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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nHabt ihr euch als Kinder mal an einem rostigen Nagel gestochen? Oder euch einen fiesen Holzsplitter in die Haut gerammt? Oder euch an altem Metall geschnitten? Und seid ihr dann auch nach Hause gerannt und eure Eltern haben euch nicht nur superbesorgt angeschaut, sondern euch auch gleich eine richtig unangenehm brennende Flüssigkeit auf die Haut geträufelt? Und sind dann panisch auf die Suche nach eurem Impfausweis gegangen? Und geht ihr heute noch genauso panisch auf die Suche nach eurem Impfausweis, wenn ihr euch draußen mal irgendwo eine blutige Schramme geholt habt? Vielleicht beim Aufräumen des Gartenschuppens oder auf dem charmanten, aber schon etwas heruntergekommenen Kinderspielplatz, auf den ihr jeden Samstagmorgen mit den Kids geht? Ich kann euch versichern: Eure Panik ist berechtigt … und unberechtigt zugleich. Denn wovor ihr Angst habt, nennt sich Tetanus, der sogenannte Wundstarrkrampf. Und der kann tatsächlich zu den gruseligsten Symptomen führen, darunter das sogenannte Teufelsgrinsen - später mehr dazu. Und letztlich führt er unbehandelt sogar zum Tod. Es gibt daher tatsächlich guten Grund, eine Wunde, die man sich in nicht steriler bis unhygienischer Umgebung zugezogen hat, sofort zu desinfizieren, egal wie sehr das brennt. Und dann im Impfpass zu checken, ob man in den letzten zehn Jahren gegen Tetanus geimpft wurde. Und es gibt aber auch etliche Gründe, eben nicht gleich in Panik zu verfallen. Denn Tetanus, die einst so tödliche bakterielle Wundkrankheit, die bis ins 20. Jahrhundert hinein vor allem Soldaten und Neugeborene in hohen Zahlen dahingerafft hat, wurde von der Menschheit überwiegend in den Griff bekommen. Man könnte auch sagen, wir haben uns diese Krankheit irgendwann durch eine clevere Impfstrategie „unter den Nagel gerissen“: Kleiner Witz am Rande...",
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    "text": "SPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nHallo, mein Name ist Andrea Sawatzki und ich begrüße euch ganz herzlich zur vierten Folge der vierten Staffel von „Siege der Medizin“. In der vierten Staffel liegt unser Fokus ja auf Krankheiten, die wir als Menschheit mehr oder minder in den Griff bekommen haben und von denen erzählen wir euch faktenbasiert und historisch – und manchmal nehmen wir auch ein bisschen die Fantasie zu Hilfe.\nDieses Mal geht’s um eine Krankheit, die im Laufe der Jahrhunderte verheerenden Schaden an Menschen – und natürlich auch Tieren – angerichtet hat.Eine Krankheit, die durch einen ausgeklügelten Impf-Mechanismus im letzten Jahrhundert endlich in ihre Schranken gewiesen wurde. Eine Krankheit, die uns trotzdem immer noch im Alltag begegnen kann und vor der wir immer noch ein bisschen auf der Hut sein müssen.  Tetanus.Der Begriff hat seinen Ursprung im altgriechischen Wort „tetanos“, das bedeutet sowas wie „Spannung“ oder „Starre“, wir werden gleich hören, warum das so passend ist. Auf Deutsch nennt man das auch Wundstarrkrampf und auf Englisch „lockjaw“, den verkrampften, bzw. verschlossenen Kiefer. Doch was ist Tetanus denn nun genau? \nFragen wir doch Professorin Dr. Zoe Waibler, die aktuelle Leiterin des Paul-Ehrlich-Instituts, das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel.",
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    "text": "PROF. DR. ZOE WAIBLER: \nAlso Tetanus ist das, was man auch als Wundstarr-Krampf bezeichnet. Es ist eine Infektionskrankheit, die wird durch ein Bakterium hervorgerufen, Clostridium tetani. Und die Erkrankung kann wirklich lebensbedrohlich sein. Hierzulande tritt sie eigentlich fast nicht mehr auf. Es stehen wirksame und sichere Impfstoffe zur Verfügung. Und die können auch bereits ab dem Säuglingsalter zur Grundimmunisierung verwendet werden. Die Impfung ist aber für alle Bevölkerungsgruppen empfohlen und insgesamt kann man sagen, sind die Impfraten auch wirklich sehr hoch. Daher ist natürlich auch vielen Menschen einfach gar nicht bewusst, was das für eine Erkrankung ist, wie gefährlich Tetanus ist und wie qualvoll so eine Erkrankung auch verlaufen kann.",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nDer Schatten des Olivenbaums wird in wenigen Minuten nicht mehr ausreichen, um ihn vor der brennenden Mittagssonne zu schützen. Er lehnt am Stamm, neben ihm liegt sein Bogen und sein Schwert, blank und glänzend für die kommende Schlacht, in die er vielleicht nie ziehen wird. Sein wässriger Blick geht hinaus auf das sonnengleißende hellblaue Meer, das ihn eigentlich nach Troja hätte bringen sollen. In der Ferne sieht er, wie die sieben griechischen Schiffe mit ihren dunkelroten Kriegssegeln - eins nach dem anderen - hinter dem Horizont verschwinden. Seins ist auch dabei, die Peleia. In wenigen Tagen wird sie mit ihrem flachen Bug in der Bucht von Troja anlegen und seine Kameraden und er hätten die von den Göttern gewollte Invasion beginnen können. Mit dem Bogen, den Herkules ihm persönlich vor seinem Tod anvertraut hat. Ein Bogen, der in seinen Händen den Krieg hätte entscheiden können, wenn er Herkules Worten Glauben schenkt. Denn der ist zugegebenermaßen gerne auch etwas theatralisch.„Was für eine Gehässigkeit von euch Göttern“, denkt Philoktet, „erst schickt ihr mich auf eure heilige Mission, dann lasst ihr mich hier in meinem stinkenden Eiter verrecken.“ Er bewegt vorsichtig seinen Fuß, berührt mit der verletzten Ferse den steinigen Boden, doch schon die kleinste Berührung löst einen stechenden Schmerz aus, lässt ihn zusammenzucken und aufstöhnen. Sein Kiefer verkrampft sich, sein Rücken schmerzt, als hätte ihm jemand mit einem mykenischen Streitkolben in den Nacken geschlagen. Wie kann das sein? Es war doch nur der Biss einer kleinen harmlosen Schlange, wie es sie zu Tausenden hier gibt.Eine Stunde später schreckt Philoktet aus einem Fiebertraum, weil er das Gefühl hat, er bekäme nicht mehr genug Luft. Und tatsächlich stellt er besorgt fest, wie sein Atem nur noch in Stößen funktioniert. Er will nach einem der Wasserbeutel greifen, die seine Kameraden für ihn hinterlassen haben, aber sein rechter Arm ist steif und leblos. Dann erfasst ihn wieder eine dieser grauenvollen Wellen, als hätte ihm jemand heißes Eisen ins Blut gegossen, der Schmerz rast durch seinen ganzen Körper. Als die Welle vorbei ist, will er lachen, ob der Hoffnungslosigkeit seiner Lage, doch er bekommt keinen Ton heraus. „So bist du uns keine Hilfe im Kampf gegen die Trojaner“, hat sein Freund Odysseus gesagt und Philoktet, der die Regeln des Kriegs kennt, hat ihm nicht widersprochen. Er selbst hat darum gebeten, ihn auf der Insel Lemnos auszusetzen. Da waren die Schmerzen noch nicht so schlimm, nur der Gestank der Wunde hat schon angedeutet, dass etwas nicht stimmt. Die schwarzen Ränder, die gelbliche Flüssigkeit, die aus ihr entwich. Er hat versucht, den Prozess aufzuhalten, hat die Wunde mit Meerwasser behandelt, mit dem eigenen Urin, hat sogar versucht, sich die Ferse aufzuschneiden. Doch fehlte ihm letztlich die Kraft und er hat sich sich im Schatten des Olivenbaums niedergelassen. Hier wartet er nun auf einen ruhmlosen Tod, während seine Kameraden für Agamemnon in den Krieg ziehen.\nEinst hat er selbst um die schöne Helena geworben, einst hat Herkules ihn persönlich als Nachfolger ausgewählt, um den Krieg zu entscheiden – jetzt liegt er hier und stirbt … an einem gottverdammten Schlangenbiss. Es ist so lächerlich, er würde gerne ein letztes Mal laut auflachen, wenn er könnte. Stattdessen sitzt er nur da - im schwindenden Schatten des Olivenbaums und dreht unter Schmerzen seinen Kopf ein wenig, sieht den Bogen und sein glänzendes Schwert neben sich liegen. Und er erschrickt, denn in der Klinge seines Schwerts spiegelt sich sein Gesicht. Ein Gesicht, das sich zu einem grotesken Grinsen verzerrt hat.Zugegeben, wir haben hier ein bisschen an der Tragikschraube gedreht.  Tatsächlich ist der mythische griechische Held namens Philoktet gar nicht an seinem Schlangenbiss gestorben. Irgendwann ist seinen Kameraden nämlich spontan eingefallen, dass er ja diesen legendären Herkules-Bogen besitzt und der könnte ja wirklich noch nützlich sein in der endlosen Belagerung von Troja. Und so hat man Philoktet später einfach wieder von der Insel Lemnos abgeholt und dann hat er sogar noch ein bisschen in Troja mitkämpfen dürfen. Wie er wieder gesund wurde, wird leider nicht erwähnt.Das Bemerkenswerte an dieser antiken Story, die bereits in Homers Illias angedeutet, und später von Sophokles in einem Drama noch ordentlich ausgeschmückt wird, ist aber, dass die Symptome von Philoktets Wunde verdächtig nach Tetanus oder eben Wundstarrkrampf klingen. Bzw. riechen. Kurz nach Sophokles hat übrigens auch Hippokrates auf Kos die sogenannte Tetanus-Triade beschrieben: Überschaubare Wunde, verkrampfter Kiefer, letztlich der Tod. Auch aus dem alten Ägypten hat es ein vermeintlicher Tetanusfall in die Überlieferungen geschafft. Das sogenannte Edwin-Smith-Papyrus, vermutlich von einem Militärchirurgen (falls man das damals schon so nennen konnte) des 3. Jahrtausends v. Chr. Da wird ein Tetanus-Fall nach einem Schädelbruch geschildert, die Rede ist von einem „gebundenen Mund“, also dem verkrampften Kiefer, „verzerrten Augenbrauen“, „heißer Stirn“ und „gestreckten Nackensträngen“.Und last but not least findet sich eine Beschreibung von Symptomen für Wundstarrkrampf auch beim Römischen Medizinforscher und Enzyklopädisten Aulus Cornelius Celsus  aus dem 1. Jahrhundert im Werk De Medicina, das v.a. auch im Mittelalter ein richtiger „Bestseller“ war. Das Phänomen war also schon in der Antike bekannt, obwohl weder die Griechen noch die Römer, noch die Ägypter die Vorgänge im Körper kannten, geschweige denn die Ursprünge der Krankheit. Heute kennen wir diese Zusammenhänge.",
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    "text": "PROF. DR. ZOE WAIBLER: \nDer Erreger, wie gesagt, das ist dieses Bakterium, Clostridium tetani, das ist ein obligat Anaerobes, das heißt, es kann keinen Sauerstoff vertragen, es ist ein bewegliches, sporenbildendes Bakterium, was so eine Stäbchenform hat und es kommt weltweit in unserer Umwelt vor. \nEs kommt vor allem im Erdreich vor, kann aber auch in tierischen Fäkalien vorkommen, wie zum Beispiel vom Pferd, vom Rind, Hund, Katze. Gelegentlich kommt das auch in menschlichen Fäkalien vor oder im Staub. Und diese Sporen, diese Dauerzustände oder Überdauerzustände von diesen Bakterien, die sind wirklich erstaunlich widerstandsfähig gegen Hitze, gegen Desinfektionsmittel. Und die können in so einem dunklen Erdreich jahrelang überleben. Infektionsweg ist so, dass die Sporen, eben diese sehr widerstandsfähigen, überdauernden Stadien über eine Verletzung in den Körper gelangen. Vor allem natürlich in tiefe und eben verschmutzte Wunden oder großflächige Verbrennungen. Es kann aber auch wirklich der bekannte unauffällige Kratzer, ein Stich, ein Holzsplitter oder irgendwie ein Dorn möglich sein und das kann ausreichen für die Infektion.",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nUnd bei dieser Infektion werden die Bakterien zu einer Art Gift, einem Nervengift, das sogenannte Tetanospasmin oder Tetanustoxin. Das verursacht diese unkontrollierbaren und unglaublich schmerzhaften Muskelkrämpfe und kann letztlich sogar zur Erstickung führen. Tetanospasmin ist das zweitstärkste bekannte Gift überhaupt, es reicht nur ein Nanogramm pro Kilo Gewicht, um einen Menschen zu töten.Und als ob das nicht genug wäre, gibt es sogar noch ein zweites Toxin namens „Tetanolysin“ – das Zellen schädigen kann, aber höchstwahrscheinlich keine klinisch relevante Rolle beim Krankheitsverlauf spielt, noch ist sich die Wissenschaft da nicht ganz einig. Die Bakterien selbst vermehren sich nur wenn, sie nicht genug Sauerstoff bekommen – etwa in tiefen, verschmutzten Wunden. Deshalb ist die Umgebung der Wunde entscheidend, nicht das Blut. Menschen mit besserer Durchblutung oder Wundheilung können darum Vorteile in der Tetanus-Bekämpfung haben. Geschützt sind sie aber nicht.Wie lange dauert es denn eigentlich von einer Ansteckung bis zu den ersten Symptomen? Und wie sehen die aus?",
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    "text": "PROF. DR. ZOE WAIBLER: \nAlso es gibt, wie so häufig, eine Inkubationszeit, die liegt irgendwo zwischen drei Tagen und drei Wochen, selten länger und meist so um die 14 Tage. Und es kann beobachtet werden, dass je kürzer die Inkubationszeit, desto schwerer ist häufig in der Folge dann der Verlauf. Klinisch werden drei Formen einer Tetanus-Erkrankung unterschieden. Die generalisierte, die neonatale und die lokale Form.",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nSorry, wenn ich hier kurz unterbreche, wollte nur sagen: Die einzelnen Tetanusformen schauen wir uns später noch genauer an.",
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    "text": "PROF. DR. ZOE WAIBLER: \nDie Generalisierte ist die, die am häufigsten vorkommt. Hier gibt es die typischen frühen Symptome, das sind Krämpfe, überwiegend hier in der Kaumuskulatur, in der mimischen Muskulatur und die Betroffenen können oft den Mund nicht mehr richtig öffnen und haben, ja früher wurde das als Teufelsgrinsen bezeichnet, so einen grinsenden Gesichtsausdruck. Und bei der weiteren Ausbreitung der Erkrankung treten dann generalisierte Muskelkrämpfe auf – Spasmen - und das vor allem in der Rückenmuskulatur, diesem sogenannten Streckkrampf, aber auch im Rumpf und in den Beinen. Diese Krämpfe der Muskulatur können so stark werden, dass es tatsächlich zu Frakturen kommt, d.h. zu Knochenbrüchen. So extrem können diese Krämpfe ausfallen. Es ist aber auch so, dass die Atemmuskulatur und das autonome Nervensystem betroffen sein können. Und das kann eben zur Atemnot und bis hin zum Erstickungstod führen. Das heißt, die Krämpfe werden erlebt und sind natürlich dann besonders schmerzhaft. Zum Verlauf ist zu sagen, dass ohne Behandlung Tetanus zum Tod führen kann, besonders eben durch die Atemnot und das Herzversagen, aber selbst bei unserer modernen intensivmedizinischen Behandlung überleben zwischen 10 und 20 Prozent der Betroffenen die Erkrankung nicht. Und das ist ja wirklich ein hoher Prozentsatz. Nach einer durchgemachten Krankheit steht eine langwierige Genesung an. Die Spasmen können bis zu vier Wochen unverändert stark weitergehen und können danach über Monate erst allmählich zurückgehen.",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nZwischen Antike und Mittelalter hat sich gar nicht besonders viel getan beim Verständnis und der Erforschung der Krankheit - und damit natürlich auch nicht bei den Heilmethoden. Niemand weiß, was Bakterien sind, von Aeroben will ich gar nicht erst anfangen. Und so bleibt Tetanus in den meisten Fällen ein Todesurteil. Vor allem nach Geburten und Schlachten … und natürlich auch bei damals üblichen Haushaltsunfällen wie einer Sichel in der Wade oder einer Axt im Fuß. Nicht zu vergessen: bei den kruden Behandlungsmethoden mittelalterlicher Ärzte und Heiler, aber dazu kommen wir gleich.\nGefährdet waren vor allem Soldaten nach Kriegsverletzungen, Neugeborene deren Nabelschnur unsauber durchtrennt wurde, Frauen, die gerade entbunden hatten und generell Menschen, die in unzureichenden hygienischen Bedingungen lebten – was damals auf so ziemlich jeden zutraf. . Schauen wir uns doch mal eine kurze Top 5 der damals üblichen Heilmethoden an. Man kann davon ausgehen, dass man so auch den Symptomen von Tetanus begegnet ist.\nAuf Platz 1 hätten wir das das sogenannte „Kauterisieren“. Also das Ausbrennen einer Wunde mit glühendem Eisen oder heißem Öl. Ganz selten konnte das  sogar das Bakterium abtöten. Meistens hat es aber nur dazu geführt, dass die Patienten noch mehr Schmerzen hatten. Und ganz neue Wunden. Brandwunden.\nAuf Platz 2 eine Praxis, die im Mittelalter geradezu mit Begeisterung angewendet wurde, wenn man nicht genau wusste, was Sache ist – der Aderlass. Dabei wurden Venen - und hin und wieder auch Schlagadern - geöffnet, um das „verseuchte“ Blut aus dem Körper zu lassen. Man kann sich ja vorstellen, wie gut das den meisten Patientinnen und Patienten geholfen hat. Wer Glück hatte, wurde nur mit Blutegeln traktiert, statt die Adern aufgeschnitten zu bekommen. Zum Thema Blutegel gleich noch ein „Fun Fact“.\nAuf Platz drei finden wir selbsthergestellte pflanzliche Heilmittel und Salben mit Kräutern wie Salbei, Baldrian oder Wermut. Gerne angewendet als Aufguss oder Umschlag. Auch Honig und Essig kamen zum Einsatz, weil beide schon damals als reinigend galten. Das Ganze war wohl im besten Fall schmerzmildernd.\nAuf Platz vier darf natürlich das klassische Gebet nicht fehlen. Wenn man Wundstarrkrampf als göttliche Strafe versteht, schleppt man sich natürlich (oder schleppen einen die Angehörigen) in die nächstbeste Kirche oder wenn man Pech hat sogar auf eine anstrengende Wallfahrt mit schlechtem Catering. Wo man sich dann an Heilige wie Sankt Blasius wendet, den Schutzpatron gegen Hals- und Muskelkrankheiten … nicht gegen Blasenprobleme wie man meinen könnte.\nUnd auf dem letzten Platz steht die Isolierung der Kranken. Denn man wusste ja nicht, dass Tetanus nicht ansteckend war. Das gespenstische Teufelsgrinsen und die groteske Verkrümmung des Rückens (auch „Opisthotonus“ genannt) haben die Leute in Angst und Schrecken versetzt, und so hat man sie in Räumen, Gebäuden oder auf griechischen Inseln insoliert. Armer Philoktet.Diese Behandlungsmethoden wurden während des ganzen Mittelalters und in der Neuzeit bis weit ins 19. Jh. beibehalten. Der 1790 geborene Chirurg Jacques Lisfranc soll einem Patienten angeblich sogar 792 (!!!) Blutegel angelegt haben. Die Welt war also wirklich reif für ein Heilmittel. Dessen erster großer Einsatz ließ allerdings noch fast 100 Jahre auf sich warten.\nJoseph Reiter liegt in einer Lache aus Dreck und Blut und vielleicht auch Eingeweiden. Ganz allein. In einer Mulde, vielmehr einem Krater, den eine Mine der Engländer geschlagen hat. Es ist Juni, es ist Mittag, es sollte warm und hell sein, doch er kann die Sonne nicht sehen, es regnet und ist dunkel, vielleicht war es heute auch noch kein einziges Mal hell. Irgendetwas stimmt nicht mit seinem Bein, es ist zu leicht, hat er seinen Stiefel verloren? Oder das gesamte Bein? Panik erfasst ihn. Joseph liegt auf dem Rücken, kann nichts erkennen, versucht sich zu bewegen, aber er hat Schmerzen im gesamten Körper, er beschließt, erst einmal liegen zu bleiben. Joseph wollte sich eigentlich nicht darüber freuen, dass innerhalb von Minuten hunderte englische Soldaten einfach so von ihren Kugeln weggemäht wurden, dennoch hat ihn der Erfolg mit groteskem Stolz erfüllt. Weil man sein Regiment unterschätzt hat - weil man ihn unterschätzt hat. Doch warum liegt er dann jetzt hier in diesem Loch aus Dreck, Blut und Scheiße auf dem Rücken wie ein Käfer und kann sich nicht bewegen? Fühlt sich so Stolz an? Oder Vaterlandsliebe? Joseph denkt an die Ursula aus dem Krämerladen zuhause in Landau. Mit ihren kurzen schwarzen Haaren. Ihrem immer so skeptischen Blick. Er hat sie noch fragen wollen, ob sie ihn irgendwann heiraten will. Ob sie sich das vorstellen kann. Er hat gedacht, es wäre genug Zeit, bevor sie an die Front müssen. Sie haben sich ja freiwillig gemeldet, es ist noch nicht lange her. Er und der Willi Wittmann. Noch in der Schule haben sie sich von ihrem Mathe-Lehrer Zauner anstecken lassen mit dieser Begeisterung für das Neue, für den Krieg. Endlich eine Aufgabe finden, die nichts mit den Eltern zu tun hat, nichts mit den Alten. Die Ursula wird ihn vielleicht heiraten nach dem Krieg, wenn er als Gefreiter oder sogar als Unteroffizier nach Hause kommt.  Einmal haben sie schon mal Händchen gehalten, auf dem neuen Sportplatz hinter der Feuerwehr. Doch gerade ist er sich nicht mehr sicher, ob er Ursula wiedersehen wird. Oder den Willi. Joseph ist mal eiskalt, er zittert, mal hat er das Gefühl, dass etwas in ihm brennt, so heiß ist ihm. Er fragt sich, wo Willi ist. Er hat noch die Schreie der Kameraden gehört, bevor er in diesen Krater gerutscht und kiloweise schlammige Erde auf ihm gelandet ist. Joseph schafft es, seinen Oberkörper leicht anzuheben und sich mit den Händen an die Kraterwand zu robben. Sein Blick gleitet am rechten Bein entlang und da ist tatsächlich kein Stiefel mehr. Aber dafür ein Fuß, wenn auch im blutdurchtränkten Strumpf. Joseph ist erleichtert. Mit dem Serum wird schon alles gut. Es wird ihn retten. Er schließt die Augen, hört, wie jemand seinen Namen ruft. Stunden oder vielleicht auch Tage später schlägt Joseph die Augen auf und will sie sofort wieder schließen. Und seine Nase gleich mit dazu, denn es stinkt erbärmlich in dem Sanitätszelt, in dem er auf einer schmalen Pritsche liegt. Unter Dutzenden anderen verletzten Soldaten, soweit er das beurteilen kann. Eine Krankenschwester beugt sich über ihn, sie ist blass, ihre Lippen sind aufgesprungen, sie ist selbst noch fast eine Jugendliche. Über ihrem grauen Kittel trägt sie eine Schürze, die schon lange nicht mehr sauber ist und auf ihrer Brust das rote Kreuz auf weißem Untergrund. Ihr strenger Stehkragen verleiht ihr eine gewisse Autorität.\n„Name und Rang“, sagt die Schwester mit den aufgesprungenen Lippen. „Gefreiter Joseph Reiter, 6. Reserve-Division, 10. Kompanie, 3. Bataillon.“Jedes Wort bereitet ihm Qualen, er bekommt den Mund kaum auf, es ist, als würden beide Gesichtshälften in gegenteilige Richtung ziehen, ihm sein Gesicht zerreißen wollen. Am Ende ist er nicht sicher, ob er überhaupt etwas gesagt hat oder es nur gedacht. „Ihnen tut der Kiefer weh?“, fragt sie.Joseph versucht zu nicken. Die Schwester kritzelt etwas in ein Notizbuch und wirkt abwesend. „Mein Bein…“, bringt Joseph noch hervor. Sie scheint ihn zu verstehen. „Wir haben versucht, die Wunde auszubrennen“, sagt sie. „Und das Serum verabreicht.“Das Serum. Dieses Wort kann seinen Schmerz gleich ein wenig dämpfen. Er hat schon viel darüber gehört, wie das Serum verhindert, dass die Wunden eitern und die Kameraden selbst an einfachen Verletzungen wegsterben wie die Fliegen. Da braucht es keine Bomben und Maschinengewehre, keine Minen und Bajonette. Nur diese eine kleine Entzündung und schon gehörst du der Katz. Doch mit dem Serum ist das alles besser geworden. Joseph atmet auf. Er wird das überleben, wird nach Hause kommen, vielleicht sogar schon in ein bis zwei Wochen. Zu seinen Eltern, zu Ursula. Vielleicht sogar als Gefreiter.„Das Serum kam dieses Mal leider etwas später als sonst aus dem Lager“, sagt die Rote-Kreuz-Schwester in einer unbeteiligten Art, als wäre sie gar nicht hier mit ihm in diesem stinkenden Zelt, sondern in einem Büro voller Akten. Genauso unbeteiligt fühlt sie Josephs Stirn. Dann tastet sie eine Wirbelsäule ab. Josephs unterer Rücken hat sich erhoben, weg von der Pritsche. Er versucht, sich gerade zu machen, sich abzulegen, doch es gelingt ihm nicht, stattdessen rasen irrsinnige Schmerzen durch ihn. Er versucht einen Blick der Schwester zu erhaschen, einen Hinweis darauf, wie es um ihn steht, doch sie hat ihren Kopf zum Nebenmann gedreht, der angefangen hat zu schreien. Joseph würde am liebsten aufstehen und weglaufen, weg aus dem Zelt, weg von den Gräben, hinaus auf die Wiesen und Felder, dahin wo der Juni sich auch wie Juni anfühlt. Weg aus Westflandern. Dahin, wo Ursula auf ihn wartet. Mit ihrem skeptischen Blick. Und dann wird er ihr einen Antrag machen. \n„Ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Medizin ist dieser Krieg“, schreibt der damalige Chef des Feldsanitätswesens, Otto von Schjerning in seinem mehr als 6500 Seiten umfassenden „Handbuch der Ärztlichen Erfahrungen im Weltkriege“. Da kann man geteilter Meinung sein. Unsere Geschichte über den Soldaten Joseph ist zwar fiktiv, aber tatsächlich gab es im ersten Weltkrieg bereits ein Serum bzw. einen Impfstoff gegen den Wundstarrkrampf. Der erreichte die Patienten aber oft nicht rechtzeitig, kam gegen den Dreck und die Keime nicht an oder war einfach falsch gelagert worden. Armer Joseph.Fakt ist: Vor allem in den ersten Monaten des ersten Weltkrieges, also 1914, erleiden die beteiligten Heere hohe Verluste durch Tetanus-Infektionen. Auf den belgischen und französischen Schlachtfeldern sterben im ersten Kriegssommer gute vier Prozent der deutschen Soldaten an Wundstarrkrampf, das ist fast jeder 25. Soldat. ￼ Daraufhin schickt der eben erwähnte Otto von Schjerning am 4. Oktober desselben Jahres eine Empfehlung an die Lazarette, dass Soldaten mit „grob verunreinigten Wunden“ ein ganz bestimmtes Serum erhalten sollen, selbst wenn sie keine Anzeichen von Tetanus zeigen. Vor allem dann, wenn man Fremdkörper wie Stoffreste oder Splitter in der Wunde oder – Zitat – „Pferdemist oder dergleichen“ findet. Die Maßnahme zeigt umgehend Wirkung: In der Silvesternacht von 1914 auf 1915 wird laut einem Heeressanitätsbericht im nordfranzösischen Bucquoy 30 Soldaten vorbeugend das Antitoxin gespritzt. Angeblich erkrankt keiner von ihnen in den folgenden Monaten an Wundstarrkrampf.Für Soldaten und Sanitäter kommt das zu dem Zeitpunkt einem kleinen Wunder gleich, denn der übliche Ablauf ist in diesem ersten Kriegsjahr eher folgender gewesen:  Soldaten werden viel zu spät eingeliefert, die Symptome haben längst eingesetzt und jede Rettung kommt zu spät. Doch woher stammt jetzt dieses plötzliche Wunderserum und was haben eigentlich Pferde mit der Krankheit zu tun?Eins nach dem anderen. Haken wir zuerst mal die Pferde ab. Pferde und andere Einhufer weisen eine besonders hohe Empfänglichkeit für Tetanusinfektionen auf. Tierärztinnen und Tierärzte gehen nahezu bei jeder noch so kleinen Verletzung des Tiers davon aus, dass die Wunde mit Tetanussporen verunreinigt ist, besonders an den Hufen kommt es schnell zu einer Vergiftung, da der Erreger ja wie bereits gesagt anaerober Art ist und sich in einer eher sauerstofffreien Umgebung hervorragend verbreiten kann. Deshalb werden Fohlen heutzutage auch schon nach wenigen Monaten gegen Tetanus geimpft und danach ca. alle 1-2 Jahre.Und da sind wir dann auch beim Impfstoff. Jahrhunderte lang sind Menschen dem Wundstarrkrampf zum Opfer gefallen und vor allem die Militärärzte zermartern sich das Hirn, woran das liegen könnte und wie man es verhindert. Doch erst im Jahr 1884 kommen die italienischen Chirurgen Antonio Carle und Giorgio Luigi Rattone dem Erreger auf die Spur. Anhand von Tierexperimenten können sie den Erreger vermehren und damit einen ersten Schritt zu seiner Isolation machen. Sie injizieren Eiter oder Schmutz aus den Wunden von tetanuskranken Menschen in gesunde Tiere, unter anderem in Kaninchen. Schnell stellt sich heraus, dass die Krankheit nicht durch die Wunde verursacht wird – die Versuchstiere sind ja unverletzt – sondern durch einen übertragbaren Erreger.Offenbar produziert die Krankheit einen lokalen Giftstoff, ein Neurotoxin, welches das Nervensystem angreift. Aber es verteilt sich nicht über den Blutkreislauf im ganzen Körper, sondern arbeitet sich an der Wunde ab. Carle und Rattone leisten also die Vorarbeit für die entscheidende Hypothese: Wundstarrkrampf-Bakterien vermehren sich nicht systematisch, die Ursache für die Erkrankung ist die lokale Produktion des Nervengifts.  Das Bakterium selbst können die beiden Italiener jedoch noch nicht isolieren. Dazu braucht es ein bisschen Gartenarbeit.\nEbenfalls im Jahr 1884 ist der junge Göttinger Student Arthur Nicolaier gerade dabei, Tetanus-Erreger im Erdboden nachzuweisen. Auch er experimentiert mit Tieren und „impft“ sie mit Erde aus dem Garten statt mit Stoffen aus bereits bestehenden Tetanus-Wunden. Doch ganz isolieren kann auch er den Erreger noch nicht. Immerhin erkennt er unter dem Mikroskop Bazillen mit kleinen Köpfchen, wie winzig kleine Streichhölzer. Oder wie Nicolaiers Kollege Rosenbach es beschreibt – wie eine „Stecknadel oder ein Schlagstock“. Schöner Gegensatz, oder? Rosenbach ist übrigens auch derjenige, der den von Nicolaier entdeckten Bazillus erstmals beim Menschen nachweisen kann. Nicolaiers Entdeckung gilt als der vielleicht größte Durchbruch in der Tetanusforschung. Deutschland verehrt ihn als den „Tetanus-Entdecker“. Dann kommen 1933 die Nazis an die Macht und entziehen dem damals 70jährigen Juden die Lehrerlaubnis an der Berliner Universität. Schließlich entzieht man ihm auch seine Approbation, zwingt ihn im Alter von 79 Jahren, seine Wohnung zu räumen und kündigt seine Deportation ins KZ Theresienstadt an. Nicolaier weiß, was das bedeutet und setzt seinem Leben mit einer Überdosis Morphium ein Ende. In seinem Abschiedsbrief versteckt er ein Wort, das man nur lesen kann, wenn man den Brief gegen das Licht hält. Es ist das lateinische Wort „Invictus“ – unbesiegt. \nErinnert ihr euch noch an den japanischen Bakteriologen Kitasato Shibasaburo aus unserer Pestfolge? Ja, genau der.  „Einen Forscher mit Geld, mit Ansehen und Ausstattung“ haben wir ihn da genannt. Weil er im Gegensatz zu seinem jüngeren und weniger angesehenen Kollegen Alexandre Yersin die Ressourcen hatte, dem Pesterreger professionell auf die Spur zu kommen. Und ganz ähnlich verhält es sich auch hier: Kitasato, dessen Kopf übrigens seit letztem Jahr den 1000-Yen-Schein ziert - hat 1891 das nötige Equipment und Geld, um das Tetanus-Bakterium an einer Leiche zu isolieren und zu beweisen, dass genau das die Krankheit bzw. das Neurotoxin verursacht. Zudem kommt er zu dem entscheidenden Schluss, dass das Toxin durch spezifische Antikörper neutralisiert werden kann. Es ist der Beginn eines Impfstoffs gegen Tetanus.\nÜbrigens gelingt dem Dänen Knud Helge Faber bereits 1889 die Herstellung eines keimfreien Tetanustoxins. Danach forscht Kitasato weiter am Berliner Robert-Koch-Institut zusammen mit seinem Kollegen Emil von Behring - 1890 findet er erstmals ein Tetanus-Antitoxin und testet es erfolgreich an Tieren.",
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    "start": 1974.0,
    "text": "PROF. DR. ZOE WAIBLER: \nUnd im Herbst 1890 gelang es von Behring und Kitasato dann, mit Tetanus infizierte Tiere tatsächlich zu heilen oder gesunde Tiere so vorzubehandeln, dass sie später nicht mehr erkrankten. Und als zentrales Ergebnis hielten sie fest, dass die Immunität der gegen Tetanus immunisierten Tiere offenbar auf der Fähigkeit des Blutserums beruht, toxische Substanzen unschädlich zu machen. Und aus dem Blut solcher immunisierten Säugetiere entwickelte von Behring dann ein Tetanusheilserum. Und heute wissen wir, das, was da drin ist, das Antitoxin, das was das Toxin das Nervengift des Bakteriums unschädlich macht, das sind die Antikörper. Und die können das Toxin binden und dadurch neutralisieren. Das ist erstmal kein Impfstoff, so wie wir ihn ganz überwiegend heute verstehen, sondern es ist eben eine passive Immunisierung.",
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    "start": 2039.0,
    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nVielleicht klären wir an der Stelle aber kurz mal den Unterschied zwischen passiver und aktiver Immunisierung. Aktive Immunisierung ist - ganz simpel - die Impfung. Dabei wird ein langfristig wirksamer Schutz vor Infektion aufgebaut, indem man den Körper mit einem oder mehreren Bestandteilen des Krankheitserregers konfrontiert. Als Reaktion darauf soll der Körper dann selbst einen langfristigen Eigenschutz gegen den Erreger herstellen können.Die passive Immunisierung zielt eher auf einen schnell wirksamen, aber kurzfristigen Schutz. Hierzu spritzt man Antikörper, welche die Krankheit sofort bekämpfen. Neben Tetanus wäre hier Tollwut ein Beispiel. Für manche Erreger gibt es beides – eine passive und aktive Immunisierung. Verabreicht man beides gleichzeitig, spricht man von Simultanimpfung, das ist zum Beispiel nötig, wenn eine Person mit einer frischen Wunde unter Tetanusverdacht akut versorgt werden muss, aber bisher noch keine Impfung hatte. Kleiner Spoiler: heutzutage haben wir beides. Zur aktiven Immunisierung von Tetanus kommen wir gleich noch.\nDie von Behring und Kitasato ermöglichte „Passive Immunisierung“ ist auf jeden Fall ein gigantischer Schritt und in medizinischen Kreisen längst anerkannt, bevor der erste Weltkrieg ausbricht. Also was läuft schief, dass das überlebenswichtige Serum in seiner wirksamen Form erst in Kriegsjahr drei regelmäßig und rechtzeitig ausgegeben wird? Warum können so viele Todesfälle nicht verhindert werden?Zur Erinnerung: Behrings Entwicklung des Antitoxins war ja schon 1890. Dafür – und für die Entwicklung eines Mittels gegen Diphterie - erhält er 1901 den allerersten Nobelpreis für Medizin.  Und doch erhalten deutsche Soldaten erst dreizehn Jahre später einen Impfstoff. Wo hat’s denn da gehakt? Hier kommt der bekannte deutsche Mediziner und Forscher Paul Ehrlich ins Spiel, der Begründer der Chemotherapie.",
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    "text": "PROF. DR. ZOE WAIBLER: \nUnd Paul Ehrlich entwickelte dann, oder hat damit begonnen, ein standardisiertes Prüfverfahren zur Dosisbestimmung und Qualitätssicherung solcher Serumpräparate zu entwickeln, denn es zeigte sich immer mal, dass eine Charge, also eine Produktionseinheit, mal gut funktionierte und eine andere weniger gut. Und das ist auch das, was heute sozusagen die Grundlage für unsere moderne Chargenprüfung ist. \nDas Tetanus-Heilserum wurde zur Behandlung und kurzfristigen Prophylaxe nach Verletzungen eingesetzt. Und es erwies sich bei bereits erkrankten Menschen aber als wirklich unzureichend wirksam und das Serum wurde dann nach dem Beginn des ersten Weltkriegs verwundeten Soldaten auf deutscher Seite mehrere Tage nach der Verletzung oder oft auch erst nach Einsätzen der Krämpfe gegeben - und wie gesagt, das war unzureichend wirksam und das kam in den ersten fünf Kriegsmonaten zu über 1600 Todesfällen unter den deutschen Soldaten aufgrund von Tetanus. Das hat dann ziemlich für Kritik gesorgt und für Proteste, da ein prophylaktischer Einsatz ja möglich war und auch von Behring hat diese mangelnde Tetanus-Prophylaxe damals thematisiert.",
    "end": 2247.0
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    "start": 2247.0,
    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nIm April 1915 werden endlich die Regeln geändert und das Serum wird direkt nach einer möglichen Exposition, also in der Regel nach einer Verletzung, verabreicht. Das geschieht bis Kriegsende mehr als zehn Millionen Mal- Der Einsatz ist äußerst erfolgreich und bei den verwundeten Soldaten kommen kaum noch Tetanus-Fälle vor. \nBehring wird zwar schon früh als „Retter der Soldaten“ gefeiert, doch ist sein Serum zunächst nicht ausreichend verfügbar. Bereits lange vor Kriegsbeginn hat der wissenschaftliche Senat der Kaiser-Wilhelm-Akademie die Anwendung des Serums als Vorbeugung für Verwundete empfohlen, leider hapert es bei der Herstellung, sodass zu Kriegsbeginn nicht genug von dem Wirkstoff zur Verfügung steht und der Wundstarrkrampf mehr deutsche Soldaten dahinrafft als 1870/1871 im gesamten Deutsch-Französischen Krieg. Erst die entsetzlichen Erfahrungen der ersten Kriegsmonate setzen eine Massenproduktion des Serums in Gang. Doch noch kann man nicht von einem aktiven Impfschutz sprechen. Erst Anfang der 1920er gelingt den französischen Ärzten Gaston Ramon und Pierre Descombey die Herstellung eines aktiven Impfstoffes. Und zwar unter anderem dank Formaldehyd – die eher komplexen Details sparen wir uns hier.\nIm 2. Weltkrieg macht sich der Einsatz des Impfstoffs schon deutlich bemerkbar. Für die britischen und französischen Soldaten wird zwar erst ab 1940 verpflichtend die aktive Impfung eingeführt, doch auch durch die passive Immunisierung sterben deutlich weniger Soldaten am Wundstarrkrampf. Danach sind es noch weniger. Auch die US Army wird zum Kriegseintritt flächendeckend aktiv geimpft. Bei den deutschen gibt es eine Impfhierarchie, zum Beispiel wird die Luftwaffe durchgeimpft, während es beim Großteil des Heeres bei der passiven Immunisierung bleibt. -  also dem bereits aus dem 1. Weltkrieg bekannten Serum.Aber verwundete Soldaten sind natürlich nicht der einzige Einsatzort für den Impfstoff. Was ist denn mit der restlichen Bevölkerung? Wann kommt es denn zur ersten flächendeckenden Impfung in Deutschland?",
    "end": 2379.0
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    "text": "PROF. DR. ZOE WAIBLER: \nDas war im Deutschen Reich, da war die Impfung ab 1939 zugelassen. Wobei man sagen muss, damit ist nicht eine Zulassung im heutigen Sinne gemeint, nach dem Arzneimittelgesetz. In der damaligen DDR wurde die Schutzimpfung für Kinder und Jugendliche gegen Tetanus 1955 eingeführt und 1961 verpflichtend. Es gab 1968 eine freiwillige Impfung von Erwachsenen, dann alle zehn Jahre. Und in der damaligen BRD gab es ab 1974 eine allgemeine Empfehlung zur Impfung für Kinder.",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nRufen wir uns nochmal in Erinnerung, dass der Impfstoff nicht unmittelbar vor dem Bakterium schützt, sondern vor dem Gift, das es im Körper der Infizierten entwickelt. Der Impfstoff weist ein sogenanntes Toxoid auf, eine Variante, ein ungefährliches Tetanus-Toxin – und doch sieht das für das Immunsystem genauso aus wie das Original. Nur es macht eben nicht krank. Eine Attrappe, wenn man so will.",
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    "text": "PROF. DR. ZOE WAIBLER: \nWie die Impfung funktioniert, ist so: Das Immunsystem erkennt das verabreichte Toxoid, also das unschädlichgemachte Toxin, als fremd, als körperfremd und bildet spezifische Antikörper gegen dieses Toxoid, die dann auch gegen das Toxin wirksam sind. Was auch noch gebildet wird, sind sogenannte Gedächtniszellen und die können dann bei einer späteren Infektion schnell reagieren und schnell neue Antikörper produzieren, dann wenn es nötig ist.",
    "end": 2475.0
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    "start": 2475.0,
    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nMit der Injektion reagiert der Körper also auf den Fremdstoff und bildet Antikörper, um ihn zu bekämpfen. Genauer gesagt sind das Eiweißmoleküle, die das Toxin binden und neutralisieren. Und das Besondere daran ist, dass sich der Körper dadurch merkt, wie er im Falle eines solchen Fremdstoffs reagieren soll. Kommt also irgendwann das echte Toxin daher, weiß das Immunsystem, was es zu hat. Und bleibt von Tetanus verschont. Oder auch unbesiegt. Invictus.\nDer Schutz hält natürlich nicht ewig, wie die meisten von uns vermutlich schon aus der Jugend wissen. Das Zauberwort heißt „Auffrischung“, denn die Reaktion des Körpers auf das Toxin fällt eher in den Bereich „Kurzzeitgedächtnis“. Im ersten Lebensjahr wird die Impfung dreimal aufgefrischt, dann empfiehlt die Ständige Impfkommission Auffrischungen im Alter von 5 bis 6 Jahren und nochmal mit 9 oder 10. Bei Erwachsenen sind es dann die berühmten 10 Jahre.  Na, wisst ihr ihr, wann ihr eure letzte Tetanus-Impfung hattet? Oder wo denn eigentlich das verdammte Impfbuch schon wieder ist? Und warum es immer noch keine digitale Variante davon gibt? Aber lassen wir das.Der Impfstoff war jedenfalls ein Gamechanger. Klar, er verhindert nicht die Infektion mit Clostridium tetani, aber das wäre auch eine Herkulesaufgabe, schließlich lauert das Bakterium quasi überall, wo es nicht ganz steril zugeht. Aber der Impfstoff bringt dem Körper bei, wie er mit dem entfachten Toxin umzugehen hat. Wie man sich gegen diesen Bully von einem Bakterium wehrt. Er ist quasi der Mr. Miyagi des Immunsystems.\nDoch bei aller Begeisterung dürfen wir nicht vergessen, dass Tetanus für gewisse Risikogruppen auch heute noch eine weltweite Gefahr darstellt. Vor allem für Neugeborene:",
    "end": 2594.0
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    "text": "PROF. DR. ZOE WAIBLER: \nSeit der Einführung der Tetanus-Impfung ist die Zahl der Tetanus-Fälle weltweit wirklich extrem gesunken. Die Zahl der neonatalen Tetanusfälle sank seit 1988 um über 97 Prozent. Und 2023 waren 84 Prozent der Säuglinge weltweit mit drei Dosen eines Kombinationsimpfstoffes, Diphtherie, Tetanus, Pertussis, geimpft. Dennoch ist es so, dass die Erkrankung immer noch, vor allem bei Säuglingen, häufig auftritt. 2018 verstarben zum Beispiel 25.000 Säuglinge an dieser Erkrankung. Deshalb ist es eben auch ein Ziel der WHO, die Eliminierung von maternalem und neonatalem Tetanus.",
    "end": 2647.0
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nNehmen wir doch nochmal kurz auseinander, was es für Tetanus-Arten gibt, das zeigt nämlich eine Menge über die derzeitige Verbreitung und die verbleibenden Gefahren. Da gibt’s zunächst mal den Neonatalen Tetanus, auch Tetanus neonatorum genannt. Der kommt weltweit am häufigsten vor und betrifft Neugeborene mit nicht ausreichend geimpfter oder ungeimpfter Mutter. Das Baby kann sich über die Nabelschnur anstecken, vor allem, wenn die unsauber oder in nicht steriler Umgebung durchtrennt wird. Das passiert immer noch viel zu häufig in Ländern mit schlechter medizinischer Versorgung bzw. dürftigen hygienischen Verhältnissen. \nDer Maternale Tetanus betrifft die Mutter, wie der Name schon sagt und tritt während der Schwangerschaft oder innerhalb der letzten sechs Wochen der Schwangerschaft auf, vor allem während der Geburt, bei einer Fehlgeburt oder einem Schwangerschaftsabbruch.  Der Vollständigkeit halber sei hier auch der Puerperale Tetanus genannt, der nach Geburten oder Fehlgeburten durch eine Infektion des Uterus auftritt.Am häufigsten bei uns, also in Mitteleuropa, findet man den sogenannten Generalisierten Tetanus. Davon ist die gesamte Muskulatur betroffen. Das ist auch derjenige, den wir uns durch rostige Nägel etc. zuziehen und den wir in den szenischen Darstellungen dieser Episode so eindrucksvoll geschildert haben.\nDer lokale Tetanus ist eher selten zu finden, er tritt meistens bei teilimmunisierten Patienten auf und führt zu Krämpfen und Versteifung an den Extremitäten, also in Fingern, Füßen oder am Bein. Er ist auf die Körperregion beschränkt, wo sich die ursächliche verunreinigte Wunde befindet, beispielsweise im Bein. Ein lokaler Tetanus kann sich aber zu einem generalisierten auswachsen, d.h. die Symptome bleiben nicht an der Wunde, sondern breiten sich im ganzen Körper aus, wie wir das ja schon gehört haben.Jetzt wird’s noch spezieller: Der Zephale Tetanus hat eine besonders kurze Inkubationszeit von nur 1-2 Tagen und tritt im Kopf- und Nackenbereich auf. Symptome sind hierbei eine Lähmung der Gesichtsnerven oder auch das Erstarren des Kiefers, auch Kieferklemme genannt. Dazu kann auch das Teufelsgrinsen auftreten, ihr wisst schon, der starre, grinsende Gesichtsausdruck. Sowohl Kieferklemme als auch Teufelsgrinsen ist ebenfalls typisch für die generalisierte Form.Und – puh, gleich sind wir durch - dann ist da auch noch der Postoperative Tetanus, der sich, wie der Name schon sagt, nach operativen Eingriffen ereignen kann. Das heißt allerdings nicht, dass Tetanus zu den berüchtigten „Krankenhauskeimen“ gehört. Denn Tetanus wird ja nicht durch Menschen übertragen. Er ist eine Sporeninfektion und damit auch kein typischer Krankenhauskeim.Okay, das klingt alles nicht so schön… Gute Nachrichten: wir haben ja eine funktionierende Impfung, und die gilt auch noch als ziemlich unbedenklich.",
    "end": 2836.0
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    "start": 2836.0,
    "text": "PROF. DR. ZOE WAIBLER: \nDie Impfung wird in der Regel gut vertragen. Sehr häufig kommt es zu einer vorübergehenden und teils schmerzhaften Rötung und Schwellung an der Einstichstelle. Ich glaube, das kennen wir alle nach einer Impfung, da ist es da ein bisschen dick und warm und rot. Es kann gelegentlich auch zu Schwellungen in den nächstgelegenen Lymphknoten kommen. Es kann auch mal zu Fieber, Kopfgliederschmerzen, Frösteln, Reizbarkeit. Magen-Darm-Beschwerden oder Müdigkeit kommen, also so das Übliche, was man einfach kennt, wenn ein Immunsystem arbeitet. Bei Säuglingen und Kleinkindern kann es selten zu einem kurzzeitigen, schockähnlichen Zustand kommen, in dem die Muskeln des Kindes erschlaffen und es nicht ansprechbar ist. Das ist natürlich sehr schockierend dann für die Eltern, aber dieser Zustand, HHE - Hypotone, Hyperresponsive-Episode genannt, die bildet sich schnell und folgenlos zurück. Es kann bei Säuglingen und jungen Kleinkindern sehr selten auch im Zusammenhang mit einer Temperaturerhöhung zu einem sogenannten Fieberkrampf kommen, aber auch der ist in der Regel folgenlos.",
    "end": 2911.0
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    "start": 2911.0,
    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nÜbrigens besteht für Tetanus seit 2001 keine Meldepflicht mehr und derzeit verfügen immerhin 74% der Erwachsenen und ca. 94% der Schulanfängerinnen und Schulanfänger in Deutschland über einen aktiven Impfschutz. Man kann also sagen: Selbst wenn Clostridium tetani noch überall auf der Welt sein Unwesen treibt und das vermutlich (leider) auch noch lange tun wird – die Entdeckung des Bakteriums und die Entwicklung des Impfstoffs ist ein deutlicher Sieg der Medizin. Schaden kann es trotzdem nicht, mal wieder seinen Impfausweis rauszukramen (hab ich den nicht neulich in erst in der Hand gehabt, als ich den Reisepass gesucht habe…?). Und mal zu schauen, wie lange die letzte Tetanus-Impfung her ist. Nicht erst warten, bis man sich an der rostigen Heckenschere geritzt hat, dann in den Rechen getreten und letztlich mit dem Kopf voraus in Pferdemist gefallen ist. \nHerzlichen Dank an unsere Expertin, Prof. Dr. Zoe Waibler vom Paul-Ehrlich-Institut und vielen Dank an euch fürs Zuhören. Nächstes Mal beschäftigen wir uns mit einer Krankheit, die unseren Stoffwechsel und damit unser Leben völlig durcheinanderbringt, … und mit einem Organ, mit dem wir uns oft erst dann auseinandersetzen, wenn es nicht mehr richtig funktioniert - der Schilddrüse.  Bis dahin also! Und wir würden uns natürlich freuen, wenn ihr uns abonniert oder mit möglichst vielen Sternen bewertet, ihr kennt das ja. Das hilft anderen, den Podcast zu entdecken. Bleibt gesund – und neugierig!  Eure Andrea Sawatzki",
    "end": 3008.0
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    "start": 3008.0,
    "text": "SPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau\nExecutive Producers „gesundheit-hören“: Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück\nExecutive Producers „WakeWord“: Ruben Schulze Fröhlich und Christoph Falke\nAutor: Berni Mayer\nRegisseur: Berni Mayer\nRedaktion „WakeWord“: Berni Mayer, Volker Strübing, Josephine Aleyt\nRedaktion „gesundheit-hören“: Kari Kungel\nMedizinisch-pharmazeutischer Faktencheck: Dr. Andreas Baum, Dr. Roland Mühlbauer, Dr. Katharina Kremser\nMusik: Johannes Cornelius\nSound Design: Felix Stäblein\nProduktionsleitung: Josephine Aleyt\nProduziert von den Wake Word Studios in München",
    "end": 3089.064
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