dann trotzdem davon? Weil diese Episode aus dem Leben Friedrich Nietzsches den Mythos der Krankheit verfestigt. Den Mythos vom Genie, das dem Wahnsinn der Syphilis anheimfällt. Zum Zeitpunkt seines Zusammenbruchs ist der berühmte deutsche Philosoph Friedrich Wilhelm Nietzsche 44 Jahre alt und lebt in der Via Carlo Alberto in Turin. Sein Vermieter und etliche Passanten haben ihn in der der Nähe auf der Straße gefunden und nach Hause gebracht, die Umarmung des Pferdes ist nur aus zweiter Hand überliefert. Verbrieft ist in wahrstem Sinne des Wortes, dass Nietzsche zum Zeitpunkt des Zwischenfalls schon Anzeichen „geistiger Umnachtung“ zeigt. Sowohl vor als auch nach der Episode schreibt er zahlreiche Briefe und Postkarten – auch „Wahnbriefe“ genannt – an Freunde und Bekannte, die er z.B. mit „Dionysos“, „der Antichrist“ oder „der Gekreuzigte“ unterschreibt. Die folgenden Jahre bis zu seinem Tod infolge eines Schlaganfalls im August 1900 verbringt er in einer Nervenheilanstalt. Lange war man davon überzeugt, dass Nietzsches Zustand in den letzten Lebensjahren auf eine Syphilis-Erkrankung im letzten Stadium zurückgeht. Inzwischen ist man sich nicht mehr so sicher. Vielleicht litt er auch an Gonorrhoe. Besser bekannt als Tripper. Der wurde nämlich lange Zeit nicht von der Syphilis abgegrenzt. Und auch Alzheimer und frühzeitige Demenz kommen in Frage. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass Nietzsche im Alter von 23 bereits wegen Syphilis behandelt wurde. Im 18. und 19. Jahrhundert beginnt langsam aber sicher die systematische Erforschung der Krankheit. Und, wie damals in der Medizin üblich, ohne jegliche Regeln und oft genug ohne jede Rücksicht und Menschlichkeit: Selbsternannte Syphilologen führen Experimente mit dem Erreger an Kindern und Prostituierten durch, an infizierten Affen, Katzen, Hasen, Pferden, an ihren eigenen Studenten oder manchmal auch an sich selbst. Einer der bekanntesten davon ist der Franzose Philippe Ricord, u.a. chirurgischer Berater von Napoleon dem Dritten, der 1838 sein Standardwerk „Traité pratique des maladies vénériennes\"  veröffentlicht, auf deutsch: Praktische Abhandlung über die venerischen Krankheiten. Wobei mit letzterem Geschlechtskrankheiten gemeint sind. Ricord ist zudem Chefchirurg am Pariser Hôpital des Vénériens, einer der ersten auf Geschlechtskrankheiten spezialisierten Kliniken Europas. In dieser Rolle führt er Experimente an Prosituierten durch, infiziert sie teils ohne Zustimmung mit Syphilis- und Gonorrhoe-Erregern und demonstriert so den Unterschied zwischen beiden Krankheiten. Ricord weist dadurch auch die verschiedenen Stadien der Syphilis nach, doch heilen kann auch er sie nicht. Dafür fällt er in der Öffentlichkeit durch sein pompöses Auftreten auf und klopft gern markige Sprüche wie „Am Anfang schuf Gott die Welt, dann die Syphilis.“ Der ist zwar nicht sicher belegt, aber zu schön, um ihn hier nicht zu zitieren. Nicht ganz so markig wirkt sein Zeitgenosse, Landsmann und Schüler Jean-Alfred Fournier, u.a. als Arzt für Geschlechtskrankheiten tätig. Er verfeinert Ricords Einteilung der Syphilis-Stadien und gründet 1901 die „Société Française de Prophylaxie Sanitaire et Morale“, eine der ersten Organisationen für Sexualaufklärung und Prävention. Er kann nachweisen, dass eine unbehandelte Syphilis neurologische Langzeitschäden verursacht und findet erstmals ein neues Medikament neben dem altbekannten Quecksilber. Dabei handelt es sich um das sogenannte Bismut, ebenfalls eine schwermetallische Substanz, die aber als weniger toxisch gilt. Im Gegensatz zu Ricord, der die Syphilis hauptsächlich in die Schmuddelecke von Bordellen und Sexarbeiterinnen schiebt, übt sich Fournier in allgemeiner Aufklärung der Gesellschaft und schärft so das öffentliche Bewusstsein. Er untersucht als erster auch detailliert die Symptome einer vererbten Syphilis bei Kindern. Die Syphilis-Forschung von Fournier und Ricord hilft, die Krankheit und ihre Symptome endlich genauer zu diagnostizieren und von anderen Krankheiten zu unterscheiden. Das ist nämlich ziemlich knifflig, denn nicht umsonst nennt man die Syphilis auch „The Great Imitator“.PROF. DR. NORBERT BROCKMEYER: Die Syphillis kann im Prinzip jede Erkrankung, jede Symptome nachbilden. Also zum Beispiel den Lupus erythematodes nachahmen, der im Gesicht ist zum Beispiel. Oder Tuberkulose oder auch innere Erkrankungen. Und deshalb ist die Syphillis als großer Imitator benannt worden, was sicherlich auch richtig ist.\nANDREA SAWATZKI:Skandale kleben der Syphilis-Forschung an der Sohle wie Kaugummi, dazu trägt auch unser nächster Syphilologe bei: Albert Neisser, deutscher Dermatologe, Bakteriologe und Forscher, der 1879 den Erreger der Gonorrhoe entdeckt. Daneben beschäftigt sich Neisser natürlich auch mit der Syphilis und in gemeinsamen Studien mit August Wassermann und Carl Bruck kann er später einen Syphilis-Nachweis im Blut erbringen. Das nennt sich auch der „Wassermann-Test“. Doch da war doch noch dieser „kleine“ Medizinskandal.Neisser injiziert 1892 acht jungen Frauen und Mädchen Blutserum von Syphilis-Patienten. Eins der Mädchen ist erst zehn Jahre alt. Bei vier von ihnen tritt anschließend die Krankheit auf, doch Neisser sagt, das seien doch Prostituierte, da könne er nichts dafür. Im Dezember 1900 wird Neisser von einer Kommissionen wegen eines „Dienstvergehens“ für schuldig befunden, weil er minderjährige Personen ohne Zustimmung der Eltern mit Syphilisserum geimpft hat. Noch am selben Tag verbietet das Preußische Ministerium Versuche an Minderjährigen. Zugegeben: Wie ein medizinischer Feingeist, wie ein Mann fürs mikroskopische Detail wirkt Fritz Schaudinn jetzt nicht auf den ersten Blick. Er war schon in der Schule vom Turnen ausgeschlossen worden und gilt als einer der gemütlicheren Regierungsräte im Reichsgesundheitsdienst. 1905 bekommt er einen Auftrag, eine Dienstanweisung: Finde endlich, endlich, endlich den Erreger dieser verdammten Seuche. Und Schaudinn erhebt sich von seinem Regierungsratstuhl, langsam und bedächtig, und schreitet zur Tat. Drei Wochen später hat er den Syphilis-Erreger identifiziert, isoliert und benannt. Dem Bild vom behäbigen Gesundheitsbeamten wird Schaudinn eigentlich gar nicht gerecht. 1901 wird er vom Kaiserlichen Gesundheitsamt als Leiter einer Malariaforschungsstation nach Istrien entsandt und kann damals den Malariabefall einzelner Blutkörper unter dem Mikroskop nachweisen. Denkt er zumindest, denn gute 30 Jahre später stellen sich seine Forschungen als falsch heraus. Hochangesehen kehrt er dennoch 1904 nach Berlin zurück und entdeckt in Kooperation mit dem Berliner Hautarzt Erich Hoffmann am 3. März 1905 den tatsächlichen Erreger der Syphilis in Hoffmanns Labor an der Charité. Hoffmann stellt eine Papel (ihr erinnert euch, das sind diese nässenden, erhöhten Hautausschläge) von einer infizierten 25-jährigen Frau zur Verfügung, mit der er an der Klinik gearbeitet hat und Schaudinn benutzt sein top-modernes Dunkelfeldmikroskop, und beobachtet Folgendes: Da schlängeln sich ganz, ganz dünnfädige Mikroorganismen durch die Zelle, die Schaudinn zuvor noch nie gesehen hatte. Ich finde ja, die sehen so ein bisschen wie die Spiralkabel alter Telefone aus. Oder wie das an meiner Gegensprechanlage, wenn die sich mal wieder 300x verdreht hat. Hoffmann und Schaudinn haben auch sofort einen Namen parat, nennen die Organismen „Spirochaeta pallida“. Spirochäten sind spiralförmige Bakterien und „Pallidus“ ist das lateinische Wort für „blass“. Die finden sie ausschließlich an den von Syphilis infizierten Stellen des Körpers. Damit ist der Erreger endlich enttarnt. Treponema pallidum, wie wir ihn heute nennen, ist zum Abschuss freigegeben. Erst jetzt kann man ein wirkliches Gegenmittel entwickeln. Schaudinns und Hoffmans Artikel mit dem griffigen Titel „Vorläufiger Bericht über das Vorkommen von Spirochaeten in syphilitischen Krankheitsprodukten und bei Papillomen“ ermöglicht einen medizinhistorischen Durchbruch.Zwei interessante Randnotizen zu den beiden Syphilis-Pionieren:Schaudinn selbst kann seinen Triumph nicht mehr auskosten, er stirbt im Juni des folgenden Jahres an etwas, das unsere Quelle „Amöbenruhr“ nennt, eine Art Reisekrankheit, die er sich vermutlich Jahre vorher zugezogen hat. Hoffmann sorgt viel später für Aufruhr, weil er mitten im Dritten Reich die jüdische Studentin Eva Glees als Doktorandin aufnimmt und deshalb von den Nazis aus dem Staatsdienst entlassen wird.  Und weil wir gerade beim Thema sind: Auch Adolf Hitler wird ja immer wieder unterstellt, an Syphilis erkrankt zu sein. Es gab mal das Gerücht, Hitler habe sich Anfang 20 bei einer Prostituierten angesteckt und dann im ersten Weltkrieg erneut. Doch das konnte nie verifiziert werden. Hitlers zitternde Hände nimmt man ja gerne als Indikator dafür – wobei es dafür natürlich auch andere medizinische Erklärungen geben könnte, wie etwa Parkinson. Aber natürlich attestiert man auch seine Paranoia, seinen Größenwahn und seine Wutausbrüche gerne dem anbrechenden Wahnsinn einer Syphilis im Endstadion. Die Wahrheit wird man vermutlich nicht mehr erfahren, gesichert kann man aber sagen, dass der Mann auch ganz ohne Syphilis einen nicht gerade geistig gesunden Eindruck gemacht hat. Bemerkenswerterweise hat Hitler sich auch in „Mein Kampf“ über die Syphilis ausgelassen, natürlich als die Krankheit degenerierter Leute, die die Reinheit des deutschen Volkes verhindert. Damit schließen wir dieses Kapitel aber auch wieder schleunigst.\n1906 - 1909 entwickelt der Medizinier und Bakteriologe Paul Ehrlich nach 606 Versuchen die erste Alternative zur immer noch angewandten Behandlung mit Quecksilber oder Bismut und nennt sie Salvarsan oder auch 606. Wenn ihr von Anfang an bei „Siege der Medizin“ dabei seid, dann werdet ihr das schon aus unseren anderen Folgen wissen: Salvarsan ist ein Chemotherapeutikum. Es hat jedoch schwere Nebenwirkungen und kann sich nicht lange als Heilmittel für Syphilis behaupten. Trotzdem repräsentiert es eine neue Linie in Paul Ehrlichs Arbeit. Es ist die erste sogenannte Zauberkugel,  gegen Infektionskrankheiten. „Wir müssen chemisch zielen lernen“, sagt Ehrlich. Es ist die Geburtsstunde der Chemotherapie. Selbst wenn die Nebenwirkungen heftig sind, Salvarsan gilt als das erste wirksame Medikament gegen eine Infektionskrankheit überhaupt, ein Triumph der Bakteriologie. Das ab 1912 entwickelte etwas sanftere Neosalvarsan rettet unzähligen Menschen das Leben und wird bis in die 1960er Jahre in Deutschland eingesetzt. Trotzdem ist die eigentliche Zauberkugel gegen die Krankheit immer noch nicht entdeckt.  Und damit jetzt endlich zum Star des Abends. „Meine Damen und Herren, begrüßen sie jetzt auf unserer Showbühne …. Einen dicken Applaus für …. Penicillin!!“Na, da ist es doch endlich - unser Wunderheilmittel. Hervorgegangen nicht aus jahrzehntelangen Forschung an Syphilis und Co, sondern aus … Nachlässigkeit. Auch diese Geschichte dürften die ganz Aufmerksamen unter euch schon aus anderen Siege-der-Medizin-Folgen kennen. Weil es aber so schön ist, hier noch mal knapp zusammengefasst: Der Physiker und Mikrobiologe Alexander Fleming züchtet in seinem Labor Bakterien, genauer gesagt Staphylokokken und vergisst, sie vor seinem Urlaub ordentlich zu entsorgen. Es ist ein bisschen, wie wenn ihr vor dem Urlaub den Käse im Kühlschrank vergesst, und wenn ihr zurückkommt … Huch, Schimmel! Das Kuriose ist: Dort, wo sich der Schimmelpilz in den Petrischalen breit gemacht hat, sind keine Staphylokokken mehr zu finden. 1929 veröffentlicht Fleming seine Ergebnisse, doch die interessieren zunächst am meisten seine Frau und seine Bekannten, um es mal salopp zu sagen. Erst 1939 isolieren die Chemiker Howard Florey und Ernst Chain von der Uni Oxford den Wirkstoff und injizieren ihm 1941 dem Polizisten Albert Alexander, der sich an einer Rose gestochen hat und mit Fieber und Abszessen ins Krankenhaus eingeliefert worden ist. Die experimentelle Behandlung glückt … vorerst … Alexander stirbt dann leider trotzdem, weil nicht genug reines Penicillin vorhanden ist. Doch 1942 raffinieren Florey und Chain den Wirkstoff und können größere Mengen daraus gewinnen. Fleming, Florey und Chain teilen sich 1945 auch den Nobel-Preis für Medizin für ihre Entwicklung von Penicillin. Vor allem die USA ist schnell von der Kriegswichtigkeit des Medikaments überzeugt und steigt in die Massenproduktion ein, entwickelt quasi gleichzeitig eine Atombombe und ein Wunderheilmittel. Menschheit in a nutshell. 1945 werden bereits über 400 Tonnen hergestellt. \nEs ist aber letztlich ein amerikanischer Arzt namens John Mahoney, der das neue Medikament systematisch an tausenden von Syphilis-Betroffenen testet und feststellt, dass es schnell und zuverlässig heilt – und das bei minimalen Nebenwirkungen. Damit gehören Salvarsan und Quecksilber als Therapien überwiegend der Vergangenheit an, man kann die Penicillin-Dosis für Syphilis schnell standardisieren und weltweite Richtlinien für Ärztinnen und Ärzte veröffentlichen. Und ab hier darf man auch endlich sagen: die unbehandelte Syphilis bleibt zwar nach wie vor lebensgefährlich, doch wenn sie diagnostiziert und mit entsprechenden Medikamenten behandelt wird, können die meisten Komplikationen verhindert werden. Dennoch gibt es Menschen, denen will das amerikanische Gesundheitssystem nicht helfen, im Gegenteil. Und damit sind wir beim dunkelsten Kapitel dieser Folge und vermutlich einem der dunkelsten der amerikanischen Medizingeschichte angelangt.Das Flugfeld der Tuskegee Army, in Alabama im Sommer des Jahr 1943. Hattie Tyson hält ihre beiden Kinder Freddie Jr und Ruby an der Hand, die kleineren sind zuhause bei Granny Lee. Sie hat sich einen Tragekorb umgehängt, in dem Brote und Obst für ihren Mann und seine Kollegen sind. Die Kinder wollen unbedingt sehen, wo ihr Daddy arbeitet und die Armee hat erstmals zugestimmt, dass die Frauen ihre Ehemänner in der Mittagspause sehen dürfen. Hattie läuft ein Stück entlang der Landebahn, die mit Stacheldraht von der umliegenden Wiese abgeschirmt ist. Als sie sich dem kleinen Hangar und dem anliegenden Verwaltungsgebäude nähert, startet gerade eins der dunkelgrünen Jagdflugzeuge. Die Kinder springen an ihrer Hand auf und ab und rufen etwas, das sie bei dem Höllenlärm nicht versteht. Sie deuten auf das Flugzeug mit seiner blutroten Schnauze, dem aufgemalten Totenkopf mit dem grinsenden Maul und dem weißen Stern der Armee an der Seite. Hattie zieht die Kinder weiter und kommt an eine Schranke, wo sie von einem weißen Soldaten kontrolliert wird. Nachdem man sie durchgewunken hat, macht sie sich auf den Weg zum Hangar, um ihrem Mann Freddie die Verpflegung zu bringen. Freddies Arbeit ist hart, zwölf Stunden arbeitet er täglich auf dem Airfield, betankt Maschinen, prüft den Luftdruck in den Reifen, repariert Öfen in der Küche der Soldatenkantine. Freddie ist stolz auf seine Arbeit für die Tuskegee Airmen, sie sind die erste schwarze Flugzeugstaffel Amerikas, eigentlich gab es vorher noch nie einen schwarzen Piloten im amerikanischen Militär, Jim Crow sei Dank. Erst der zweite große Krieg hat das geändert. Jetzt brauchen sie ihre Männer und Söhne, obwohl sie nicht in dieselben Kinos, Restaurants oder Badehäuser dürfen. Nur sterben dürfen sie genau wie die weißen Soldaten, denkt Hattie. Und dafür sind sie auch noch dankbar. Es riecht nach Tabak, als sie sich dem Hangar nähert. Ein paar von Freddies Kollegen stehen vor dem offenen Haupttor und rauchen, winken ihr und den Kindern zu. Die Kids ziehen an ihren Händen, wollen wissen, wo „Dadda“ ist. Immerhin ist Freddie kein Teil der Tuskegee Airmen, sie ist froh, dass er nur ihre Maschinen auftankt und nicht selbst damit fliegt. Doch etwas anderes bereitet ihr Sorgen. Freddies Freund und Kollege Eli ist vor zwei Tagen verstorben. Er hatte Geschwüre an den Beinen, klagte seit Wochen über schlimme Kopfschmerzen und war an den letzten Tagen so verwirrt, dass er seine eigenen Kinder nicht mehr erkannt hat. Eli war fast vor zehn Jahren genau wie Freddie in die Obhut weißer Ärzte gekommen, die eine Studie durchführten, um zu sehen, ob die Männer „Bad Blood“ in ihren Adern hatten, Krankheiten, die irgendwann ausbrechen und zu ihrem Tod führen könnten. Freddie hat ihr erzählt, wie es nach Desinfektionsmittel und kaltem Kaffee gerochen hat auf der Station. Alle paar Wochen waren sie in der Klinik, füllten Papiere aus, ihnen wurde Blut abgenommen, und sie mussten Tabletten schlucken, die sie nicht kannten. Sie erinnert sich noch an Freddies schlimmen Ausschlag, die nässenden Flecken, sein hohes Fieber. Einer der Ärzte war sogar zu ihnen nach Hause gekommen, doch hatte ihm nur ein paar Pillen und ein paar kalte Umschläge verabreicht. Dazu die ständigen Fragen über sie und die Kinder und die Familie. Und immer wieder die Versicherung der Ärzte: „Wir kümmern uns um euch, macht euch keine Sorgen. Das schlechte Blut ist heilbar, wir arbeiten daran.“ Doch jetzt ist Eli tot und Freddie will nicht wahrhaben, dass es mit dem Experiment zu tun hat. Sie hat gehört, wie Eli mal vor ihrer Haustür zu Freddie gesagt hat: „Die benutzen uns nur und dann schneiden sie unsere Leichen auf und sehen nach wie krank wir wirklich waren.“ Doch Freddie hat nur gelacht. Hattie und ihre Kinder legen die letzten Meter zum Hangar zurück, der rote Staub von Macon County bedeckt selbst den frisch geteerten Beton. Da hinten kommt ihnen schon Freddie entgegen, er nimmt beim Gehen seine Schiebermütze ab und wischt sich den Schweiß von der Stirn, dann lächelt er. Die Kinder reißen sich los und rennen auf ihren Vater zu.\nWem das Szenario bekannt vorkommt - wir haben schon mal in einer Folge über das Tuskegee-Experiment gesprochen, damals ging es um ethisch fragwürdige Experimente im Namen der Medizin. Wobei fragwürdig hier ein Euphemismus ist. Es ist eine geradezu hässliche Deformation ethischer Prinzipien einer staatlichen Gesundheitsorganisation. Doch was ist genau passiert? Die Tuskegee-Syphilis-Studie wird von 1932 bis 1972 – also skandalöse 40 Jahre lang – von einer Behörde des amerikanischen Gesundheitsministeriums durchgeführt. Unter der Leitung des Arztes John Charles Cutler werden 399 mit Syphilis infizierte afroamerikanische Arbeiter in der Gegend von Tuskegee in Alabama zusammen mit einer Kontrollgruppe aus 200 nicht infizierten im Rahmen einer Langzeitstudie untersucht. Man will u.a. herausfinden, ob Schwarze anders als Weiße auf die Syphilis reagieren. Man ködert die Arbeiter mit der Diagnose, sie hätten „Bad Blood“, schlechtes Blut, und hätten Anspruch auf eine kostenlose Behandlung, eine warme Mahlzeit, sowie eine Art Taxi-Service zur Klinik und – wie großzügig – 50 Dollar Zuschuss zur Beerdigung, falls einer der Probanden sterben sollte. Doch es gibt weder eine formelle Einwilligung, noch wird die Studie abgebrochen, als mit Penicillin endlich ein wirksames Gegenmittel erhältlich ist. Und verabreicht wird es auch nicht. Freddie Lee Tyson aus unserer Szene ist einer dieser Überlebenden, auch wenn wir uns seine Familie und die Szene vorher nur ausgedacht haben. Erst 1972 informiert ihn das Gesundheitsministerium das erste Mal über seine Teilnahme und die wahren Hintergründe der Studie. Seine Tochter Lillie Tyson Head setzt sich auch danach weiterhin höchst aktiv für die Aufklärung des Experiments ein und gründet die „Voices for Our Fathers Legacy Foundation“. 1997 entschuldigt sich dann der damals regierende US-Präsident Bill Clinton bei den acht Überlebenden. „Was die amerikanische Regierung getan hat, war beschämend und es tut mir leid“, sagt er. \nErinnert ihr euch noch an die Syphilis-Zombies aus Neapel? Irgendwie passt das Bild zur Syphilis als Krankheit. Denn auch sie ist irgendwie „untot“. Ein Zombie, einer der einen immer noch beißen und infizieren kann – auch in Deutschland. PROF. DR. NORBERT BROCKMEYER: \nDie Syphilis ist seit 2000 wahrscheinlich so um das Acht- bis Zehnfache angestiegen, jetzt auf fast 10.000 Infektion im letzten Jahr. Und wenn wir nach Amerika gucken, da ist es noch schlimmer, gerade in den konservativen Staaten, die häufig auch mit einer hohen Trump-Wählerschaft verbunden sind. Da finden sich unglaublich viele Syphilis-Infektionen, da finden sich unglaublich viel Schwangere, die eine Syphilis haben, und unglaublich viele Totgeburten.\nANDREA SAWATZKI:Man mag es kaum glauben, die Syphilis feiert ein Comeback! Die aktuellen Zahlen zeigen in Deutschland einen deutlichen Anstieg. Die letzte aktuelle Erfassung ist von 2024, da gab es 9.519 gemeldete Fälle, damit hat sich die Zahl seit 2009 kontinuierlich erhöht, vor allem in … Berlin, dahinter Trier, Köln, Frankfurt am Main und München. Denn dass es in Ballungsräumen anteilsmäßig auch mehr Sex gibt, muss ich euch ja nicht erklären. Beim Spitzenreiter Berlin geht man jährlich von knapp 36 neuen Fällen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern aus, die Dunkelziffer dürfte natürlich nochmal höher sein. Am häufigsten betroffen sind homosexuelle Männer, Frauen machen einen Anteil von knapp 8 Prozent aus. Die steigenden Infektionsraten liegen hauptsächlich an ungeschütztem Geschlechtsverkehr. Kondome gelten mehr und mehr als „vintage“, als unmodern in der queeren Szene, nachdem die AIDS-Angst nachgelassen hat, sagt zumindest der Berliner Hausarzt Sven Schellberg in einem Beitrag des rbb. Auch weltweit gesehen ist die Syphilis keineswegs auf dem Rückzug, wie ja schon von unserem Experten Norbert Brockmeyer angedeutet: Zahlen der WHO von 2022 belegen etwa 8 Millionen neue Syphilisfälle, das ist ein Anstieg um eine Million im Vergleich zum Vorjahr.  Dazu kommen ca. 700.000 Fälle angeborener Syphilis, darunter 390.000 Totgeburten. Am stärksten steigen die Zahlen in Nord- und Südamerika. 2022 wurden dort mehr als 3 Millionen Fälle registriert. Natürlich gibt es in manchen Ländern Südamerikas Versorgungslücken, gerade im ländlichen Bereich, aber auch das nordamerikanische Gesundheitssystem lässt zu wünschen übrig, da wurden die Mittel für STI-Krankheiten, also sexually transmitted diseases in den letzten Jahrzehnten empfindlich gekürzt. Insgesamt – und das gilt natürlich für die gesamte Welt - nimmt ungeschützter Sex wieder zu, oft in Kombination mit Dating Apps und einem Trend zu Casual Sex. Gleichzeitig haben STIs nichts von ihrem Stigma verloren, weshalb sich viele Betroffene einfach gar nicht erst testen lassen. Selbst Schwangere werden oft gar nicht oder zu spät auf Syphilis getestet, in manchen Ländern Südamerikas fehlen entsprechende Routinen. Und zu guter Letzt kommt es in einigen Regionen der Welt immer wieder zu Lieferengpässen bei Penicillin. Und ganz wichtig: Dazu kommen immer noch Vorbehalte, über Sex und Sexkrankheiten zu reden, weil das Thema zum Beispiel aus religiösen Gründen tabuisiert wird, oder sogar Verfolgung und Bestrafung drohen. Vielleicht trägt diese Folge ja dazu bei, dass wir alle dem Thema Sexualkrankheiten wieder ein bisschen respektvoller begegnen. Und zwar nicht nur von der gesundheitlichen und infektiösen Seite her, sondern auch unter dem Aspekt, wie Totschweigen, übertriebene Schamhaftigkeit, Vorurteile und Mit-dem-Finger-auf-andere-zeigen das Wiedererstarken der Krankheit befördern. Und so oder so: hin und wieder einen STI-Test machen zu lassen, schadet nicht. \nUnd damit sind wir auch am Ende dieser vierten Staffel angelangt, ich kanns selbst kaum glauben. Mir hat sie trotz der wirklich schrecklichen Krankheiten, horrenden Todeszahlen und der unheimlichen Symptome doch ein bisschen Mut gemacht. Denn eigentlich hat jede Folge gezeigt, was wir Menschen erreichen können, wenn wir uns wirklich gemeinsam hinter eine Sache klemmen und nicht nachgeben, bis es besser wird. An dem Gedanken möchte ich gerne noch ein wenig festhalten. \nIch hab mich jedenfalls sehr gefreut, dass wir zusammen diese Reise unternommen haben. Danke nochmal an unseren Experten Prof. Dr. Norbert Brockmeyer - danke an ALLE unsere Expertinnen und Experten in dieser Staffel, danke an euch ALLE, die ihr uns zugehört habt und weiter zuhört. Und wenn ihr auf der Suche nach noch mehr spannenden Podcasts zu Gesundheitsthemen seid, dann schaut doch mal auf gesundheit-hören.de vorbei! Das ist das Audioangebot der Apotheken Umschau. Und die, also die Umschau, empfehle ich euch natürlich sowieso, wenn ihr mal in der Apotheke seid und Lust auf gut aufbereitete Gesundheitsinfos habt. Bis bald, bleibt gesund und neugierig – eure Andrea Sawatzki.\nSPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau\nExecutive Producers „gesundheit-hören“: Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück\nExecutive Producers „WakeWord“: Ruben Schulze Fröhlich und Christoph Falke\nAutor: Berni Mayer\nRegisseur: Berni Mayer\nRedaktion „WakeWord“: Berni Mayer, Volker Strübing, Josephine Aleyt\nRedaktion „gesundheit-hören“: Kari Kungel\nMedizinisch-pharmazeutischer Faktencheck: Dr. Andreas Baum, Dr. Roland Mühlbauer, Dr. Katharina Kremser\nMusik: Johannes Cornelius\nSound Design: Felix Stäblein\nProduktionsleitung: Josephine Aleyt\nProduziert von den Wake Word Studios in München",
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