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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nEin Samstag in Berlin im Sommer. Die Sonne steht noch nicht ganz hoch, das Licht hat dieses goldene, warme Leuchten, das selbst die grauen Hausfassaden freundlich wirken lässt. Auf einem kleinen Platz vor einem Café steht ein Mann mit einem Eimer Seifenlauge. In der Hand hält er zwei lange Stäbe, zwischen ihnen ein dünnes Seil, das sich glitzernd im Wind spannt. Langsam hebt er die Stäbe an, kippt sie leicht – und aus dem Schimmer zwischen ihnen löst sich eine riesige Seifenblase. Sie schwebt davon, ein schillernder Ball aus Licht und Farben, spiegelt kurz die Gesichter der umstehenden Kinder, dann platzt sie mit einem leisen „Plopp“. Eine nach der anderen lässt er so erscheinen. Die Blasen steigen, berühren einander, fließen zusammen – oder zerplatzen mit einem zarten „Plopp“. Man sieht den Luftzug nicht, der sie bewegt, man sieht nur, was er bewirkt. Unsichtbare Kräfte – sichtbare Folgen. \nEin paar Schritte weiter steht – gleich neben dem Kinderschminken – ein kleiner Infostand vor der Apotheke. Darauf bunte Flyer, Luftballons, eine Pappfigur in Arztkittel und Superheldenumhang. „Impfen – schützt Deine Gesundheit“, steht auf einem Poster. Daneben liegt ein Sammelheft mit Aufklebern: für jede Impfung ein anderer Held. MMR, Polio, Tetanus – alles Figuren mit Masken, Capes und Glitzer. Ein Vater schaut durch den Stapel der ausgelegten Aufkleber.„Du hast ja schon so viele Sticker“, sagt er zu seiner kleinen Tochter, die er auf dem Arm trägt, und lächelt. „Nur die zweite Masern-Mumps-Röteln fehlt noch – kommt bald.“Das Mädchen nickt ernst, doch dann zieht sie ihn am Ärmel und deutet aufgeregt zum Schminktisch nebenan, wo schon eine kleine Schlange von Kindern wartet.\nDie Sonne spiegelt sich in den Seifenblasen, die weiter durch den Platz treiben. Sie schillern in allen Farben – kurz, bevor sie zerplatzen. \nSPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau\nANDREA SAWATZKI:\nHerzlich willkommen zu einer neuen Folge von „Siege der Medizin“. Ich bin Andrea Sawatzki und begleite euch wie gewohnt auf dieser medizingeschichtlichen Zeitreise. Und auch heute mach ich das nicht allein, sondern hab einen fantastischen Experten an meiner Seite. \nDR. JAKOB MASKE: \nMein Name ist Jakob Maske, ich bin Kinder- und Jugendarzt. Niedergelassen in Berlin und bin der Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder-und Jugendärztinnen und auch Mitglied des Vorstands. \nANDREA SAWATZKI:\nWenn Ihr unsere Folge zu Polio gehört habt, kennt Ihr Dr. Jakob Maske bereits. Wie immer schmücken wir die Details unserer erzählerischen Parts mit ein wenig Fantasie aus, aber bleiben natürlich immer so eng wie möglich an den Fakten. Apropos Fakten: Gibt es die Masern überhaupt? Komische Frage? Ja, würde ich auch erst mal denken, aber es gibt durchaus Menschen, die überzeugt sind, dass wir alle einer großen Lüge aufsitzen. Denn wer hat schon mal ein Masernvirus gesehen? So persönlich, von Angesicht zu Angesicht? Na? Ich warte … Ja klar, ich überspitze etwas, aber es gibt wirklich einen Biologen, der noch im Jahr 2011 in Zweifel zieht, dass es so etwas wie ein Masernvirus überhaupt gibt. Was mit einem provokanten Text im Netz beginnt, den kaum jemand ernst nimmt, endet schließlich mit einem aufsehenerregenden Prozess, der scheinbar sogar juristisch die Frage nach der Existenz des Masernvirus beantworten sollte.  \nAber von vorne: Ende 2011 stellt der Biologe Stefan Lanka auf der Seite seines Verlags eine Auslobung ins Internet. Hunderttausend Euro, heißt es, für den, der mit einer wissenschaftlichen Publikation die Existenz des Masernvirus belegt – und dabei auch seinen Durchmesser angibt. So überzeugt ist er nämlich davon, dass es das Virus nicht gibt, nicht geben kann. Das ist jedoch keine einfach so dahingesagte Wette wie „Wetten du kannst mich auch in zehn Partien nicht beim Scrabble schlagen“, sondern eine Auslobung im Sinn von § 657 BGB, ein rechtsverbindliches Versprechen an jedermann. Wer die Bedingungen erfüllt, hat Anspruch auf das Geld. Der Text hat Sprengkraft, mehr als Lanka vermutlich selbst ahnt.  In den 2010er Jahren laufen die Masern auch noch anderweitig als Thema durch die medizinischen Fachblätter, eher unterschwellig. Impflücken werden diskutiert, doch die meisten nehmen die Provokation Lankas kaum wahr. Einer schon: der damalige Medizinstudent David Bardens. Er stößt eines Tages beim Internetsurfen zufällig auf die Seite mit dem ungewöhnlichen Angebot. Der angehende Mediziner ist kein Glücksritter. Ihm geht es nicht ums Geld, das will er spenden. Es geht ihm darum, einem gefährlichen Irrglauben Einhalt zu gebieten, indem er den Masernleugner in die Schranken weist. Daher holt er sich zu Beginn des Jahres 2012 bei Stefan Lanka die schriftliche Bestätigung, dass das Angebot ernst gemeint ist, und beginnt, nicht Theorien, sondern Literatur zu sammeln: seriöse Fachartikel aus anerkannten medizinischen Zeitschriften. Peer reviewed – was heißt, dass medizinische Fachkollegen die Artikel auf Herz und Nieren geprüft haben, bevor man diese veröffentlicht hat. Es ist mühsamer als gedacht, entsprechende Fachtexte zu finden, denn „Existenz“ und „Durchmesser“ begegnen in unterschiedlichen Kontexten: Ob das Masernvirus wirklich existiert, zeigen Forschende zum Beispiel dadurch, dass sie es im Labor isolieren und sein Erbgut untersuchen. Die Angabe, wie groß es ist, stammt hingegen aus Mikroskopaufnahmen und Beschreibungen seiner Form. Bardens bündelt sechs Arbeiten, die zusammen das leisten, was Lankas Ausschreibung verlangt: Nachweis des Virus und Größenangabe. Dann gibt er den dicken Umschlag mit den Schriften in die Post. Und wartet. Doch Lanka zahlt nicht. Weigert sich. Behauptet, die übersandten Fachartikel würden die Existenz des Masernvirus und sein Aussehen überhaupt nicht belegen. Konnten sie aus seiner Sicht ja gar nicht. Lanka ist nämlich fest davon überzeugt, dass die typischen Masernflecken nicht von einem Virus, sondern von „unverarbeiteten seelischen Traumata“ herrühren würden. Zumindest basiert sein eigenes Geschäftsmodell darauf – da stören wissenschaftliche Fakten nur. \n Jeder andere hätte vermutlich die Sache damit aufgegeben, mit einem Schulterzucken zu den Akten gelegt. Doch nicht Bardens. Er verklagt Lanka auf die Herausgabe des Preisgeldes.  \nEin Rechtsstreit beginnt – Schauplatz ist das Landgericht Ravensburg. Das Gericht zieht einen Sachverständigen bei und arbeitet sich durch die Akten: Was gilt als wissenschaftlicher Beweis? Was sagen die Studien? Früh wird deutlich: Der Prozess wird nicht klären, was moderne Virologie taugt – das Gericht wird den Wortlaut der Auslobung abklopfen und prüfen, ob Bardens ihn erfüllt hat. Der 12. März 2015 ist einer dieser Tage, an denen Schlagzeilen schneller reisen als Urteilsbegründungen. Das Landgericht Ravensburg spricht dem, mittlerweile zum Doktor der Medizin promovierten Bardens tatsächlich das Preisgeld zu: Die sechs eingereichten Publikationen genügen dem geforderten Nachweis. Wer die Existenz eines Virus behauptet, kann sie auf vielfältige Weise belegen; wer seinen Durchmesser angeben will, entnimmt die Zahl den passenden methodischen Arbeiten, so das Gericht. \nAuf der ganzen Welt greifen Medien die Geschichte auf: Ein Sieg der Wissenschaft. Vorerst. Wir kommen nachher nochmal darauf zurück. Natürlich ist auch unser Experte Jakob Maske von der Existenz des Masernvirus überzeugt. Doch was sind die Masern eigentlich genau und was macht sie besonders?\nDR. JAKOB MASKE:  \nMasern sind Viren, die eben den Menschen krank machen können und sie sind so ansteckend, weil sie lange überleben und eine sogenannte hohe Ansteckungsrate haben. Also man braucht nur sehr wenig Viren um sich anzustecken, die vermehren sich sehr schnell und deswegen sind sie so anstrengend. (…) Der Virus wird über eine Tröpfcheninfektion übertragen, also sprich über Husten zum Beispiel oder Niesen. (…)Typisch für Masern ist, wenn das Fieber zunächst ansteigt und dann auch wieder abfällt, aber nach ein, zwei Tagen erneut ansteigt und zwar hoch ansteigt und dann eben die Menschen richtig krank werden.\nANDREA SAWATZKI:\nDie Masern sind also hochansteckend und sorgen für einen heftigen Krankheitsverlauf, der sogar lebensgefährlich sein kann. \nDR. JAKOB MASKE:  \nDie schwerste Komplikation ist natürlich die Encephalitis, also die Gehirnentzündung. (..) Wir gehen davon aus, dass eins von 300 bis eins von 1000 erkrankten Kindern tatsächlich an den Masern stirbt. Wir haben aber auch noch ganz andere Komplikationen wie zum Beispiel schwere Ohrenentzündungen oder schwere Lungenentzündungen, die auftreten können und dadurch dann eben auch zu schweren, auch bleibenden Schäden führen können.\nANDREA SAWATZKI:\nSeit wann gibt es die Masern eigentlich? Bei den bisher in dieser Staffel behandelten Krankheiten stellten wir ja immer wieder fest, dass sie die Menschheit zum Teil schon lange begleiteten. Etwa seit der Jungsteinzeit wie bei der Tuberkulose, als die Menschen sesshaft wurden und begannen, eng mit ihren Nachbarn und ihren Nutztieren zusammen zu leben. Die Masern sind dagegen eher ein Neuzugang. \nAlexandria, im 4. Jahrhundert vor Christus. Die junge Metropole am Mittelmeer, die größte Stadt des Ostens wird irgendwann Heimat der berühmtesten Bibliothek der Welt werden, mit ihren tausenden von Pergamentrollen. Dort wird auch der riesige Leuchtturm Pharos stehen, eins der sieben Weltwunder. Hier trifft die halbe Welt zusammen:  Menschen aus Griechenland, aus dem römischen Reich, Juden, Handelsreisende aus Indien und Äthiopien. Zwischen Palästen und Armenvierteln tobt das Leben, werden Waren umgeschlagen, Informationen ausgetauscht – ein New York der antiken Welt quasi. Unter den vielen Gesichtern am Hafen ist Marcus, vielleicht 8, 9 Jahre alt. Er weiß das selbst nicht so genau. Er ist der Sohn eines einfachen Lastenträgers, barfuß, schnell, flink. Er kennt jeden Winkel des Hafens, weiß, welche Händler ein paar Kupferstücke springen lassen, wenn man schnell genug anpackt. Für ihn ist der Hafen Abenteuer und Überlebenskampf zugleich.An diesem Morgen legt ein Schiff aus dem Nordosten nach wochenlanger Fahrt über das Mittelmeer an, beladen mit Pelzen, Gewürzen – und Rindern. Die Tiere stolpern von Deck, schwach, abgemagert. Manche haben glasige Augen, manche schäumen vorm Maul. Die Händler fluchen. Die lange Fahrt, erschwert durch Flauten, hat die Tiere krank ausgehöhlt. Doch niemand erkennt, dass sie mehr als Hunger und Erschöpfung mitgebracht haben. In ihrem Blut zirkuliert die Rinderpest.\nMarcus wird gerufen, beim Entladen zu helfen. Er sieht ein Kalb, kaum auf den Beinen, zitternd. Es liegt da, die Flanken heben und senken sich schnell, als kämpfe es mit unsichtbaren Gegnern. Während die Männer es mit Stangen antreiben wollen, beugt Marcus sich hinab. Er legt seine Hand auf das Fell, flüstert beruhigende Worte, für eine Sekunde sind sich Mensch und Tier ganz nah. Mühsam rappelt sich das Tier tatsächlich auf. Doch was Marcus nicht wissen kann: In diesem Moment wechselt ein winziger neuartiger Erreger auf ihn über. Eine genetische Mutation, eine winzige Veränderung im winzigen genetischen Material hat aus dem Virus, das seit Jahrhunderten nur Rinder tötet, einen auch für Menschen verhängnisvollen Keim gemacht. Und ausgerechnet in Marcus findet es nun einen neuen Wirt. Niemand bemerkt den Augenblick. Niemand ahnt das Ausmaß. Am wenigsten Marcus selbst. Einige Abende später sitzt Marcus vor der Hütte seiner Familie. Er teilt Brot mit seinen kleinen Schwestern, lacht, erzählt von den Tieren aus fernen Ländern. Sein Vater kommt müde von der Arbeit nach Hause, die Mutter stellt Linsen auf den Tisch. Alles scheint wie immer. Doch in der Nacht beginnt das Fieber. Markus wälzt sich, der Körper glüht, seine Lippen sind trocken. Seine Mutter denkt: „Es ist sicher nur die Sonne.“ Sie legt ihm ein nasses Tuch auf die Stirn, flüstert Gebete. Am nächsten Morgen ist er schwach. Seine Augen brennen, sein Husten klingt rau. Zwei Tage später bedecken rote Flecken seine Brust. Zuerst nur wenige, dann mehr, bis das ganze Gesicht, die Arme, der Körper überzogen sind. Die Mutter weint, die Nachbarinnen tuscheln. „Ein Fluch? Eine Strafe der Götter? Doch wofür?“ Amulette werden aufgehängt, Weihrauch verbrannt, Priester gerufen. Doch nichts hilft.\nDie Krankheit breitet sich aus. Zuerst die Geschwister, dann die Nachbarskinder, schließlich das ganze Viertel. In den engen Gassen husten Dutzende, ihre Haut von roten Flecken überzogen. Frauen kümmern sich um die Kranken, Männer fahren Leichen in Karren hinaus vor die Stadt. Der Gestank von Räucherwerk liegt über den Straßen. Binnen Wochen erreicht das Fieber den Markt, die Tavernen, die Speicher am Hafen. Händler kehren heim – nach Antiochia, nach Konstantinopel, nach Persien – und tragen das Virus mit sich. Unsichtbar, unaufhaltsam. \nDas Virus ist jung, doch gnadenlos. Verbreitet sich in Windeseile. In kleinen Dörfern, auf dem Land, wären die Infektionsketten schnell zusammengebrochen, zu klein die Gruppe der möglichen menschlichen Wirte, zu groß die Abstände zur nächsten Siedlung…. Aber in den großen Metropolen dieser Epoche finden die Masern Nahrung. Wo genau die Masern ihren Anfang nehmen, ist unbekannt. Doch: in all diesen Städten leben viele zum Großteil unter schlechten hygienischen und gesundheitlichen Bedingungen. Ideal für das Masernvirus – gefährlich für die Menschen. Vor allem für kleine Kinder, deren Immunsystem noch nicht voll entwickelt ist.  Von nun an werden die Masern nicht mehr verschwinden. Sie werden Heere schwächen, Reiche erschüttern, zahllose Kinder in fiebrigen Nächten sterben lassen. Sie werden ein Schatten sein, der jede folgende Zivilisation begleitet.\nUnd alles beginnt hier, im Hafen von Alexandria – oder womöglich einer anderen Großstadt der antiken Welt. Vielleicht mit einem Jungen, der ein Kalb gestreichelt hat. Auf jeden Fall mit einem Virus, das die Grenze zwischen Tier und Mensch überschritt – und damit das Verhängnis in Gang setzt.\n Die Geschichte mit Marcus in Alexandria haben wir uns natürlich ausgedacht. Doch das Szenario selbst ist durchaus denkbar. Woher wissen wir das? Kurzer Exkurs: Das Problem bei Krankheitsberichten in historischen Quellen ist: Wir wissen nicht wirklich, welche Erreger sich hinter den berichteten Fällen tatsächlich verbergen. Symptome können sich durch neue Stämme derselben Viren im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende verändern, die Beschreibungen bleiben meist recht vage und bekommen unterschiedliche Bezeichnungen durch die jeweiligen Autoren. So wurde zuvor auch schon vermutet, dass die Masern bereits in der Bronzezeit aufgetreten sein könnten, im antiken Griechenland, oder eigentliche Ursache der sogenannten Antoninischen Pest im 2. Jh. Jahrhundert nach Christus. Oder tauchten die Masern erst im 11. oder 12. Jh. des hohen Mittelalters auf, wie viele noch unlängst vermuteten? Erst seit kurzem lässt sich etwas genauer bestimmen, wann sich das Masernvirus genetisch vom Rinderpestvirus löste und damit eine Gefahr für den Menschen wurde. Bezeichnenderweise nicht in historischen Schriftquellen, sondern in einem alten mit Alkohol gefüllten Glas auf einem Lagerregal.  Der Schlüssel hierfür war ein junges Mädchen, das 1912 an der Berliner Charité infolge einer Maserninfektion starb. Ihre Lungen wurden konserviert, in die von Rudolf Virchow begründete pathologische Sammlung aufgenommen und dort mehr als 100 Jahre aufbewahrt. Der Evolutionsbiologe Sebastien Calvignac-Spencer vom Robert-Koch-Institut entdeckte das Präparat im Jahre 2019 im Museum für Medizingeschichte und konnte daraus RNA des Masernvirus gewinnen – das älteste bisher bekannte Genom dieser Krankheit. Die Analyse zeigt, dass das Masernvirus vermutlich schon im 4. Jahrhundert v. Christus auf den Menschen überging, also deutlich früher als bislang angenommen - davor wurde ein Ursprung im Mittelalter vermutet. Der neue Stammbaum basiert auf dem Genom von 1912, einem weiteren von 1960, sowie modernen Proben. Durch ein verbessertes Modell verschiebt sich die Abspaltung von Rinderpest und Masern weiter in die Vergangenheit. Masern sind eine der ansteckendsten Infektionskrankheiten des Menschen. Damit sich das Virus dauerhaft halten kann, braucht es Bevölkerungen von mindestens 250.000–500.000 Menschen – eine Größenordnung, die Städte ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. tatsächlich erreichten. \nWir verlassen den Hafen des antiken Alexandria und betreten eine andere Welt: das Persien des 9. und 10. Jahrhunderts. Inzwischen ist im Abendland das weströmische Reich untergegangen und in den Wirren der Völkerwanderung und des frühen Mittelalters das medizinische Wissen der Antike weitgehend verloren. Dagegen werden in den Bibliotheken östlich des Mittelmeers die Schriften der griechischen und römischen Gelehrten weiterhin gewissenhaft bewahrt. Hier sammeln Ärzte die Schriften der antiken Hochkulturen, übersetzen griechische und römische Texte, vergleichen sie mit eigenen Beobachtungen. Ohne ihre wissenschaftliche Arbeit wäre das Wissen der Alten Welt vermutlich für immer verloren. Zum Beispiel der persische Arzt, Philosoph und Alchemist Abū Bakr Muhammad ibn Zakariyyā ar-Rāzī – in der westlichen Welt unter seinem griechischen Namen „Rhazes“ bekannt. So werden wir ihn hier auch nennen. \nRhazes beobachtet die Krankheiten seiner Zeit genau, Zahlreiche seiner weit über 200 Schriften beschäftigen sich mit Medizin. Er beobachtet Kinder mit Fieber, mit Husten, mit roten Flecken auf der Haut. Und er schafft etwas, das Jahrhunderte lang niemand schaffte: Er unterscheidet die Masern vom Krankheitsbild her klar von den Pocken. In seinem Werk aus dem Jahr 910 beschreibt er beide Krankheiten ausführlich nebeneinander, erkennt ihre Unterschiede. Er stellt zum Beispiel fest „Bei den Masern ist nicht so viel Rückenschmerz wie bei den Pocken; und bei den Pocken nicht so viel Beklemmung und Übelkeit wie bei den Masern“ Die Masern nennt er hasbah – das ist arabisch für „Ausbruch“. Unser Experte Jakob Maske ist überzeugt, dass dies die erste eindeutige Beschreibung der Krankheit ist: \nDR. JAKOB MASKE:  \nJa, er hat also die typischen Krankheitsverläufe beobachtet und daraus gefolgert, dass quasi das ja immer der gleiche Virus sein muss und den somit beschrieben und quasi auch diesen zweigipfligen Fieberverlauf beschrieben. Und eben auch die schweren Komplikationen, die daraus entstehen. Und das hat er so genau gemacht, dass man eben schlussfolgern konnte, dass es auf diesen einen Virus zurückzuführen ist. \nANDREA SAWATZKI:\nDoch die Abgrenzung ist gar nicht so einfach. Für Rhazes sind die beiden Krankheiten verwandt, vielleicht wie Brüder. Er hält die Masern zudem nicht für ansteckend.  Die Begriffe sind noch unscharf, das Verständnis fragmentarisch. Und dennoch: Dank Rhazes wird ein erster Schritt getan, die Masern als eigene Krankheit zu begreifen. Ein erster Schritt, sie zu bekämpfen - wenn es auch noch ein sehr weiter Weg dahin sein sollte. In Europa hingegen bleibt die Lage weiterhin diffus. Über Jahrhunderte hinweg sprechen Ärzte und Chronisten von Ausbrüchen, die mal Pocken, mal Masern, mal Scharlach meinen könnten. \nFür die Menschen im Mittelalter sind die Masern eine unausweichliche Realität. Fast jedes Kind erkrankt irgendwann, viele überleben – doch viele auch nicht. Der Ausschlag, das Fieber, das Husten: sie werden zum vertrauten, gefürchteten Bild in jeder Familie. Die Krankheit ist kein unbekannter Schrecken mehr, sondern ein ständiger Begleiter. Die Ärzte damals versuchen, mit den Mitteln ihrer Zeit zu helfen: Schröpfen, Kräutertränke, Gebete. Die Ursachen werden in Gestirnen, in unreiner Luft, in göttlichem Zorn gesucht. Doch die Masern lassen sich dadurch nicht bannen. Immer wieder flammt die Krankheit auf, in Dörfern, in Städten, in Klöstern. Sie ist Teil des Kreislaufs des Lebens – unausweichlich, gefürchtet, doch alltäglich. Viel tun kann man gegen die Masern ohnehin nicht. Damals nicht und heute eigentlich auch nicht: \nDR. JAKOB MASKE:  \nEs wurde eigentlich immer gleich behandelt, bis heute, muss man ganz ehrlicherweise sagen. Man hat eigentlich nur die Symptome behandeln können, also man hat das Fieber senken können, man hat frische Luft zufächeln können. Mehr eigentlich tatsächlich nicht und das hat sich auch nicht geändert. Es gibt auch jetzt keine spezifische Therapie, es gibt nur eine Prophylaxe. (…) Selbst die Lungenentzündung, die von den Masern selber ausgeht, kann man nicht behandeln, weil sie durch Viren verursacht sind. Die Lungenentzündung kann sich bakteriell besiedeln. Und diese Komplikation der Komplikation könnte man dann wiederum mit einem Antibiotikum behandeln. Aber die Lungenentzündung, die durch die Masern ausgelöst wird, oder die Gehirnentzündung, die durch Masern selbst ausgelöst wird, die kann man eben nicht ursächlich behandeln. Die kann man nur symptomatisch behandeln. \nANDREA SAWATZKI:\nKleiner Spoiler: heute haben wir natürlich Impfstoffe dagegen.  Die Bevölkerung damals baut, ohne es zu wissen, allmählich auch einen gewissen Immunschutz auf – ist natürlich kein Vergleich zur Impfung. Die Krankheit ist immer noch verheerend, aber nicht mehr so sehr wie zu Beginn. Zumindest nicht für die Menschen in Europa. \nDie Frühe Neuzeit. Europa wendet seinen Blick nach Westen, in die sogenannte neue Welt. Schiffe stechen in See, mit Waffen, Werkzeug, Stoffen, leider auch mit Sklavinnen und Sklaven – und mit unsichtbaren Begleitern. Zwischen den Fässern und Ballen reisen Erreger mit: Pocken, Grippe – und die Masern. Niemand sieht sie, niemand spricht von ihnen, und doch werden sie die mächtigsten Verbündeten der Eroberer. 1529 erreichen die Masern Kuba. Dort, wo die Pocken wenige Jahre zuvor schon ganze Familien ausgelöscht haben, flammt nun ein neues Fieber auf. Menschen klagen über Hitze, über unstillbaren Husten, über rote Flecken, die ihre Körper bedecken. Es ist ein zweites Sterben – diejenigen, die den Pocken entkommen sind, werden von den Masern dahingerafft.\nVon Kuba aus tragen Händler und Soldaten das Virus weiter: nach Mexiko, nach Honduras, hinein in die Reiche der Inka, der Azteken, der Maya. Die Krankheit trifft Gesellschaften, die niemals zuvor Kontakt mit diesem Erreger hatten. Sie haben keine Antikörper, keine Immunität. Das Virus brennt sich durch Dörfer und Städte wie Feuer durch trockenes Gras. Ganze Gemeinschaften verschwinden. Felder bleiben unbestellt, Priester stehen machtlos vor den Betten der Kranken. \nFür die Eroberer ist das jedoch ein unsichtbarer Verbündeter. Die Waffen töten Hunderte, die Krankheiten Millionen. Hernán Cortés mag mit seiner kleinen Armee Mexiko betreten haben – doch seine eigentlichen Truppen bestehen aus Viren. Sie marschieren schneller als seine Soldaten, schwächen die Gesellschaften, noch bevor die Schlachten beginnen.\nDie Geschichte wiederholt sich über Jahrhunderte. 1848 erreichen die Masern Hawaii. Innerhalb weniger Monate sterben Tausende. Familienlinien brechen ab, alte Wissenssysteme, Lieder, Mythen – sie verstummen. \nIn den 1870er-Jahren trifft es Fidschi. Ein Drittel der Bevölkerung wird ausgelöscht. Auch Samoa, Tahiti, Westafrika: überall dasselbe Bild. Dort, wo die Menschen dem Virus noch nie begegnet sind, schlägt es unbarmherzig zu, sobald die Schiffe der Europäer landen. Für die indigenen Völker ist es ein apokalyptisches Szenario. Priester und Heiler versuchen alles: Räucherungen, Gebete, Opfer. Aber nichts wirkt. Das Virus ist unsichtbar, unaufhaltsam - es löscht Generationen aus. Kinder sterben zuerst. Die sozialen Strukturen zerfallen, und mit ihnen die Fähigkeit, sich den Eroberern entgegenzustellen. Für die Kolonisatoren sind die Masern kein geplanter, bewusster Einsatz – aber sie wirken wie eine biologische Waffe. Ganze Reiche werden geschwächt, noch bevor die ersten Musketenschüsse fallen. Die Eroberung Amerikas, Ozeaniens und Afrikas ist ohne diese unsichtbaren Verbündeten nicht zu verstehen. Die Spuren ziehen sich ins heute: in die Erinnerungen der Völker, die Lücken, die sie in ganze Kulturen gerissen haben. \nDas 19. Jahrhundert. Europa ist im Wandel. Fabriken schießen in den Städten empor, dampfende Lokomotiven verbinden Dörfer mit Metropolen, Bevölkerungen wachsen rasant. Doch mitten in diesem Fortschritt gibt es eine Konstante – die Masern. Eltern sprechen fast beiläufig davon, dass ihre Kinder „die Masern durchmachen“ müssen. Es ist ein erwarteter, ja geradezu fest einkalkulierter Teil des Aufwachsens. Doch hinter dieser Gewohnheit verbirgt sich Schrecken. Denn jedes Jahr sterben Hunderttausende – vor allem die Jüngsten, die Schwächsten. Manche Epidemien raffen zehn Prozent aller Erkrankten dahin. In den Hospitälern Europas reiht sich Bett an Bett. Kleine Körper liegen fiebrig, rote Flecken überziehen ihre Haut. Ärzte mit ernsten Gesichtern notieren Symptome, versuchen fiebersenkende Mittel, Aderlässe, Kräuter. Die Behandlung verschlimmert meist jedoch nur die Situation. Für viele endet die Krankheit tödlich. Selbst jene, die überleben, tragen oft Folgeschäden davon – geschwächte Körper, die bei der nächsten Infektion nicht mehr standhalten. Die Friedhöfe füllen sich. Ganze Familienreihen in den Kirchenbüchern tragen den Vermerk „Masern“. Jahr für Jahr. Auch für die Armen, die in überfüllten Mietskasernen leben, sind die Masern ein allgegenwärtiger Begleiter. Enge, mangelnde Hygiene – perfekte Bedingungen für das Virus. Reiche Familien trifft es auch, doch ihre Kinder haben bessere Chancen: mehr Pflege, bessere Ernährung, manchmal ländliche Rückzugsorte. Doch auch sie sind nicht sicher. Die Masern machen keinen Unterschied zwischen Arm und Reich.\nIn der aufstrebenden Industriegesellschaft werden die Masern so zu einem unsichtbaren Kostenfaktor. Kinder sterben oder sind geschwächt, Familien verlieren Arbeitskräfte, Unternehmen verlieren Lehrlinge und Arbeiterinnen und Arbeiter. Zeitungen berichten von Wellen der Krankheit, die sich alle paar Jahre über Städte und Dörfer legen. Eltern bangen jedes Mal, ob ihre Kinder diese „Prüfung“ überstehen. In Schulen werden die Masern fast zu einem Ritual. Wenn ein Kind erkrankt, folgt bald die ganze Klasse. Lehrerinnen und Lehrer sprechen vom „Durchlaufen“ – eine Welle, die niemand aufhalten kann. In manchen Jahren scheint es, als würde jedes Kind gleichzeitig krank. Familien hüten ihre Kinder, doch Schutz gibt es nicht. Isolation ist kaum möglich in den dicht gedrängten Städten. Jeder kennt jemanden, der daran gestorben ist. Fast jeder hat sie selbst erlitten. Die Masern gehören im 19. Jahrhundert zum Leben wie Geburt, Arbeit und Tod. Und während die Medizin langsam beginnt, die Welt der Mikroben zu entdecken, bleibt das Masernvirus unbezwingbar. Es fordert weiter Jahr für Jahr Hunderttausende Opfer. Höchste Zeit, dass das 20. Jahrhundert anbricht.\nEuropa und Nordamerika erleben eine wissenschaftliche Revolution. Neue Geräte, neue Ideen und die Geburt neuer Zweige der Wissenschaft: die der Bakteriologie und Virologie. Die Welt der unsichtbaren Erreger beginnt, Gestalt anzunehmen. Forscher wie Robert Koch und Louis Pasteur zeigen, dass Krankheiten nicht durch die sogenannten Miasmen, nicht durch „schlechte Luft“ (wie man früher glaubte), sondern durch Mikroorganismen verursacht werden. Diese Erkenntnis verändert alles. Auch die Masern rücken ins Visier der Forschung. 1882 sorgt ein französischer Arzt für Aufsehen: Antoine Louis Gustave Béclère. In seiner Arbeit mit dem Titel „Die Ansteckung mit Masern“ beschreibt er, was damals noch längst nicht selbstverständlich war – dass es sich bei den Masern um eine eigene, klar abgrenzbare Krankheit handelt. Bis dahin war das nämlich – trotz der Vorarbeit des persischen Arztes Rhazes ein Jahrtausend zuvor – immer noch ziemlich verworren. Masern, Röteln, Scharlach – all diese Krankheiten gingen mit Fieber und Ausschlägen einher, und die Ärzte taten sich schwer, sie auseinanderzuhalten. \nBéclère und andere französische Kliniker setzten sich dafür ein, die Masern endlich als eigenständige Krankheit zu definieren. Besonders deutlich wird das in einer Masern-Epidemie auf den Färöer-Inseln im Nordatlantik. Nach mehr als sechs Jahrzehnten ohne Masern traf das erneut eingeschleppte Virus auf ein immunologisch naives Inselkollektiv. Das heißt nicht, dass man dort besonders begriffsstutzig war, sondern dass die Bevölkerung dort (sage und schreibe 8000 Menschen) keinen Immunschutz vor dem Virus hatte. Ein ideales Beobachtungsfeld: Die Forscher erkennen, dass das Virus extrem ansteckend ist, eine gleichbleibende Inkubationszeit von rund zwei Wochen hat – und dass man nach einer überstandenen Krankheit erst mal immun ist – offenbar ein Leben lang. Diese Befunde heben sich somit von Scharlach und anderen ähnlichen Krankheiten klar ab.  In diesem „natürlichen Experiment“ ließ sich die Abgrenzung auf zwei Arten präzise zeigen: einerseits epidemiologisch (das heißt in der Art und Weise, in der sie sich ausbreiten) andererseits auch klinisch (in der Art und Weise, wie sie sich im Krankheitsbild zeigen). Für die Forschung ein Glücksfall – für die Erkrankten vermutlich eher …weniger. Trotzdem: Die Masern haben nun ihren festen Platz im Katalog der Infektionskrankheiten, sind erforschbar. \n1911 gelingt es erstmals, das Virus im Blut Erkrankter nachzuweisen, indem man es auf Rhesusaffen überträgt, die daraufhin ebenfalls erkranken. Aber erst Jahrzehnte später, in den 1950er-Jahren, gelingt ein entscheidender Schritt: Das Virus wird isoliert und im Labor kultiviert.  Damit ist die Grundlage für etwas gelegt, das die Geschichte der Menschheit verändern wird – einen Impfstoff gegen die Masern. Im Mittelpunkt dieser Entwicklung steht John  Enders, ein amerikanischer Virologe, der schon bei der Entwicklung des Polio-Impfstoffs eine Rolle gespielt hatte – für seine Forschungen hat er zusammen mit zwei Kollegen dafür 1954 den Nobelpreis erhalten. Im gleichen Jahr, also 1954 ist Enders im Children’s Hospital in Boston tätig. Als er von einem Masernausbruch an der Fay School in Southborough, Massachusetts, gut 25 Meilen westlich der Stadt, erfährt, schickt er seinen jungen Kollegen Thomas Peebles los – mit sterilen Tupfern und Spritzen in der Arzttasche – er soll frische Proben nehmen. Im Schulkrankenhaus geht Peebles von Bett zu Bett. Ernst blickt er die Jungen einen nach dem anderen an und sagt ihnen: „Young man, you are standing on the frontiers of science.“Also in etwa: „Junger Mann, du stehst an der vordersten Front der Wissenschaft“.\nAn allervorderster Front ist tatsächlich ein erkrankter elfjähriger Schüler namens David Edmonston. Peebles nimmt auch bei ihm Rachenabstriche und Blutproben – und das sollten sich genau als die Proben herausstellen, die im Labor den Durchbruch bringen. Nach einigen Wochen zeigen die Zellkulturen erstmals die typischen Veränderungen: Das Masernvirus wächst. Die Isolation gelingt – und der daraus hervorgegangene Stamm trägt Davids Namen: ‘Edmonston-B’. Als Belohnung für seine Mühen will ihm Peebles übrigens ein Steak im örtlichen Restaurant spendieren. Doch David lehnt ab – kein Wunder, muss er sich doch erst mal von der Übelkeit der Masern erholen. Ein bisschen weltfremd sind die Forscher offenbar dann doch manchmal. \nAuf dem medizinischen Feld haben sie weitaus besseres Gespür, denn es gelingt  Enders‘ Team, das Masernvirus so zu schwächen, dass es als Grundlage einer Impfung genutzt werden kann. 1963 wird schließlich der erste wirksame Impfstoff in den USA zugelassen. Ein historischer Moment. Damals handelt es sich übrigens noch um sogenannte Totimpfstoffe, während man heute bei Masern auf Lebendimpfstoffe setzt, weil sie noch wirksamer sind. Aber zurück zur ersten Zulassung. Die Erfolge sind überwältigend. Innerhalb weniger Jahre sinkt die Zahl der Masernfälle dramatisch. Neue Generationen von Kindern wachsen auf, ohne die Krankheit je kennenzulernen. Und der Impfstoff schützt nicht nur die Geimpften: Dank des sogenannten Herdenschutzes sinkt die Gefahr einer Infektion auch für solche Kinder, die zu jung für eine Impfung sind – oder deren Eltern eine Impfung ablehnen. Ironischerweise gilt das auch für den Sohn von David Edmonston selbst, da sich dieser in den 1980er Jahren gegen eine Masernimpfung entscheidet. Er war Gerüchten aufgesessen, denen zufolge die Impfung selbst Auslöser für Masern werden könne. Erst Jahre später wandelt er sich wieder vom Impfgegner zum Impfbefürworter. Doch zurück in die 1970er. In diesen Jahren kommt nämlich der nächste Meilenstein hinzu, der kombinierte MMR-Impfstoff – gegen Masern, Mumps, Röteln gemeinsam.  Nun können Kinder mit einer einzigen Spritze gleich gegen drei Krankheiten geschützt werden. Eine Welt ohne Masern scheint plötzlich greifbar.\nAuch die Weltgesundheitsorganisation setzt auf diese Chance. In den 1980er- und 1990er-Jahren startet sie massive Impfkampagnen. Millionen von Dosen werden weltweit verteilt, mobile Teams ziehen in abgelegene Dörfer Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Mit jeder verabreichten Spritze sinkt die Gefahr weiter, kommt man dem hochgesteckten Ziel, die Masern für immer auszurotten, scheinbar näher. Die Ergebnisse sind eindrucksvoll. In den USA werden die Masern im Jahr 2000 offiziell für eliminiert erklärt.  In vielen anderen Ländern sind die Zahlen so stark zurückgegangen, dass die Krankheit fast vergessen scheint. Die WHO setzt sich das Ziel, die Masern weltweit auszurotten – ein Triumph der modernen Medizin, vergleichbar mit der erfolgreichen Ausrottung der Pocken.  \nDoch dieser Sieg ist zerbrechlich. Das Virus ist extrem ansteckend – weitaus infektiöser als viele andere Erreger. Um eine Gesellschaft zu schützen, müssen mindestens 95 Prozent der Menschen geimpft sein. Wo diese Quote unterschritten wird, kehren die Masern zurück. Und genau das geschieht. In Europa, in den USA, in Deutschland – immer wieder flammt die Krankheit in den letzten Jahren/Jahrzehnten auf. Neben den verbreiteten Gerüchten über den angeblich gefährlichen Masernimpfstoff ist ein weiterer Grund einer der wohl größten medizinischen Betrugsfälle der Neuzeit. \nEnde der 90er betritt Andrew Wakefield das Foyer des Royal Free Hospital. Sein Blick ist wachsam, seine Schritte zielsicher. Das Gebäude ist alt, mit Fluren, die vom Licht der Neonröhren matt beleuchtet werden, und Türen, hinter denen Menschen mit Krankheiten ringen.  Sie alle vertrauen auf die Ernsthaftigkeit der Medizin, auf die Verlässlichkeit der Medizinerinnen und Mediziner. Sein Weg führt ihn an der Abteilung für Kinderheilkunde vorbei. Er wirft im Vorübergehen einen raschen Blick in den Eingangsbereich. Eltern sitzen mit ihren Kindern in den Wartezimmern. Viele von ihnen vertrauen dem Fortschritt: Impfprogramme haben Masern, Mumps und Röteln weit zurückgedrängt. In manchen Familien ist der Gedanke an Masern längst vergessen – bis heute. Sie sind wegen anderer Dinge hier, Armbrüche, Koliken, Blinddarmentzündungen, nicht wegen der Masern. Trotzdem fühlt Wakefield, dass die Bühne bereit ist. Endlich ist er im Konferenzraum angekommen. Er tritt vor die Kamera einer rasch einberufenen Pressekonferenz und präsentiert seine Studie über zwölf Kinder, veröffentlicht im Lancet, einer der wichtigsten medizinischen Zeitschriften. Er tut das wie ein Entdecker, der ein neues Phänomen offenlegt. In seinem Auftreten mischt sich seriöse Miene mit provokanter Spannung. „Ich habe etwas beobachtet,“ sagt er, „eine Verbindung, die bisher niemand wahrgenommen hat.“  Symptome im Darm, Entwicklungsstörungen, Verhaltensveränderungen -  eine  Verbindung zwischen der MMR-Impfung und kindlichem Autismus. Ein Skandal, wenn es zutrifft. Aber was er nicht sagt – oder vertuscht – ist: die Daten sind manipuliert.\nDie Presse stürzt sich sofort auf die Sensation. Die Zeitungen titeln reißerisch: „Neue Beweise zeigen Verbindung zwischen MMR und Autismus?“, „Angst vor MMR bekommt Unterstützung“, „Warum ich meinem Baby niemals die MMR-Spritze geben würde“. Fernsehsendungen greifen das Thema auf. Wakefields angebliche Erkenntnisse sind in aller Munde – plötzlich schwelt überall die Angst. Eltern, die bisher ohne Zögern ihre Kinder zur Impfung brachten, geraten ins Wanken. Einige verschieben Termine, andere verweigern die Impfung ganz.\nWährend die öffentliche Debatte hitzig wird, wächst Wakefields Ruhm. Er wird eingeladen zu kommentieren, Interviews zu geben. Er tritt in Talkshows auf, spricht mit Eltern, trägt seine Theorie mit ernster Stimme vor. Für manche ist er ein Held: der Arzt, der den Mut hat, gegen ein System aufzustehen. Doch bei manchen beginnen sich Zweifel zu regen. Unter anderem beginnt der Journalist Brian Deer  zu graben. Er untersucht die Krankenakten, befragt Eltern, vergleicht Daten. Er erkennt Unstimmigkeiten: Manche der Kinder zeigten schon vor der Impfung Symptome. Daten, die in der Studie veröffentlicht wurden, existieren schlicht nicht in den medizinischen Akten. Und noch mehr kommt ans Licht: Deer enthüllt ein Netzwerk von verdeckten Zuwendungen: Wakefield soll von Anwälten bezahlt worden sein, die im Namen von Eltern gegen Impfhersteller klagen sollen. Wakefields Studie ist kein unabhängiges wissenschaftliches Werk – seine Motivation ist offenbar die Gier nach Geld und Publicity. Parallel beginnt ein disziplinarisches Verfahren. Der britische General Medical Council erhebt schwere Vorwürfe: Wakefield habe unethisch, unehrlich und unverantwortlich gehandelt habe. Man wirft ihm vor, invasive Verfahren ohne ordentliche ethische Genehmigung durchgeführt, Daten manipuliert und Interessen verschwiegen zu haben. Schließlich, im Januar 2010, kommt das Urteil: Er wird für „dishonest, unethical and irresponsible“ befunden und verliert seine ärztliche Zulassung. Der Lancet, die medizinische Zeitschrift, die 1998 seine Arbeit veröffentlicht hatte, zieht das Papier im Februar 2010 vollständig zurück. Der damalige Chefredakteur Richard Horton nennt es „utterly false“ – völlig falsch. \nDennoch, der Schaden ist angerichtet. Bis heute bleibt das Bild von den Impfungen, die Autismus erzeugen, in den Köpfen der Leute. Die in Anführungszeichen „Studie“ Wakefields, obwohl längst als Betrug widerlegt, wird immer noch weiterverbreitet.  Die Impfraten sinken bis heute. In Großbritannien, in Europa, in den USA spürt man wieder eine Rückkehr von Masernfällen, auch da, wo man die Masern beinahe ausgerottet hatte. Die Angst, die Wakefield gesät hat, wirkt weiter. Die Debatten über Vertrauen, Skepsis und Wissenschaft spitzen sich zu. Auch Wakefield  selbst wirkt als Anti-Impf-Aktivist weiter. Er produziert Filme über seine krude Theorie, hält Vorträge, tritt in fragwürdigen Sendungen auf. Sein Einfluss hat inzwischen unter anderem auch die höchsten Kreise der amerikanischen Gesundheitspolitik erreicht. Robert F. Kennedy Jr., Gesundheitsminister unter Donald Trump, ist Impfgegner und großer Anhänger von Wakefields Thesen und verbreitet dessen Fehlinformationen von höchstoffizieller Stelle weiter. Die Folgen sind jetzt schon fatal: Derzeit erleben die USA den größten Masernanstieg seit Jahrzehnten. Stand 30. September 2025: über 1500 bestätigte Fälle, darunter 3 Todesfälle. Zum Vergleich: 2024 waren es im ganzen Jahr gerade einmal nur 285. Treiber sind große Cluster in Gemeinden mit niedriger Impfquote – zu Jahresbeginn vor allem New Mexico, Oklahoma und Texas – plus eine Rekordzahl importierter Fälle. Die meisten Erkrankten sind ungeimpft oder der Impfstatus ist unklar. Kurz: Masern finden die Lücken – wo Schutz fehlt, schlagen sie zu. Zudem betreiben einige Eltern regelrechte Masernpartys. Was lustig klingt, ist es absolut nicht – im Irrglauben, die „natürliche“ Ansteckung sei besser als die Impfung, werden manche Kinder bewusst mit Masern angesteckt, indem sie mit bereits erkrankten Kindern zusammengebracht werden. So erklärt man sich etwa auch einen extremen Anstieg 2019, bei dem innerhalb eines Jahres fast 1300 Kinder erkrankten. Ganz ehrlich, wenn ich in den USA leben würde, würde ich solchen Eltern was husten.  Nicht nur, dass sie damit auch schwere Verläufe und Folgeschäden ihrer Kinder in Kauf nehmen, sie verbreiten die eigentlich inzwischen fast eingedämmten Erreger massiv weiter und machen die bisherigen Bemühungen einer Eindämmung zunichte.\nDie Wakefield-Skandal zeigt eindrücklich, wie eine einzelne Person mit manipuliertem Wissenschaftsjournalismus den öffentlichen Diskurs beeinflussen kann – und wie wichtig Transparenz, Ethik und Verantwortung in der Medizin sind. Und vor allem auch in den Medien.\nDer Kampf gegen Krankheit bleibt nicht allein eine Frage der Medizin. Er ist auch ein Kampf um Vertrauen – und wer den verliert, öffnet der Krankheit neue Wege. \nDie Masern sind aufgrund wachsender Impfskepsis seit den letzten Jahren damit weltweit wieder auf dem Vormarsch. Nicht nur die Desinformationsschwemme der Impfgegner, auch die frühere Einschätzung als „Kinderkrankheit“, die ja „nicht so schlimm sei“, hat maßgeblich dazu beigetragen. Warum soll ich meine Kinder mit einer „umstrittenen“ Impfung gegen etwas schützen, was doch eigentlich harmlos ist? \nIn Deutschland führen die gestiegen Fallzahlen im Jahr 2020 zur Einführung einer Masernimpfpflicht für Kinder in Gemeinschaftseinrichtungen, Lehrkräfte und medizinisches Personal. Damit will man der Herdenimmunität wieder näher kommen. Doch die Diskussionen bleiben hitzig, Impfgegner mobilisieren, und das Virus bleibt eine ständige Bedrohung. Und leider steigt auch hierzulande das Risiko wieder, so wurden im Jahr 2024 bereits 645 Fälle gemeldet. Europaweit sieht es sogar noch dramatischer aus.  Hier verdoppelten sich in den 53 Mitgliedstaaten der WHO die Meldungen von 2023 auf 2024 und erreichten die erschreckende Anzahl von 127 350 Erkrankungen. \nDR. JAKOB MASKE:  \nWir können inzwischen sehr gut nachweisen, dass die Impfung sehr sinnvoll ist, dass sie sehr gut hilft und dass sie es sehr gut vertragen wird. Es gibt so gut wie keine Impf-Nebenwirkungen und wenn, sind sie in der Regel einfach. Also bei den Lebendimpfungen treten in der Regel die Symptome erst nach fünf bis 14 Tagen auf. Das ist dann mal ein Fieber oder Schmerzen, aber mehr tritt in der Regel nicht auf, auch mal eine Lokalreaktion - und das ist eben schon auch sehr hervorragend. Wir haben ein sehr sicheres Medikament als Impfstoff, was wir hier verwenden, was wir eben auch schon sehr lange verwenden, häufig verwenden. Also wir haben eine sehr große Erfahrung mit diesem Impfstoff. Insofern tatsächlich haben wir hier etwas vorliegen, womit wir auch Menschen überzeugen können, die sehr skeptisch sind. \nANDREA SAWATZKI:\nAber natürlich gibt es Menschen in Deutschland, die sich trotzdem nicht impfen lassen und das ist natürlich eine Herausforderung. Wir haben inzwischen eine Masernimpfpflicht, die dafür sorgt, dass wenn man öffentliche Einrichtungen besucht, wie zum Beispiel die Kita oder die Schule oder zum Beispiel im Krankenhaus arbeitet, vorsieht, dass man eben einen Masern-Impf-Schutz haben muss. Ob das die Impfrate tatsächlich verbessert, kann man noch nicht so ganz genau sagen. Wahrscheinlich wird das nicht unbedingt der Fall sein oder nur marginal. Aber was wir schon sehen, ist, dass Eltern eher häufiger darauf achten, dass ihr Kind rechtzeitig geimpft ist. Und das ist natürlich gut. Also je früher ein Kind geimpft ist, desto früher besteht eben auch der Impfschutz und desto kleiner ist die Gefahr, sich dann eben auch anzustecken. Insofern bringt das vielleicht tatsächlich ein bisschen was, die Impflicht. Leider eben nicht den Durchbruch, ebenso große Prozentränge an Durchimpfungsraten zu erreichen, dass wir jetzt schon sagen könnten, wir wären auf einem guten Weg die Masern auszurotten.\nWie ist denn nun die Geschichte mit dem Impfleugner und dem jungen Arzt ausgegangen? Tja, sie ist leider noch nicht ganz zu Ende: Nachdem Ende 2015 zunächst das Urteil in der ersten Instanz gegen den unterlegenen Masernleugner Lanka nur mithilfe eines Haftbefehls durchgesetzt werden kann und er zähneknirschend das Preisgeld plus Gerichtskosten auszahlt, läuft anschließend das Berufungsverfahren.  Im Oberlandesgericht Stuttgart wird der Fall Anfang 2016 noch einmal aufgerollt.  Jetzt verengt sich der Fokus auf den genauen Wortlaut der Auslobung. Lanka hatte in seinem Auslobungstext eine wissenschaftliche Publikation verlangt, die beides enthält – Existenzbeweis und Durchmesser. Bardens hat aber sechs davon eingereicht. Nicht zu glauben, aber das kippt juristisch gesehen den ersten Richtspruch: Nicht, weil die Studien schlecht wären, nicht, weil das Virus zweifelhaft wäre, sondern wegen einer Wortklauberei in der Auslobung des Wettbewerbs. Die Stuttgarter Zivilkammer hebt das erste Urteil auf; die Klage wird abgewiesen. Zugleich steht weiter fest, was in der Öffentlichkeit später gern verwischt wird: Die Richter sind von der Existenz des Masernvirus überzeugt; es geht hier rein um die Form, nicht um wissenschaftliche Fakten. Bleibt noch der Gang zum Bundesgerichtshof, doch bald schon steht auch hier offiziell fest: die Entscheidung des OLG Stuttgart ist rechtskräftig, Lanka muss nicht zahlen. Damit endet der Rechtsweg, aber nicht die Geschichte, denn derartige Prozesse haben oft zwei Seiten: eine juristische und eine mediale. Während die Aktenordner geschlossen werden, beginnt im Netz bereits die Umdeutung des Ergebnisses. Aus „Klage abgewiesen, weil eine einzige Publikation gefordert war“ wird „Gericht bestätigt, dass Masernvirus nicht existiert“. \nFaktenchecks und Fachmedien korrigieren immer wieder die Erzählung der Impfgegner: Die Gerichte haben keineswegs über die Nichtexistenz eines Virus entschieden; sie haben eine zivilrechtliche Auslobung ausgelegt – und zwar eng – und eben nicht die virologische Evidenz verworfen. Währenddessen schreibt die Medizin ihre eigene Geschichte weiter. Die Masern, das Schreckgespenst der Kinderstuben, haben über Jahrhunderte ungezählte Leben gefordert. Familien verloren Kinder in Fiebernächten, Gemeinden litten unter Ausbrüchen, die niemand eindämmen konnte. Heute ist das Bild ein anderes. In hellen Kinderarztpraxen liegen kleine Ampullen bereit, gefüllt mit einer der größten Errungenschaften der modernen Medizin: der Impfung. Ein kurzer Stich, ein Tropfen Schutz – und eine tödliche Krankheit verliert ihre Macht. Jedes Kind, das ohne Masern aufwächst, ist ein stiller Sieg der Forschung über das, was Menschen gerne als Schicksal bezeichnet haben. Trotz aller Rückschläge und Widerstände durch wissenschaftsfeindliche Akteure und ihre gefährlichen Desinformationen: Mit der Impfung wurde uns das medizinische Werkszeug in die Hand gegeben, um die Masern eines Tages doch noch endgültig zu überwinden. \nAber für diese Folge soll’s auch genug sein mit den Masern. Mein Dank geht wie immer an dieser Stelle an unseren Experten Dr. Jakob Maske für das inspirierende Gespräch, an alle, die bei der Entstehung dieser Folge beteiligt waren,– und natürlich an Euch für Eure Zeit und Aufmerksamkeit. In der nächsten Folge erzählen wir euch von der sogenannten „Pest der Lust“ und wie man eine Krankheit verbreiten kann, indem man immer anderen die Schuld gibt. Die Rede ist von der Syphilis, samt all ihren prominenten und weniger prominenten Opfern. Und bis dahin schaut doch gerne mal auf gesundheit-hören.de vorbei, das ist das  Audioangebot der Apotheken Umschau – dort gibt es viele weitere spannende Podcasts rund um Medizin und Gesundheit.Passt gut auf Euch auf, bleibt neugierig – und bis zum nächsten Mal!Eure Andrea Sawatzki\nSPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau\nExecutive Producers „gesundheit-hören“: Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück\nExecutive Producers „WakeWord“: Ruben Schulze Fröhlich und Christoph Falke\nAutor: Mirko Gutjahr\nRegisseur: Berni Mayer\nRedaktion „WakeWord“: Berni Mayer, Volker Strübing, Josephine Aleyt\nRedaktion „gesundheit-hören“: Kari Kungel\nMedizinisch-pharmazeutischer Faktencheck: Dr. Andreas Baum, Dr. Roland Mühlbauer, Dr. Katharina Kremser\nMusik: Johannes Cornelius\nSound Design: Felix Stäblein\nProduktionsleitung: Josephine Aleyt\nProduziert von den Wake Word Studios in München",
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