[
  {
    "start": 0.0,
    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nStellen wir uns ein Mädchen vor. Dunkle Augen, dicke Augenbrauen, ein frecher Blick. Sie klettert auf Mauern, stiehlt Feigen von den Bäumen der Nachbarn und rennt barfuß durch den Garten. Sie trägt keine Hüte, nicht so wie ihre Schwestern. Sie spielt nicht mit Puppen. Sie wirft lieber mit Steinen, schleicht sich an Katzen heran, will den Himmel sehen von den höchsten Ästen der Guajilote-Bäume. Sie will nicht brav sein. Nicht leise. Nicht wie die anderen. Sie will wild sein. Und frei. Sie ist sechs Jahre alt. Dann, eines Tages: Ein Fieber. Heftig, unerwartet. Sie zittert, glüht, wimmert nachts im Schlaf. Die Familie holt einen Arzt. Dann noch einen. Man sagt, es sei nur eine Sommergrippe. Vielleicht zu viel Sonne. Vielleicht schlechtes Wasser. In Mexiko-Stadt 1913 ist das alles nicht ungewöhnlich. Sie verbringt viele Tage im Bett. Der Ventilator summt. Die Mutter wischt ihr die Stirn. Sie hört die Stimmen ihrer Schwestern aus dem Garten. Das Fieber geht zurück. Endlich. Aber als sie aufstehen will, ist da etwas anders. Das rechte Bein ist schwach. Bleibt kraftlos. Als hätte jemand im Inneren des Körpers die Verbindung gekappt – der Wille ist da, aber nichts bewegt sich. Sie sagt nichts. Sie weint nicht. Auch nicht, als das Bein dünner bleibt als das andere. Auch nicht, als sie wieder zur Schule geht und viel langsamer ist als die anderen. Auch nicht, als die Nachbarskinder sie auslachen und „la pata flaca“ rufen: das dürre Bein. Aber sie zieht fortan lange Röcke an. Lernt, schneller zu denken als zu laufen. Sie liest. Sie widerspricht. Irgendwo tief in ihr, noch ganz ohne Worte, erwächst ein fundmentaler Trotz. Eine Stimme, die sagt: Ich bin mehr als das, was ihr seht. Das Mädchen heißt Frida. Frida Kahlo. Die Krankheit, die sie getroffen hat, nennt sich Poliomyelitis. Kurz: Polio. Oder: Kinderlähmung.",
    "end": 144.0
  },
  {
    "start": 144.0,
    "text": "SPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau",
    "end": 167.0
  },
  {
    "start": 167.0,
    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nHerzlich willkommen zu einer neuen Folge von „Siege der Medizin“. Mein Name ist Andrea Sawatzki und ich freue mich, Euch wieder auf dieser medizinhistorischen Zeitreise mitnehmen zu können. Wie immer begeben wir uns mit etwas Fantasie in die verschiedenen Epochen der Medizingeschichte, bleiben jedoch trotzdem immer auf dem Boden der Tatsachen. Und der ist hart, wie der Fall Frida Kahlo uns zeigt.\nPolio ist eine Krankheit, die den menschlichen Körper nicht mit einem Schlag zugrunde richtet. Sie schleicht sich ein. Leise. Fast unsichtbar. Ein Virus, das bei den meisten nur die Symptome einer leichten Grippe verursacht. Aber bei wenigen Unglücklichen wandert es tiefer. Ins Nervensystem. Dort zerstört es die sogenannten Motoneuronen, die grauen Nervenzellen. Daher übrigens auch der Name: Poliomyelitis, Polios ist griechisch für grau und Myelitis meint eine Entzündung des Rückenmarks. Also wörtlich: „Grau-Mark-Entzündung“.\nFunktionieren die Nervenzellen, die für die Bewegung der Muskeln zuständig sind, nicht mehr, kommen die Befehle aus dem Gehirn, die Gliedmaßen zu bewegen, nicht mehr an, sie sind gelähmt. Manchmal sind die Lähmungen dauerhaft, manchmal bilden sie sich teilweise zurück. Manchmal betrifft es ein Bein. Manchmal beide. Manchmal die Atmung. Dann kann Polio tödlich sein. \nFrida Kahlo ist ein Beispiel. Aber sie ist mehr als das. Sie ist Symbol. Polio trifft sie mit sechs. Prägt sie körperlich, seelisch. Ein Verkehrsunfall mit einer Straßenbahn zerstört Jahre später ihren Körper ein zweites Mal. Doch aus der Summe ihrer Schmerzen entsteht etwas, das mehr ist als Überleben. Es entsteht Kunst. Radikal und intensiv. Das Motiv: meist ihr eigener Körper. \"Ich male mich selbst,\" wird sie später sagen, \"weil ich so oft allein bin, weil ich das Motiv bin, das ich am besten kenne.\" In ihren Bildern liegen Krankheit und Verletzung tief unter der Haut. In gekreuzten Krücken, offenen Wirbelsäulen, in Tränen aus Glas. Die Folgen ihrer Polio-Erkrankung begleiten die Künstlerin ihr Leben lang und auch die langfristigen Auswirkungen ihres Verkehrsunfalls prägen Frida Kahlos Bilder. Beides steckt in jedem ihrer Pinselstriche.\nAls Frida sich im Jahr 1913 in Mexiko mit Polio ansteckt, ist die Krankheit nicht neu – bei weitem nicht. Bereits in der Antike hat es wohl Fälle von Kinderlähmung gegeben. Ein etwa 3400 Jahre alter Grabstein aus dem alten Ägypten scheint bereits einen Leidensgenossen Fridas zu zeigen, der gestützt auf eine Krücke an einem Altar den Göttern opfert – sein rechtes Bein offenbar deformiert und kraftlos. Auch bei anderen historischen Personen wird eine Polioerkrankung zumindest vermutet – der römische Kaiser Claudius könnte sie im ersten Jahrhundert nach Christus genauso gehabt haben wie der schottische Schriftsteller Sir Walter Scott im 18. Jh. -  ohne dass man schon ahnte, womit man es eigentlich zu tun hatte. Doch die Krankheit ist damals so selten, dass sie noch nicht mal einen Namen hat. \nDas ändert sich erst Ende des 19. Jahrhunderts, als sich die Fälle in Europa und Nordamerika plötzlich immer mehr häufen: Mal ist ein französisches Küstenörtchen betroffen, eine englische Kleinstadt, dann kleine Orte in den USA und Schweden. Immer trifft es junge Kinder, immer stecken sie sich in der Sommerzeit an, immer ist die Zahl auf ein bis mehrere dutzend Fälle beschränkt. \nDoch die Wissenschaft wird aufmerksam, zumal bei einigen Kindern dauerhafte Schädigungen bleiben. Man gibt dem Leiden zunächst verschiedene Namen wie „Spinale Kinderlähmung“ oder „infantile Paralyse“. 1874 schlägt ein Freiburger Internist mit dem wunderschönen Namen Adolf Kussmaul in Hinblick auf die Entstehung der Krankheit in der grauen Substanz des Rückenmarks den Namen Poliomyelitis vor. Und da er - Dichter im Nebenberuf  - schon den Begriff „Biedermeier“ für seine Epoche erfunden hatte, dachte man sich vermutlich, ja, warum nicht, der Mann hat Geschmack bei Namen. Scherz beiseite, tatsächlich orientieren sich viele an dem Vorschlag des vielseitigen und einflussreichen Mediziners, sodass sich der Name in der Wissenschaft nach und nach durchsetzt. Was als kleinere Einzelfälle begonnen hat, wird zunehmend größer, gefährlicher. 1894 ereignet sich erstmals ein größerer Ausbruch in den USA - mit 123 erkrankten Kindern. In Westeuropa und Nordamerika kommt es im Schnitt nun alle 5 bis 6 Jahre zu regionalen Epidemien. Die Epidemiewellen ermöglichen aber auch, die Krankheit, endlich näher wissenschaftlich zu erforschen. \nAls in einem kleinen Ort in Schweden 1905 schon über tausend Fälle auftreten, gelingt es dem schwedischen Mediziner Ivar Wickman zu beweisen, dass die Krankheit  durch direkten Körperkontakt übertragen wird -  eine Idee, die in Fachkreisen damals noch höchst umstritten ist. Und er selbst beobachtet vor Ort, dass sich die Ansteckung entlang von Eisenbahnverbindungen und Straßen verbreitet und dass eine lokale Schule eine Art „Hotspot“ für die Weiterverbreitung bildet. Zudem hat er den Verdacht, dass der Erreger auch durch Kinder, die keine oder nur leichtere Symptome wie Erkältungen zeigen, an andere Kinder weitergeben werden kann – und nicht nur durch die, bei denen die Kinderlähmung offen ausbricht. Drei Jahre später, 1908 werden seine Forschungen durch die beiden Wiener Mediziner Karl Landsteiner und Erwin Popper bestätigt. Ihnen gelingt es im Tierversuch die Ansteckung durch Polio zu beweisen und das Virus selbst zu isolieren. \nWas ist das für ein Virus? Fragen wir doch Dr. Jakob Maske, den Bundessprecher für den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. und zugleich niedergelassener Kinderarzt in Berlin.",
    "end": 570.0
  },
  {
    "start": 570.0,
    "text": "DR. JAKOB MASKE: Also der Poliovirus ist ein sogenannter Enderovirus, ein RNA-Virus ohne Hülle und es gibt drei verschiedene Wildtypen und diese Typen unterscheiden sich im Prinzip in ihrer Oberfläche und sind nicht 100% gleich. Das heißt, das Immunsystem reagiert eben auch unterschiedlich auf die einzelnen Typen.",
    "end": 590.0
  },
  {
    "start": 590.0,
    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nDie Entdeckung, dass es drei Typen gibt, gelingt 1931 der australischen Forscherin Jean Macnamara gemeinsam mit ihrem Kollegen Frank Macfarlane Burnet.",
    "end": 601.0
  },
  {
    "start": 601.0,
    "text": "DR. JAKOB MASKE: Die Polio-Viren werden fäkal-oral übertragen. Das heißt also über Stuhlgang, über verunreinigte Nahrung zum Beispiel, aber eben auch durch zum Beispiel Speichel etc., aber meistens eher durch Fäkalien, die irgendwo herankommen und dann eben in den Mund gesteckt werden und gegessen werden zum Beispiel. Also eher durch verunreinigte Nahrung, durch schlechtes Wasser etc.Dieser Virus vermehrt sich zunächst und macht dann die typischen Krankheitssymptome, wobei man auch ganz klar sagen muss, dass eigentlich so 99 Prozent der Virus-Infizierten gar keine Symptome entwickeln oder nur leichte Symptome entwickeln. Und schwere Verläufe selten sind, aber eben leider auftauchen. Und der Virus löst eben auch bei Gesunden eine Immunreaktion aus, die auch wieder aus verschiedenen Botenstoffen besteht und eben auch eine Antikörperreaktion. Wenn die Immunabwehr nicht stark genug ist aus welchen Gründen auch immer, kommt es eben dann zur Erkrankung.",
    "end": 664.0
  },
  {
    "start": 664.0,
    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nDoch mit der Identifizierung des Erregers allein ist die Gefahr noch nicht gebannt. Im Gegenteil. Das Virus scheint jetzt erst richtig in Fahrt zu kommen. \nNew York 1916. Es ist ein heißer Sommer. Die Menschen drängen sich in den Straßen, die Stadt ist laut und lebendig – und doch liegt eine unheimliche Stille über manchen Vierteln. Denn immer mehr Kinder beginnen zu erkranken. Erst mit Fieber, dann mit Schmerzen in Armen und Beinen – und schließlich mit Lähmungen. Manche können plötzlich nicht mehr laufen. Andere hören auf zu atmen. Sterben einfach. Das Virus breitet sich rasend schnell aus, vor allem in armen und dicht besiedelten Stadtteilen. Die Behörden wissen zunächst nicht, womit sie es zu tun haben. Sie schließen Spielplätze, Schwimmbäder und ganze Stadtteile. Zufahrtsstraßen werden kontrolliert. Kinder dürfen nicht mehr draußen spielen, müssen Gesundheitszeugnisse bei sich tragen, wenn sie unterwegs sind. Viele Menschen fliehen aus der Stadt – in der Hoffnung, dem unsichtbaren Feind zu entkommen. Doch er greift um sich, verbreitet sich auch außerhalb der Metropole, womöglich auch von den Fliehenden weitergeschleppt. Schließlich die Diagnose: Es ist Polio. Die Menschen wissen nicht, was sie tun können. Sie warten ab. Am Ende dieses Sommers sind über 6000 Kinder tot, 2.000 allein in New York City. Tausende weitere bleiben dauerhaft gelähmt.\nUnd das ist nur der Anfang. In den folgenden Jahrzehnten kehrt Polio immer wieder zurück – wie ein Dämon, den niemand bannen kann. Besonders schlimm wird es in den 1940er- und 50er-Jahren. Jedes Jahr bringt neue Wellen. In den USA, in Europa, auch in Deutschland. Die Sommer werden zur Zeit der Angst. Eltern fürchten nichts mehr, als dass ihr Kind eines Morgens nicht mehr aufstehen kann, oder noch schlimmer: Bei vollem Bewusstsein nach und nach erstickt, weil die Muskulatur den Brustkorb nicht mehr heben kann, die Lunge sich nicht mehr mit Atemluft füllen kann. Polio ist tückisch. Es kommt oft ohne Vorwarnung. Und vor allem trifft es die Schwächsten: die Kinder. Keine Therapie hilft, keine Medikamente. Die einzige Hoffnung bleibt, dem Virus irgendwie zuvorzukommen. Oder zumindest die Symptome zu lindern.\n1928 wird an der Harvard-Universität ein Gerät vorgestellt, das die Welt verändern soll: die erste funktionstüchtige „Eiserne Lunge“. Ein Apparat, wie aus einem schlechten Science-Fiction-Film, doch in der Mitte des 20. Jahrhunderts für viele Menschen das letzte Mittel gegen den Tod. Ein monströses Gerät aus Metall, in dem man bis zum Kopf drinnen liegt, das zischt und pumpt – und das für Tausende zur Rettung wird.  Der Erfinder ist der amerikanische Arzt Philip Drinker, unterstützt von seinem Kollegen Louis Agassiz Shaw.",
    "end": 861.0
  },
  {
    "start": 861.0,
    "text": "DR. JAKOB MASKE: Also man kann ganz einfach sagen, dass die eiserne Lunge mit einem Unterdruck und Überdruck atmet. Und durch diesen Unterdruck und Überdruck wird eben die Luft in die Lunge reingedrückt und auch wieder herausgezogen, sodass quasi so ein Atemvorgang eben künstlich erzeugt wird. Die eiserne Lunge, die schließt quasi luftdicht am Hals ab und der ganze Körper ist quasi in der eisernen Lunge. Nur der Kopf guckt raus. Durch dieses luftdichte Abschließen und die Druckänderung wurde halt die Atmung quasi imitiert.  Und manche haben den ganzen Tag zum Beispiel in so einer eisernen Lunge gelegen und manche mussten das nur in der Nacht tun, also weil sie tagsüber eben aktiv ihre Atemmuskulatur anstrengen konnten und benutzen konnten, aber in der Nacht eben das nicht mehr aktiv betreiben konnten im Schlaf - und dann eben diese eiserne Lunge mussten.",
    "end": 914.0
  },
  {
    "start": 914.0,
    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nDenn tatsächlich läuft auch die gesunde Atmung des Körpers über Druckveränderungen ganz vereinfacht gesagt… kommt euch vielleicht aus unserer Folge über den berühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch in Staffel 3 bekannt vor. Da ging es unter anderem um seine Operationsmethoden am offenen Brustkorb – in einer Unterdruckkammer. Wenn ihr die Folge noch nicht kennt, hört unbedingt rein! Aber zurück zur Eisernen Lunge. Die wird schon bald zum Symbol der Polio-Medizin. In den 1930er- und 40er-Jahren wird sie weiterentwickelt, vergrößert, verbessert. Und mit jeder neuen Polio-Welle steigt der Bedarf. In manchen Kinderkliniken stehen Dutzende dieser stählernen Kästen in langen Reihen. Man hört das rhythmische Zischen der Kolben, das Klacken der Ventile – Tag und Nacht. Die Maschinen sind teuer, schwer und benötigen ständige Überwachung. Viele Patientinnen und Patienten verbringen Wochen, Monate, manchmal ihr ganzes Leben in diesen Geräten. Und doch sind sie ein Wunderwerk – denn sie geben den Betroffenen Zeit. Zeit zur Erholung, Zeit zum Überleben, in der Hoffnung, dass sich die Atemmuskulatur wieder erholt. Manche werden sie jedoch nie wieder verlassen. Der Sommer 1948 liegt warm und golden über Lattimore, North Carolina.Der Staub tanzt in der flirrenden Luft, wenn die Kinder auf ihren klappernden Fahrrädern die Landstraße hinunterrasen, auf dem Weg zum Gemischtwarenladen, wo es kalte Cola in Glasflaschen gibt und endlose Nachmittage, die keiner Uhr folgen. Zikaden singen in den Baumwipfeln, und der Duft von trockener, sonnenwarmer Erde mischt sich mit der Süße reifer Pfirsiche. Die Zeit scheint stillzustehen.\nMartha Mason ist elf Jahre alt. Sie ist lebendig, klug, witzig, wissbegierig – ein Mädchen, das schneller Fragen stellt, als andere überhaupt antworten können. Ihr großer Bruder Gaston liest ihr unter dem Apfelbaum vorm Haus Geschichten vor, obwohl sie längst selbst schneller liest als er. Es ist ein einfaches Leben, sorglos und geborgen.  Doch es wird sich sehr bald von Grund auf ändern.\nDie Krankheit kommt leise, heimlich wie ein Dieb, der sich nachts is Haus stiehlt.Zuerst trifft es Gaston. Er bekommt Fieber, hohes Fieber. Tagelang liegt er da, die Haut heiß, die Augen glasig. Dann versagen seine Beine. Dann seine Lunge. Und schließlich – hört er auf zu atmen. Die Familie verfällt in Trauer. Martha, die kleine Schwester, kommt nicht zur Beerdigung. Sie kann nicht. Sie liegt selbst längst im Krankenhaus, ihr Körper durch das Virus geschwächt, die Glieder schwer wie Blei. Ihre Beine gehorchen nicht mehr. Ihre Brust hebt sich nur noch flach, stoßweise. Jeder Atemzug wird zum Kampf. Die Diagnose ist grausam: Poliomyelitis. Kinderlähmung. Wie ihr Bruder. Die Ärzte sagen: sie wird es nicht schaffen.Als sie die Augen wieder öffnet, ist die Welt, die sie kannte, verschwunden.An ihrer Stelle: ein Stahlzylinder. Ein rhythmisches Zischen erfüllt den Raum – regelmäßig, fremd, mechanisch. Dank der Maschine gelangt Luft in ihre Lungen, sie hebt und senkt den Brustkorb. Ihr eigener Atem ist verstummt, ersetzt durch Technik. Sie kann sich nicht bewegen. Nicht sprechen. Nur blinzeln. Die Eiserne Lunge umschließt ihren Körper vom Hals abwärts. Es ist Gefängnis und Rettung zugleich – ein stählerner Kokon, der sie am Leben hält. Die Tage sind unterteilt im mechanischen Rhythmus der Maschine. Ein Uhrwerk aus Atemzügen, die nicht die ihren sind. Sie dämmert dahin, Stunden, Tage Monate – alles ist gleich. Ihre Mutter, Euphra, verlässt sie nicht. Setzt sich an ihre Seite. Liest ihr vor, stundenlang, Tag für Tag. Endlose Tage.\n„Du wirst wieder lesen können“, sagt ihre Mutter – und meint es so.Und irgendwann beginnt Martha, die Worte in den Büchern wieder mitzuverfolgen. Erst mit den Augen, später mit dem Verstand. Ein Regal voller Bücher wird neben die Maschine gestellt. Lehrer kommen ins Haus. Freundinnen bleiben, bringen Geschichten, Musik, Stimmen aus der Welt draußen. Martha lernt drinnen, in ihrem eisernen Kokon. Sie macht ihren Schulabschluss – als Beste ihrer Klasse. Und sie will mehr. Die Wake Forest University nimmt sie auf. Jeden Morgen wird sie samt Maschine in einen Kleinbus gehoben, ihre Mutter fährt sie zur Vorlesung. Auf dem Campus blättert ihr ein Helfer die Seiten um, über ihr ein Spiegel, der ihr erlaubt zu lesen, den Vorlesungen zu folgen. Martha verschlingt Shakespeare, Emily Dickinson, Virginia Woolf. Sie diskutiert, argumentiert, schreibt Essays …. und sie besteht. Mit Auszeichnung. \nSie kehrt zurück nach Lattimore. Und ihr Leben dehnt sich weiter aus – wie ein Licht, das sich auch in engen Räumen dennoch entfaltet. Sie hört Musik, empfängt Gäste, feiert Partys und Weihnachten mit Freunden. Sie sammelt Menschen, sagt sie. Sie ist unter den Ersten, die sich ein Modem installieren lassen. Ein Sprachcomputer hilft ihr beim Schreiben. Sie versendet E-Mails, diskutiert mit Menschen auf der ganzen Welt, verfolgt Nachrichten, Bücher, Debatten. Aus einer engen Röhre aus Metall heraus spannt sie ein Netz aus Gedanken über den Globus. Und schließlich beginnt sie zu schreiben – über das Leben, das Atmen, das Warten. Aber auch über das Glück, lesen zu können. Denken zu dürfen. Da zu sein. Ihr Buch trägt den Titel: „Breath“. Es ist kein Klagelied. Es ist ein Zeugnis ihrer Würde. Ein Beweis dafür, dass auch in einem unbewegten Körper ein ganzer Kosmos lebendig bleiben kann.61 Jahre lebt Martha Mason in der Eisernen Lunge. Die Maschine atmet zwar für sie. Aber sie ist es, die denkt. Die fühlt. Die spricht. Und wer sie kennengelernt hat, erinnert sich nicht an die klobige Maschine. Sondern an sie und an ihre Schärfe, ihre Neugier und ihren Witz. Im Jahr 2009, mit 71 Jahren, stirbt Martha Mason. Der eiserne Rhythmus der Maschine steht still. Für immer. Doch der Takt von Martha Masons Gedanken schlägt weiter, in den Herzen derer, die sie kannten und derer, die sie noch durch ihre eigenen Zeilen kennen lernen werden.  \nSo wie Martha Mason sind seit den 1930er Jahren zehntausende weltweit von der eisernen Lunge abhängig. Den traurigen Rekord hält der US-Amerikaner Paul Alexander der über 70 Jahre lang durch den Apparat beatmet wurde und erst 2024 verstirbt. Solche Fälle sind aber die absolute Ausnahme. Seit den 1970er Jahren werden die eisernen Lungen nicht mehr hergestellt und die vorhandenen Geräte nach und nach eingemottet, denn es stehen mittlerweile effizientere und auch weniger sperrige Beatmungsmethoden zur Verfügung.  \nSo wurden etwa in der Folge seit den 1940ern auch tragbare Geräte wie die sogenannten Cuirass- oder Panzerbeatmung entwickelt. Dabei handelt es sich um eine kleinere Version der eisernen Lunge, die wie ein Brustpanzer – daher der Name - am Oberkörper getragen wird und ebenfalls nach dem Prinzip des Unterdrucks arbeitet.  Sie ist zwar deutlich mobiler, aber weniger leistungsfähig, weshalb sie die großen Geräte langfristig nicht vollständig ersetzen kann.\nZu den Alternativen gehört vor allem die sogenannte positive Druckbeatmung, die seit den 1950er Jahren über eine künstliche Atemöffnung in der Luftröhre, eingesetzt wird: Statt den Brustkorb durch Unterdruck auf und abzubewegen, wie es bei der eisernen Lunge geschieht, wird hierbei Luft direkt in die Lunge gepumpt. Die Methode kann sich durchsetzen, weil sie sowohl in der Intensivmedizin als auch in der häuslichen Pflege einfacher zu handhaben ist. Und ich vermute, die Geräte machen sich in der Wohnzimmereinrichtung etwas weniger breit als die riesigen Eisenröhren. \nWeitaus bequemer sind jedoch die seit den 1960er Jahren entwickelten nicht-invasiven Masken- und Nasenbeatmungen. Diese erlauben es, Betroffene ohne operativen Eingriff über längere Zeiträume zu unterstützen. Gerade für solche Patientinnen und Patienten mit Post-Polio-Erkrankungen, die im Alltag auf Atemhilfe angewiesen sind, bedeutet dies eine erhebliche Steigerung der Lebensqualität.\nEine gänzliche neue Entwicklung ist der der Zwerchfellschrittmacher, der ähnlich wie ein Herzschrittmacher die jeweils zu schwache Muskultur bei ihrer Arbeit unterstützt, insbesondere bei der Entwöhnung von anderen Beatmungssystemen. Aber auch hier ist wieder ein kleiner invasiver Eingriff notwendig. Dank des medizinischen Fortschritts durch immer weiter verbesserte Systeme werden die alten Apparate also nach und nach überflüssig. Doch weil viele dieser neuen Methoden invasiv sind, also in den Körper eingebracht werden müssen, gibt es noch bis heute eine Handvoll Patientinnen und Patienten, die weiterhin aus persönlichen Gründen in der Eisernen Lunge verblieben sind. Oder weil sie aufgrund körperlicher Besonderheiten oder individueller medizinischer Risiken nicht auf andere Systeme wechseln konnten. Außerdem ist das Sprechen und die Nahrungsaufnahme in der Eisernen Lunge für manche Betroffene leichter. Die allermeisten, die aufgrund einer Polio-Erkrankung künstliche Beatmung benötigen, sind allerdings schon vor Jahrzehnten auf die anderen Systeme umgestiegen. \nDoch wieder zurück in die Mitte des 20. Jahrhunderts: Mit der Erfindung der Eisernen Lunge und später der weiteren Methoden künstlicher Beatmung, hatte sich zwar die Zahl der Polio-Todesfälle drastisch reduzieren lassen, aber die Krankheit selbst bleibt unbesiegt. Noch jedenfalls, denn es wird weiter fieberhaft an einem Heilmittel geforscht:\nWinter 1952. Der Geruch von Alkohol und Desinfektionsmitteln hängt schwer in der Luft. In einem niedrigen Laborraum auf dem Gelände der University of Pittsburgh flimmert das Licht schwach über die abgewetzten Fliesen. Die Fenster sind beschlagen. Draußen fällt Schnee. Drinnen herrscht Stille – eine angespannte, konzentrierte Stille. Die Art von Stille, die sich einstellt, wenn alle wissen, dass sie Geschichte schreiben könnten.\nJonas Salk steht am Labortisch. Schlank, schmal, in einem labberigen weißen Kittel, die Ärmel aufgerollt. Seine dunklen Augen sind eingefallen, die Brille sitzt schief auf der Nase. Er wirkt erschöpft – und ist gleichzeitig vollkommen wach. Vor ihm liegen Reagenzgläser in Reih und Glied. In einem schimmert eine milchige Flüssigkeit. Ihr Inhalt vor kurzem noch leid- und todbringend, jetzt aber selbst abgetötet. Inaktiviertes Poliovirus. Genauso, wie er es haben will. Genauso, wie er es der Welt geben will. „Das ist es“, murmelt er. Niemand antwortet. Er spricht eigentlich zu sich selbst. Sein Assistent, ein junger Mann mit hektischen Bewegungen und verschmierten Brillengläsern, tritt neben ihn. Er hält einen Stapel aus Schreiben in der Hand. Von Fachkollegen, von Instituten, von der Regierung.  „Die Kritik aus New York reißt nicht ab“, sagt er vorsichtig. „Sie halten die Methode für zu riskant. Totimpfstoff ist zu instabil. Nicht zuverlässig, sagen sie.“ Salk schaut nicht auf. Er lässt die Flüssigkeit unter dem Lichtkreuz seines Mikroskops tanzen, bevor er leise antwortet: „Was die nicht verstehen: Ich will keinen abgeschwächten Feind. Ich will einen toten.“ Er dreht sich jetzt um. Seine Stimme ist ruhig, beinahe sanft. „Was tot ist, ist berechenbar. Was tot ist, kann nicht mutieren.“\nDie Epidemie im vergangenen Sommer hat auch Salk selbst verändert. Fast 60.000 Fälle. Allein in den USA. Und es trifft nicht nur die Armen. Es trifft alle Schichten . Saubere Häuser, gepflegte Vorgärten, gute Hygiene – all das, was als Schutz galt, hat sich zur Falle entwickelt. Weil keins dieser Kinder mehr mit dem Virus in Kontakt kommt, fehlt der natürliche Schutz. Und wenn es dann doch zuschlägt, schlägt es hart zu. Fast jeder kennt jemanden, dessen Kinder betroffen sind. Auch er. Jeder Fall ist tragisch, zerreißt die Familien.  Salk hat keine Geduld mehr. Keine Zeit für Theorien, keine Zeit für die Befindlichkeiten der Fachkollegen. Es ist Zeit für die Erprobung in der Praxis.  Zumal auch andere an einem Impfstoff arbeiten. Albert Sabin an der Universität in Cincinatti. Der Freelancer Hilary Koprowski. Beide arbeiteten unabhängig voneinander an einem alternativen Vakzin. Aber mit lebenden, nur abgeschwächten Viren. Das hält Jonas Salk für zu gefährlich.  Ein Irrweg.  Die Zeit drängt, Salk muss beweisen, dass er richtig liegt. Zuerst testet er seinen Impfstoff an Zellkulturen. \nEs folgen Tests an Affen. Dann an Freiwilligen im Labor. Dann an sich selbst. Schließlich sogar an seiner Frau und seinen drei eigenen Söhnen. „Wenn ich mir selbst vertraue“, sagt er, „dann muss ich auch den Mut haben, es zu zeigen.“\nDie Studie beginnt zwei Jahre später. Sie ist gigantisch. Der größte medizinische Feldversuch in der bisherigen Geschichte der USA. Mehr als eine Millionen Schulkinder in den Vereinigten Staaten nehmen teil, freiwillig. Sie werden zu Symbolfiguren – zu „Polio Pioneers“. In kleinen Gemeinden, in Großstädten, überall stehen Freiwillige Schlange, die Teilnahme an der Studie ist eine Ehre, ein Privileg. Für das Forscherteam hingegen grenzt es  an einen logistischen Alptraum: Blutproben, Impfpläne, Verblindung der Studiengruppen. Das heißt: Manche Kinder bekommen das Serum. Andere nur ein Placebo. Niemand weiß, wer was erhält – nur die Statistik wird am Ende entscheiden, ob das Mittel wirklich wirkt. \nEs gibt Komplikationen. In Schenectady, New York reinigen Krankenschwestern die Spritzen nicht richtig, so dass teilweise Impfstoff und Placebos gleichzeitig injiziert werden. In Davenport, Iowa, werden die Impfdokumentationen gestohlen, in Guilford County, North Carolina, zweigt sich das medizinische Personal Impfdosen für die eigenen Familien ab. \nJeder Krankheitsfall in den Testgruppen wird argwöhnisch von der Presse begutachtet. Bei so vielen Probanden gibt es auch Todesfälle. Salks Team geht jedem einzelnen nach, bei den meisten stellen sich als Ursache Unfälle oder andere Krankheiten heraus, sie stehen nicht im Zusammenhang mit dem Impfstoff. Salk und seine Mitarbeiter wissen jedoch, dass zu viele Todesfälle das Aus für die Impfung bedeuten könnten.  Die Impfung der Testpersonen in drei Dosen ist im Frühjahr abgeschlossen. Jetzt heißt es, auf den nächsten Sommer mit seinen Poliowellen zu warten. Und zu hoffen. Ein Jahr darauf. Ann Arbor, Michigan, der 12. April 1955.  Jonas Salk sitzt ruhig im Konferenzraum, die Hände ineinander verschränkt. Das Gebäude ist voller Journalisten, Ärzte, Wissenschaftler. Draußen, in der Stadt, haben sich die Bürgerinnen und Bürger zu Hunderten vor den Radios und, wo schon vorhanden, den TV-Geräten versammelt. Sie warten auf eine Nachricht. Auf einen Hoffnungsschimmer. Ein Sprecher des Forschungsteams tritt ans Mikrofon. Dr. Francis, ein Mann mit dunklem Anzug, er verliest die Ergebnisse. Währenddessen verteilen Hilfskräfte Stapel mit den schriftlichen Ergebnissen an die Pressevertreter, sie kommen kaum hinterher, die Papiere werden Ihnen aus den Händen gerissen. Schließlich kommt der Sprecher zu einem Abschluss: Er spricht im  nüchternen Tonfall, aber die Worte sind elektrisierend:  \"Safe, effective, and potent.\" Der Impfstoff ist sicher. Er ist wirksam. Er ist der Durchbruch.\nDer Jubel im Saal ist fast ansteckender als das Virus. Reporter telefonieren hektisch mit ihren Redaktionen, mit ihren Radiostationen. Draußen ertönen spontane Hupkonzerte. Menschen fallen sich in die Arme. In New York läuten Glocken. In San Francisco tanzen Schulkinder auf den Schulhöfen. In Chicago feiern Eltern in den Straßen. Auf den Fernsehkanälen, in Radios und Zeitungen wird ein Satz verkündet, den das Land so dringend hören will: It works. Es funktioniert.\nSalk wird augenblicklich zu einem Volkshelden, wird von Reportern belagert. Ein Journalist ruft: „Dr. Salk, werden Sie ein Patent auf den Impfstoff anmelden? Es ist Millionen wert!“ Salk blinzelt. Er lächelt müde. Dann antwortet er mit leiser Stimme:„Kann man die Sonne patentieren?“ Er meint es ernst. Der Impfstoff gehört der Menschheit. Nicht ihm. Nicht dem Staat. Nicht einem Konzern. Millionen sollen davon profitieren. Und Millionen werden es. Neun Millionen Impfdosen werden umgehend produziert und verteilt. Innerhalb weniger Jahre sinken die Polio-Fälle rapide. In manchen Regionen verschwindet die Krankheit fast vollständig.\nJonas Salk wird berühmt. Lässt sich feiern. Aber viele Fachkollegen sehen das mit Argwohn, nehmen ihm übel, dass er sich nicht an wissenschaftliche Gepflogenheiten hält, Ergebnisse oft zuerst in der Presse statt in Fachmagazinen veröffentlicht. Vielleicht folgt auch deshalb kein Nobelpreis für ihn. Keine prunkvolle Stiftung, die seinen Namen trägt. Keine akademischen Weihen.\nAber jemand anderes erhält einen Nobelpreis: dem amerikanischen Virologen John Enders gelingt es gemeinsam mit zwei Kollegen einige Jahre zuvor wichtige Grundlagenarbeit im Bereich der Polioforschung zu leisten und damit den Weg für einen Impfstoff zu ebnen. 1954 werden die drei Forscher mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. Wir werden uns das in einer der kommenden Folgen noch genauer anschauen, und zwar in unserer Folge zu Masern, denn auch bei dieser Krankheit spielt seine Forschung eine wichtige Rolle. \nZurück zum großen Polio-Feldversuch. Der – sowie die anschließende, landesweite Impfkampagne – wird übrigens durch Mittel aus dem sogenannten „March of Dimes“ finanziert. Dieser – wörtlich übersetzt: „Marsch der 10-Cent-Münzen“ – ist weit mehr als eine einfache Spendenaktion. Er wird zu einem gesellschaftlichen Experiment – und zu einem Durchbruch in der Geschichte öffentlicher Gesundheit in den USA.\nWir springen nochmal ein paar Jahrzehnte zurück: Ins Leben gerufen wird der March of Dimes im Jahr 1938 von Präsident Franklin D. Roosevelt. Eigentlich soll die Kampagne nur Spenden zur Unterstützung von Polio-Patientinnen und Patienten und zur Förderung medizinischer Forschung sammeln. Doch was folgt, ist eine Mobilisierung, wie sie das Land bis dahin nicht erlebt hat. Roosevelt, selbst seit 1921 durch Polio gelähmt und im Rollstuhl, wird zum bekanntesten Gesicht der Aktion. Öffentlich spricht er nur selten über seine Behinderung. Doch im Rahmen des March of Dimes wird seine persönliche Geschichte zu einem Symbol für Millionen – der Präsident als Patient. Das ist neu. Und es ist machtvoll.\nDen entscheidenden Impuls liefert allerdings jemand anders: der Radiomoderator und Entertainer Eddie Cantor. Er schlägt vor, nicht Großspender, sondern die breite Bevölkerung um kleine Beiträge zu bitten – zehn Cent, ein Dime. Der Name „March of Dimes“ spielt auf die populäre Filmreihe „The March of Time“ an – und wird schnell zur landesweiten Parole.Die Reaktion ist überwältigend. Innerhalb weniger Wochen treffen über zwei Millionen Briefe im Weißen Haus ein – viele davon von Kindern, mit nur einer Münze darin. Allein 1938 kommen so mehr als 268.000 Dollar zusammen –inflationsbereinigt entspricht das heute rund fünf Millionen US-Dollar. Und das ist erst der Anfang. Der March of Dimes entwickelt sich zur dauerhaften Institution. Er setzt auf moderne Öffentlichkeitsarbeit: auf Schulprogramme, auf Prominente, auf persönliche Geschichten und gezielte emotionale Ansprache. Die Kampagne erreicht nahezu alle gesellschaftlichen Gruppen – unabhängig von Herkunft, Einkommen oder Parteizugehörigkeit.\nWissenschaftlich hat das enorme Auswirkungen. Der March of Dimes wird zum wichtigsten Förderer der Polio-Forschung. Er finanziert Labore, Personal, Tierversuche, Impfstoffproduktion – und schafft die gesamte Infrastruktur, die Jonas Salk für seine Arbeit benötigt. Die massenhafte Testung seines Impfstoffs im Jahr 1954 – mit über einer Million Schulkindern – ist ohne diese Unterstützung nicht denkbar. Wohl nicht ganz zufällig findet die Präsentation der Ergebnisse von Salks breit angelegtem Impfversuch am 12. April 1955 statt, dem zehnten Todestag Franklin Roosevelts.\nDer March of Dimes kehrt das Prinzip medizinischer Philanthropie um. Nicht die Reichen spenden für die Armen. Sondern alle für alle. Gesundheit wird zur gemeinsamen Aufgabe – und zum moralischen Auftrag. Bis heute existiert die Initiative, die sich aber inzwischen ein neues Ziel gesucht hat: Die Bekämpfung von Säuglingssterblichkeit und Fehlbildungen. Und bis heute gilt der March of Dimes auch als Geburtsstunde moderner Gesundheitskommunikation – und als Beweis dafür, dass gesellschaftliche Solidarität ausreichen kann, um eine Krankheit in die Knie zu zwingen. Würde nicht schaden, sich auch heute noch daran immer mal wieder zu erinnern, sowohl in den USA als auch anderswo. \nWieder ein Forschungslabor, wieder Anfang der 50er Jahre,  wieder riecht es nach Desinfektionsmittel, nach feuchtem Putz, aber auch nach etwas anderem – Ehrgeiz vielleicht. Albert Sabin, Salks erbitterter Konkurrent im Ringen um einen Impfstoff steht am Experimentiertisch in der University of Cincinnati und starrt auf eine Petrischale, als könne er den Virus mit Blicken in die Knie zwingen. Die Flüssigkeit darin ist klar und unscheinbar. Aber er weiß, was sie enthält: das Poliovirus. Und es lebt noch. Sabin ist nicht groß. Aber er wirkt größer, als er ist. Die scharfen Gesichtszüge, der feste Mund, der Blick, der sich nur selten von seinem Gegenüber löst – all das verleiht ihm eine Präsenz, die auffällt. Er ist kein Charmeur. Kein Diplomat. Aber er ist brillant. Und er ist überzeugt, dass Salks Ansatz falsch ist. „Totimpfstoffe“, sagt er zu seinem Assistenten, „sind wie tote Löwen. Beeindruckend – aber sie beißen nicht.“ Der Assistent sagt nichts. Er weiß, dass Sabin hierbei keine Widerrede duldet, jedenfalls nicht ohne eine tiefgehende Diskussion. Sabin glaubt nicht an Inaktivierung. Er glaubt an Abschwächung. An das, was die Natur selbst manchmal tut: Ein Virus so lange zu zähmen, bis es ungefährlich, aber noch lebendig ist. Fast so, wie es Sabin mit seinem Rivalen macht. Er bekämpft ihn. Nicht öffentlich, aber er übt Druck aus. \nEr glaubt an den oralen Impfstoff. Einen Tropfen auf die Zunge – keine Spritze. Einfach. Billig. Und effektiv. Er weiß, was auf dem Spiel steht. Er hat die Kinder gesehen, wie Salk auch. Aber anders als Salk hat Sabin nicht vor, die Verantwortung abzugeben. Er will nicht, dass der Staat entscheidet, wann und wie sein Impfstoff eingesetzt wird. Er will ihn in die Welt bringen – so, wie er ihn für richtig hält.Über 100 verschiedene Virusstämme testet er. Immer wieder. Mäuse. Affen. Zellkulturen. Hitze. Kälte. Mutation. Rückmutation. Es ist, als würde er einen Wolf zähmen, der noch bei jeder Gelegenheit zurückbeißt. 1957 ist er bereit. Aber in den USA will niemand seinen Impfstoff sofort testen – zu groß ist der Schatten Salks, zu dominant der politische Konsens. Sabin weicht aus. Nach Mexiko. Nach Holland. Und schließlich: In die Sowjetunion. Ausgerechnet. \nDer Kalte Krieg tobt bereits: Raketen, Spione und Propaganda okkupieren die Aufmerksamkeit der Großmächte USA und der Sowjetunion. Doch ausgerechnet Sabins Polioimpfstoff wird zu einem der ersten Brücken zwischen den Systemen. 1959 starten die Sowjets unter Leitung des Mediziners Anastas Mikojan und des Virologen Mikhail Chumakov eine Massenkampagne: Zehn Millionen Kinder erhalten Sabins oralen Impfstoff. Er wirkt. Die Lähmungen gehen zurück. Schnell. Drastisch.Sabin kehrt zurück in den Westen – nicht als Held, nicht mit Fanfaren, nicht wie Salk. Sondern mit handfesten Ergebnissen, wissenschaftlich publiziert, nicht über die Boulevardblätter. Als Wissenschaftler hat Sabin seinen Konkurrenten übertroffen.Doch Salks Ruhm ist ein harter Gegner. Sabin intrigiert im Hintergrund, macht Salks Impfstoff schlecht. Zugute kommt ihm ein Medizinskandal im Zusammenhang mit den Cutter-Laboren 1955: Von dort stammende Impfstoffe mit nicht korrekt deaktiviertem Poliovirus führen in den USA zu Dutzenden Poliomyelitis-Fällen, mehrere Menschen sterben. Das Mittel muss zunächst zurückgezogen werden und sät Zweifel an der Sicherheit des Vakzins mit Totimpfstoff. \nIn den frühen 1960er-Jahren übernimmt Sabins Impfstoff dann schließlich auch in den USA die Führung, andere Länder, so auch Deutschland, folgen. Sabins Schluckimpfung ist einfacher zu verabreichen als Salks Spritze Ein Tropfen auf einem Würfelzucker genügt. In Schulen, in Turnhallen, bei Gemeindefesten kann es verabreicht werden. Und vor allem: es schützt auch davor, das Virus weiterzugeben.\nDoch die Rivalität der beiden Forscher bleibt. Sabin verachtet Salks Popularität. Salk hingegen verabscheut Sabins Härte, seinen scheinbaren Mangel an Mitgefühl. Die beiden Männer sprechen kaum miteinander. Doch ihre Arbeit, ihre Leben, sind untrennbar miteinander verknüpft. Zwei Wege. Zwei Visionen. Ein gemeinsames Ziel: Polio zu besiegen. Das ist ihnen gelungen. Übrigens setzt sich bis heute der Streit fort, welche Art der Impfung nun die bessere war bzw. ist. Unser Experte Dr. Maske tendiert zum Beispiel wieder eher zum Totimpfstoff.",
    "end": 2670.0
  },
  {
    "start": 2670.0,
    "text": "DR. JAKOB MASKE: Also es gab zunächst ja auch mal erst eine Schluckimpfung, also eine Oralimpfung mit einem lebenden Impfstoff. Und wir impfen seit einigen Jahren schon nur noch mit einem Totimpfstoff in Deutschland, der gespritzt werden muss. Der Oral-Impfstoff, wie der Name schon sagt, wird als Saft genommen. Das war immer so auf so einem Zuckerstückchen. Also Impfung ist süß. Und Polio ist überhaupt nicht süß. Also das war so das die erste Form der Impfung, also eine orale Impfung mit einem Lebendimpfstoff. Und das hatte immer die Gefahr, dass dieser Lebendimpfstoff unter Umständen auch noch, wenn er denn fäkal/oral zum Beispiel übertragen wurde, durch Windel wechseln, durch die Großeltern, auch theoretisch noch zu einer Polio-Erkrankung führen konnte. Deswegen hat man inzwischen einen Totimpfstoff entwickelt, der gespritzt wird, also mit ein wenig Schmerzen verbunden ist, aber in der Regel ja als Kombinationsimpfstoff eben auch keine zusätzlichen Schmerzen macht. Und dieser inaktivierte Polioimpfstoff wirkt genauso gut und führt eben nicht dazu, dass der Virus dann in Stuhl noch auftritt oder nachweisbar ist.",
    "end": 2746.0
  },
  {
    "start": 2746.0,
    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nApropos Deutschland. Da gab es ja mal zwei davon, die BRD und die DDR. Zwei Systeme, und damit auch zwei unterschiedliche Herangehensweisen an die Poliobekämpfung: Frühjahr 1960. In einem Klassenzimmer in Ostberlin sitzt eine Schulschwester mit weißer Haube vor einem Tisch mit kleinen Zuckerwürfeln. Daneben eine braune Glasflasche, eine Pipette. Die Kinder stehen in Zweierreihen. Einer nach dem anderen tritt vor. Die Schwester taucht die Pipette in die Flasche, träufelt einen Tropfen auf den Zucker. Dann: „Augen zu, Mund auf.“ Viele, die im Osten aufgewachsen sind, werden sich noch daran erinnern. \nWas so harmlos klingt, ist ein politischer Akt. Eine medizinische Revolution im staatlichen Interesse. Und dennoch für viele Kinder in der DDR der Moment, in dem sie ihre Dosis Freiheit bekommen – Freiheit vor der Angst, vor der Lähmung, vor der Eisenlunge. In Ost und West wird Polio in den 1950er-Jahren zur gemeinsamen Bedrohung. Doch die Wege, wie die beiden deutschen Staaten darauf reagieren, unterscheiden sich deutlich. In der Bundesrepublik diskutiert man. In Fernsehsendungen. In Fachzeitschriften. Auf Elternabenden. Die Impfung wird empfohlen, aber nicht verordnet. Impfkampagnen verlaufen schleppend. In den Jahren 1961/62 erkranken allein in Westdeutschland über 4.000 Menschen an Polio – Dutzende sterben. Die Impflücken sind groß, vor allem in strukturschwachen Regionen.\nAnders in der DDR: Schon im Herbst 1960 führt das Ministerium für Gesundheitswesen die Schluckimpfung nach Sabins Methode flächendeckend ein – als Pflicht. Der Staat organisiert. Die Volkspolizei hilft bei der Verteilung. Schulen, Kindergärten, Betriebe werden einbezogen. In Städten wie Halle (Saale) werden im Mai 1960 innerhalb von nur drei Tagen über 63.000 Kinder und Jugendliche geimpft – ein eindrucksvolles Beispiel für die staatliche Logistik hinter der Kampagne. Innerhalb weniger Monate sind über 90 % aller Kinder immunisiert. Die Zahl der Poliofälle sinkt rapide. Nach 1961 treten in der DDR nur noch vereinzelte Erkrankungen auf – 1965 gar keine mehr. Die DDR-Propaganda triumphiert und kann sich dem Klassenfeind auf dem medizinischen Sektor überlegen fühlen. Auch das ist Teil des Kalten Krieges: Gesundheit als Systemvergleich. Während im Westen individuelle Freiheit und Impfentscheidung betont werden, setzt der Osten auf kollektiven Schutz und staatliche Durchsetzung. Beide Methoden haben ihre Stärken – und ihre Schattenseiten. Doch bei Polio ist die Bilanz eindeutig: Die DDR eliminiert die Krankheit Jahre vor der Bundesrepublik. Und viele Ostdeutsche behalten die Schluckimpfung auf dem Zuckerwürfel als etwas Positives in Erinnerung – süß, schnell, schmerzfrei. Erst 1962–63 zieht die BRD mit landesweiten Impfaktionen nach. In den Arztpraxen hängen Poster mit Aufschriften wie: „Kinderlähmung ist bitter, Schluckimpfung ist süß“. Doch der Rückstand ist spürbar. Erst in den 1970er-Jahren wird Polio auch in Westdeutschland endgültig zur medizinischen Vergangenheit.\nHeute, in Zeiten neuer Impfdebatten, kann ein Blick zurück auf diese Kapitel der deutsch-deutschen Gesundheitspolitik helfen, den Wert öffentlicher Impfprogramme wieder ins Bewusstsein zu rufen. Denn der Zuckerwürfel von damals war nicht nur ein Medikament – er war ein Symbol. Für Vertrauen. Für Solidarität. Und für das Versprechen: Kein Kind soll mehr durch Polio gezeichnet werden.\nDiese Vision teilten auch andere: \n1988, Genf, Schweiz. Die Weltgesundheitsorganisation, UNICEF, Rotary International und die US-amerikanischen Centers for Disease Control einigen sich auf ein historisches Ziel: die weltweite Ausrottung der Poliomyelitis. Die Polio Global Eradication Initiative wird geboren. Damals ist Polio in über 125 Ländern endemisch. Jedes Jahr infizieren sich über 350.000 Menschen, die meisten davon Kinder. Die Vision ist kühn: eine Welt ohne Polio. Eine Welt, in der kein Kind mehr wegen eines Virus die Fähigkeit zum Gehen, Atmen oder Spielen verliert.\nDie Mittel: Impfstoffe. Mobilisierung. Aufklärung. Und unzählige Helferinnen und Helfer vor Ort. Sie tragen Kühlboxen auf dem Rücken, durchqueren Flüsse, Wüsten und Kriegszonen. Man nennt sie „die letzten Krieger des 20. Jahrhunderts“ – mit Thermometern, nicht mit Waffen. Die Fortschritte sind atemberaubend. Nigeria, einst eines der schlimmsten Epizentren, wird 2020 poliofrei erklärt. In Indien, wo sich Sabins oraler Impfstoff über Jahrzehnte verbreitet hatte, wird 2014 der letzte Fall registriert. Von über 350.000 Erkrankungen im Jahr 1988 sinkt die Zahl weltweit auf unter 200 Fälle pro Jahr. Heute gilt Polio in weiten Teilen der Welt als besiegt. In mehr als 190 Ländern sind seit Jahren keine neuen Fälle registriert. Die weltweiten Impfkampagnen zeigen Wirkung – die Zahl der Infektionen sinkt seit den 1980er-Jahren dramatisch. In Ländern wie Indien oder Nigeria gelingt das, was lange unmöglich scheint: Polio wird ausgerottet. \nHeute sind die meisten Eisenlungen verschwunden. Man findet sie nur noch in Museen, in Lagerhallen, in stillgelegten Krankenhausflügeln, wo sie Staub ansetzen. Ihre Ästhetik wirkt fremd, ihr Klang gespenstisch. Und doch erzählen sie von einer Zeit, in der Technologie der einzige Schutz war gegen ein Virus, das ohne Vorwarnung zuschlug und das oft mit tödlicher Konsequenz. Aber das Virus selbst ist nicht verschwunden. Es ist zäh. Und es findet Lücken. Es ist das, was Epidemiologen das \"letzte Stück\" nennen. Der schwierigste Teil. Das letzte Prozent.\nIn Pakistan und Afghanistan verhindert nicht nur Geografie die Ausrottung – sondern Misstrauen. In manchen Regionen kursieren Gerüchte, die Impfstoffe machten unfruchtbar. In anderen glauben religiöse Führer, es sei ein westlicher Spionageplan. Impfhelfer werden angegriffen, Kampagnen abgebrochen. Und es sind nicht nur mehr die ärmsten Länder der Welt, in denen das passiert:",
    "end": 3184.0
  },
  {
    "start": 3184.0,
    "text": "DR. JAKOB MASKE: Also die letzte aktive Polio-Infektion in Deutschland haben wir 1990 gesehen. Also das ist wirklich schon sehr lange her. Und aktive Polio-Erkrankungen sehen wir tatsächlich eigentlich nur noch sehr, sehr selten und eigentlich auch nur noch in zwei Ländern, das sind Afghanistan und Pakistan. Jetzt muss ich ein kleines Aber einfügen. Wir haben tatsächlich in Ländern wie den USA, also New York oder auch in Großbritannien den Wildvirus im Abwasser gesehen, also den kann man im Abwassernachweisen. Und das ist natürlich die Frage: Wo kommt dieser Virus tatsächlich her, hat der Menschen krank gemacht und wir haben es gar nicht gemerkt? Das ist sehr, sehr schwierig zu beantworten. Warum dort eben dieser Wildvirus gesehen wurde. Und wir sehen auch den Impfvirus wieder mehr in deutschem Abwasser, was dadurch kommt, dass zum Beispiel in Ländern wie der Ukraine noch eben oral geimpft wird und nicht anders. Also hier sehen wir tatsächlich auch den Impfvirus. Das sehen wir zunächst mal nicht als starke Bedrohung an, aber werden eben diesen Verlauf auch beobachten müssen bisher. Muss man sagen, bisher hat eben dieser Impfvirus offenbar noch keine zusätzlichen Erkrankungen ausgelöst. Aber es besteht natürlich auch immer die Gefahr, dass sich dieser Virus auch noch verändert und es dann zu anderen Arten von Viren, also Polioviren, kommt und diese dann auch wieder Krankheiten erzeugen.",
    "end": 3276.0
  },
  {
    "start": 3276.0,
    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nUnd es gibt ein weiteres Problem: Impfstoff-assoziierte Polioviren. Das bedeutet: In seltenen Fällen mutieren die abgeschwächten Viren aus der oralen Impfung – besonders dort, wo der Impfschutz unvollständig bleibt – und führen selbst zu Ausbrüchen. Es ist ein paradoxes, technisches Problem – und es erschwert die letzten Schritte zur vollständigen Ausrottung. Trotzdem: Die Fallzahlen bleiben historisch niedrig. Die globale Polio-Initiative zeigt Wirkung. Millionen Kinder sind heute immun. Millionen Eltern müssen keine Eisenlunge mehr fürchten. Aber: Solange das Virus irgendwo zirkuliert, ist nirgends absolute Sicherheit möglich. Ein erneuter Ausbruch – und alles beginnt von vorn.Frida Kahlo malt weiter. Trotz Schmerzen. Trotz Operationen. Trotz Polio. Im Bett liegend. Im Gipskorsett. Sie malt sich selbst, malt das, was in ihr ist. Ihren Schmerz. Ihre Wut. Ihre Sehnsucht. Ein Jahr vor ihrem Tod muss ihr Bein wegen einer Gangrän, also einem Wundbrand, abgenommen werden, das schwache, „la pata flaca“. In ihr Tagebuch schreibt sie: „Füße, wozu brauche ich euch, wenn ich Flügel habe zum Fliegen?“ Selbst die Beinprothese, die sie dann anstelle ihres amputierten Beins trägt, gestaltet sie künstlerisch, farbenfroh. Frida Kahlo stirbt 1954. Ein Jahr bevor Salks Impfstoff bekannt gegeben wurde.\nPolio hat Generationen von Kindern gelähmt – körperlich, aber auch seelisch. Es hat ganze Städte erstarren lassen, Eltern in Angst versetzt, Hoffnung geraubt. Doch es hat uns auch etwas gezeigt: Was Wissenschaft kann. Was Mut kann. Was Solidarität kann.\nUnd damit sind wir am Ende dieser Folge angelangt. Ein großer Dank gilt wie immer unserem Experten, Dr. Jacob Maske für das spannende Interview und natürlich auch Euch für Eure Aufmerksamkeit.  Unsere nächste Folge ist aus zwei Gründen etwas ganz Besonderes. Na ja, eigentlich sogar aus drei. Also erstmal feiern wir die 50. Folge von Siege der Medizin und gleichzeitig 70 Jahre Apotheken Umschau. Aber vor allem nehmen wir uns Zeit, eine Krankheit zu besprechen, die viel über uns als Gesellschaft aussagt. Zum Beispiel, wie wenig die Welt sich in den letzten Jahrhunderten um die Gesundheit von Frauen gekümmert hat ... und wie sich das erst jetzt langsam ändert. Es geht um die Geschichte der Endometriose, eine Krankheit, die sehr häufig vorkommt und gleichzeitig wahnsinnig untererforscht ist, und das wird vor allem Männern die Augen öffnen, das kann ich schon mal versprechen.\nAber jetzt wünsch ich euch erstmal eine gute Zeit, wir hören uns in der Jubiläumsfolge, auch die Männer bitte. Bleibt gesund und neugierig. \nEure Andrea Sawatzki",
    "end": 3470.0
  },
  {
    "start": 3470.0,
    "text": "SPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau\nExecutive Producers „gesundheit-hören“: Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück\nExecutive Producers „WakeWord“: Ruben Schulze Fröhlich und Christoph Falke\nAutor: Mirko Gutjahr\nRegisseur: Berni Mayer\nRedaktion „WakeWord“: Berni Mayer, Volker Strübing, Josephine Aleyt\nRedaktion „gesundheit-hören“: Kari Kungel\nMedizinisch-pharmazeutischer Faktencheck: Dr. Andreas Baum, Dr. Roland Mühlbauer, Dr. Katharina Kremser\nMusik: Johannes Cornelius\nSound Design: Felix Stäblein\nProduktionsleitung: Josephine Aleyt\nProduziert von den Wake Word Studios in München",
    "end": 3551.328
  }
]