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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nSommer. Diese ewigen Tage und ewigen Abende. Spät essen, lange draußen sitzen. Die Füße im Gras oder sogar im Sand. Mit einem Drink in der Hand. Vielleicht einen Mango Mojito – alkoholfrei. Allein das Geräusch von Eiswürfeln im Glas beruhigt mich… das klingt immer irgendwie nach Urlaub, nach Erholung, nach Feierabend. Hach, jetzt wünsch ich mir, es wäre Sommer und ich hätte frei. Und einen Drink mit Eiswürfeln in der Hand. Aber noch moderiere ich ja hier mit großer Freude eine Folge „Siege der Medizin“ an und vielleicht gönn ich mir ja danach den Mango Mojto. Alkoholfrei. Und denk noch bisschen über Eiswürfel nach.\nDenn es gibt Gegenden auf dieser Welt, in denen so ein Eiswürfel den Unterschied ausmachen kann zwischen einem entspannten Sommerabend und einer möglicherweise tödlichen Krankheit. Denn das ist das wirklich Tückische an der Cholera, sie lauert genau in dem Element, das wir ständig im Alltag, im Leben, auf der ganzen Welt brauchen – im Wasser. Als Bruce Lee seinen berühmten Satz „Be Water my friend“ gesagt hat, hat er damit sicher nicht gemeint. „Sei wie die Cholera“, sei unsichtbar und hochansteckend. \nIch will natürlich nicht, dass ihr bei jedem Drink zukünftig an die Cholera denkt … aber vielleicht freuen wir uns ja alle hin und wieder darüber, wie sauber unser Leitungswasser in Deutschland ist, wie gut wir es trinken und im Zweifelsfall als Eiswürfel verwenden können. Denn das war nicht immer so, genauer gesagt, ist es noch gar nicht so lange her, da war nicht besonders viel Verlass auf unser Trinkwasser.\nSPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau\nANDREA SAWATZKI:\nHallo, mein Name ist Andrea Sawatzki und ich begrüße euch ganz herzlich zu einer neuen Folge der vierten Staffel von „Siege der Medizin“. Und ich muss zugeben, auch diesmal wackelt der „Siege“-Begriff etwas, denn selbst wenn wir die Krankheit dieser Folge im letzten Jahrhundert zu heilen gelernt und sogar einen Impfstoff entwickelt haben – in den Griff haben wir sie nie bekommen. Spätestens seit Corona können wir ja alle was mit dem Begriff Pandemie anfangen, aber würde es euch schockieren, wenn ich euch sage, dass wir bei der Cholera mitten in der 7. Pandemie stecken? Und noch kein Ende in Sicht ist?Aber bevor wir über ein Ende sprechen, fangen wir doch lieber erst mal an. \nDie Cholera ist eine Darminfektion, eine schwere Durchfallerkrankung, die unbehandelt in wenigen Stunden zum Tod führen kann. Ja, tatsächlich in nur wenigen Stunden. Damit ist sie die wohl schnellste Krankheit in dieser Staffel. Sie wird durch Verunreinigung von Wasser und Lebensmitteln hervorgerufen und verbreitet. Der Verunreiniger ist ein Bakterium namens Vibrio Cholerae.Folgende eher unappetitliche Symptome zeichnen den Verlauf der Krankheit aus.Wässriger Durchfall, Erbrechen, schneller Flüssigkeitsverlust, Krämpfe in Armen und Beinen, extremer Durst, trockene Schleimhäute, eingesunkene Augen, Blutdruckabfall, schneller Puls, Kreislaufschock, bläulich graue Haut ohne jegliche Elastizität, Bewusstseinstrübung und bei Nichtbehandlung schließlich Koma oder Tod durch Kreislaufversagen.Neben der Cholera gehören übrigens auch Typhus und Ruhr zu den klassischen wasser- und hygienebedingten Infektionskrankheiten, die vor allem im 19. Jahrhundert in überbevölkerten Städten verheerende Epidemien verursacht haben. \nAlle drei Erkrankungen entstehen durch mangelnde Hygiene, unterscheiden sich jedoch in Erreger, Krankheitsbild und Verlauf. Für diese Folge konzentrieren wir uns aber auf die Cholera.Der sicherste Schutz dagegen wäre übrigens … der komplette Verzicht auf Wasser. Äh, wie jetzt? \nDR. SUSANN DUPKE:\n\"Wo kein Wasser ist, wird man auch keine Cholera haben. Das ist einfach so. Das ist relativ einfach, aber auch tragisch. Das bedeutet, wo es keine guten hygienischen Zustände gibt oder wo es Schwierigkeiten gibt durch fehlende Infrastruktur, fehlendes sauberes Trinkwasser, wird man diese Infektionskrankheiten nicht in den Griff bekommen.\"\nANDREA SAWATZKI:\nVielleicht mag sich unsere Expertin ja kurz selbst vorstellen, bevor wir alle zusammen in die Untiefen der Cholera-Geschichte springen.DR. SUSANN DUPKE:\n\"Mein Name ist Susann Dupke, ich bin Leiterin des Konsiliallabors für humanpathogene Vibrionen in Deutschland. Das ist also ein Spezialabor, was sich mit der Typisierung und dem Nachweis von verschiedenen Bakterien, also einem speziellen Bakterium beschäftigt. Ich arbeite in meiner Funktion als Mitarbeiterin beim Robert-Koch-Institut hier in Berlin und bin sozusagen eine Laborratte.”\nANDREA SAWATZKI:Keine Angst, an Frau Dupke wird nicht herumexperimentiert, sie nennt sich gerne selbst so. Dass sie am Robert-Koch-Institut als Bakteriologin arbeitet, qualifiziert sie natürlich doppelt und dreifach für diese Folge, aber dazu kommen wir später, wenn wir uns die Verdienste von Robert Koch in Sachen Cholera-Forschung anschauen.Doch erstmal zu den Ursprüngen der Krankheit:DR. SUSANN DUPKE:\n\"Bei der Cholera weiß man aus bestimmten Schriften, da ist gut dokumentiert, dass in dem Moment, wo man wusste, welches Krankheitsbild die Cholera auslöst, also diese schweren massiven Diarrhöen, also ganz wässriger Durchfall mit unglaublichen Flüssigkeitsverlusten in den schweren Verläufen, es gibt auch mildere Verläufe, aber die, die eben so ein großes Problem darstellen, weiß man, dass es tatsächlich sieben Pandemien gibt, die benennt man auch so. Und die erste hat man halt auf das erste Viertel des 19. Jahrhunderts, also ziemlich genau 1817 datiert.”\nANDREA SAWATZKI:Sieben Pandemien. Das klingt ja fast nach einer biblischen Strafe.Und diese Pandemien beginnen 1817. Aber wie so oft lässt sich natürlich annehmen, dass die Krankheit schon lange vorher schon ihr Unwesen trieb, nur konnte sie halt niemand genau spezifizieren oder benennen. Eins der ersten Standardnachschlagewerke für antike Krankheitsbilder ist einmal mehr … die Bibel. \nDort gibt es mehrfach Beschreibungen von Krankheiten, Seuchen oder Plagen, die Durchfall und sogar verschmutztes Wasser erwähnen.Zum Beispiel das Buch Exodus, dem Auszug der Juden aus Ägypten, als sich Wasser in Blut verwandelt und damit als Trinkwasser ungenießbar wird. Das könnte man als Hinweis interpretieren. Oder diverse andere Seuchen, die der Einfachheit halber alle mit Pest bezeichnet werden - im Buch Samuel schickt Gott zum Beispiel eine Seuche über Israel, die innerhalb kurzer Zeit 70.000 Menschen auslöscht. Auch da würde kontaminiertes Wasser eine derart beschleunigte Ausbreitung erklären.\nDer Name „Cholera“ stammt aus dem Altgriechischen. Das Wort bedeutet damals wörtlich „Galle“ oder „Gallenfluss“ und hat eine Assoziation zu den Farben „grün“ und „gelb“, wer’s etwas bildlicher braucht. In der Antike lautete ja eine wichtige medizinische Regel: Krankheiten entstehen aus einem Ungleichgewicht der Körpersäfte - und damals hat man Galle als Urheber für Durchfall ausgemacht. Schon Hippokrates berichtet von schweren Durchfallkrankheiten und später wandert der Cholera-Begriff  ins Lateinische und wird im Mittelalter dann generell für schwere Magen-Darm-Erkrankungen benutzt.In der Europäischen Literatur ist erstmals 1642 die Rede von „Cholera“ wie wir sie heute kennen. Der holländische Arzt Jakob De Bondt beschreibt sie als eine neue Krankheit, die über die bisher bekannten Symptome von Cholera Morbus  - nämlich geblichen Durchfall – hinausgeht. So steht es in seinem Werk „De Medicina Indorum“, was als die erste bedeutende Abhandlung über die Krankheiten Ostindiens gilt. Spätestens Ende des 19. Jahrhunderts ist die Cholera dann auch offiziell die Cholera. und man kann sie jetzt unmissverständlich zusammen mit der Pest anderen Leuten an den Hals wünschen.Und damit zur ersten Pandemie: Kalkutta, September, 1817. „Geh doch runter zum Fluss und hol nochmal einen Eimer voll Wasser, Lizzy“, sagt Carrington und massiert seinen grotesk buschigen Backenbart.Liz Winston stöhnt genervt. Sie hat nicht den langen Weg von Edinburgh bis nach Kalkutta auf sich genommen, um ständig nur Wasser und Obst holen zu gehen oder Verbände zu wechseln. Selbst wenn es ihr nicht erlaubt ist, Medizin zu studieren, fühlt sie sich als Tochter eines schottischen Chirurgen doch zu so viel mehr befähigt. Ihr Vater hat zwar dafür gesorgt, dass sie diese Reise nach Indien antreten konnte, doch hier unter ihrem Mentor Carrington ist sie nur eine bessere Krankenpflegerin statt einer chirurgischen Assistentin.Der Weg durch das staubige Gassenlabyrinth ist kurz, weil die East Indian Company ihre Verwaltungsgebäude natürlich nah am Wasser gebaut hat. \nAls Liz am Fluss ankommt, stellt sie den hölzernen Bottich, den sie die ganze Zeit auf der Schulter getragen hat, in den Sand, dann zieht sie sich ihre Schuhe aus, krempelt ihre Leinenhose hoch und watet in den Schlamm des Hugli hinein, ein Nebenarm des Ganges. Links neben ihr vernagelt ein Bootsbauer den Bug seines Kanus mit einer frischen Holzplanke. Das Boot schwankt so stark, dass das Sonnendach aus Stoffresten und Bambusstäben bedrohlich ins Wanken gerät. Vor ihr spielt eine Gruppe Kinder lautstark mit Steinen und bespritzt sich gegenseitig.Liz bückt sich und schöpft Wasser in den Bottich, als der Bootsbauer neben ihr aufstöhnt und seinen Hammer ins Wasser fallen lässt. Er greift sich an den Bauch und kippt nach hinten ins flache Flussbett. Ein paar Frauen kommen herbeigeeilt und heben den Bootsbauer aus dem Wasser. Eine der Frauen wirft die Hände in die Luft und ruft um Hilfe, so viel Bengalisch versteht Liz. Sie stellt den Bottich ans Ufer, watet hinüber zu dem Bootsbauer und den Frauen. Liz sieht sich den Mann genauer an und erschrickt. Sein Gesicht ist blass, eingefallen, fast blau. Von genau diesen Symptomen hat ihr Carrington erzählt, mit angsterfülltem Blick hat er schon vor Wochen geschildert, wie rasant diese Symptome zum Tod führen. „Die blaue Seuche“, flüstert Liz. Alles stimmt mit den Berichten überein, die sie bereits aus Edinburgh kennt. Sie kniet sich neben den Mann, während sein Boot hinter ihr sanft den Fluss hinuntertreibt. \nNeben ihnen leert jemand einen Eimer mit Exkrementen in den Hugli, der Gestank ist so stark, dass sie ein Würgen unterdrücken muss. Ohnehin scheint sie den Fluss jetzt mehr denn je riechen zu können: eine Mischung aus Abfällen und Gewürzen, eine braune Brühe aus Schlamm und Abwässern. Sie spürt ihre nassen Beine und ekelt sich. Nein, sie fürchtet sich sogar, irgendwie hat der Fluss plötzlich etwas Bedrohliches an sich. Bildet sie sich das nur ein, oder beginnen die Menschen, sich vom Wasser zurückzuziehen? Langsam aber sicher kommen sie ans Ufer, zwei Frauen stützen einen Mann, der dabei ist, sich zu übergeben. Auch die spielenden Kinder sind plötzlich weg. Liz blickt auf ihren eigenen Bottich mit Flusswasser und ist sich sicher, dass sie den nicht zurück zum Militärhospital bringen wird.\nDie Figur der Liz Winston und die Szene haben wir uns ausgedacht. Auch ihren Mentor Carrington. Er steht für die Ärzte, die im Namen der East Indian Company, einer britischen Kaufmannsgesellschaft, in Kolkata stationiert sind. So nennt man Kalkutta offiziell seit 2001, weil es der bengalischen Aussprache näher ist.   Und diese Ärzte werden schon früh zu Anlaufstationen der ersten Cholera-Epidemien, die sich in wenigen Jahren zur Pandemie auswachsen. \nSeinen Anfang nimmt die Pandemie tatsächlich in der Nähe von Kolkata im Jahr 1817, genauer gesagt in einem Ort namens Jessore, der im Ganges-Delta liegt. In den nächsten Jahren breitet sich die Krankheit von Indien bis nach Südostasien und in den Mittleren Osten, nach Russland und Ostafrika aus. Da kann die Cholera sich mutmaßlich bei britischen Handelsschiffen und der Royal Navy bedanken, die sie sogar bis China und Japan verschiffen. Kategorie: britische Exportgüter, um die die Welt nicht gebeten hat. Und damit man sich mal vorstellen kann, wie schnell die Krankheit um sich greift: In Basra im Irak sterben 1821 innerhalb von nur drei Wochen 18.000 Menschen. Nach Westeuropa schafft es die Krankheit nur in geringem Ausmaß – noch.Den ursprünglichen Ausbruch im bengalischen Indien selbst schreibt man heute den dürftigen Lebensbedingungen zu: Enge, mangelnde Hygiene, verschmutztes Trinkwasser. Lebensbedingungen, die sich in vielen Ecken dieser Erde bis heute leider nicht wirklich verbessert haben. Dazu kommen schon damals: Umstürze, Kriege, Hungersnöte - alles, was größere Migrationsbewegungen auslöst. Zudem gibt es Theorien, dass durch den Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien im Jahr 1815 ein Klimawandel eingeleitet wurde, bei dem die globale Temperatur um rund ein Grad sank und der die Verbreitung des Bakteriums begünstigte. Es ist der bis heute größte registrierte Vulkanausbruch- einer, den man noch 3000 Kilometer entfernt spüren konnte. Die Aschewolke und der Schwefel in der Luft brachten der Welt nicht nur das berüchtigte „Jahr ohne Sommer“, sondern veränderten die Zyklen des Monsuns so drastisch, dass es zu Überschwemmungen und Temperaturstürzen kam, ideale Bedingungen für ein Gedeihen des Cholera-Erregers im Ganges Delta.Nachdem die erste Pandemie schätzungsweise mehrere Millionen Menschen das Leben gekostet hat, breitet sich ab 1826 schon die zweite erneut ausgehend vom Ganges-Delta nach Europa und auf den amerikanischen Kontinent aus. In Moskau und St. Petersburg kommt sie 1830 an, da greift ihr vor allem der Novemberaufstand, der polnisch-russische Krieg unter die Arme. Von da geht es nach Finnland und Polen. 1831 erreicht sie via Seeweg den Hamburger Hafen und damit das deutsche Kaiserreich. Prominente Tote sind zum Beispiel der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel oder der preußische General Carl von Clausewitz.1831 ist auch England dran, kurz darauf Kanada und dann die Vereinigten Staaten. Allein in New Orleans sterben innerhalb kürzester Zeit 5000 Menschen. 1833 landet die Cholera in Mexiko und Kuba.Besonders hart trifft es 1831/1832 auch Wien mit 2000 Toten in nur vier Monaten. Eine Stadt mit enormem Wachstum, einer dafür unzureichenden Wasserversorgung und zu allem Überfluss noch einem Rekordhochwasser im Vorjahr, das zu einer Verseuchung des Grundwassers geführt hat. \nDaraufhin werden sogenannte Cholerakanäle gebaut und die gesamte Wiener Kanalisation erneuert. Eine erste sinnvolle Maßnahme, selbst wenn man da noch eher die üblen Gerüche des Wassers als das Wasser selbst in Verdacht hat. Und dennoch wird es Wien nicht das letzte Mal hart getroffen haben.\nMit der dritten Pandemie erreicht die Cholera ihren Höhepunkt, was das Ausmaß der Zerstörung angeht. Auch Pandemie Nummer 3 geht mutmaßlich von Indien aus und rast ab 1852 über Persien nach Europa, dann nach Amerika und in den Rest der Welt. Allein in Russland sterben mehr als eine Million Menschen.\nDas wohl schlimmste Jahr ist 1854, in Großbritannien sterben 23.000 Menschen an der Krankheit, die meisten davon in der Hauptstadt London. Eine schnellere Seuche hat man damals noch nicht gesehen.1854 erreicht die Cholera China und später trifft es Japan nochmals besonders hart. 1858 sterben bei einem Ausbruch in Tokyo um die 100.000 Menschen.Falls ihr euch gerade fragt, was eigentlich zwischen den Pandemien passiert, lautet die ernüchternde Antwort: Jede Menge katastrophaler lokaler Epidemien. In Vietnam und Kambodscha sterben zum Beispiel 1849 fast eine Million Menschen an der Krankheit. Ein Ausbruch in Nordamerika kostet den ehemaligen US Präsidenten James K. Polk das Leben. Tausende sterben in New York in nur einem Jahr … und 200.000 in Mexiko. Und das alles im Jahr 1849, also zwischen den Pandemien.Aber zurück nach Europa.\nMünchen, 1854, der Stadtteil Au. Der offene Stadtbach stinkt wie eine Abortgrube, findet Max von Pettenkofer. Die Schlachter schmeißen ihre Tierabfälle ungerührt in den Bach, den Haushalten dient er als Abwasserkanal und trotzdem waschen die Münchner noch in aller Herrgottsruhe ihre schmutzige Wäsche darin. Der späte Augusttag ist schwül und drückend, Pettenkofer ist auf dem Weg zur Stadtverwaltung, um sie aufzufordern, endlich, endlich, endlich den vermaledeiten Bach zu schließen. Seit ein paar Jahren ist Pettenkofer Professor für Medizinische Chemie an der Ludwig-Maximilians-Universität und er kann nicht mehr mitansehen, wie man hier in München die Cholera geradezu dazu einlädt, sich im Eiltempo zu verbreiten. „Auf geht’s Cholera, pack ma’s!“, scheinen die Behörden sie anzufeuern. Er wird heute jedenfalls explizit eine Untersuchungskommission einfordern.Pettenkofer kommt an einem kleinen Wirtshaus vorbei, eine Frau steht vor dem Eingang und plärrt und weint. „Mein Mann hat sich die blaue Krankheit im Glaspalast geholt, ihr müsst‘s euch alle in Acht nehmen.“ Ein Mann auf der anderen Straßenseite schimpft: „Unser schönes Oktoberfest sagen die uns aber nicht ab deswegen. Sonst werd ich stinkgrantig!“Der elende Glaspalast, denkt Pettenkofer. Im Juli ist er im Botanischen Garten eröffnet worden, so schön wie der Londoner Crystal Palace hätte er werden sollen. Tausende Münchner haben sich das angeschaut. Und neben neuen Stoffen und Waren aus dem Ausland angeblich auch die Cholera nach Hause gebracht. Die Krankheit aus dem Glaspalast - was für ein Schmarrn. Doch Pettenkofer kann sich jetzt nicht ablenken lassen von den schreienden Leuten, er nimmt einen tiefen Atemzug und beschleunigt seinen Gang in Richtung Rathaus auf dem Marienplatz: Jetzt ist Schluss mit Schmutzig!\nMax von Pettenkofer hat es wirklich gegeben. Mit 36 wird er Mitglied einer Cholera-Untersuchungskommission in München. Von nun an beschäftigt ihn die Sorge, wie man eine solche Seuche in Zukunft verhindern kann. Pettenkofer macht aber nicht nur das Wasser, sondern auch verunreinigte Luft als Schuldigen für die Infektionen aus. \nAch je, da sind sie wieder, die Miasmen, die üblen Lüfte, von denen wir in diesem Podcast schon so viel gehört haben, eine These, die fast immer danebengreift. \n1865 eröffnet Pettenkofer an der Ludwig-Maximilians-Universität das weltweit erste Institut für Hygiene und erkennt bald, wie stark die städtischen Brunnen durch Abwasser beeinträchtigt sind - und zusammen mit der Stadtverwaltung macht er sich an den Ausbau des Abwasserkanalsystems. So entstehen, ähnlich wie in Wien, neue Abwasser-Kanäle. Heute ist das Institut nach ihm benannt. Anfangs stellen sich vor allem die Landwirte gegen die Abwasser-Reformen. Denn bis zu dem Zeitpunkt haben sie den sogenannten „Nachtmist“ den Bürgern für läppische 30 Gulden abgekauft und als günstigen Dünger auf ihre Felder gebracht. Das fällt jetzt leider weg. Kein Nachtmist mehr fürs Gurkenfeld. Jemand Lust auf eine Gurke zufällig?1873 bricht die Cholera dennoch erneut in München aus und bereits zum zweiten Mal muss das Oktoberfest abgesagt werden. Und das kann ja wohl wirklich nicht wahr sein, Herrschaftszeiten, die armen Münchner. Jetzt kann Pettenkofer endgültig durchgreifen und eine Hygienesanierung durchsetzen. Er verbannt zudem Schlachthöfe aus den Wohnvierteln und reorganisiert die Trinkwasserversorgung. Seit 1883 dient das 40km entfernte Mangfalltal in den Voralpen der Wasserversorgung der Stadt, das Wasser kommt nicht mehr aus der Innenstadt selbst und ist damit viel sauberer.Pettenkofers Engagement in Kommissionen, Kongressen und Tageszeitungen ist es zu verdanken, dass 1899 die sogenannte Schwemmkanalisation eingeführt wird und damit auch endlich das Spülklosett. Ein Hurra fürs Spülen. Als die Cholera Ende des Jahrhunderts mit Wucht in Städte wie Hamburg zurückkehrt, bleibt München überwiegend verschont. Es gilt jetzt als „sauber“. Und so sieht es auch heute noch aus.\nZum Herrn Pettenkofer haben wir später nochmal eine gute Geschichte auf Lager, die hat mit seinem Freund und späteren Rivalen Robert Koch zu tun, aber erstmal stellen wir fest: Die München-Geschichte ist symptomatisch: Cholera hat die Art verändert, wie wir zusammenleben, wie wir Hygiene definieren, wie wir unser Abwasser entsorgen. Und wie sauber dadurch unser Trinkwasser wird. Unsere Expertin kennt da eine schöne Anekdote aus einem cholera-befallenen London, und die hat mit Bier zu tun.\nDR. SUSANN DUPKE:\n\"Da weiß ich nicht, ob das urbaner Mythos ist, aber ich mag die Geschichte, wahrscheinlich stimmt das, aber dass es einen Bereich gab in der Nähe dieses Ausbruchs, der damals gut beschrieben war, Es ist eine Brauerei und da haben die Mitarbeitenden aus der Brauerei kein Wasser getrunken, sondern eben diesen Brausaft, diesen Gerstensaft. Also alles das, was als Brauereiprodukte billig verfügbar für die Angestellten war. Das heißt, die haben sich gar nicht aus dem Gros des Wassers, was andere Menschen in der Region getrunken haben, bedient, sondern eben dieses Brauereiwasser oder Brauwasser oder eben das Bier. Die waren nicht betroffen.“\nANDREA SAWATZKI: \nJetzt ist ein guter Zeitpunkt, euch kurz John Snow vorstellen. … Nein, wir meinen nicht den aus Game Of Thrones, obwohl der sicher eigenhändig mit der Cholera fertig geworden wäre. \nUnser John Snow ist Arzt, Anästhesist und Epidemiologe von Beruf und hat bereits in Sachen Narkose via Chloroform Pionierarbeit geleistet, sogar bei Königin Viktoria höchstpersönlich. Er ist also bereits eine Medizinerpersönlichkeit, als er während der großen Cholera-Epidemie in London im Jahr 1853/1854 die damals vorherrschende Miasma-Theorie widerlegt und erstmals den Zusammenhang zwischen Infektionsraten und verunreinigtem Wasser aufzeigt. \nSnow vermutet schon früh Keime in Wasser und Fäkalien. 1849 hat er ein Essay dazu veröffentlicht. 1854 vertieft er seine Studien im Stadtteil Soho und interviewt Anwohnerinnen und Anwohner so lange, bis er annimmt, dass die öffentliche Wasserpumpe in der Broad Street schuld am jüngsten Ausbruch ist. Obwohl erste Wasserproben noch kein definitives Urteil zulassen, überzeugt er die Behörden, den Griff der Pumpe abzubrechen und sie so untauglich zu machen. Und tatsächlich wird der Cholera-Ausbruch dadurch scheinbar eingedämmt, die Zahl der Infektionen fällt, obwohl Snow selbstkritisch bemerkt, dass die Zahl wohl ohnehin schon am Sinken war. Die „Broad Street Pump“ ist Snows erster großer Feldversuch zur Cholera. Der zweite, auch „The Grand Experiment“ genannt, besteht aus einer Vergleichsstudie zwischen zwei Londoner Vierteln, die Wasser von unterschiedlichen Unternehmen erhalten. Zum einen ist da die Southwark and Vauxhall-, zum anderen die Lambeth Waterworks Company. Lambeth liefern das Wasser aus der oberen Themse, fernab der städtischen Abflüsse, Southwark and Vauxhall holen das Wasser direkt aus dem Zentrum. Snow kann beweisen, dass das Wasser aus der Innenstadt schädlicher ist. Die Ergebnisse veröffentlicht er zusammen mit Infektionslandkarten und Statistiken in seiner 1855 erscheinenden Studie „On The Mode of Communication of Cholera“. \nEin anderer Wissenschaftler, dem nicht auf Anhieb geglaubt wird, ist der Italiener Filippo Pacini. Mitten im Miasmen-Hype vermutet er als Verursacher der Cholera ähnlich wie Snow einen Mikroorganismus und kann ihn sogar als Erster isolieren. John Snow unterstützt den Italiener sogar vorm „Medical Council of the General Board of Health“ in England und doch bleibt er mit seiner eigentlich bahnbrechenden Entdeckung weitgehend unbeachtet. Sowas wie der Geheimtipp in der Choleraforschung, nur Nerds kennen den.Erst 30 Jahre später kann Robert Koch den Erreger ermitteln und damit Pacinis Arbeit bestätigen, aber dazu kommen wir noch. Übrigens gibt’s quasi posthum einen Trostpreis für Pacini, 1965 nennt man das Bakterium zu seinen Ehren „Vibrio Cholerae Pacini“.\nWenn die dritte Pandemie bis 1860 ging und die vierte schon wieder um 1863 begann, kann man sich ja vorstellen, dass neben den ganzen lokalen Epidemien gar nicht so viel Zeit blieb, um zum Beispiel Hygienebedingungen oder Abwassersysteme zu reformieren. So kann auch die vierte Pandemie wieder relativ ungebremst wüten. Sie nimmt 1863 ihren Ursprung erneut im Ganges Delta und reist mit Pilgern nach Mekka, wo in einem Jahr 30.000 von 90.000 Pilgern sterben. In Afrika tötet die Krankheit in einem Jahr 70.000 Menschen allein in Zanzibar und auch Russland trifft es wieder hart mit 90.000 Toten im Jahr 1866. Machen einen ganz schwindlig, diese Zahlen, oder?\nWährend man in London gerade an der neuen Wasserversorgung schraubt, sterben immer noch fast 6.000 Menschen, diesmal wird die East London Water Company als Hauptschuldiger ausgemacht.\nSo, das war die vierte Pandemie. Jetzt müsste es doch aber langsam mal gut sein, oder? Sind sich jetzt nicht langsam alle einig, dass das Abwasser schuld ist? Doch bis man die ganzen Erkenntnisse und Ideen aus den letzten Pandemien umsetzt, steht schon die nächste vor der Tür. Und da trifft es eine deutsche Stadt ganz besonders hart.\nHamburg, August 1892.„Akten wieder am korrekten Ort ablegen, sonst schneid ich dir das rechte Ohr ab“, tönt die Stimme von Hagedorn aus seinem Büro in die stickige und tageslichtlose Kammer, in der Hans Nirrnheim die meiste Zeit seines derzeitigen Lebens verbringt. Er fürchtet natürlich nicht wirklich, dass Hagedorn ihm ein Ohr abscheidet, das ist nur dessen seltsamer Sinn für Humor. Aber wenn die Akten nicht an ihrem rechtmäßigen Platz in den hohen und staubigen Regalen liegen, bekommt er eine extra Schicht aufgebrummt, in der er selbige Regale entstauben muss. Eine Sisyphos-Arbeit, wenn es je eine solche gegeben hat. \nHans Nirrnheim hat erst vor zwei Monaten sein Volontariat im Hamburger Staatsarchiv angetreten, voller Begeisterung für die Geschichte der Stadt, voller Neugier auf all die kleinen und großen Geheimnisse seiner Heimatstadt. In seinen Pausen sitzt er oft in den Kammern auf einem kleinen Schemel und studiert die Mappen und Ordner zum Kartoffelaufstand von 1849 oder dem großen Brand von 1842. Ist einerseits erschüttert über die nüchternen Angaben von verlorenen Leben und andererseits voller Optimismus, weil er schwarz auf weiß sehen kann, wie sich die Stadt immer wieder innerhalb kürzester Zeit ihrer Katastrophen entledigt hat und wie Phönix aus der Asche zur wichtigsten Hafenstadt der westlichen Welt wird. Sein Hamburg.Gerade legt er eine der Mappen zur Seite, da donnert Hagedorns Stimme plötzlich aus nächster Nähe in sein Ohr.„Nirnnheim, es gibt Arbeit, lass das Geschmöker, beweg deinen schmächtigen Leib in meine Arbeitsstube“.\n„Zu Befehl, Herr Hagedorn“, sagt Hans und folgt seinem Chef in dessen Büro. Hagedorns mächtiger Mahagonischreibtisch ist übersät mit losen Blättern, selbst auf dem Boden liegen die kartonierten Mappen und der sanfte Wind spielt mit losen Notizzetteln. Hans ist froh um das bisschen Wind, das durch die weit geöffneten Fenster vom Adolphsplatz hereinweht, dieser August ist außergewöhnlich heiß und trocken. Der Pegelstand der Elbe ist so niedrig wie er ihn noch nie gesehen hat.\n„Ich hab hier ein Schreiben von einem Dr. Hugo Simon aus Altona“, sagt Hagedorn, rückt sich seine kleine goldene runde Brille zurecht und räuspert sich in seinen übermächtigen Schnauzbart, bei dem sich Hans jeden Tag fragt, ob die Haut darunter nicht weiß wie Schnee sein muss, denn wann sieht sie jemals Sonnenlicht? „Geht um einen Kanalarbeiter mit Verdacht auf Cholera. Starker Brechdurchfall, kurz darauf abgetreten. Kann sich aber auch um was anderes handeln. Ich möchte, dass du das aufnimmt und abheftest.“„Aber soll es in eine bestimmte Mappe?”, fragt Hans und starrt auf den Schnauzer seines Chefs.„Nein, das ist ein Einzelfall.“Nirrnheim will gerade die Amtsstube verlassen, da tönt ihm Hagedorn hinterher: „Und mach endlich diese Kammern sauber, Ende der Woche kommt Robert Koch ins Rathaus, der soll nicht denken, hier hätten die Hunnen gelagert.“Zwei Wochen später klemmt sich Hans Nirrnheim das Hamburger Fremdenblatt unter den Arm und macht sich auf den Weg nach draußen. Im Treppenhaus ist es still, Hagedorn ist auf Dienstfahrt, Hans will sich hinterm Rathausmarkt an die Alster setzen, einen Apfel essen und die Zeitung lesen, in der von immer mehr Fällen die Rede ist. „Reine Panikmache“, hat sein Chef ihm gesagt, aber seit dem Besuch Robert Kochs im Hamburger Rathaus hat sich Hagedorn immer mehr in seinem verschlossenen Büro verschanzt.Auf dem Weg zur Alster sieht Hans, wie fünf Männer sich ihren Weg durch eine Gruppe Menschen bahnen, um zum Eingang eines Wohnhauses beim Alten Wall zu gelangen. Die Männer sehen ruppig aus, sonnengegerbt. Sie tragen keine Uniformen, aber dafür Tücher vor dem Mund und Gummihandschuhe. Zwei von ihnen schleppen riesige Kupferkannen mit sich herum, die anderen haben Eimer und Bürsten in der Hand. Neben ihnen steht ein Handwagen mit Schläuchen, Tüchern und Bottichen voller Chlorkalk. Es ist das erste Mal, dass Hans einen Desinfektionstrupp mit eigenen Augen sieht. „Hier gibt’s gar nix zu glotzen“, herrscht ihn einer der Männer an.Hans ist die Lust auf seinen Apfel an der Alster vergangen, er geht zurück zum Adolphsplatz, die letzten Meter rennt er sogar. \nAuf dem Weg wird er beinahe von einer weiß getünchten, offenen Kutsche überfahren, in der ein schwarzer Sarg liegt. Zurück im Rathaus, oben in seiner Kammer legt er mit Bindfaden eine neue Mappe an, packt etliche lose Dokumente hinein und schreibt mit schwarzer Füllfeder auf den obersten Karton „Cholera 1892.“\nAuch hier haben wir wieder ein bisschen die Fantasie bemüht. Es gab sowohl den Volontär im Staatsarchiv Hamburg namens Hans Nirrnheim als auch seinen Chef Anton Hagedorn, aber die Szene mit den beiden haben wir uns ausgedacht, auch die Drohung mit dem Ohr-abschneiden. Was wir uns leider nicht ausgedacht haben, ist die Rückkehr der Cholera nach Hamburg im Jahr 1892: die Desinfektionstrupps, die Leichenwägen, die Panik, die Toten. Oder wie Robert Koch es formuliert, als er anreist: „Es war mir zumute als wandere ich über ein Schlachtfeld“.Koch kann schnell ausmachen, dass vor allem die starken hygienischen Defizite in den ärmeren Vierteln der Stadt einen perfekten Nährboden für die Rückkehr der Cholera bilden. Zitat: \"Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie in den sogenannten Gängevierteln, die man mir gezeigt hat, am Hafen, an der Steinstraße, in der Spitalerstraße oder an der Niedernstraße.Und tatsächlich sind viele Hamburger für den Bau der riesigen Speicherstadt aus ihren angestammten Vierteln vertrieben worden und wohnen jetzt in engen Mietshäusern, stickigen Kasernen, feuchten Kellerwohnungen mit dunklen Hinterhöfen und schlechten bis keinen sanitären Anlagen, also auch keinen Klos.Dazu kommt, dass die Müllentsorgung kaum funktioniert und das Trinkwasser ungereinigt einem Teil der Elbe nahe des Stadtgebiets entnommen wird, eine ähnliche Situation wie in London ein paar Jahrzehnte vorher. Die Konstruktion von Wasserfiltern ist zwar bereits 1872 im Gespräch, wird aber aus Kostengründen immer wieder verschoben, somit machen sich selbst Insekten und Fische, bspw. ganze Aale auf den Weg von der Elbe in die Haushalte. Muss man sich mal vorstellen: du machst den Wasserhahn morgens an, willst Zähneputzen - und ein Aal lugt neugierig aus der Leitung.  \nOk, ganz so wars natürlich nicht, aber tatsächlich hat damals der Direktor des Naturhistorischen Museums Karl Kraepelin eine Untersuchung der Hamburger Wasserleitungen vorgenommen und darin 50 (!) verschiedene Tierarten gefunden. Dazu hat jemand namens Ernst Reiche, seines Zeichens Oberingenieur bei der Lübeck-Büchener Eisenbahngesellschaft, ein Gedicht geschrieben: Vom Thier in Hamburg’s WasserrohrDa kommen 16 Arten vor:Ein Neunaug‘, Stichling und ein Aal,Drei Würmer leben in dem Strahl,Drei Muscheln und drei träge SchneckenSich mit der munter’n Assel necken;Ein Schwamm, ein Moosthier, ein Polyp,Die dringen lustig durch das Sieb; –An todten Thieren kommen ‘rausDer Hund, die Katze und die Maus.Noch nicht gefunden sind im RöhrDer Architekt, der Ingenieur. \nAale hin oder her, wie in London zeigt sich auch hier schnell, dass eine bessere Wasserversorgung weniger Infektionen bedeutet. Beispiel: Im benachbarten AALtona – sorry kleiner Scherz - gibt es seit 1859 eine Sandfilteranlage, dort stirbt kaum jemand an Cholera.Und obwohl nicht nur Robert Koch früh warnt, bleiben die notwendigen Reaktionen der Behörden zunächst aus. Koch empfiehlt akute Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung wie das Abkochen von Trinkwasser und die Desinfektion von Wohnungen und Kleidungsstücken, wobei die Desinfektionsmaßnahmen oft zu spät kommen und nicht den Ursprung der Infektion beseitigen, nämlich das kontaminierte Trinkwasser. \nÜberhaupt reagiert die Stadt tödlich langsam, Auswandererschiffe verlassen weiterhin ungehindert die Stadt in Richtung New York. Niemand will Geld oder Prestige verlieren in der boomenden Hansestadt. Dazu kommt erschwerend, dass man auch wissenschaftlich nicht ganz auf dem Stand der Dinge ist, nicht auf die John Snows und Robert Kochs dieser Welt gehört hat. „Moin, ganz ruhig bleiben, geht doch sicher bald wieder wech“, lautet hier stattdessen die Devise. In der Praxis sieht das so aus: Trotz Nachweis des Erregers versichert der Hamburger Senator Gerhard Hachmann am 22. August dem amerikanischen Vizekonsul, es gäbe keine Cholera in Hamburg. Einen Tag später meldet er sie dann doch dem kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin. Huch.\nDie Konsequenz: Wer es sich leisten kann, verlässt die Stadt, der Rest muss versuchen in der schwelenden Hitze, in den engen Gassen und Wohnungen zurecht zu kommen, sich irgendwie zu schützen. Die Behörden stellen Hygiene-Regeln auf, verteilen abgekochtes Wasser, bieten angeblich bakterienfreies Essen auf öffentlichen Plätzen an, Schulen werden geschlossen, der Verkehr kommt zum Erliegen, der Hafenbetrieb wird heruntergefahren. Das „Tor zur Welt“ fällt krachend ins Schloss.\nDie Polizei errichtet sogenannte Desinfektionsstellen in leerstehenden Turnhallen, in Ballsälen und Bahnhöfen und jetzt kommen auch die mobilen Desinfektionstruppen zum Einsatz, sie desinfizieren mit Chlorkalk, Karbol oder Kreolin verseuchte Straßen und Häuser, mit kaum messbaren Erfolgen. Gleichzeitig heben unzählige Freiwillige Tag und Nacht neue Gräber auf dem Großfriedhof Ohlsdorf aus, manche davon Massengräber. Insgesamt erkranken in Hamburg in den kommenden zehn Wochen über 16.000 Menschen, fast 9000 von ihnen sterben.Auch andere deutsche Städte vermelden noch Epidemien, doch sie fallen wesentlich weniger gravierend aus. Oft werden Konsequenzen aus den vorangegangenen Ausbrüchen gezogen, oft werden – wie in München -  die hygienischen Bedingungen und die Wasserversorgung verbessert. Nicht so in Hamburg.\nIm Jahr 1893 liegt die Stadt am Boden. Auch wirtschaftlich. Das überzeugt dann auch endlich die Politik, Maßnahmen zu ergreifen. Die Hamburger Wasserwerke stellen ihre Filteranlage fertig, Wohnviertel werden saniert, eine Müllverbrennungsanlage entsteht und die Stadt erlässt neue Baugesetze, um die Wohnbedingungen zu verbessern.Einer von Robert Kochs Schülern, ein gewisser Bernhard Nocht, wird in der Folge zum Hafenarzt und später zum Direktor des nagelneuen Instituts für Schiff- und Tropenkrankheiten ernannt. Heute ist das Benhard-Nocht-Institut eine der ersten Adressen für Tropenmedizin weltweit.\nIch schulde euch ja noch eine Anekdote zum Münchner Cholera-Forscher Max Joseph von Pettenkofer. Der war eigentlich mal echt gut mit seinem Kollegen Robert Koch befreundet, doch im großen Seuchenjahr 1892 geraten die beiden aneinander, weil Pettenkofer Kochs Theorie widerspricht, die Krankheit entspringe allein dem Vibrio Cholerae-Bakterium. Pettenkofer will beweisen, dass eine direkte Ansteckung von Mensch zu Mensch nicht möglich sei, die Bakterien müssten erst in den Boden geraten, um ansteckend zu werden. Für diesen Beweis greift er zu einer radikalen Maßnahme: In einem waghalsigen Selbstversuch schluckt er vor Zeugen Cholerabakterien in Form einer Bouillon und …. bekommt lediglich Durchfall, vermutlich weil er als Kind selbst mal an Cholera erkrankt ist.  Das wirft kurzzeitig Zweifel an Kochs durchaus korrekten Forschungsergebnissen auf, hat aber immerhin den positiven Effekt, dass man Sanierung und Hygiene der Städte noch ernster nimmt. Klarer Fall auch von „Kids don’t try this at home.“\nDen schweren Ausbruch in Hamburg ordnet man übrigens der fünften Cholera-Pandemie zu, doch im Grunde genommen verlaufen die vierte und fünfte Pandemie ohnehin fast übergangslos. 1881 – 1896 breiten sich Epidemien erneut ausgehend von Indien (es tut mir echt leid, die immer als Ursprung benennen zu müssen) auf mehrere Kontinente aus: In Europa kostet die fünfte Pandemie über 250.000 Menschen das Leben, auf dem amerikanischen Kontinent mehrere Zehntausend. Russland allein hat gut 200.000 Tote zu beklagen. Trotzdem markiert der heftige Ausbruch in Hamburg das Ende der Cholera-Verwüstungen in Europa. Es scheint, als hätten die Behörden, Politiker und Städtebauer ihre Lektion gelernt. \nFreuen kann man sich dennoch nicht, denn wenn ihr richtig mitgezählt habt, fehlen ja noch zwei Pandemien. Die siebte sparen wird uns noch ein wenig auf, die sechste wütet von 1899 – 1923 und basiert noch auf dem herkömmlichen Cholera-Typ namens O1, der in Europa aufgrund der verbesserten Hygienebedingungen nicht mehr ganz so viel zu melden hat. Trotzdem müssen das Osmanische und das Russische Reich erneut hohe Todeszahlen beklagen, in Russland alleine sterben 500.00 Menschen zwischen 1900 und 1925. In Indien tötet die sechste Pandemie 800.000 Menschen.\nIch will euch nicht abstumpfen mit diesen ganzen horrenden Zahlen und ganz sicher erheben unsere Aufzählungen hier auch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, aber wie will man das Ausmaß dieses Schreckens auch anders darstellen? Höchste Zeit für die Heilmethoden und höchste Zeit für Robert Koch. \nSeine Lebens- und Wirkgeschichte haben wir ja bereits ausführlich in einer Folge beleuchtet, hört da gerne nochmal rein, wenn euch das Leben des „Vaters der Mikrobiologie“, wie er gern genannt wird, interessiert. Hier schauen wir daher nur auf seine Forschungen zu Cholera.\nKoch wird 1883 von der preußischen Regierung nach Ägypten und später nach Indien entsandt, um die Cholera zu untersuchen. Damals glauben noch alle an die Mär von den Miasmen, doch Koch, der zu dem Zeitpunkt schon Milzbrand und Tuberkulose-Bakterien isoliert und benannt hatte, ist skeptisch und folgt zudem den Erkenntnissen seines Vorgängers Filippo Pacini, der den Erreger schon 1854 unter dem Mikroskop entdeckt und beschrieben hat. In improvisierten Laboratorien in Alexandria oder Kalkutta untersucht er das örtliche Wasser, dazu Stuhlproben und Blut der Kranken. Und findet, wie Pacini zuvor auch schon, … ein Satzzeichen. \nFalls ihr jetzt Fragezeichen vor Augen habt ….DR. SUSANN DUPKE:\n\"Ja, die sehen alle aus wie Satzzeichen, das kann man schon so sagen. Aber man könnte jetzt aufgrund des mikroskopischen Bildes nicht darauf schießen, was man da vor sich hat und vor allen Dingen, welche Erkrankungen der hervorruft.\"\nANDREA SAWATZKI:\nIch würde auch sagen, das Bakterium aussieht wie ein Komma, so ein klassisches Schreibmaschinenkomma. Unter dem Namen „Kommabazillus“ wird er es ein Jahr später in Berlin vorstellen, bald wird es Vibrio Cholerae genannt. Er findet es vor allem im Dünndarm von Verstorbenen.\nDR. SUSANN DUPKE:\n\"Aber Robert Koch hat dem Ganzen dann tatsächlich erst 1883 das Krönchen aufgesetzt, indem er durch diesen Nachweis, dass ein Kleinstlebewesen, also ein Bacillus, ein Bakterium eine Erkrankung hervorrufen kann. Weil dann eben einfach niemand mehr die Augen verschließen konnte und sagen konnte: Mensch, es ist doch eine göttliche Fügung oder es ist doch eine Prüfung oder ähnliches.\"\nANDREA SAWATZKI:Kochs Experimente zeigen zudem, wie sich das Bakterium in verunreinigtem Wasser rasend schnell vermehren kann, also weshalb innerhalb weniger Wochen tausende von Menschen sterben. \nAb jetzt ist bewiesen: Der Erreger verbreitet sich über Trinkwasser und sanitäre Einrichtungen. Und setzt man genau da an, sprechen die Zahlen schnell für sich: Während zwischen 1831 und 1895 noch fast eine halbe Million Menschen in Deutschland an Cholera sterben, gilt sie im 20. Jahrhundert in Deutschland fast als ausgelöscht.1921 ereignen sich die letzten beiden Todesfälle im damaligen Königsberg. Im Jahr 2024 verzeichnet das RKI nur vier gemeldete Fälle, alle davon Importware, wenn man so will.\nKochs Forschungen sind übrigens auch ein Gegenmittel gegen krude Verschwörungstheorien und antisemitische Mythen. Wir haben es ja bereits in dieser Staffel gehört: Oft wurden vor allem jüdische Bürgerinnen und Bürger beschuldigt, ihre christlichen Mitmenschen und deren Trinkwasser vergiftet zu haben. Jüdische Ärzte wurden beschuldigt, ihre Patientinnen und Patienten zu vergiften. Und leider halten sich bis heute vereinzelt solche grotesken antisemitischen Anschuldigungen, zuletzt konnte man sie bei der Covid-Pandemie finden. \nBevor wir zu den deprimierenden Statistiken der 7. Pandemie kommen, ist es höchste Zeit, sich mal anzuschauen, wie gut wir eigentlich in der Lage sind … oder besser gesagt wären, die Cholera in Schach zu halten, denn ausrotten geht ja leider nicht. Warum eigentlich nicht?DR. SUSANN DUPKE:\n\"Weil der Erreger der Cholera, Vibrio Cholerae, ein Bakterium ist, was ganz natürlicherweise im Wasser vorkommt. Diesen Erreger in Anführungsstrichen auszurotten, würde bedeuten, dass man das Reservoir ausrotten müsste. Und das ist in dem Fall einfach nicht möglich. Also man kann die Wasserreservoire, die ökologischen Nischen, wenn man es so will, in denen der Erreger ganz natürlich vorkommt, nicht ausrotten. Das geht nicht. Diese Rückzugsorte kann man nicht stilllegen oder eliminieren. Was immer wieder dazu führen wird, dass dieser Erreger einfach auch wieder auftaucht. Das ist ganz normal.\"\nANDREA SAWATZKI:\nBleibt die Frage, wie Cholera am besten behandelt wird, wenn eben kein sauberes Wasser garantiert werden kann. Schauen wir noch einmal schnell zurück in eine Zeit, als Trinkwasser noch nicht als Erregerquelle bekannt war.\nVor der Entdeckung der Cholera selbst hat man Durchfall mit Hausmitteln wie Kräutern, Essig, Wein oder Opium bekämpft. Und natürlich mit unserem Klassiker aus dem Mittelalter, dem guten alten Aderlass. Um 1831 schreibt ein anonymer Arzt aus Hannover: „Wenn ein bis dahin Gesunder einen ganz eigentümlichen, ängstlichen Ausdruck im Gesicht zeigt und er über ein unbestimmtes Unwohlsein klagt, vielleicht auch mit dünnem Stuhlgang behaftet, muss zunächst ein Brechmittel gegeben werden.“ \nNebenbei werden so Dinge wie eine Abreibung mit Branntwein oder Blasenpflaster in der Magengegend empfohlen.Erst durch John Snows Experimente und Robert Kochs Entdeckung des Bakterienstamms Vibrio Cholerae, verschwindet der Nonsens von den Miasmen und damit konzentriert man sich endlich auf Maßnahmen wie Quarantäne und sauberes Trinkwasser. Im Protokoll der Magdeburger Cholera-Konferenz von 1894 heißt es: \"Der sicherste Schutz gegen die Cholera ist die in Cholera-freien Zeiten ausgeführte Gesundung der Städte und Ortschaften durch Beseitigung der Abfallstoffe und durch reichliche Versorgung mit reinem Trinkwasser\". \nBereits ab den 1830er Jahren beginnen Ärzte, die verlorene Flüssigkeit der Patienten durch intravenöse Kochsalzlösungen zu ersetzen. Doch erst in den 1940ern werden standardisierte Rehydrationslösungen eingeführt, der Vorläufer für die Oral Rehydration Therapy (auch ORT genannt): eine Mischung aus Salz, Zucker und Wasser. Allerdings:DR. SUSANN DUPKE:\n\"Man behandelt nicht die Erkrankung selbst, sondern die Symptome der Erkankung. Der menschliche Körper ist durchaus in der Lage, eine Cholera-Infektion zu überstehen. Das Problem ist nur, dass der so schnell austrocknet, dass es keine Chance gibt, da wieder gesund zu werden. Weil einfach diese Austrocknung, also diese Dehydratation dazu führt, dass das Herz nicht mehr schlagen kann, dass der Darm nicht mehr funktioniert, das Blut funktioniert nicht mehr, all das, was den Körper stabil hält, kann nicht mehr funktionieren. Deswegen ist die Zuführung von Flüssigkeit und vor allen Dingen Elektrolyten, also Mineralstoffen, die mit dem Durchfall einfach verloren gehen, das A und O. Man sagt, man behandelt symptomatisch. Man behandelt den Flüssigkeitsverlust. Diese Idee war auch ziemlich spektakulär, weil die eigentlich einfach und billig ist, wenn man es so will.\"\nANDREA SAWATZKI: \nProblem dabei ist nur, dass dafür die hygienischen und medizinischen Bedingungen stimmen müssen, so simpel die Methode auch sein mag. Dennoch ist die ORT  revolutionär, sie senkt die Sterberate von 50% auf unter 1% (!) und wird weltweit zum Standard bei der Behandlung von Cholera.Gleichzeitig findet man zwischen 1940 und 1950 erste Antibiotika wie Tetrazyklin zur Behandlung der Krankheit. Mit Tetracyclin wird neben Cholera z.B. auch Syphilis und Malaria behandelt und entdeckt hat es ein US-amerikanischer Pflanzen-Wissenschaftler namens Benjamin Minge Duggar. Es kann bei schweren Fällen Leben retten, ist aber meistens nicht notwendig und sogar kontraproduktiv.DR. SUSANN DUPKE:\n\"Das Problem ist aber, wenn man eine Erkrankung hat, die Millionen von Menschen befällt, dann kann man nicht Millionen von Menschen Antibiotika geben, weil die Entwicklung einfach so ist: Die Bakterien sind, ich für sage mal, salopp schlau ... benutzt man zu viele Antibiótika, das ist ein Thema der aktuellen Zeit, entwickeln sich Resistenzen und die Erreger werden durch diese Antibiotika nicht mehr abgetötet. Das ist fatal und schlimm.”\nANDREA SAWATZKI:\nDeswegen gilt die generelle Empfehlung, erstmal erstmal keine Antibiotika zu geben. Aber wo zur Hölle bleibt denn jetzt der Impfstoff?Bereits 1878 entdeckt der französische Chemiker Louis Pasteur ein Bakterium, das bei Hühnern Cholera verursacht - basierend auf seinen Erkenntnissen entwickelt der katalanische Arzt Jaume Ferran i Clua 1884 ein erstes Vakzin. Es ist ein Lebendimpfstoff, den er bei Patienten isolieren konnte. Bei der Epidemie in Valencia darf er ihn gleich mal ausprobieren, ein konkreter Erfolg ist nicht überliefert, im Gegenteil: seine Methodik wurde stark kritisiert und es gab keine ausreichenden Wirkungsnachweise. Weitere, verbesserte Impfstoffe mit weniger Nebenwirkungen werden von Waldemar Haffkine und Wilhelm Kolle entwickelt. Haffkine testet seinen 1896 an mehr als 40.000 Menschen nahe Kolkata, die Wirkung seines Impfstoffs bleibt aber stark umstritten. \nKolle impft 1902 erstmals mit einem Totimpfstoff in Japan und das mit beachtlichem Erfolg – einer angeblichen Effektivität von 80% weniger Ansteckungen.Man kann trotzdem festhalten, dass die ersten Impfstoffe nur unvollständigen Schutz bieten, der auch nur kurz anhält. Erst Ende der 1970er werden zuverlässigere und dauerhaft wirksame Impfstoffe entwickelt.Bedeutet: Eine vollständige Impfung bietet einen Schutz von etwa 85%. Doch der Zugang zur Impfung ist vor allem in humanitären Krisen begrenzt. Impfstoffe können nicht rechtzeitig oder gar nicht produziert werden, die Produktionskosten sind zu hoch, es fehlen Versorgungsketten oder Kühlmöglichkeiten, Impfkampagnen erreichen die Menschen nicht oder sie können sich schlicht keine Impfung leisten.Und auch deshalb haben wir eine siebte Pandemie, der wir hier leider noch Rechnung tragen müssen. \nObwohl die letzte große Cholera-Pandemie über 50 Jahre zurückliegt, erschrickt man Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts im Hamburger Hafen vermutlich immer noch bis ins Mark, wenn ein Schiff einläuft, das eine gelbe Flagge hisst, denn das bedeutet: Eine Seuche reist mit. Und damit vielleicht die nächste Epidemie?\nDie siebte Pandemie beginnt 1961 und dauert tatsächlich bis heute an. Zu unserer aller Überraschung ist ihr Ausgangspunkt ausnahmsweise nicht Indien, sondern Indonesien, ausgehend von einem neuen Typ des Bakteriums, den man El Tor nennt. Benannt nach dem Ort einer Quarantänestation auf der Halbinsel Sinai, wo er 1905 entdeckt wurde. Und nachdem El Tor lange Zeit nur milde Fälle ausgelöst hat, verdrängt er ab 1961 die klassischen Cholerastämme, da er widerstandsfähiger ist, länger im Wasser überleben kann - und auch in Menschen ohne Symptome, das ist neu. Via El Tor breitet sich die Cholera ab den 1960ern in Südostasien aus, erreicht 1964 Indien, dann die Sowjetunion, sowie den Iran und Irak. 1970 greift die Krankheit auf den afrikanischen Kontinent über und bleibt dort bis heute präsent.\nDennoch bleiben die Fallzahlen zunächst gering, gemessen an den vorausgehenden Pandemien. Die weltweit überwiegend verbesserten Hygienebedingungen verringern zumindest die Sterblichkeitsraten und ab Mitte der 1970er werden die Ausbrüche auch deutlich sporadischer. Wenn auch nicht weniger tragisch: Der Krieg und Völkermord in Ruanda 1994 verursacht einen Cholera-Ausbruch. Anfang des Jahres 2010 ereignet sich in Haiti ein schweres Erdbeben, danach erkranken u.a. wegen zerstörter Infrastruktur geschätzt mehr als 500.000 Menschen an Cholera.2016 kommt es zum ersten und leider nicht letzten Ausbruch der Cholera im Jemen. Und das Erschreckende: Der Ausbruch hält bis heute an. Mit über 2,5 Millionen Verdachtsfällen und 4.000 Todesfällen in sechs Jahren gilt er als der größte Cholera-Ausbruch der Neuzeit. Schlimm genug, doch was die meisten vielleicht gar nicht wissen: die Zahlen steigen weltweit gerade wieder.DR. SUSANN DUPKE:\n\"Wir steuern tatsächlich gerade, was die Cholera angeht, auf immer schlimmere Zustände zu. Das mag man immer kaum glauben, weil man denkt, die Wissenschaft und die Industrialisierung, die geht immer weiter und es gibt neue Erkenntnisse. Tatsächlich ist es aber so: Hat man irgendwo ein Krisengebiet und es gibt eine Überschwemmung, auf der Südhalbkugel, folgt danach immer automatisch Cholera und auch Typhus.  Also wenn wir in der heutigen Zeit von 26 Ländern auf der Welt sprechen, die akute Ausbrüche haben, nicht nur einzelne Fälle, dann ist das schon irgendwie, zumindest für mich als Wissenschaftlerin, die sich damit beschäftigt, sehr beunruhigend.\"ANDREA SAWATZKI:Und zuletzt (dann sind wir wirklich durch mit den Pandemien, versprochen) noch eine aktuelle Wasserstandsmeldung von der WHO, das sind die beunruhigenden Zahlen, von denen auch Susann Dupke spricht: Allein zwischen Januar und August 2025 wurden weltweit 400.000 Cholera-Fälle und fast 5000 Todesfälle aus 31 Ländern gemeldet.\nBesonders betroffen mit steigenden Fallzahlen sind afrikanische Länder wie der Sudan, Chad, der Kongo, vor allem immer wieder Konfliktregionen. Der Grund: massive Defizite im Gesundheitswesen, bei Wasserqualität, Hygiene und sanitären Anlagen.Die ständige Impfkommission in Deutschland empfiehlt übrigens heutzutage eine Impfung lediglich bei „Reisen in Cholera-Epidemiegebiete mit voraussichtlich ungesichertem Zugang zu Trinkwasser“ und bei „längerfristigen Tätigkeiten in Epidemie-Gebieten“ sowie beim „Einsatz als Katastrophenhelfer“. \nBleibt die Frage, wie die moderne Behandlung einer Cholera aussieht. Was würde passieren, wenn ich morgen früh zu meinem Hausarzt gehe und der sagt: Mensch Frau Sawatzki, das sieht mir aber stark nach Cholera aus? Keine Angst, völlig hypothetisches Szenario.Standard nach WHO ist nach wie vor die orale Rehydration. Hätte ich schon zu viel Flüssigkeit verloren, würde mir welche intravenös verabreicht. Für Kinder gibt es manchmal zusätzlich Zink und die letzte Bastion sind und bleiben dann natürlich die Antibiotika, aber die will man aus obengenannten Gründen ja vermeiden. Am wichtigsten ist und bleibt die Prävention durch sauberes Trinkwasser, gute Hygienebedingungen und erfolgreiche Impfkampagnen … und damit stehen wir wieder beim selben alten Problem: der defizitären Infrastruktur in manchen Ländern. Dabei gäbe es eine Roadmap, wie Cholera bis zum Jahr 2030 zu besiegen wäre. Die Global Taskforce on Cholera Control, ein internationales Netzwerk um Cholera in den Griff zu kriegen, hat sie bereits 2017 veröffentlicht, sie soll die Todesfälle bis 2030 um 90% reduzieren und in zwanzig Ländern die Krankheit sogar vollständig ausrotten. Und zwar mit einem besseren Früherkennungssystems, schnellerer Eindämmung der Krankheit, einem Fokus auf stark befallene Gebiete und einer effektiven Koordination zwischen Mensch und Technik - und das länderübergreifend.\nMit dieser leicht optimistischen Note können wir doch für heute Schluss machen. Ich will mich noch herzlich bei unserer Expertin Dr. Susann Dupke bedanken und euch natürlich neben der gesamten Staffel auch unsere nächste Folge ans Herz legen: Da beschäftigen wir uns mit einer mächtigen, aber lange schwer zu greifenden Krankheit. Eine die den Geist erfasst, aber letztendlich doch immer irgendwie auch im ganzen Körper steckt. Eine, die wir längst nicht besiegt haben, aber der sich die Menschheit endlich und hoffentlich ausgiebig genug widmet … der Depression.So und jetzt ist es wirklich Zeit für einen Drink. \n Lasst uns doch gerne noch eine freundliche Bewertung da, abonniert den Podcast und bleibt vor allem aber gesund und durstig! Eure Andrea Sawatzki!\nSPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau\nExecutive Producers „gesundheit-hören“: Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück\nExecutive Producers „WakeWord“: Ruben Schulze Fröhlich und Christoph Falke\nAutor: Berni Mayer\nRegisseur: Berni Mayer\nRedaktion „WakeWord“: Berni Mayer, Volker Strübing, Josephine Aleyt\nRedaktion „gesundheit-hören“: Kari Kungel\nMedizinisch-pharmazeutischer Faktencheck: Dr. Andreas Baum, Dr. Roland Mühlbauer, Dr. Katharina Kremser\nMusik: Johannes Cornelius\nSound Design: Felix Stäblein\nProduktionsleitung: Josephine Aleyt\nProduziert von den Wake Word Studios in München",
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