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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nHeute haben wir doppelten Grund zu feiern! Auch wenn das Thema dieser Folge ehrlich gesagt nicht gerade zum Feiern einlädt. \nKurze Frage: Sind eigentlich Männer im Publikum? Oder denken die alle: Ach, Endometriose, das ist doch ein Frauenthema, die Folge lass ich aus?\nIch hoffe nicht. Denn, liebe Männer, ich glaube, ich kann versprechen, dass diese Episode auch für euch spannend und überraschend wird.  Außerdem kommt auch ein speziell für euch entwickeltes Foltergerät vor. \nAber, zurück zu den zwei Feiergründen. Das hier ist die 50. Folge von Siege der Medizin, hurra! Wir sind mächtig stolz und sehr, sehr froh, dass wir seit 2021 so viele Geschichten erzählen konnten!\nMöglich macht das Ganze der Wort & Bild Verlag, dessen bekannteste Publikation das auflagenstärkste Print-Magazin Deutschlands ist: Die Apotheken Umschau. Und die feiert dieses Jahr ihr 70-jähriges Bestehen! \nUnd, damit ihr den Witz nicht machen müsst, mache ich ihn: Damit ist Die Apotheken Umschau endlich so alt, wie ihre Leserschaft!\nKeine Sorge, ich werde jetzt nicht lang und breit erklären, warum die Apotheken Umschau keineswegs die \"Rentner Bravo\" ist, als die sie oft verspottet wird, sondern ein ernsthaftes, sehr gründlich recherchiertes und - für viele überraschend - modernes Gesundheitsmagazin - huch, jetzt habe ich es ja doch gemacht ... naja.\nIch kann nur empfehlen, euch mal eine Ausgabe in der Apotheke mitzunehmen, falls ihr das nicht sowieso schon macht. Und falls ihr das hier direkt im Januar 2026 hört: jetzt liegt gerade die Jubiläumsausgabe zum 70-jährigen Bestehen aus - und die ist ein faszinierender Blick auf 7 Jahrzehnte Geschichte der Medizin und der Gesundheitskommunikation. Kostet nichts und lohnt sich. Und wer mit Print so gar nichts anfangen kann, der findet die Apotheken Umschau natürlich auch im Netz, auf apotheken-umschau.de, bei Youtube, Instagram, Tik Tok ... Bei Facebook auch, aber das bleibt unter uns, sonst sagen nachher wieder alle: Wusst ich doch, dass das was für Rentner ist ...\nNatürlich gibt es auch jede Menge Podcasts aus dem Audioangebot der Apotheken Umschau. Einen hört ihr gerade, noch mehr findet ihr unter gesundheit-hören.de.\nWir haben mal ein bisschen im Archiv der Apotheken Umschau gestöbert und uns die allerersten Ausgaben von 1956 angesehen. Interessanterweise gab es darin sogar so etwas wie einen direkten Vorläufer von \"Siege der Medizin\": Einen medizinhistorischen Fortsetzungsroman mit dem Titel: \"Der Sieg über den Schmerz\". \nUnd das passt ganz besonders, weil ausgerechnet diese Jubiläumsfolge wirklich schmerzhaft wird ... \nSPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau\nSTIMMENCOLLAGE:\n\"Das erste mal, da war ich 14, ich musste in die Notaufnahme, weil ich so dolle Schmerzen hatte.\"\n„Ich esse dann kaum, weil ich einfach nichts runterkrieg vor Schmerzen und ich eh nur auf der Toilette hänge.“\n\"Es fühlt sich an, als ob ein Schwert durch meine linke Seite gestoßen wird.\"\n\"Alles, was ich tun kann, ist, mich auf die Couch zu legen.\"\n\"In der Woche vor meiner Periode liege ich nur im Bett und habe Krämpfe. Während meiner Periode ist es dann 100 Mal schlimmer.“\n\"Ich habe seit meiner ersten Periode starke Schmerzen mit Ohnmacht, Krämpfen, Erbrechen und Schweißausbrüchen.\"\nANDREA SAWATZKI:\nHerzlich willkommen zu einer neuen Episode von \"Siege der Medizin\". Mein Name ist Andrea Sawatzki und ich werde diesmal viel über Schmerzen reden. Über extreme Schmerzen. Über “normale” Schmerzen. Und über extreme Schmerzen, die als ganz normal angesehen werden. Über die Art von Schmerzen, von denen ihr eben gehört habt. \nDas waren nachgesprochene Zitate aus verschiedenen Quellen; Zitate von Frauen, die an Endometriose leiden. Wenn euch das nichts sagt, braucht ihr euch nicht schämen. Das geht vielen so: Mehr als 40 % aller Deutschen haben noch nie von Endometriose gehört. Dabei leiden allein in Deutschland nach vorsichtigen Schätzungen etwa 2 Millionen Menschen - Frauen - an der Krankheit, nach anderen Schätzungen sogar 4 bis 6 Millionen. Anders gesagt: Ungefähr jede zehnte Frau im gebärfähigen Alter ist betroffen.\nDeshalb ist es sicher das Beste, wenn wir erst einmal ganz kurz und grob klären, was das überhaupt ist. Dabei hilft uns Professorin Dr. Sylvia Mechsner. Die Gynäkologin beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Krankheit, ist Leiterin des Endometriose-Forschungszentrums und des Endometriose-Zentrums an der Charité in Berlin.\nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Von Endometriose sprechen wir, wenn gebärmutterschleimhaut-ähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutterhöhle vorkommt. Das kann sein in der Gebährmutterwand selber, dann sprechen wir von Adenomyose.  Und von Endometriose sprechen wir, wenn das außerhalb der Gebärmutter insgesamt zu finden ist.“\nANDREA SAWATZKI:\nDiese sogenannten Endometriose-Herde können sich an verschiedenen Stellen im Körper ansiedeln – am häufigsten im Bauchraum, am sogenannten Bauchfell - das ist die Haut, die das Innere des Bauchraums auskleidet -, an den Eierstöcken, Eileitern, manchmal auch im Darm oder an der Blase und in seltenen Fällen können auch Organe wie die Lunge oder sogar das Gehirn betroffen sein. \nDR. SYLVIA MECHSNER:„\nDas heißt, das sind im Grunde genommen Miniatur-Uteri, die eben alle Gewebe der Gebärmutter bilden. Also weil das Gewebe wirklich sehr der Gebärmutter ähnelt, oder den Zellen der Gebärmutter, unterliegt es auch den hormonellen Einflüssen. Und Frauen haben eben einen Zyklus, jeden Monat reift im Eierstock ein Follikel heran und in dem Gewebe von diesem Follikel werden eben Östrogene gebildet. Und diese Östrogene erreichen über das Blut die Gebärmutter, damit sich die Gebärmutterschleimhaut wieder neu aufbaut. Das ist ja unser Zyklus sozusagen.“\nANDREA SAWATZKI:\nÜber den Blutkreislauf erreichen die Hormone die Gebärmutter - aber eben auch die Mini-Uteri - die \"Gebärmütterchen\". Und die sind damit ebenfalls dem Zyklus unterworfen - und beginnen zu bluten, wenn Frau \"ihre Tage\" hat. Das Problem ist, dass das Blut nicht abfließen kann. Die Herde bluten \"in sich hinein\", was zu starken Schmerzen führen kann. Neben den Östrogenen werden auch weitere Botenstoffe ausgestoßen, die eigentlich für die Gebärmutter gedacht sind, aber auch in den Endometrioseherden wirken. \nZum Beispiel sogenannte Prostaglandine - das ist eine ganze Gruppe von hormonähnlichen Botenstoffen. Eine bestimmte Art dieser Prostaglandine beispielsweise regt die Gebärmuttermuskulatur zum Zusammenziehen an. \nDas hilft, die Uterusschleimhaut abzustoßen, damit die Menstruation stattfinden kann. Gleichzeitig sorgen die Prostaglandine damit aber auch für die krampfartigen Regelschmerzen, unter denen viele Frauen leiden; sie unterstützen zudem Entzündungen und erhöhen die Empfindlichkeit der Schmerzrezeptoren. \nBei Endometriosepatientinnen ist der Prostanglandinspiegel oft stark erhöht: Mehr Entzündungen, noch sensiblere Schmerzrezeptoren, vor allem im Bauchraum, sind die Folge.\nDie Endometriose kann also extreme Schmerzen auslösen. So extrem, dass manche Betroffene sogar in Ohnmacht fallen. Und wir sprechen hier nicht nur von Schmerzen während der Periode. Endometriose kann andauernde Unterleibs- oder Rückenschmerzen auch außerhalb der Periode verursachen, Schmerzen beim Sex, beim Wasserlassen oder Stuhlgang, sie kann zu quälenden Blähungen - dem sogenannten Endo-Belly - führen, zu Übelkeit, chronischer Müdigkeit und Erschöpfung.\nUnd: Sie steht oft in engem Zusammenhang mit einem unerfüllten Kinderwunsch. Verschiedene Studien haben bei einem Viertel oder sogar der Hälfte aller unfruchtbaren Frauen eine Endometriose festgestellt. Das beweist zwar nicht, dass die Krankheit auch wirklich und in allen Fällen die Ursache der Kinderlosigkeit ist, aber sie ist in jedem Fall ein Risikofaktor. Wie sich die Krankheit im Einzelfall zeigt, hängt von vielen Faktoren ab. \nFür den Moment reicht das erst einmal an Background. Machen wir doch erstmal, wofür wir eigentlich hier sind, schauen wir uns die Geschichte an. Die Geschichte der Menstruation ...\nIhr ahnt gar nicht wie schwer es war, an diesen Satz nicht \"ist eine Geschichte voller Missverständnisse\" anzufügen! \nDas stammt natürlich aus einer Werbung für Tampons vom Anfang der 90er. Gab wohl von keinem Spot so viele Verballhornungen. Ein irrsinnig erfolgreiches Meme aus einer Zeit, als noch niemand von Memes redete und das Internet gerade erst für die Öffentlichkeit freigegeben war. \nWir wollen natürlich nicht die Geschichte der Menstruation erzählen, sondern die der Endometriose. Aber wir müssen das Thema eben ein bisschen ausweiten. \nFangen wir doch an mit einer kleinen Szene an. \nHerbst 1993. Der israelische Ministerpräsident Jitzchak Rabin und PLO-Chef Jassir Arafat unterzeichnen das erste Oslo-Abkommen, ein dauerhafter Frieden im Nahen Osten scheint endlich in greifbarer Nähe! In den Charts dominieren Eurodance-Hits, in den Kinos macht Jurassic Park alles platt. Im Fernsehen laufen \"Hans Meiser\", \"Ilona Christen\" und der \"Geschichte voller Missverständnisse\"-Werbe-Spot, die Apotheken Umschau titelt im November \"Leben retten - Blut spenden\" und Kathrin aus der 7B hat in der 3. Stunde Mathe …\nKathrin sitzt in der zweiten Reihe, die Ärmel ihres viel zu großen Pullovers sind über die Hände gezogen, die Fingernägel krallen sich durch den dicken Stoff in ihre Handflächen. Die Stimme des Lehrers dringt wie aus weiter Ferne zu ihr. \"Taschenrechner weg.\" sagt er, und: \"Leistungskontrolle\". Steffi, ihre Banknachbarin und Freundin, stupst sie an. \"Kathrin\", zischt sie warnend, dann schleicht sich Besorgnis in ihre Stimme. \"Alles okay?\"\nKathrin kann nur den Kopf schütteln, dann stöhnt sie. In ihrem Bauch zieht sich eine Schlinge zusammen, der Schmerz nimmt ihr den Atem, verschleiert ihren Blick. \"Weinst du?\" Sie weiß es nicht.  Steffis Arm liegt auf ihrer Schulter, der Daumen ihrer anderen Hand kreist mit sanftem Druck auf Kathrins Handrücken ... Papierrascheln ... Stühle die über das Linoleum knarzen ... eine glühende Nadel, dies sich in ihren Unterleib bohrt ...\nEs hat schon am frühen Morgen weh getan, nicht so natürlich, nur ein dumpfer Druck. Mama hat sie wissend angeschaut. \"Wahrscheinlich ist es jetzt soweit ...\" und Kathrin hat genickt. Sie weiß schon lange Bescheid. In der Bravo ist das ständig Thema und zwei Freundinnen haben schon ihre Periode und erzählen manchmal was. \nZuhause haben sie auch darüber geredet, naja, zumindest sie und Mama. Schon lange hat sie immer ein paar Hygieneartikel und Wechselunterwäsche in ihrem Rucksack; hat den Tag gleichzeitig herbeigesehnt und gefürchtet. \"Vielleicht tut es weh\", hat Mama gesagt. \"Bei mir tut es immer weh. Immer noch.\"\nAber das ... das kann nicht stimmen. Das kann nicht das sein, was ihre Mutter meint.  Etwas stimmt nicht, etwas ist kaputt. Sie krümmt sich und Steffi zieht sie zu sich heran, nimmt sie in den Arm.\n\"Könnten die Damen die Zärtlichkeiten vielleicht auf die Pause verschieben?\" Die Stimme des Lehrers klingt genervt, ein paar Jungs kichern. \n\"Herr Sedlacek, es geht ihr nicht gut ... sie ... ich glaube ... sie ist ganz blass und …\"\n\"Macht euch keine Hoffnung, die Arbeit müsst ihr nachschreiben\", ruft er, als Kathrin, zusammengekrümmt in Steffis Arm, aus dem Klassenraum schleicht. Bevor die Tür zufällt hören sie ihn noch schnaufen: “Jaja, Frauen und ihre Schmerzen. Kommen zufällig immer im rechten Moment. Bei der Mathearbeit oder wenn man mit ihnen … naja, das werden die Jungs unter euch noch früh genug merken …”\nDie Wärmflasche hilft. Ein bisschen. Mamas Stimme hilft. Ein bisschen. Zum Glück war sie da, als Steffi sie nach Hause gebracht hat. \"Ich weiß\", sagt die Mutter. \"Ich weiß.\" Sie streichelt Kathrins Haare, dann zeigt sie auf das große 4-Non-Blondes Poster an der Wand. Kathrins Liebingsband. Linda Perry, die Sängerin mit dem übergroßen Uncle-Sam-Hut, unter dem wilde Rastalocken hervorquellen, mit ihren Springerstiefeln und dem \"Ihr könnt mich alle mal\"-Blick. \"Starke Frau, was?!\", sagt  sie. Kathrin nickt. Klar. Sie ist selbst eine Non-Blonde, brünett wie ihre Eltern, aber stark? Ein Häuflein Elend, das ist sie. Und wenn Frau sein solche Schmerzen bedeutet, dann will sie keine sein, dann will sie Kind bleiben. \n\"Kann gut sein\", sagt ihre Mutter. \"... dass die einmal im Monat für ein paar Tage genauso daliegt, wie du jetzt ... weißt du, das ist ganz normal ...\" \nKathrin ist nicht doof. Sie weiß, dass ihre Mutter sie trösten will - und dass da manchmal ein bisschen schwindeln dazu gehört. \"Aber Mama, vielleicht ist es was ganz anderes. Es blutet doch gar nicht ...\"\n\"Die Schmerzen sind oft schneller als das Blut. Vielleicht dauert es sogar noch noch ein, zwei Monate bis du deine erste Regel hast.\"\n\"Und wenn es doch der Blinddarm ist, Mama? So doll können Regelschmerzen doch gar nicht weh tun, das würde doch niemand aushalten jeden Monat.\"\nDie Mutter schaut sie traurig lächelnd an. \"Beim ersten Mal ist es am Schlimmsten. Also bei mir war’s zumindest so. Weil ichs noch nicht kannte und solche Angst hatte und nicht wusste, dass das normal ist.\" Sie lacht bitter auf. \"Oh, je, meine erste Periode, wenn ich daran nur denke .....\"\nSie verstummt, als sie die Erinnerung überwältigt. Der Geruch der Turnhalle, der brüllende Sportlehrer in seinem ASV-Trainingsanzug, das Gekicher der anderen Mädchen und die Iiehhgitt-Rufe der Jungs. Die Schmerzen hat sie fast vergessen, das Gefühl der Scham nie. \"Wir haben damals ja noch bei meiner Oma gewohnt. Weißt du, was die gesagt hat?\"\n\"Lass mich raten\", sagt Kathrin mit zusammengepressten Zähnen.\"Das ist ganz normal.\" \nIhre Mutter lacht. \"Naja, nicht ganz. Sie meinte, das ist Evas Fluch.\" \n„Evas Fluch?“ Kathrins verzieht das Gesicht. „Die Eva? Die den Apfel geklaut hat? Und ich krieg jetzt die Quittung?“\n„Naja, ich schätze, deine Uroma hatte keine Jugendzeitschrift mit Dr. Sommer oder so. Und statt Aufklärung in der Schule gabs wahrscheinlich nur einen verbitterten, frauenhassenden Religionslehrer.\" \nKathrin schließt die Augen. Die Wärmflasche schlägt kleine Wellen unter der Decke. \"Versuch ein bisschen zu schlafen\", sagt ihre Mutter. \"Es ist alles gut.  Alles ganz normal ... und wenns nicht besser wird, gehen wir zum Arzt“\nGanz normal, denkt Kathrin. Wie jeder Teenager, der diese Bezeichnung verdient, weiß sie eins ganz sicher: Normal ... normal ist Scheiße.\n“Das ist normal”, “Das gehört zum Frausein dazu”\nWisst ihr, was wirklich zum Frausein dazugehört? Dass man viel zu oft nicht ernst genommen wird. Und dass Schmerzen nicht ernst genommen werden. Dass viele Frauen sie selbst nicht ernst nehmen, weil sie viel zu oft solche Sätze gehört haben: “Das gehört zum Frausein dazu”, “Schmerzen sind ganz normal”, “Gewöhn dich dran”, “Reiß dich zusammen”.\nEs ist ja wahr: Viele Frauen leiden unter Regelschmerzen, ohne dass eine Erkrankung vorliegt. Und letztlich bleibt ihnen wenig anderes übrig, als sich damit zu arrangieren. Eine monatliche Tortur, die viele Frauen mit sich allein abmachen. Sie beißen die Zähne zusammen, nehmen vielleicht eine Schmerztablette, meistern ihren Alltag und lächeln die Schmerzen auf Arbeit, in der Öffentlichkeit und oft genug auch in der Familie einfach weg. Schlimm genug - aber ein absoluter Horror für die, die zum Beispiel von Endometriose betroffen sind, deren Schmerzen unerträglich werden können, und von denen trotzdem erwartet wird, dasselbe zu tun.\nUnd einen Mythos können wir hier auch gleichmal abräumen: \"Da gewöhnst du dich dran\" - auch so ein Satz, den junge Frauen gern mal zu hören bekommen. \nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Tja, schön wär's. So klug ist aber der Körper nicht. Schmerz hat halt - und wir reden ja von richtigen Schmerzen, nicht so von Pille-Palle-Schmerzen -  natürlich eine Warnfunktion. Es könnte ja was Gefährliches sein. Blinddarm. Wenn man auf Blinddarm nicht reagiert, platzt der irgendwann und stirbt man. Also das kann man nicht ignorieren. Und die Regelschmerzen die, von denen wir jetzt sprechen, die so wirklich gravierend sind, die setzen den Körper auch derartig in Alarmbereitschaft, dass dann die Schmerzmodulation anders reagiert, die verstärkt sogar die Schmerzen, wenn es immer wieder kommt. Man muss sich das so vorstellen, wie zum Beispiel eine Blase im Schuh oder ein Steinchen im Schuhe. Erst merkt man den, man registriert den vielleicht nur so ganz bisschen, aber läuft man weiter drauf rum., ist das irgendwann so, als wenn das ganze Bein abfallen würde. Es tut richtig doll weh, also nicht nur diese kleine Blase, sondern ganz viel mehr. Und das sind eben die Mechanismen. Also Schmerzen, ich glaube nicht, dass man sich daran gewöhnt.“\nANDREA SAWATZKI:\nVielleicht lernen manche Frauen, ihr Leiden besser zu verstecken. Besser wird es davon nicht. Im Gegenteil. Die Schmerzen werden chronisch, die Schmerzschwelle sinkt, es tut noch doller weh und die Schmerzen sind nicht mehr auf die Tage um die Periode herum beschränkt. Bei der Endometriose vergehen zwischen den ersten Symptomen und der Diagnose oft viele Jahre - wenn sie überhaupt je diagnostiziert wird. Bis die Krankheit dann irgendwann behandelt wird, ist dieser Zustand meist schon erreicht.\nEs ist schwer, eine Geschichte der Endometriose zu erzählen. Erst 1927 taucht der Begriff erstmals auf, erst in den 1930er Jahren setzt er sich durch. \nUnd, naja, das hatten wir ja schon: Bis heute ist die Krankheit trotz ihrer großen Verbreitung ziemlich unbekannt.\nMenstruationsschmerzen werden allerdings schon im sogenannte gynäkologischen Papyrus Kahun beschrieben. Er stammt aus der Zeit um 1800 vor unserer Zeitrechnung und gilt als der älteste Text zu ausschließlich gynäkologischen Themen. Gleichzeitig ist es der älteste bekannte medizinische Text aus dem alten Ägypten. Eigentlich ein gutes Zeichen, oder? Dass man der Gesundheit der Frau schon so früh einen so großen Stellenwert in der Medizin eingeräumt hat ... schade, dass sich das in den nächsten paar Jahrtausenden gründlich ändern wird.\nMedizinisch gesehen ist der Papyrus Kahun natürlich nicht mehr so ganz up to date. \nKleine Kostprobe? \nZur Schwangerschaftsverhütung wird eine Mischung aus Krokodil-Kot und vergorenem Pflanzenbrei empfohlen. Keine Ahnung, ob das funktioniert hat - wir konnten leider keine klinischen Tests der Methode finden - aber selbst der widerspenstigste Kondom-Muffel dürfte froh sein, dass wir verhütungsmäßig in den letzten 3000 Jahren ein paar Fortschritte gemacht haben. \nAnsonsten wird im Papyrus für praktisch alles, was einer Frau weh tun kann ein und dieselbe Schuldige ausgemacht: Die Gebärmutter.\nDie Frau kann nichts mehr sehen und hat Nackenschmerzen? Zitat: \"So sollst du dazu sagen: Die Überflüsse des Uterus in ihren beiden Augen sind das.\" \nZahnschmerzen? Schmerzen des Uterus!\nSchmerzen überall und insbesondere in den Augenhöhlen? Eine Verengung des Uterus!\nSchmerzen in den Füßen und in den Beinen? Ausscheidungen des Uterus!\nSchmerzen in den Ohren und Taubheit? Krämpfe des Uterus!\nUnd so weiter und so weiter! Sogar an Schmerzen in der Gebärmutter soll die Gebärmutter Schuld sein! \nNatürlich konnten die alten Ägypter es nicht besser wissen. Und jeder Irrtum damals war auch ein kleiner Schritt in Richtung späterer Erkenntnis. Und außerdem: Ich fürchte, dass das Wissen um die Vorgänge im weiblichen Körper bei vielen Menschen (insbesondere solchen ohne Uterus) heute auch noch nicht viel umfassender ist. \n1400 Jahre nach dem Papyrus Kahun, um 400 vor unserer Zeitrechnung, drehen die Griechen das Uterus-Blaming noch eine Stufe weiter: Laut Hippokrates kann die Gebärmutter im Körper der Frau herumwandern und alle möglichen körperlichen und psychischen Probleme hervorrufen: Die Diagnose \"Hysterie\" - vom griechischen Hystera für die Gebärmutter - ist in der Welt und wird Jahrhunderte später für viel Leid und eine systematische Fehlbehandlung von Frauen sorgen. Platon beschreibt den Uterus gleich als praktisch eigenständiges Wesen, das in der Frau lebt: \"Dieses Tier in ihr will Kinder zeugen, und wenn es lange nach seiner Zeit unfruchtbar bleibt, wird es unzufrieden und zornig und wandert in alle Richtungen durch den Körper, was alle Arten von Krankheiten verursacht.\"\nKurz gesagt: Eine schnelle Ehe und schnell aufeinanderfolgende Schwangerschaften sind die Lösung fast aller Probleme, die Frauen haben. Für \"normale\" Schmerzen während der Periode macht Hippokrates allerdings nicht die wandernde Gebärmutter verantwortlich, sondern eine Verstopfung des Gebärmutterhalses. Die Lösung lautet wieder einmal: So schnell wie möglich heiraten und schwanger werden! \nAuch hier wäre es wieder leicht, sich lustig zu machen oder sich aufzuregen. Natürlich ist damals auch eine Menge Frauenfeindlichkeit dabei: Für Aristoteles ist die Frau ein Mängelexemplar, das nur so ein bisschen Geblute hinbekommt, wo der Mann stolz seinen Samen verströmt. Wir hatten das in einer anderen Folge schonmal: Die Frau wird als eine Art Blumentopf begriffen, in dem der Samen des Mannes zum Kinde erblüht. Unser alter Kumpel Galen, der mit den vier Säften, sieht im faulen, untätigen Leben der Frau die Ursache für “Säfteüberschuss” und die daraus folgende Menstruation; Plinius der Ältere setzt die Theorie in die Welt, dass menstruierende Frauen und ihr Blut Gift für Mensch, Tier und Umwelt seien. Und sowieso Schuld am Bienensterben! Zitat: \"Die mit dem Blutfluss behaftete Frau verdirbt die Ernten, verödet die Gärten, richtet die Saaten zugrunde, bringt die Früchte zum Abfallen und tötet die Bienen\". Naja. Geschichte voller Missverständnisse und so. \nAber - wenn man das alles mal beiseite lässt, ist zum Beispiel Hippokrates Theorie, dass Regelbeschwerden von einem verstopften Gebärmutterhals ausgelöst werden, für ihre Zeit gar nicht sooo schlecht. Und die empfohlene Behandlung, also dass man den Frauen quasi einen Ehemann verschrieb (vermutlich ohne auf Risiken und Nebenwirkungen hinzuweisen), ist, naja, damals die beste oder besser gesagt: einzige \"Medizin\", wie bitter sie auch oft sein mag.\nDenn: Eine Schwangerschaft verhindert die Monatsblutung - und die damit verbundenen Schmerzen. Spoiler: Darum ist die \"Pille\" bis heute eine der wichtigsten Waffen im Kampf gegen die Qualen der Endometriose, da sie dem Körper eine Schwangerschaft vorgaukelt und dadurch die Periode unterdrückt.\nVon Endometriose ist in den antiken Texten natürlich nichts zu lesen. Die Krankheit dürfte damals natürlich schon existiert haben, war aber vermutlich kein so weitverbreitetes Problem wie heute: \nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Die Menschen bluten heutzutage viel, viel mehr als noch vor 100 Jahren. \nANDREA SAWATZKI:\nOder auch vor 2400 Jahren zu Hippokrates Zeiten.\nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Vor 100 Jahren haben die Frauen nur 40 Menstruationsblutungen in ihrem ganzen Leben durchgemacht, weil sie viel eher schwanger geworden sind und dann auch Schwangerschaft nach Schwangerschaft folgte und auch Stillzeiten. Und heutzutage haben wir ungefähr 400 Menstruationszyklen, weil wir eben jetzt Geburtenkontrolle haben. Und mit der Anzahl der Menstruationzyklen sozusagen schreitet diese Erkrankung oder dieser Prozess eben langsam fort. Und irgendwann hat man dann eben auch Endometriose oder Adenomyose.“\nANDREA SAWATZKI:\nMit der Ausbreitung des Christentums und insbesondere im Mittelalter bekommt eine weitere Deutung großes Gewicht, die auf das Alte Testament zurückgeht: Die Periode, die oft damit verbundenen Schmerzen und natürlich die Wehen sind die Strafe für Evas Ursünde. Die Sache mit dem Apfel, ihr wisst schon. \nEchte Fortschritte gibt es ab dem späten 17. Jahrhundert. Der Arzt Daniel Schrön aus Jena entdeckt schon 1690 Wunden und Geschwüre im Bauchraum von \"geschlechtsreifen Frauenzimmern\", die zu Blutungen neigen, die mit der Periode zusammenhängen. Heute gilt das als erste Beschreibung der Krankheit, die wir Endometriose nennen.\n150 Jahre später, 1860, findet der Wiener Pathologe Carl von Rokitansky kleine Geschwüre in der Gebärmutterwand verstorbener Patientinnen, die er als \"drüsenartige Schläuche\" und \"Uterusdrüsen-Neubildungen\" bezeichnet. Sie bestehen aus Gebärmutterschleimhautgewebe, das in der Gebärmutterwand eigentlich nichts zu suchen hat. Er nennt sie Adenomyome - und ist damit ziemlich dicht an der heutigen Definition der Adenomyose. \nOkay, die wurde vorhin nur ganz kurz erwähnt, darum klären wir das nochmal:\nSowohl Endometriose als auch Adenomyose sind fehlerhafte Ansiedelungen von Gebärmutterschleimhautgewebe. Bei der Endometriose befinden sich diese Ansiedelungen außerhalb der Gebärmutter, bei der Adenomyose im Inneren, in der Gebärmutterwand. Beide Erkrankungen sind eng miteinander verwandt. Lange Zeit hielt man sie sogar für verschiedene Ausprägungen derselben Krankheit. Die Adenomyose wurde auch \"Endometriosis interna\" genannt. Die Symptome ähneln sich oft, beide Krankheiten können gleichzeitig oder einzeln auftreten.\nIn den 1890er Jahren formuliert der deutsche Gynäkologe Wilhelm Alexander Freund drei Symptome der „Adenomyome des Uterus“: Schmerz, Blutungsstörungen und Unfruchtbarkeit. Auch wenn er von einer exakten Beschreibung und einem echten Verständnis der Krankheit noch weit entfernt ist, schafft er damit die erste Möglichkeit, die Krankheit zu diagnostizieren. \nEnde des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts kommen auch erste chirurgische Behandlungsmethoden auf, vor allem die Ausschabung oder das Herausschneiden der betroffenen Stellen in der Gebärmutterwand bei Adenomyose. Zur damaligen Zeit ein verdammt gefährlicher Eingriff. Manche Quellen sprechen davon, dass beinahe die Hälfte der Patientinnen den Eingriff nicht überlebt.\nDen Begriff \"Endometriose\" prägt schließlich vor gut 100 Jahren - 1927 - der amerikanische Gynäkologe John Albertson Sampson. Von ihm stammt auch die sogenannte Transplantationstheorie. \nAuslöser ist demnach eine retrograde Blutung. Das heißt, ein Teil des Blutes fließt nicht wie üblich nach außen, sondern sozusagen rückwärts über die Eileiter in den Bauchraum. Und darin enthaltene Gebärmutterschleimhautzellen siedeln sich dort an und wachsen - das sind die Endometrioseherde. \nNeuere Forschung hat gezeigt, dass die Transplantationstheorie vermutlich nicht ganz akkurat oder nicht ganz vollständig ist, trotzdem gilt sie bis heute als die gängigste Erklärung zur Entstehung der Krankheit.\nFür eine sichere Diagnose der Krankheit steht zur damaligen Zeit eigentlich nur eine Methode zur Verfügung: \"Aufschneiden und nachgucken\". Der Bauchraum wird geöffnet, Gewebe wird entnommen - oder im Fall einer Hysterektomie die gesamte Gebärmutter. Erst ab den 60er Jahren wird die sehr viel weniger invasive Bauchspiegelung zum Standard in der Diagnose und dann auch der chirurgischen Behandlung - aber die schauen wir uns später an.\nEine Sache jedenfalls ist seit mehr als 100 Jahren bewiesen: Extreme Schmerzen während der Periode sind nicht \"normal\" und haben oft oder meist eine körperliche Ursache. \nTrotzdem wird bei Frauen, die unter Beschwerden in Zusammenhang mit der Menstruation berichten, in sehr sehr vielen Fällen eher eine psychologische als eine klinische Diagnose gestellt. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts geben Ärzte und Psychologen der alten Mär von der Hysterie, von der zornigen, sexhungrigen Gebärmutter, die im Körper herumrandaliert und die Frau verrückt macht, einen modernen, psychoanalytischen Anstrich. \nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Manchmal denke ich auch, sie wollten natürlich ein bestimmtes Frauenbild haben damals. Die gutbürgerliche Frau sollte eben funktionieren, gebären und ansonsten die Klappe halten, wenn man das mal jetzt so drastisch sagen möchte. Aber das hat damals dazu geführt, dass Hysterie wirklich zum Teil auch wie eine psychiatrische Erkrankung behandelt worden ist. Und wenn man es sich mal klar macht, was das für Folgen hatte für die Frauengesundheit, das Verständnis, dann ist das wirklich echt dramatisch.“ \nANDREA SAWATZKI:\nDiese Folgen sind auch im 21. Jahrhundert nicht ganz überwunden.\n„Somatisierungs-Störung“, sagt der Arzt, lehnt sich selbstzufrieden in seinem lederbezogenen Chefsessel zurück und legt die Fingerspitzen aneinander. Hinter ihm hängt eine gerahmte Urkunde. \"Facharzt für Gynäkologie\" seit 1973. Ein Kalender mit dem Logo einer Pharmafirma zeigt ein blühendes Rapsfeld. Kathrin sitzt ihm gegenüber und kneift die Augen zusammen. \"Sie meinen, ich bilde mir die Schmerzen nur ein.\"\nDr. Marcus lächelt nachsichtig. \"Nein, nein Frau Steininger. Somatisierung bedeutet, dass psychischer Stress zu echten körperlichen Reaktionen führt. Die Schmerzen sind real, ich will ihnen das gar nicht abstreiten, nur die Ursachen sind vielleicht andere als es scheint. 'Wenn die Seele leidet, schreit der Körper', wie ich gern sage.\" Er machte eine kurze Pause, er scheint sehr stolz auf diesen Spruch zu sein.\n\"Und meine Seele leidet dann offenbar zufällig immer genau dann, wenn ich meine Tage habe und ist ansonsten glücklich und zufrieden\", brummt Kathrin.\nWieder dieses onkelhafte Lächeln. \"Während der Periode sind sowohl ihr Körper als auch ihre Seele in einem besonderen Stresszustand. Da haben fast alle Frauen Schmerzen, das ist ganz normal.\"\nGanz normal, wie sie diesen Satz hasst ... \"Wenn dann noch andere psychische Probleme dazu kommen\", fährt Dr. Marcus fort, \"Probleme, die ansonsten unterdrückt werden, schaukelt sich das hoch und führt zu solchen übertriebenen Reaktionen.\"\n\"Was meinen Sie?\", fragt Kathrin fassungslos. Wovon spricht dieser Mann nur? Übertriebene Reaktionen?  Ihre Tage sind Monat für Monat eine Qual, sie und Johann haben kaum noch Sex, weil es jedesmal so weh tut, sie hat dieses Jahr schon gut 20 Krankentage, obwohl sie sich so oft bis an die Nasenspitze mit Schmerzmitteln zugedröhnt ins Büro schleppt. Und dann ... vorige Woche, im Supermarkt an der Kasse …\nAls sie wieder zu sich kam, sagte ihr eine Verkäuferin, sie habe plötzlich gestöhnt und sich zusammengekrümmt und sei dann einfach umgekippt. „Übertriebene Reaktionen?“ \n\"Wissen Sie\", sagt der Arzt, \"Sie passen genau ins Schema: Mitte 20, viel Stress, hohe Ansprüche, Karrierepläne und - naja, noch kein Kind. Und dann gucken sie bei diesem ‚Guhgle‘ und lesen da von der neuesten Mode-Krankheit und denken sich: Genau, das ist es! Was spielt es schon für eine Rolle, was irgendein Doktor, der ja nur viele Jahre studiert und tausende Patientinnen untersucht hat, mir erzählt. Es ist ja auch schön, so ein eindrucksvolles Wort wie Endometriose zur Hand zu haben und eine Krankheit zu beschuldigen, statt zu überlegen, was man vielleicht an seinem Leben und seiner Einstellung ändern sollte ..., ähm setzen Sie sich doch bitte wieder Frau Steinberger ...\"\nAber da ist Kathrin schon an der Tür, sie drückt die Klinke herunter und dreht sich nocheinmal um. \"Ich soll meine Einstellung ändern? Dann sind wir ja schon zu zweit.\" \nKathrin haben wir uns zwar ausgedacht, aber ihre Erlebnisse basieren auf unzähligen Erfahrungsberichten. Eine amerikanische Studie hat ergeben, dass die Hälfte aller Patientinnen mit gesicherter Endometriose-Diagnose, vorher fälschlich mit einer psychischen Störung diagnostiziert wurden - Depressionen, Somatisierungsstörungen, stressbedingte Schmerzen und so weiter.\nDas liegt natürlich nicht nur daran, dass in einigen Hinterstübchen, auch von Ärzten, noch immer lange überkommene Vorstellungen über Hysterie herumgeistern. \nEs stimmt ja: Stress kann Schmerzen verursachen, psychische Erkrankungen wie Depression können alle möglichen körperlichen Auswirkungen haben. Und natürlich gibt es auch Somatisierungsstörungen - und diese psychosomatischen Schmerzen tun genauso weh, wie Schmerzen mit körperlichen Ursachen, um auch das noch mal deutlich zu sagen. Aber: solche Störungen kommen im Vergleich sehr selten vor.\nEndometriose ist, wie wir wissen, alles andere als selten.  Leider aber auch sehr schwer zu diagnostizieren. \nIm Zusammenhang mit Endometriose taucht unter anderem deshalb immer wieder das Wort \"Diagnoseverzögerung\" auf. Meist dauert es viele Jahre bis die Betroffenen Gewissheit haben, im Schnitt ungefähr 10 vom ersten Auftreten der Beschwerden bis zur Diagnose!\nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Ja, alle Frauen, die haben zu hören bekommen,  ‚Stell dich nicht so an, da musst du durch, nimm halt eine Schmerztablette, kriegt das erste Kind, dann ist es weg‘ und und und. Und das ist diese Vernormalisierung. Und deswegen verpassen wir eigentlich diesen Moment, wo man merkt, es ist pathologisch.“ANDREA SAWATZKI:\nUm jedenfalls noch einmal auf unsere Szene bei Dr. Marcus zurückzukommen: Auch dieser Arzt ist natürlich ausgedacht und wir haben ihn beinahe als Karikatur gezeichnet. Man muss wahrscheinlich großes Pech haben, um an so einen ollen Stiesel zu geraten. Aber man muss leider bis heute auch ziemliches Glück haben, um die richtige Ärztin oder den richtigen Arzt zu finden.\nUnd bis heute wird in Deutschland bei gleichen Symptomen Frauen häufiger erst einmal eine psychische Störung diagnostiziert als Männern. Das ist übrigens nicht nur ein Problem für Frauen, bei denen deshalb die körperlichen Ursachen nicht behandelt werden – genauso gut kann es einem Mann passieren, dass die zugrunde liegenden psychischen Ursachen seiner körperlichen Beschwerden unerkannt bleibt.\nAber, machen wir uns nichts vor: Frauen sind weitaus häufiger von Fehldiagnosen, Fehlbehandlungen, Fehldosierungen von Medikamenten und so weiter betroffen, als Männer.\nDieser Zustand ist bekannt unter der Bezeichnung \"Gender Health Gap\". Die Ursachen reichen weit in die Vergangenheit zurück. Der männliche Körper galt in Forschung und Lehre als das Maß aller Dinge. Die Eigenheiten des weiblichen Körpers blieben oft unbeachtet - zumindest wenn es nicht ausdrücklich um ihre Rolle in der Fortpflanzung ging. \nEin Beispiel: Medikamentenstudien wurden lange Zeit ausschließlich oder überwiegend an Männern durchgeführt. Muss man sich mal vorstellen: Sogar präklinische Studien und Tierversuche wurden und werden vor allem an männlichen Tieren durchgeführt. Junge männliche Mäuse sind so ziemlich der Standard in der Medikamentenforschung. Schlecht für die jungen männlichen Mäuse - und für Frauen.\nViele Medikamente wirken bei Frauen komplett anders, weil sie durch den anderen Hormonhaushalt schneller oder langsamer abgebaut werden. Wenn Dosierungsempfehlungen das nicht berücksichtigen, weil sie auf Tests an Männern beruhen, wirken die Medikamente im besten Fall nicht so gut - im schlimmsten Fall kann es die Patientinnen das Leben kosten. Nicht nur theoretisch. So etwas ist passiert und passiert noch immer. \nDas Thema Gender Health Gap hätte nicht nur eine eigene Folge verdient, sondern einen ganzen eigenen Podcast! Und darum gibt es den auch: \"The Sex Gap\" ist so eine Art Geschwisterpodcast von \"Siege der Medizin\" und ihr findet ihn auch auf gesundheit-hören.de. \nHost ist Kari Kungel, die ihr aus unserem Abspann kennt, denn als Redakteurin ist sie bei Siege der Medizin von der ersten Themenidee bis zum letzten Schliff jeder Folge dabei.  Kari hat uns eine kleine Audionachricht geschickt: \nKARI KUNGEL:\n„Hallo an alle Siege der Medizin-Fans, wir haben 20 Podcast-Folgen zu dem Thema gemacht und wir haben da eben ganz genau geschaut, wie das Geschlecht, also auf Englisch eben Sex, ganz massiv beeinflusst, wie gut oder schlecht man medizinisch behandelt wird. Dafür habe ich mit vielen spannenden Menschen gesprochen, ich habe wichtige Forscherinnen und Ärzte dazu interviewt. Und was mich wirklich überrascht hat, was mir vor dieser Recherche überhaupt nicht so klar war, ist, dass das Thema einfach einen Einfluss auf eigentlich alle Lebensbereiche hat.Also es gibt alle möglichen Krankheiten, die zwar sehr verbreitet sind, aber eben in Anführungszeichen ‚nur Frauen‘ betreffen und massiv unterforscht sind. Wir haben uns angeschaut, warum Herzinfarkte bei Frauen schlechter erkannt werden, warum Frauen bei Autounfällen häufiger lebensgefährlich verletzt werden - die Autos, die werden in der Regel nämlich nur an männlichen Dummies getestet - aber auch, warum Männer im Durchschnitt fast 5 Jahre früher sterben als Frauen. Also wenn euch das interessiert, dann hört gerne mal rein. Natürlich erst, wenn ihr diese Folge von Siege der Medizin zu Ende gehört habt.“\nANDREA SAWATZKI:\nDanke Kari!  Vielleicht können wir ja mit unseren Podcasts zusammen ein klitzekleines bisschen dazu beitragen, den \"Gender Knowledge Gap\" zu überwinden. Denn die Wissenslücken betreffen ja weiß Gott nicht nur Ärztinnen und Ärzte, sondern ziehen sich durch die ganze Gesellschaft. Und ganz wichig: Sie betreffen nicht nur Männer! Na gut, bei Männern ist es nochmal ein ganzes Stück schlimmer, aber auch viele Frauen und Mädchen wissen nicht wirklich über ihren Körper Bescheid. Zum Beispiel über die Periode. Darüber was \"normal\" ist oder wann es Zeit ist, medizinischen Rat einzuholen. \nOkay, das ist die perfekte Gelegenheit für eine kleine, skurrile Abschweifung und einen kurzen Ausflug in die 40er Jahre in Amerika. Damals entstehen einige der ganz großen Disney-Trickfilmklassiker. Dumbo zum Beispiel oder Bambi. Außerdem jede Menge kurze Trickfilme - in den Hauptrollen so bekannte Disneyfiguren wie Donald Duck, Pluto, Mickey Mouse und die Vagina.\nÄh, nein, Moment, das ist jetzt nicht ganz korrekt, die Vagina ist jetzt nicht direkt eine Disneyfigur, aber 1946 darf sie immerhin mitspielen. In einem Trickfilm aus den Walt-Disney-Studios! Mit dem Titel - Achtung! Tadaa: \"Die Geschichte der Menstruation\" - \"The Story of Menstruation\". \nSoweit ich weiß, der einzige Disney-Trickfilm, in dem Worte wie \"Vagina\", \"Uterus\", \"Rektum\" und \"Ovaries\" vorkommen. Illustriert mit schematischen Abbildungen dieser Organe, die stark an Porzellanvasen oder Makroaufnahmen von Blütenkelchen erinnern, und die sich im Unterleib einer toll animierten, stets fröhlichen jungen Dame im typischen 40er-Jahre-Disneystyle befinden. \nAber wisst ihr was: Der Film ist gar nicht schlecht. Wenn man die Zeit bedenkt in der er entstanden ist, natürlich. \nKlar, es gibt viel zu bemängeln. Blut wird nicht rot, sondern schneeweiß dargestellt - ein Vorgeschmack auf die klinisch blaue \"Ersatzflüssigkeit\" der Bindenwerbung späterer Jahrzehnte. Von Sex und Erotik ist gar keine Rede und laut dem Film ist es äußerst wichtig, sich auch während der Tage stets gut zu schminken und bloß niemandem auf die Nerven zu fallen, wenn es einem währenddessen nicht so gut geht. \nDer Film entsteht auch nicht etwa aus einem Aufklärungsbedürfnis von Disney - sondern wird von einer Firma für Damenhygieneartikel beauftragt und bezahlt. Aber, trotzdem - „So as we see now, menstration is just one routine step in a normal and natural cycle that is going on continuously within the body\" - die Menstruation wird als etwas völlig normales dargestellt, etwas, worüber man sogar sprechen kann - damals eine wichtige und beinahe revolutionäre Botschaft. Die Periode ist keine Strafe, sie ist keine Schande und - sogar das wird im Film erwähnt - starke Schmerzen während der Periode sind ein Grund für einen Arztbesuch. \nZwischen 1946 und Mitte der 80er Jahre sehen in den amerikanischen Schulen ungefähr 100 Millionen Mädchen den Film. \nJungs bekommen ihn kaum zu sehen. Menstruation gilt als Frauensache, der Aufklärungsunterricht findet üblicherweise nach Geschlechtern getrennt statt. Und man ist wohl auch der Meinung, dass man den zarten heranwachsenden Männerseelen keine Porzellanvasen, Blütenkelche und schneeweißen Ersatzflüssigkeiten zumuten kann. Damit unterschätzt man die Jungs aber grob: Dort nämlich, wo der Film auch männlichen Schülern gezeigt wird,  sind viele von ihnen sehr interessiert und dankbar und einige finden sogar, er sollte allen Jungs gezeigt werden.\nAuch heute noch fehlt Männern, selbst wenn sie gut informiert sind, etwas Entscheidendes: Die simple Erfahrung. Insbesondere, wenn es um die Schmerzen geht, um die “normalen” Menstruationsbeschwerden, die man bzw. Frau versucht, sich nicht anmerken zu lassen, oder um Schmerzen, die dich Monat für Monat ein paar Tage komplett außer Gefecht setzen, Schmerzen, die in manchen Fällen so unerträglich sind, dass der Körper die Notbremse zieht und in Ohnmacht fällt. Schmerzen, die sich Männer - oder Frauen, die nicht davon betroffen sind - einfach nicht vorstellen können. \nIn der Gynäkologie wird meist mit Schmerzskalen gearbeitet, auf denen die Stärke der Schmerzen angegeben wird.\nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Wir benutzen eine visuelle Analogskala, also so ne Punkteskala von 0 bis10. Dann ist ab 3 der Schmerz ungefähr so, dass man eine Schmerztablette nehmen möchte. Also schon dann ganz ordentlich auch. Und 10 ist der am schlimmsten vorstellbare Schmerz. Da würde man also brüllend und schreiend am Boden liegen, kurz vor der Ohnmacht sein. Und bei 8 ungefähr sagen wir der Geburtsschmerz. So stellt man sich das vor. Und die allermeisten Endometriose-Patientinnen geben im Median tatsächlich eine 8 an. Und das ist schon ganz heftig. Und wenn man sich vorstellt, dass man das jeden Monat erlebt!“\nANDREA SAWATZKI:\nSchwer vorstellbar. Ganz besonders für Männer, nehme ich an. Das soll überhaupt kein Vorwurf sein!  Es ist ja nicht ihre Schuld, dass sie Regelschmerzen und Geburtsschmerzen nicht kennen. Es ist einfach nur: ihr Glück ... aber, ach, schön wärs schon, wenn man ihnen irgendwie  aus ihrer nicht-selbstverschuldeten Unwissenheit helfen könnte …\nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Es gibt Menstruations-Simulationsgürtel.“\nANDREA SAWATZKI:\nBitte, was?\nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Den kann man sich umlegen und kann die Schmerzen, kann da so Impulse setzen, die so doll wehtun. Und da denke ich manches Mal, ich möchte das mal dem einen oder anderen Kollegen auch mal 3 Tage um den Bauch binden. Damit die das mal spüren.“\nDas klingt einfach zu gut. Zum Glück haben wir gerade einen Mann zur Hand. \nVOLKER STRÜBING:  \n„Bei 1 merke ich noch nüscht. Ah, ja jetzt bei 3 fängt es an zu kribbeln und ein bisschen zu pieksen. Fühlt sich seltsam. Der bauch macht komische Sachen jetzt schon.“\nANDREA SAWATZKI:\nDas ist unser Autor Volker Strübing, der bestimmt froh ist, dass er mal vom Schreibtisch wegkommt.\nVOLKER STRÜBING:  \n„Das Puckern ist okay, aber wenn es sich so zusammenzieht, das finde ich unangenehm. Ich bin jetzt bei 6. Es ist jetzt auf alle Fälle an einem Punkt, wo ich sagen würde, dass es meine ganze Aufmerksamkeit ... drei Tagen oder auch nur drei Stunden möchte ich das nicht haben.“\nANDREA SAWATZKI:\nEigentlich ist der Periodenschmerzsimulator ein Gerät zur elektrischen Muskelstimulation, das wir hier ein bisschen missbrauchen. Über Elektroden auf dem Bauch werden Stromimpulse abgegeben, bei unserem Gerät gibt es 25 Stärkestufen, die anfangs Kribbeln, später krampfartige Schmerzen auslösen. Die sind nicht mit echten Regelbeschwerden oder gar Endometriose-Schmerzen zu vergleichen, schon allein, weil sie auf eine Stelle und die Bauchoberfläche beschränkt bleiben.  Aber es reicht, um eine Idee zu bekommen. \nVOLKER STRÜBING:  \n„Okay, jetzt tut auch das Puckern weh. Das ist Stufe 15. Also es pukert durchgängig und zwischendurch zieht sich dann alles so zusammen. Also definitiv, wenn ich solche Schmerzen hätte, würde ich mich definitiv krank schreiben lassen. Auf jeden Fall. Und Schmerzmittel essen. Ich gucke mal, was noch geht hier.“\nANDREA SAWATZKI:\nIch wurde übrigens gebeten, nochmal drauf hinzuweisen, dass das alles freiwillig war und wir normalerweise keine  Mitarbeiter unter Strom setzen. Es, es sei denn, sie verpassen einen Abgabetermin.\nVOLKER STRÜBING:  \n„Ich würde definitiv Schmerzmittel brauchen. Das tut echt weh, das tut richtig weh und ist sehr unangenehm, dieses Krampfen. Ich versuche mal noch ein kleines Stückchen höher herzugehen.“\nANDREA SAWATZKI:Schmerzempfinden ist subjektiv und kaum miteinander zu vergleichen. Und übrigens: Nein, Frauen sind Schmerzen gegenüber nicht unempfindlicher als Männer. Hört man ja manchmal. Aber das ist eine Verdrehung: Aus der Tatsache, dass Frauen oft starke Schmerzen aushalten müssen - denkt nur mal an die Wehen – wird dann plötzlich: “Dann kann es ihnen ja nicht so viel ausmachen.” \nOkay, unser Versuchskaninchen ist bei Stufe 25 auf dem Gerät und bei 7 oder 8 auf seiner subjektiven Schmerzskala angekommen:\nVOLKER STRÜBING:  \n„Aua, nein, reicht, reicht, reicht!“\nANDREA SAWATZKI:\nFalls ihr denkt, na gut, vielleicht kann der Typ einfach nichts ab: Vergesst es. Im Internet findet ihr jede Menge Videos, in denen selbst die härtesten Kerle vom Periodensimulator in die Knie gezwungen werden.\nDas Schlimme, so hat es Volker hinterher erzählt, waren nicht nur die Schmerzen, sondern das Krampfen, so etwas kannte er vorher nicht und er empfande es als extrem unangenehm und gruselig. Dazu dann noch die Vorstellung, dass das nicht auf die Oberfläche und nicht nur auf den Bauch beschränkt bleibt. Und vor allem, dass man nicht einfach “Reicht! Reicht! Reicht!” rufen kann und dann wird abgeschaltet, sondern, dass die Schmerzen tagelang anhalten können und immer wiederkommen.\nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Wenn man 10 Jahre Schmerzen hat, also 10 Jahre Endometriose-Symptome hatte, die ja zyklisch sind, heißt das zusammengefasst, dass man ganze zwei Jahre am Stück mindestens Schmerz hatte auf einem Level von 8. Wir sagen auch immer bei Regelschmerzen, wirklich sollen alle, die Regelsschmerzen haben, auch Schmerzmittel nehmen. Das ist völlig in Ordnung, wenn man Schmerzmittel nimmt. Und das typische bei normalen Regelscherzen ist aber, dass sie auch gut ansprechen auf Schmerzmittel. Und dann ist der Schmerzt quasi... Noch so ein dumpfes Gefühl, aber im Großen und Ganzen ist das jetzt nicht mehr einschränkend. Aber Frauen mit Endometriose nehmen sehr oft relativ hoch dosiert schon Schmerzmittel und schaffen es eigentlich nur, es besser zu überleben. Also man kann den Schmerz nicht unter 3 drücken. Er bleibt dann bei 3, 4 stehen.“\nANDREA SAWATZKI:\nDrei oder vier ... das ist so ungefähr das hier: \nVOLKER STRÜBING: \n„Also definitiv, wenn ich solche Schmerzen hätte, würde ich mich definitiv krankschreiben lassen. Auf jeden Fall. Und Schmerzmittel essen.“\nANDREA SAWATZKI:\nMit hochdosierten Schmerzmitteln kommen die Patientinnen also bestenfalls auf das Level, wo andere nach Schmerzmitteln greifen würden!\nWir haben vorhin kurz erzählt, dass bereits Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts Operationen an Endometriosepatientinnen durchgeführt werden, bei denen man versucht, die \"Mini-Uteri\" zu entfernen.  Oder bei schweren Fällen gleich die gesamte Gebärmutter. Diese Operationen sind nach heutigen Maßstäben grob, ungenau und gefährlich. Doch schon 1901 entwickelt der Dresdener Gastroenterologe Georg Kelling eine Technik, die eines Tages die Diagnose und Behandlung der Endometriose revolutionieren wird. Vorerst pumpt er aber erstmal einem Hund den Bauch mit Luft auf. Mit einer Handpumpe. \nAlso die Idee ist eigentlich, einen direkten Blick in den Bauch des Hundes - und später in Menschenbäuche - werfen zu können. 1879 hat der Arzt Maximilian Nitze - noch ein Dresdner - das Zystoskop entwickelt. Wörtlich übersetzt heißt das soviel wie \"Blasenbetrachter\" - ein dünnes starres Endoskop, das über elektrische Beleuchtung und ein Linsensystem verfügt und verwendet wird, um die Harnblase zu untersuchen - ohne sie aufschneiden zu müssen! Das Verfahren ist bis heute unter dem Namen Blasenspiegelung bekannt und bei jung und alt beliebt. \nNun hat die Blase freilich einen direkten Zugang - naja, wir kennen ihn eher als Ausgang. \nWenn man aber in den Bauch schauen will, kommt man nicht ohne Schnitte aus. Die aber ziemlich klein ausfallen können. Durch ein kleines Röhrchen wird die Luft in den Bauch gepumpt, um den Bauchinnenraum „aufzuspannen“, damit sich die Bauchdecke von den Organen abhebt. \nSo bekommt er Platz und Sicht. Durch ein zweites kleines Loch führt er das Zystoskop ein - es ist die erste Bauchspiegelung oder \"Laparoskopie\" der Welt – ein Blick durchs Schlüsselloch in den Bauch eines lebenden Wesens. 1910 gelingt dem Nichtdresdener Hans Christian Jacobaeus aus Schweden die erste Laparoskopie beim Menschen.\nDie Technik ist damals noch sehr grob: Das Licht stammt von einem Glühdraht. Die kleine Lampe kann das Gewebe gefährlich erhitzen. Und allzu viel ist wegen der primitiven Optik sowieso nicht zu erkennen. Erst seit den 60er Jahren ist das Verfahren so ausgereift, dass es wirklich sinnvoll für gynäkologische Untersuchungen und das Erkennen von Endometrioseherden eingesetzt werden kann.\nBis heute ist die Laparoskopie eine der wichtigsten Methoden, um eine Endometriose zweifelsfrei festzustellen.\nAber die Laparoskopie kann noch mehr: Aus dem Blick in den Bauch ist eine Operationsmethode geworden. Durch winzige Schnitte kommen neben Licht und Kamera auch chirurgische Instrumente in den Bauch. Wir werden davon in unserer nächsten Folge, in der es um den Blinddarm geht, noch ein bisschen mehr erzählen. Die Bauchspiegelung ermöglicht seit den 70er-Jahren chirurgische Eingriffe im Bauchraum, ohne große Schnitte. \"Schlüsselloch-OP\" wird so etwas gern genannt. Mit dieser Methode können auch Endometrioseherde gezielt und vergleichsweise schonend entfernt werden. \nLeider bedeutet eine Operation keine Heilung - aber bei den meisten Patientinnen eine große Verbesserung. Die Schmerzen lassen deutlich nach oder verschwinden sogar ganz; die Chance, schwanger zu werden steigt. Doch die Krankheit ist nicht besiegt, nur zurückgedrängt - und die Beschwerden können zurückkehren. In schweren Fällen und sehr selten wird auch heute noch eine Hysterektomie, also eine Entfernung der Gebärmutter, durchgeführt - und die funktioniert natürlich nicht durchs Schlüsselloch. \nInsgesamt ist die Laparoskopie aber das wichtigste chirurgische Verfahren in der Endometriosediagnose und -behandlung. Ob sie immer nötig ist, ist eine andere Frage.\nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Ich kenne Frauen, die 10-mal operiert wurden, Ohne, dass das wirklich was gebracht hat. Also diese Endometriese Patientinnen sind oft regelmäßig operiert worden. Ohne vernünftige weitere Begleitung. Und das ist wirklich schlimm.  Also das hat sich, wie gesagt, gewandelt und Operationen gehören auch immer noch dazu, aber wirklich sehr gezielt.“\nANDREA SAWATZKI:\nIch muss noch einmal auf die Diagnose zurückkommen. Lange Zeit galt die Bauchspiegelung als der \"Goldstandard\", aber moderne bildgebende Verfahren wie Ultraschall und MRT haben neue Möglichkeiten eröffnet. \nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Im Moment ist es halt so, Endometriose galt lange als Erkrankung, die man nur mit einer Bauchspiegelung sehen kann. Das stimmt auch. Richtig sehen, die kleinen Herde kann man nur mit einer Bauchspiegelung. Dann haben wir jetzt aber gelernt, mit Ultraschall kann man doch auch sehr viel. Also die Ultraschallgeräte haben einfach sehr an Qualität zugenommen, an Auflösung, und jetzt können wir auch schwere Endometriose sehen. Organbefunde, also wenn Endometriose in den Darm einwächst, in die Blase einwächst, das kann man sehr gut sehen, Zysten kann man auch sehen und Verklebungen kann man auch sehen. Aber dann ist es natürlich schon eine sehr schwere, ausgeprägte Endometriose. Und  eine ganz milde Form, also wenn nur im Bauchfell Herde vorhanden sind, die auch Beschwerden machen können, sieht man nicht, weder im MRT noch im Ultraschall. Das heißt da muss man einfach wirklich logisch, klinisch vorgehen.“\nANDREA SAWATZKI:\nFür die endgültige Diagnose bleibt also nur die Laporoskopie. Aber man kann der Krankheit auch gänzlich nichtinvasiv auf die Spur kommen. Was man dafür braucht, sind viel Erfahrung, viel Einfühlungsvermögen und vor allem: viel Zeit für lange Gespräche, für eine genaue Erfassung der Symptome und der Vorgeschichte, für oft mehrere Termine und eine möglichst aktive Mitarbeit der Patientinnen. Schade, dass \"viel Zeit nehmen\" nicht auf der Abrechnungsliste der Krankenkassen steht. Im Endometriosezentrum an der Charité nimmt man sich trotzdem.\nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Also wir brauchen in unserer Sprechstunde auch eine Dreiviertelstunde für fast jede Patientin.“\nANDREA SAWATZKI:\nEin Luxus, der kein Luxus sein sollte. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte können es sich schlicht nicht leisten, jedes Mal so viel Zeit freizuräumen.\nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Das Problem ist nur, und das macht mich schon ein bisschen traurig, es gibt keine Abrechnungsziffer für Endometriose. Das heiß, die haben genauso ihren 5-Minuten-Slot wie andere Menschen. Die können wirklich nicht viel Geld abrechnen für Endometriose. Das ist auch ganz klar die Erklärung, weshalb die das auch dort nicht explizit ansprechen. Die werden ganz sicher auch an Endometrose denken. Das sind ja Fachärzte und Ärztinnen. Und dann sagen die eben häufig, na wenn sie so starke Regelschmerzen haben, dann nehmen sie halt eine Pille.“\nANDREA SAWATZKI:\nWir schreiben das Jahr 1956. In Deutschland erscheint endlich die erste Ausgabe der Apothekenumschau und - für die Medizingeschichte beinahe noch wichtiger - Die \"Pille\", das erste hormonelle Verhütungsmittel, geht in Puerto Rico in einen großangelegten Feldversuch. Wir haben die Geschichte der sogenannten Antibabypille schon in unserer allerersten Staffel ausführlich erzählt, darum können wir das hier kurz halten. Das Präparat, das 1956 getestet wird enthält Östrogen und Gestagene - das sind synthetische Varianten des Hormons Progesteron, das manchmal auch als \"Schwangerschaftshormon\" bezeichnet wird. Die Pille gaukelt dem Körper praktisch eine Schwangerschaft vor. Diese Pseudoschwangerschaft verhindert eine echte Schwangerschaft, klar. Und genau wie eine echte Schwangerschaft verhindert sie die Menstruationsblutung. Und damit in vielen Fällen auch die damit in Zusammenhang stehenden Probleme.\nBevor sich jemand wundert: Bei der moderneren Mini-Pille, auf die wir gleich noch kommen, wird die Monatsblutung meist nicht komplett unterdrückt. Und auch bei der klassischen Pille kommt es zu sogenannten Abbruchblutungen, die aber strenggenommen keine Menstruationsblutungen sind.\nSchon 1957 kommt die erste Pille unter dem Markennamen Enovid auf den Markt. Nicht als Verhütungsmittel. Sondern als Medikament gegen Menstruationsprobleme wie zum Beispiel starke Regelschmerzen. Ein cleverer Trick des Herstellers, da eine Zulassung als Verhütungsmittel damals keine Chance gehabt hätte. Die \"Nebenwirkung\" - das Verhindern von Schwangerschaften - spricht sich natürlich schnell herum und drei Jahre später akzeptiert die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA die Realitäten; Enovid und andere sogenannte Gestagen-Präparate werden für die hormonelle Verhütung zugelassen. \nSchon 1958 hat der der amerikanische Gynäkologe Robert William Kistner die Wirkung der Gestagene bei Endometriose untersucht. In vielen Fällen kann sie helfen: Die Teilnehmerinnen der Studie haben weniger Schmerzen und die Endometrioseherde schrumpfen.\nDie hormonelle Therapie ist heute eins der wichtigsten Instrumente im Kampf gegen die Endometriose. Und dieses Instrument hat sich gewandelt. Aus der Tuba ist eine Piccolo-Flöte geworden:  Enovid war ein Kombinationspräparat mit extrem hohen Dosen von Östrogen und Gestagen - heute wird in der Endometriosebehandlung vor allem die sogenannte Mini-Pille eingesetzt, die kein Östrogen und eine viel geringere Dosis Gestagen enthält. In vielen Fällen kann sie die mit der Krankheit verbundenen Schmerzen ganz unterdrücken oder zumindest stark lindern und das Wachstum der Endometrioseherde bremsen.\nSie hat meist weniger Nebenwirkungen als die alten Medikamente. Und trotzdem ist der Beipackzettel so groß, dass man ihn bequem als Tagesdecke verwenden kann, wenn man mit Schmerzen im Bett liegt. Denn für viele Frauen kommt auch dieses Präparat nicht in Frage, weil die Nebenwirkungen eine Einnahme ausschließen. Oder weil sie ihren Körper nicht dauerhaft Hormone zuführen wollen. Weil sie ein Kind wollen. Die Pille, ob Mini oder Maxi ist kein Wundermittel, keine One-Size-Fits-All-Lösung und keine Heilung. \n\"Wenn sie Schmerzen haben, dann nehmen Sie halt die Pille\" - auch das ist ein Satz, den Frauen viel zu oft und viel zu schnell zu hören zu bekommen. Ein mächtiges Werkzeug gegen den Schmerz, aber kein Ersatz für eine gründliche Diagnose und eine ganzheitliche Therapie unter Einbeziehung der Patientin.\nKathrin stellt die dampfende Teetasse auf dem Nachtisch ab, dann setzt sie sich wieder auf die Bettkante, nimmt Annas Hand und lässt den Daumen mit sanftem Druck auf dem Handrücken ihrer Tochter kreisen. Wie gern würde sie ihr das alles ersparen. \nSie ist durch die Hölle gegangen. Immer wieder. Jahrelang. \nAuch für ihre Tochter, wie sie nun weiß. \nSie wird nicht zulassen, dass es Anna genauso ergeht. Und dabei werden ihr die Erfahrung und die schlimmen Erinnerungen helfen. Sie denkt an den Tag, als sie das erste Mal so da lag, mit diesen Krämpfen, mit diesen Ängsten. An den dummen Witz des Mathelehrers und das Gelächter, während sie dachte, sie müsse sterben. \n\"Mussteste dir eigentlich viele blöde Bemerkungen anhören?\"\nAnna schüttelt den Kopf. \"Nee, die waren eigentlich alle ganz süß. Und Herr Schmidt hat gleich gefragt, ob ich nach Hause gehen will und hat dann Selena mitgeschickt.\" Sie setzt sich auf und kneift die Augen kurz vor Schmerz zusammen. \"Mama ... das bleibt nicht für immer so, oder?\"\n\"Keine Sorge\", antwortet Kathrin. \"Alles wird gut.\"\n\"Wirklich?\"\n\"Wirklich.\"\n\"Du schwindelst, oder?\", fragt Anna und grinst.\nKathrin lacht. \"Na klar. 'Alles wird gut' ist immer geschwindelt. Aber manchmal ist es genau das, was eine Mutter sagen muss. Aber ja, vielleicht wird nicht alles gut - aber alles wird besser, okay?!\"\nAnna setzt eine übertriebene Denkermiene auf, stützt das Kinn auf Daumen und Zeigefinger und sagt: \"Und 'alles wird besser' ist ja die Steigerungsform von 'alles wird gut'!\"\n\"Klingt logisch\", sagt Kathrin. \"Warte mal kurz ...\" Sie steht auf, verschwindet aus dem Zimmer; Anna hört sie irgendwelche Schubladen in ihrem Arbeitszimmer aufziehen und in Papieren kramen. \nSie schlürft einen Schluck Tee und stellt erstaunt fest, dass es ihr besser geht. Vielleicht wegen der Schmerztablette. Vielleicht wegen der Wärmflasche und dem Tee und dem \"alles wird gut\" ihrer Mutter. \nAls die Mutter zurückkommt, wedelt sie mit einem Notizbuch. Anna schaut sie fragend an. \"Was ist das?\", fragt sie. \n\"Das ...\", sagt Kathrin, \"... wird dein Schmerztagebuch. Und morgen gehen wir zu meiner Frauenärztin. Die kann dir helfen - und wir können ihr helfen, wenn wir alles genau aufschreiben.\" Sie streicht ihrer Tochter über die Haare. \"Alles wird besser - und am besten, wir fangen gleich damit an.\"  \nVieles wird besser, aber nur wenig ist gut, so könnte man vielleicht die ganze Entwicklung in Hinsicht auf die Endometriose zusammenfassen. Wenn ihr euch fragt, wo jetzt eigentlich der \"Sieg der Medizin\" bleibt ... naja, sagen wir, wir versuchen ein bisschen, ihn herbeizureden. Und: Immer mehr Forscherinnen und Ärzte, Patientinnen und Unterstützer arbeiten aktiv daran. \nWir brauchen mehr Forschung, mehr Geld, mehr Aufmerksamkeit. Angesichts von Abermillionen Frauen, die an dieser Krankheit leiden, deren Kinderwunsch vielleicht unerfüllt bleibt, die teils unsägliche Schmerzen ertragen müssen - und manchmal genauso unsägliche Kommentare - ist es traurig, wie unterfinanziert nicht nur die Behandlung, sondern auch die Forschung ist. \nKleiner not-so-fun-Fact: Ein Teil der Forschung dreht sich dann wieder einmal um: Männer. Die Studien tragen Titel wie: \"Beeinflusst Endometriose die sexuelle Aktivität und Zufriedenheit der männlichen Partner?\" oder \"Qualitative Studie des Impacts von Endometriose auf die männlichen Partner\". \nIch will das nicht ins Lächerliche ziehen. Männer, deren Partnerin an der Krankheit leidet sind mitbetroffen. Vor allem empathische, hilfsbereite, liebevolle Männer. Sie leiden mit, wenn die Frau, die sie lieben, sich vor Schmerzen krümmt, sie schränken eigene Aktivitäten ein, um sie zu unterstützen, sie stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück, wenn die Partnerin Schmerzen beim Sex hat. Und wenn die Krankheit verhindert, dass sie schwanger wird, bleibt auch er kinderlos. \nAll das muss gesehen, gewürdigt und erforscht werden. \nAber auch den Männern ist am besten damit gedient, wenn man der Krankheit selbst zu Leibe rückt …\nDR. SYLVIA MECHSNER:\n„Meine Wunschvision ist, dass wir wirklich Pelvic Pain und Endometriose-Zentren so gestalten können, dass wir auch interdisziplinär arbeiten können. Also, dass nicht nur Gynäkologe, Gynükologen da sind, sondern dass wir im Team der Endonurse haben, eine Pflegewissenschaftlerin, zur Beratung und Begleitung eine Psychologin, eine Physiotherapeutin und Ernährungswissenschaftlerin. Das wünsche ich mir. Also, ein interdisziplinäres Team. Und dann bin ich auch überzeugt, dass ganz viele wirklich deutlich schmerzgebessert sind. Und die brauchen halt Begleitung. Und das muss natürlich auch adäquat vergütet werden und darf nicht defizitär sein. Warum? Das ist ja eine Ungerechtigkeit. Das ist wirklich aufwendig und braucht große Expertise und das muss einfach auch gewertschätzt werden, Das, genau, das wäre schön.“\nANDREA SAWATZKI:\nJa. Das wäre schön. Vielen Dank an Frau Prof. Mechsner für das Interview! Und danke an euch, dass ihr dran geblieben seid. Heute und überhaupt, seit 2021, seit 50 Folgen. \nIn der nächsten Episode haben wir uns ein etwas einfacheres, wenn auch fast genauso schmerzhaftes Thema vorgenommen – das in dieser Folge sogar schon einen kleinen Gastauftritt hatte: Die “Blinddarmentzündung“, genauer gesagt: die Appendizitis. \nWir werden von ägyptischen Mumien und Leonardo Davinci erzählen, von verschluckten Nadeln und einem königlichen Festmahl für Hunderttausende arme Londoner und wir besuchen eine sowjetische Forschungsstation in der Antarktis. Und um die Zeit bis dahin zu überbrücken - wie wär’s mit der aktuellen Apotheken Umschau?  \nBleibt gesund – und neugierig!\nEure Andrea Sawatzki\nSPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau\nExecutive Producers „gesundheit-hören“: Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück\nExecutive Producers „WakeWord“: Ruben Schulze Fröhlich und Christoph Falke\nAutor: Volker Strübing\nRegisseur: Berni Mayer\nRedaktion „WakeWord“: Berni Mayer, Volker Strübing, Josephine Aleyt\nRedaktion „gesundheit-hören“: Kari Kungel\nMedizinisch-pharmazeutischer Faktencheck: Dr. Andreas Baum, Dr. Roland Mühlbauer, Dr. Katharina Kremser\nMusik: Johannes Cornelius\nSound Design: Felix Stäblein\nProduktionsleitung: Josephine Aleyt\nProduziert von den Wake Word Studios in München",
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