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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nDer Mensch lebt von Luft und Liebe.\nNaja, und von Wasser. Und von Kohlenhydraten, Fetten, Eiweißen, Ballaststoffen und Vitaminen. Dazu ein bisschen Phosphor, Kalium, Natrium, Magnesium, etwas Schwefel und so weiter und natürlich: Spurenelementen. Davon brauchen wir wirklich nur winzige Mengen. Je nach Geschlecht, Alter usw. etwa 14 mg Eisen am Tag. Das macht auf 80 Jahre Lebenszeit gerechnet insgesamt so um die 400 Gramm Eisen – rein statistisch müsstet ihr also alle 10 Jahre einen mittelgroßen Nagel essen. Bitte gründlich kauen. \nOder, so mach ich es: regelmäßig Spinat, Sesam, Kürbiskerne und andere Nahrungsmittel, mit hohem Gehalt an Eisen.\nVon anderen Spurenelementen brauchen wir noch viel, viel weniger. Zum Beispiel von Jod. 0,2 Milligramm am Tag genügen schon – das ist weniger, als die meisten Salzkörner wiegen. Auf die Lebenszeit gerechnet kommen wir nicht einmal auf das Gewicht eines halben Nagels. Eine winzige Menge, doch ihr Fehlen – oder ein Zu-viel-davon – kann dramatische Auswirkungen haben.\nErinnert mich ein bisschen an den Schmetterlingseffekt. Ihr wisst schon: Kleinste Änderungen können in einem komplexen System wie dem Wetter – oder dem menschlichen Körper – über die Zeit dramatische Auswirkungen haben. Aber wir wollen hier nicht über die Chaostheorie reden.\nSondern über Jod und über winzige Ursachen, die große Wirkung haben. Vor allem aber über einen ganz besonderen Schmetterling. Die Schilddrüse. Die sitzt in unserem Hals und wird gern als schmetterlingsförmig beschrieben, da sie zwei Flügel hat, genauer gesagt zwei Lappen, die wie Flügel aussehen. Und sie ist auch nicht viel größer als beispielsweise ein Zitronenfalter. \nIch persönlich fände es ja irgendwie besser,  wenn die Schilddrüse wie eine Schildkröte aussehen würde, aber auf mich hört die Evolution natürlich nicht.",
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    "text": "SPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nHerzlich willkommen zu \"Siege der Medizin\" und einer Folge, in der sich alles um den \"kleinen Schmetterling\" dreht - die Schilddrüse. Wie immer bleiben wir den Fakten treu, wo sie bekannt sind, machen aber auch ein paar kleine Abstecher in die Fiktion - aber keine Sorge, das werdet ihr sehr genau mitbekommen. \nSchilddrüse. Okay. Was macht die gleich nochmal?",
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    "text": "DR. ONNO JANßEN:  „Die Schilddrüse steuert den Energiestoffwechsel. Vereinfacht gesagt kann man sich vorstellen, dass die Schilddrüsenhormone im Körper regulieren, wie schnell Reaktionen ablaufen.“",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nDas ist Professor Doktor Onno Janßen, Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologe am Endokrinologikum in Hamburg, einem medizinischen Zentrum, das auf die Behandlung von Hormonerkrankungen spezialisiert ist.",
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    "text": "DR. ONNO JANßEN:  “Also zum Beispiel wie schnell oder wie langsam das Herz schlägt. Wie schnell oder wie langsam Stoffe abgebaut oder synthetisiert werden. Zu viel Schildddrüsenhormon bedeutet, dass alle diese Reaktionen schneller gehen. Das wäre dann eine Überfunktion der Schilddrüse oder ein zu viel von Schilddrüsenhormonen. Und zu wenig Schilddrüsenhormone wäre eine Unterfunktion. Dann sind Reaktionen verlangsamt.”",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nDa sind wir schon mitten im Thema. Aber ein bisschen Geduld. Erstmal ist es an der Zeit, euch ein paar liebgewonnene Kindheitserinnerungen kaputt zu machen, indem wir sie aus medizinhistorischer Perspektive betrachten.\nNehmen wir z.B. Heidi in ihrer ach so idyllischen Schweizer Bergwelt ... \nEs ist einer dieser wunderschönen Tage im Paradies. Denn was anderes als das Paradies könnte das hier sein? Die Sonne steht golden am Himmel über der Alm, die Wiesen liegen in sattem Grün, getupft mit bunten Blüten wie eine Decke, die Gott selbst ausgebreitet hat. Die Tannen hinter der Hütt‘n rauschen sanft und über allem thronen die Berge mit ihren weißen Kronen wie die gütigen Wächter einer heilen Welt. \nHeidi rennt barfuß über die Alm, lachend, die langen Zöpfe fliegen ihr über die Schultern. Der Almöhi sitzt indes vor der Hütte, und raucht seine Pfeife und wer ihn gut kennt, der weiß, dass dieses kaum merkliche Zucken um seine Mundwinkel ein liebevolles Lächeln ist.\nDie Glöckchen der Ziegen kündigen den Besuch schon von weitem an. \"Peter!\", ruft Heidi und eilt den kleinen Pfad hinab, ihrem besten Freund entgegen. Ach, wie sie ihn vermisst hat, das eine Jahr, das sie in Frankfurt verbringen musste ...\n„Heidi!“ Als Peter sie sieht, schwenkt er den Hirtenstab, dann rennt auch er los. Sie fallen sich in die Arme und Peter strahlt sie an. \"Ich muss gleich wieder hinab ins Dörfli, zum Schulmeister, der kriegt Käse und einen Brief von meinem Vater. Und die Bäckerin hat mir versprochen, dass ich ein Stück Zwetschgenkuchen bekomm, das können wir teilen, kommst du mit?“ \nHeidis  Lächeln erstirbt. Sie wicht Peters Blicks aus.\n„Ins Dörfli?“, fragt sie leise.\n„Ja, freilich. Alle werden sich freuen, dich  zu sehen. Und: es gibt Zwetschgenkuchen!\"\n\"Ich weiß nicht … können wir nicht zusammen auf die Weide gehen?\" \nPeter kratzt sich am Kopf. „Ich muss aber ins Dorf. Was ist denn los? “\n\"Ich ... ich mag es einfach lieber hier … oben.“ \nPeter lacht. \"Ach, komm schon, es ist ja nicht für lange. Zwetschgenkuchen, Heidi, Zwetschgenkuchen!\"Heidi lächelt schwach. „Na gut. Aber nur kurz.“\nDas Dorf liegt friedlich im Sonnenschein, an den Fensterbrettern ranken sich Blumen, Hühner scharren am Rand des Weges, Kinder lachen am Brunnen.  Peter grüßt nach allen Seiten und schwatzt mit den Leuten über dies und das. \nHeidi aber bleibt stumm.  Sie sieht es. Überall. Die Frau am Spinnrad vor ihrem Haus, die Mutter, die ihr Kind vom Brunnen wegzerrt, die Bäckersfrau vor ihrem Laden. Ein Mann, der auf einer Bank vor dem Wirtshaus hockt ...\nIhre Hälse. Große Geschwulste wölben sich unter dem Kinn hervor, groß wie eine Faust, manchmal noch größer, die Bäckersfrau scheint gar einen ihrer Brotlaibe verschluckt zu haben. Manche sind prall wie volle Weinschläuche, die Haut glänzend, violett; andere hängen schlaff herab.\nEin Kind tappt vorbei, schleppend, mit glasigem Blick. Sein Kopf ist zu groß, der Mund halb offen, Speichel rinnt heraus.  Ein anderes sitzt im Staub, wiegte sich hin und her und stößt dumpfe Laute aus. Ein alter Mann schleppt sich über den Platz, sein Kropf schwankt bei jedem Schritt hin und her, der Schritt seiner Hose ist nass. \nHeidi bleibt stehen. \nPeter dreht sich um. „Was ist denn los?“\nHeidi schüttelt den Kopf. „Ich... ich mag nicht mehr hier sein.“\n„Aber warum?“, fragt Peter verständnislos.\nSie ringt um Worte. Endlich flüstert sie: „Sie machen mir Angst, Peter. Nicht weil sie böse sind – sondern ...“ Sie bricht ab.\n\"Häh? Was meinst du? Die dicken Hälse? Die blödsinnigen Kinder?\"\n\"Ja. Sie tun mir leid ... und ich habe Angst, dass wir auch so werden.\"\n\"Mensch, Heidi. Seit du in Frankfurt warst, bist du manchmal wirklich komisch! So sehen Menschen nun mal aus! Die einen kriegen so'nen Hals, die andern nicht.\"\n\"In Frankfurt hab ich so etwas kaum gesehen.\"\nPeter wendet sich wütend ab. \"Dann geh doch zurück in dein dummes Frankfurt.\" Mit diesen Worten lässt er Heidi stehen...  und im selben Moment, als habe ein mittelmäßiger Drehbuchautor die Szene geschrieben, schieben sich dunkle Wolken vor die eben noch so strahlende Nachmittagssonne …\nDen Begriff \"Kropf\" kennen die meisten wahrscheinlich nur noch aus der Redewendung \"Überflüssig wie ein …Kropf\". Der medizinische Begriff dafür lautet „Struma“ und bezeichnet eine vergrößerte Schilddrüse;  zum Teil eben so stark vergrößert, dass sie außen am Hals deutlich zu sehen ist. \nBis ins 20. Jahrhundert hinein war die Struma – der Kropf  – in vielen Teilen der Schweizer Alpen so weit verbreitet, dass Mark Twain sie kurzerhand zur Sehenswürdigkeit erklärte: \n\"Ich bin zufrieden“, schrieb er 1880 von seiner Europareise. „Ich habe die wichtigsten Merkmale der Schweizer Landschaft gesehen - den Mont Blanc und den Kropf - auf nach Hause!\"\n Um seinen flapsigen Spruch mal kurz mit Zahlen zu untermauern: Noch im Jahr 1921 stellte das Berner Schulamt bei 94 Prozent (!) der Schülerinnen und Schüler eine abnormale Schwellung des Halses fest. Bei 70% war daraus bereits ein ausgeprägter Kropf geworden. In manchen Tälern im Kanton Oberwallis galten 90% der Bevölkerung als \"strumös\". \nIn extremen Fällen kann so eine Struma mehrere Kilo wiegen und zu Atemproblemen führen. Weitere Symptome plagen die Menschen in den betroffenen Regionen, unter anderem Müdigkeit, kognitive Einschränkungen, Wachstums- und Entwicklungsstörungen.\nAm Schlimmsten sind die Auswirkungen des mysteriösen Leidens auf Ungeborene: In den stark betroffenen Gebieten werden extrem viele Kinder - die Rede ist von bis zu 10 Prozent - mit einem starken Hirnschaden geboren. Sie bleiben auf zum Teil dem Entwicklungsstand eines Kleinkindes, viele sind kleinwüchsig und taubstumm. Man nennt sie damals „Kretins“.\nFür die Gegend um Maienfeld in Graubünden, in der die Heidi-Romane spielen, fehlen uns genaue Zahlen, aber wir wissen, dass \"Kropf\" und \"Kretinismus\" auch in diesem Gebiet weit verbreitet war.  \nSchnell fiel Medizinern auf, dass eine Häufung von Kropfbildung und \"Kretinismus\" immer parallel auftrat und auf ganz bestimmte Gebiete beschränkt war. Bergtäler in den Alpen, bestimmte Regionen im Himalaya oder den Anden. In den USA sprach man vom \"Goiter Belt\", dem Kropfgürtel zwischen den Großen Seen und den Appalachen im Osten Nordamerikas. \nMeist sind es abgelegene Gebiete in bergigen Gegenden, weshalb lange Inzucht als Ursache vermutet wird.\nIm Jahr 1811 experimentiert der französische Seifensieder Bernard Courtois mit der Gewinnung von Kaliumkarbonat aus der Asche von Seetang. Kaliumkarbonat wird zu dieser Zeit unter anderem für die Herstellung von Seife und Schießpulver benutzt.\nAls Courtois irgendwann Ende 1811 eine Lauge aus der Asche von Seetang mit Schwefelsäure versetzt, steigen plötzlich seltsame, aber wunderschöne lilafarbene Dämpfe auf und setzen sich als violette Kristalle ab …\nCourtois hat durch Zufall das Element Jod entdeckt. Ein paar Jahre später fällt dem Genfer Arzt Jean-François Coindet auf, dass Seetang oder auch Meeresschwämme seit Jahrhunderten zur Behandlung von Kropf eingesetzt werden  - könnte es an dem darin enthaltenen Jod liegen? Er beginnt, den Kropf mit Jodtinktur zu behandeln, also einer Lösung von Jod in Alkohol. \n3 mal täglich 10 Tropfen seiner Tinktur – und der  Effekt ist sensationell!\nNach einer Woche beginnt sich die Struma zurückzubilden. Tolle Sache, Problem gelöst. Oder?\nDenkste. Coindet lässt sich von seiner Begeisterung für seine Entdeckung mitreißen und schreibt dem Jod alle möglichen positiven Effekte zu. Unter anderem  als Aphrodisiakum. Es sei eins der wirksamsten Medikamente überhaupt, ein Meilenstein der modernen Wissenschaft. Vor allem in Genf löst er damit einen regelrechten Jodwahn aus. Menschen nehmen unkontrolliert Jod ein, oft in sehr hohen Dosen – viel mehr als die heute empfohlenen 0,1 - 0,2 Milligramm am Tag. Manche Leute tragen sogar kleine Fläschchen mit Jod um den Hals, aus denen sie ab und zu ein Schlückchen nehmen.\nBald berichten zahlreiche Jod-Jünger über Nebenwirkungen: beschleunigter Puls, Herzklopfen,  Schlaflosigkeit,  Gewichtsverlust, Schwäche. Sie leiden an Überfunktion der Schilddrüse durch Jodüberschuss und dadurch an einer Überproduktion von Schilddrüsenhormonen. \nDiese Zusammenhänge ahnt damals noch niemand - uns werden sie gleich noch im Detail beschäftigen. Coindets Wundermedizin gerät jedenfalls in Verruf, der Verkauf von Jod wird vernünftigerweise auf Apotheken und ärztliche Anordnung beschränkt und das vermeintliche Allheilmittel wird zum Gift erklärt.  \nDoch andere Ärzte außerhalb Genfs führen seine Versuche fort. Ab 1850 versucht man, in Frankreich Jod zur Vorbeugung gegen Struma einzusetzen - doch erneut kommt es aufgrund zu hoher Dosierungen zu Vergiftungserscheinungen und sogar Todesfällen. \nCoindet und alle anderen zu jener Zeit machen einen Fehler. Sie sehen den Kropf als Krankheit und das Jod als Medizin. Das kann man aber zumindest anzweifeln. Heute wissen wir, dass Jod ein lebensnotwendiges Spurenelement ist, dass wir normalerweise ausreichend über die Nahrung aufnehmen.. \nDie Schilddrüse benötigt dieses Spurenelement, um wichtige Hormone herzustellen. Wenn Schwangere – die sowieso schon einen erhöhten Jodbedarf haben – unter Jodmangel leiden, kommt es zu schweren Störungen bei der Gehirnentwicklung des ungeborenen Kindes. Das war – stark vereinfacht - die Ursache des “Kretinimus” in den Schweizer Alpen.\nDie Schilddrüse selbst versucht bei unzureichender Jodversorgung auch noch das letzte Quentchen Jod aus der Nahrung herauszuholen. Etwas hemdsärmelig ausgedrückt: Sie vergrößert sich, um mehr aufnehmen zu können.“\nJod ist also eher ein Lebens- als ein Heilmittel – und der Kropf aufgrund von Jodmangel ist ein Ausdruck dieses Mangels und keine eigenständige Krankheit – zu denen kommen wir gleich noch!  \nDass in der Vergangenheit ausgerechnet in den idyllischen Schweizer Alpen der Jodmangel so verbreitet ist, ist kein Zufall. Der größte Teil des frei verfügbaren Jods in der Umwelt befindet sich in den Ozeanen - wo es sich zum Beispiel in Seetang ansammelt. \nÜber Verdunstung und Niederschläge gelangt es in die oberen Bodenschichten und von dort über Pflanzen in den Nahrungskreislauf. In den Alpen aber schoben während der letzten Eiszeiten Gletscher kilometerdicke Eismassen talwärts und schabten diese oberen, jodhaltigen Bodenschichten beinahe vollständig ab. \nEs wird bis in die 1920er Jahre dauern, bis der endemische Kropf und der \"Kretinismus\" in der Schweiz oder der amerikanischen \"Kropfgürtel\" der Vergangenheit angehört. Der fiktive Charakter Heidi wäre zu diesem Zeitpunkt wohl Anfang oder Mitte 50 gewesen. \nUm 1915 hat der Schweizer Arzt Heinrich Hunziker eine geniale Idee: Jodiertes Speisesalz. Salz ist wichtiger Bestandteil jeder Küche, wir verwenden es aber in sehr kleinen Mengen. Indem man dem Salz etwas Jod beifügt, kann man dafür sorgen, dass auch in Gebieten ohne genügend natürliches Jod eine stetige Jodzufuhr erfolgt, ohne dass eine massive Überdosierung droht.\nOkay, noch mal zurück ins 19. Jahrhundert. Jod ist entdeckt, auch seine Wirkung auf bestimmte Erkrankungen ist erkannt. Aber noch weiß niemand, wie und warum es wirkt. 1835 beschreibt der irische Chirurg Robert Graves eine Krankheit, deren Symptome teils stark an die Beschwerden erinnern, die aus Genf von Leuten berichtet wurden, die ein bisschen zu oft an ihrem Jodfläschchen genippt haben:  Schwäche, Schlafstörungen, schneller Herzschlag, schneller Gewichtsverlust und so weiter.  Dazu weitere Symptome, wie etwa hervortretende Augäpfel. Und ... paradoxerweise in vielen Fällen ein Kropf –, den wir ja vorhin als Zeichen eines Jodmangels kennengelernt haben.Okay, wir müssen hier ein bisschen spoilern. Was Graves nicht wissen konnte: Die Krankheit, die er beschrieb, führt zu einer Überfunktion der Schilddrüse. Wir werden das nachher genauer erklären. Auch wenn genug Jod da ist – vielleicht sogar zu viel Jod – ist die Schilddrüse im Alarmmodus, leistet mehr, als nötig wäre, und vergrößert sich deshalb.\nDiese Krankheit heißt in Großbritannien heute \"Grave's Disease\" - in Deutschland ist sie bekannt als \"Morbus Basedow\" oder \"Basedowsche Krankheit\".\nKarl Adolph von Basedow wird 1799 in Dessau geboren. Seit 1822 praktiziert er als Hausarzt in Merseburg in Sachsen-Anhalt. Um 1840 postuliert er drei klinische Symptome für die Diagnose der später nach ihm benannten Krankheit: Hervortretende Augen, ein anhaltend erhöhter Puls und ein Kropf. \nEr nennt die Krankheit \"Exophthalmos durch Hypertrophie des Zellgewebes in der Augenhöhle\". Ihm ist wohl selbst aufgefallen, dass das kein besonders griffiger Name ist, deshalb fällt er später ins andere Extrem und spricht von \"Glotzaugen\". \nFür die drei Symptome, die für die Diagnose zusammenkommen müssen, setzt sich später die Bezeichnung \"Merseburger Trias\" durch.\nDen Namen Basedow oder Morbus Basedow erhält die Krankheit im deutschen Sprachraum erst nach Basedows Tod im Jahr 1854.  Basedow selbst hält sie sie für eine Erkrankung des Blutes und die teils enorm angeschwollene Schilddrüse für einen sekundären Effekt.\nDer deutsche Neurologe und Psychiater Paul Möbius stellt erst 1886 Morbus Basedow korrekt als Erkrankung der Schilddrüse dar. Eine konkrete, wirksame Behandlung gibt es zu dieser Zeit noch nicht. Man probiert alles Mögliche aus, ohne großen Erfolg, was Paul Möbius in seiner Schrift \"Über die Basedowsche Krankheit\" lakonisch so kommentiert:\n\"Je weniger man von einer Krankheit weiß, um so zahlreicher pflegen die Heilmittel zu sein.\"\nDann zählt er einige dieser Heilmittel auf: Jod natürlich, aber auch Arsen, Chinin, Belladonna, Bromsalze, Stromstöße, Kaltwasserkuren und eine Ammoniakbehandlung, die Möbius \"schauderhaft\" nennt - und von der er schreibt: \"Schon nach 8 Tagen färbe sich die Haut safrangelb, dann fange der Kranke an, stark zu stinken und bekomme heftige Magenbeschwerden\".\nKleine Fußnote zu Möbius: Viel berühmter als seine Schrift über die Basedowsche Krankheit, wird später ein anderes Buch aus seiner Feder mit dem Titel: \"Über den Physiologischen Schwachsinn des Weibes\". Zitat: \n\"Der Instinkt  macht das Weib thierähnlich, unselbständig [...] und heiter. [...]Wie die Thiere seit undenklichen Zeiten immer dasselbe thun, so würde auch das menschliche Geschlecht, wenn es nur Weiber gäbe, in seinem Urzustande geblieben sein. Aller Fortschritt geht vom Manne aus. Deshalb hängt das Weib vielfach wie ein Bleigewicht an ihm\"\nSo weit, so misogyn. Na ja, wer auf einem Gebiet Großes leistet, liegt deshalb nicht unbedingt bei allem anderen richtig.\nAber zurück zur Schilddrüse. Die einzige wirklich wirksame – allerdings lebensgefährliche - Behandlung der Basedowschen Krankheit sind damals Operationen, bei denen die Schilddrüse entfernt wird. Das funktioniert, weil – wie wir heute wissen - die Basedowsche Krankheit mit einer Überfunktion der Schilddrüse einhergeht. \nUnd ich sag mal so: Die Schilddrüse einfach rauszuschneiden löst dieses Problem effektiv und ein für allemal. Bringt leider aber ganz neue Probleme mit sich. Die ersten Operateure gehen eben davon aus, dass die Schilddrüse so überflüssig sei wie - Entschuldigung - ein Kropf.",
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    "text": "DR. ONNO JANßEN:  “Die erste Morbus-Basedow-Schilddrüsen-Operation wurde 1884 durch Ludwig Rehm aus Frankfurt durchgeführt. Also er war auch mit einer der ersten, die gesagt haben, ja, Morbus Basedow ist eine Schilddrüsenerkrankung und die Schilddrüse ist überaktiv. Und wenn ich die Schilddrüse entferne, dann kann ich das quasi dadurch behandeln, dadurch heilen. Rehm hat die Schilddrüse nicht ganz entfernt, sondern hat einen kleinen Rest stehen lassen, sodass dieser kleine Rest dann eine Rest-Aktivität von Schilddrüse hatte, sodas die Leute nicht in diese schwere Unterfunktion gekommen sind, die eben entsteht, wenn man die ganze Schilddrüse entfernt.“",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nKlar, eine entfernte Schilddrüse neigt – vorsichtig ausgedrückt – zur Unterfunktion. Aber klären wir mal kurz, was die Schilddrüse eigentlich genau leistet. \nIhre Hauptfunktion besteht in der Produktion der Hormone Triiodthyronin und Thyroxin, bzw. T3 und T4 - nennen wir sie einfach: Schilddrüsenhormone. Diese Botenstoffe enthalten Jod - ohne Jod keine Schilddrüsenhormone - die Folgen davon haben wir bereits gehört. Man könnte die beiden Hormone vereinfacht als eine Art Geschwindigkeitsregler für den Stoffwechsel bezeichnen. Sie beeinflussen, wie schnell der Körper Energie verbrennt, wie schnell das Herz schlägt, wie viel Wärme wir produzieren. Normalerweise gibt es einen Regelkreis: Dafür arbeitet die Schilddrüse mit einer Kollegin zusammen: Der Hirnanhangdrüse. Die misst wieviel Schilddrüsenhormon im Blut ist. Ist es zu wenig, produziert sie einen eigenen Botenstoff. Und der gibt dann der Schilddrüse die Anweisung, mehr T3 und T4 zu produzieren. Mit dem Effekt, dass der Stoffwechsel im Körper Gas gibt.  Dieser Botenstoff heißt TSH. Wenn genug oder zu viel Schilddrüsenhormone im Blut sind, stellt die Hirnanhangdrüse die TSH-Produktion ein. Und wenn der TSH-Nachschub bei der Schilddrüse ausbleibt, hört die ebenfalls mit der Hormonausschüttung auf. Sie nimmt sozusagen den Fuß vom Gas.",
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    "text": "DR. ONNO JANßEN:  “Bei Morbus Basedow entsteht im Körper ein Antikörper, das ist der sogenannte TSH-Rezeptor-Antikörper oder abgekürzt, TRAK. Und wenn jetzt dieser TRAK, dieser TSH-Rezeptor-Antikörper kommt, dann wird das System gestört. Dieser Antikörper bindet auch an den TSH Rezeptor, aber bindet dauerhaft und unterliegt keiner Regulation, keiner Rückkopplung. Diese dauerhafte Aktivierung sagt dann der Schilddrüse quasi ununterbrochen, sie soll mehr Schilddosenhormone machen. Und dann kommt es zu einer Überfunktion.“",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nDie Schilddrüse kann den Fuß nicht mehr vom Gas nehmen. Morbus Basedow ist eine Auto-Immun-Erkrankung, das heißt der Körper selbst produziert den TRAK, er wendet sich gegen sich selbst. Eine Art Staatstreich im Körper, bei dem die Putschisten die Rezeptoren besetzen, die auf Signale - oder eben ausbleibende Signale - der Hirnanhangdrüse reagieren könnten. Sie fluten sie, um im Putsch-Bild zu bleiben, permanent mit \"Volle Kraft voraus\"-Propaganda.",
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    "text": "DR. ONNO JANßEN:  “Und dadurch entsteht dann zu viel Schilddosenhormon, sprich eine Überfunktion. Und die Schildosenfunktion ist gestört in dem Sinne, dass durch diese dauerhafte Aktivierung halt dauerhaft zu viel Schildosenhormon gemacht wird und klinisch dann die entsprechenden Zeichen entstehen. Die Leute sind nervös. Die Leute schwitzen vermehrt, betroffene Patienten können Gewicht abnehmen und alle möglichen anderen Sachen passieren, die damit zusammenhängen, dass alle Stoffwechselvorgänge im Körper schneller ablaufen. Also ganz klassisch ist zum Beispiel auch, dass es zum Herzrasen kommt, weil auch das Herz von dieser Überfunktion mit betroffen ist.“",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nZum Herzrasen kommen in schweren Fällen die anderen Symptome der Merseburger Trias: Struma und hervortretende Augen. Von den ganzen Zusammenhängen, von Hormonen und Autoimmunreaktionen, ahnt zu Möbius' Zeiten noch niemand etwas.  -\nLange Zeit bleiben Operationen - teilweise Entfernungen der Schilddrüse - die wirksamste Behandlung. Daneben werden um die Wende zum 20. Jahrhundert herum erstmal auch Bestrahlungen eingesetzt, um die Schilddrüse teilweise zu zerstören. Die Nebenwirkungen wiegen allerdings die Erfolge auf.  \nErst in den 1940er Jahren werden erste Medikamente gegen eine Schilddrüsenüberfunktion entwickelt. Heute gibt es mehrere Klassen solcher Medikamente mit unterschiedlichen Wirkmechanismen. Manche hemmen zum Beispiel die Produktion eines bestimmten Enzyms, das benötigt wird, um die T3 und T4-Hormone herzustellen. Andere hemmen die Fähigkeit der Schilddrüse Jod aufzunehmen. Ein weiteres Verfahren beruht darauf, dass die Schilddrüse als einziges Organ im menschlichen Körper Jod speichert. Sogenannte Jod-Radiopharmaka – also “Strahlenmedikamente” enthalten ein radioaktives Isotop des Jods, dass sich in der Schilddrüse sammelt und gezielt genau dort wirkt.   Ohne jetzt auf die Details einzugehen: Dort zerstört es Teile der Schilddrüse, senkt damit den Hormonausstoß und wirkt sich damit ähnlich aus wie eine teilweise chirurgische Entfernung. \nAn dieser Stelle aber erstmal: Cut! Wir müssen uns noch kurz eine andere Krankheit anschauen …\nIm Jahr 1912 schreibt in Japan ein junger Chirurg und Pathologe an seiner Doktorarbeit. Seit 1905 ist Hakaru Hashimoto als an der Kaiserlichen Universität Kyūshu tätig. Dort begegnen ihm im Laufe mehrerer Jahre vier Patientinnen mit geschwollenen Schilddrüsen - also Struma, Kropf, ihr wisst schon. Bei der Untersuchung von Zellgewebe fällt ihm auf, dass die histologischen Befunde weder zu Jodmangel noch zu Morbus Basedow oder einer anderen bekannten Schilddrüsenerkrankung passen. \nHeute kennen wir die Krankheit als Hashimoto-Thyreoiditis. Also: Hashimoto-Schilddrüsen-Entzündung. Vom griechischen Thyreoid für die Schilddrüse und dem  Anhängsel –itis für die Entzündung. Meist wird die Krankheit aber einfach nur \"Hashimoto\" genannt. \nKurze Notiz an die Nachwelt: Sollte jemals eine Krankheit nach mir benannt werden, dann nennt sie bitte auch \"Sawatzki-Syndrom\" oder \"Sawatzkisches Drüsenfieber\" oder so und sagt nicht einfach nur: \"Ich hab Sawatzki\", wie klingt denn das, bitteschön?",
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    "text": "DR. ONNO JANßEN:  “Aus irgendeinem Grund denkt der Körper, dass die Schilddrüse nicht seine eigene Schilddrüse ist. Der Mechanismus ist so ähnlich wie die Abstoßungsreaktion, wenn man ein Organ, also z.B. eine Niere, transplantiert bekommt. Diese transplantierte Niere ist von jemand anders. Der Körper erkennt, dass ist nicht meine Niere und versucht, dieses Gewebe abzustoßen. Bei der Hashimoto Thyrioiditis ist das ja nun die eigene Schilddrüse, sodass wir das als autoimmun bezeichnen. Aber der Vorgang ist der gleiche. Da gehen Lymphozyten in diese Schilddrüse rein, weil sie denken, dass das nicht zum Körper dazu gehört und versuchen, die zu zerstören.“",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nDamals kennt diese Zusammenhänge noch niemand. Hashimotos Arbeit stößt auch lange Zeit auf wenig Interesse. Wer sie überhaupt liest, bezweifelt, dass es sich um eine eigenständige Krankheit handelt. Erst 1931 bestätigen der Chirurg und Pathologe Allen Graham und der Internist und Endokrinologe Ernst Perry McCullagh die Ergebnisse.\nDie Anerkennung kommt spät, fast zu spät. Hashimoto hat sich bereits um 1915 aus der Forschung zurückgezogen und die Landklinik seines Vaters übernommen. 1934, drei Jahre nach der Arbeit von Graham und McCullagh steckt er sich bei einer Patientin mit Typhus an und stirbt im Alter von 52 Jahren. \nDie langsame Zerstörung der Schilddrüse durch die Hashimoto-Krankheit führt zu einer Unterfunktion. Während bei Morbus Basedow der Körper ständig mit den Schilddrüsenhormon T3 und T4 geflutet wird, die den Stoffwechsel beschleunigen, mangelt es bei der Hashimoto-Krankheit an genau diesen Einheizern.\nZu den Anzeichen zählt eine Vergrößerung der Schilddrüse - eine Struma, allerdings normalerweise nicht so groß wie der durch Jodmangel hervorgerufene Kropf, über den wir anfangs gesprochen haben, sondern eher eine deutlich ertastbare Schwellung. Sie entsteht, wenn die angegriffene Schilddrüse versucht, die normale Produktion von Hormonen aufrechtzuerhalten. \nVerwirrenderweise kann es bei der Hashimoto-Krankheit – die eben letztendlich zu einer Unterfunktion der Schilddrüse führt – zu Beginn zeitweise zu einer Überfunktion kommen. Dabei können viele der Symptome auftreten, die wir schon kennen: Die Struma oder auch das für Morbus Basedow so typische Herzrasen.Klingt paradox – doch der Grund ist einleuchtend: Durch die Zerstörung von Schilddrüsengewebe tritt vorproduziertes Schilddrüsenhormon aus, das dort für die spätere Verwendung gespeichert wurde. Sozusagen eine letzte Flut, bevor die Dürre einsetzt ...\nSpätere Symptome sind vor allem Müdigkeit und Antriebslosigkeit, in manchen Fällen auch eine Depression.",
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    "start": 1923.0,
    "text": "DR. ONNO JANßEN:  “Das ist eins der großen Probleme beim Hashimoto, dass das Jahre bis zu mehr als zehn Jahre dauern kann, bis aus dem Beginn dieser Erkrankung tatsächlich eine Unterfunktion kommt. Beim Hashimoto ist das anfangs mit all den schleichenden Symptomen, vielleicht einer Depression, mit einer Antriebsarmut ... es ist lange gar nicht klar, dass das die Schildrüse ist, und erst, wenn eben das dann vermutet wird und wenn spezifische Diagnostik gemacht wird, erst dann ist klar, dass das tatsächlich ein Hashimoto ist.“",
    "end": 1958.0
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nSpringen wir noch einmal in 19. Jahrhundert. Im April 1891 behandelt der britische Arzt George Muray eine 46jährige Patientin, die die Symptome eines Myxödems aufweist. Noch ne Krankheit, entschuldigt bitte. Es ist jetzt aber bloß wichtig, dass es sich um eine Hautkrankheit handelt, die sowohl durch Schilddrüsenunterfunktion als auch durch Schilddrüsenüberfunktion ausgelöst werden kann.  Der Klassiker also bei der Schilddrüse: Zwei gegensätzliche Dinge können sozusagen zum selben Ergebnis führen. \nJedenfalls: Bei seiner Patientin muss es sich um eine Unterfunktion gehandelt haben, denn als er ihr ein Extrakt aus den Schilddrüsen von Schafen injiziert, bildet sich die Krankheit zurück. Er ahnt es nicht, aber er setzt damit wohl als erster eine Hormontherapie zur Behandlung einer Krankheit ein. Später werden vor allem Extrakte aus Schweineschilddrüsen verwendet.\nUnd dann, an Weihnachten 1914, macht der amerikanische Biochemiker Edward C. Kendall ein Nickerchen. Das hat er sich verdient. Schließlich forscht er Tag und Nacht, selbst an den Feiertagen, und versucht der wirksamen Substanz in den Schilddrüsenextrakten auf die Spur zu kommen. Er weiß, dass sie Jod enthalten muss. Aber was macht die Schilddrüse eigentlich mit diesem Element? Kendall vermutet richtigerweise, dass das Jod zur Bildung einer körpereigenen Substanz benötigt und in dieser gebunden wird.  Mit Ethanol als Lösungsmittel ist es ihm bereits gelungen, eine Substanz herzustellen, die zu 47% aus Jod besteht. \nAm 23. Dezember schläft er bei einem seiner Versuche ein. Als er erwacht, ist das gesamte Ethanol verdunstet und er findet einen kristallinen Rückstand. Über die Weihnachtstage wiederholt und verfeinert er den Versuch. Die Substanz, die sich nach dem Verdunsten bildet enthält 60% Jod. Er nennt sie Thyroxin, heute auch unter dem Namen T4 bekannt. Kendall hat - buchstäblich im Schlaf - das erste Schilddrüsenhormon isoliert. \nSchon Anfang des nächsten Jahres setzt Kendall T4 bei Schilddrüsenunterfunktion ein - mit hervorragendem Erfolg! In einem Paper schreibt er:  \"Die Verabreichung bewirkt beim Hund und beim Menschen einen raschen Anstieg der Pulsfrequenz sowie eine Steigerung des Stoffwechsels und der nervösen Reizbarkeit.\"\nEr kann nicht allzu viele Versuche an Mensch und Hund durchführen. Für die Isolierung von nur 33g des Hormons hat er mehr als drei Tonnen Schweineschilddrüsen von ungefähr einer Viertelmillion Schweinen benötigt, die er von einem Schlachthof bezogen hat. Drei Tonnen! Stellt euch mal den Berg an glibbrigen Schilddrüsen vor! \nAlso nichts für den Massenmarkt. \n1926 kann der britische Chemiker Charles Robert Harington jedoch die Struktur von Thyroxin entschlüsseln und es synthetisch herstellen. Bis heute ist es das wichtigste Mittel bei der Behandlung von Schilddrüsenunterfunktion - und damit auch der Hashimoto-Krankheit. \nOkay, noch einmal zusammengefasst: Morbus Basedow führt zu einer Überfunktion der Schilddrüse, die Hashimoto-Krankheit zu einer Unterfunktion. Beides sind Auto-Immun-Erkrankungen. Im einen Fall produziert der Körper eine Substanz die bestimmte Rezeptoren der Schilddrüse dauerhaft besetzt und sie zu permanenter Überproduktion antreibt.\nIm anderen Fall erklärt er die Schilddrüse zum Foreign Agent und hetzt ihr die Staatsmacht in Form der weißen Blutkörperchen auf den Hals. Also ... in den Hals in diesem Fall ...\nBeides sind also Autoimmunerkrankungen. Das sage ich hier so leichtfertig, aber das ganze Konzept ist noch gar nicht so alt. Erst in den 1950er Jahren kann der amerikanische Immunologe Noel Rose erstmals Autoimmunreaktionen nachweisen.  Er injiziert Kaninchen eine Mischung aus Schilddrüseneiweißen, die ihrem eigenen Körper entstammen und einer Wasser-Öl-Emulsion, die abgetötete Bakterien enthält. Das Immunsystem stürzt sich in seinen Experimenten auf diese abgetöteten Bakterien, erklärt im Eifer des Gefechts auch die damit vermischten körpereigenen Stoffe zum Feind und greift die eigene Schilddrüse an. \nRose hat bei den Kaninchen eine Hashimoto-Thyreoiditis ausgelöst und der Medizin ein ganz neues Forschungsfeld eröffnet: Die Autoimmunologie. \nHeute sind Dutzende völlig unterschiedliche Autoimmunerkrankungen bekannt, unter anderem gehört dazu Diabetes-Typ 1, die wir in einer anderen Episode besprochen haben. Multiple Sklerose gehört dazu, Schuppenflechte, Morbus Crohn und Lupus – genug Stoff für eine ganze weitere Staffel dieser Serie!\nIn dieser Staffel beschäftigt uns ja immer wieder eine Frage: Was ist das eigentlich: ein \"Sieg der Medizin\"? Klar, die Ausrottung der Pocken, das war ein unbestreitbarer Sieg. Oder nehmen wir unsere Geschichte vom Anfang: Dass Heidi heute im Dörfli nicht mehr auf Schritt und Tritt einem Kropf begegnen würde, oder Kindern, die aufgrund von Jodmangel in der Schwangerschaft mit schlimmsten Gehirnschädigungen geboren wurden, ist ohne Zweifel ein Triumph.\nAber oft sind es eben nur Etappensiege. Und dazu gehört, eine Krankheit überhaupt erst einmal als Krankheit zu erkennen. Und Betroffenen und ihren Angehörigen zu bestätigen, dass da jemand nicht einfach nur müde oder schlecht gelaunt ist und sich mal \"nicht so haben soll\". Oder wir sprechen über Medikamente und Therapien, die das Leiden zwar nicht heilen, aber erträglich machen. Bei Hashimoto-Thyreoiditis und Morbus Basedow ist beides der Fall.  Oft bleibt es ein lebenslanger Kampf gegen die Krankheit. Wir haben noch nicht einmal die genauen Zusammenhänge ganz verstanden. Es gibt keinen Grund für Konfettiparaden. \nUnd doch gab es unzählige kleine und größere Fortschritte, es gibt sie bis heute. Zum Beispiel in der Diagnostik.",
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    "text": "DR. ONNO JANßEN:  “Schilddrüsenhormone messen können wir erst seit 1965. Das kann man sich alles gar nicht vorstellen. Wenn man sich das anguckt, das ist der totale Wahnsinn. Seit 1965, nachdem ich geboren wurde, seitdem können wir erst Schilddüsenhormone messen.  Also total irre.“",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nNeben der Bestimmung der Menge an Schilddrüsenhormonen verwendet man heute unter anderem Antikörpertests, Ultraschall und andere bildgebende Verfahren.",
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    "text": "DR. ONNO JANßEN:  “Morbus Basedow wird heutzutage primär medikamentös behandelt. Die aktuellen Leitlinien sagen dazu, dass ein erster Therapieversuch für 18 Monate, also eineinhalb Jahre, durchgeführt werden soll. Dabei wird regelmäßig der Erfolg der Therapie überprüft, anfangs alle paar Wochen, später kann man das auch alle zwei, drei Monate machen. Diese Therapie, wenn es jetzt nicht irgendwelche besonderen Komplikationen oder Risikofaktoren gibt, hat durchaus eine 80-prozentige Erfolgswahrscheinlichkeit. Sodass man dann nach eineinhalb Jahren diese Therapie absetzt, einen sogenannten Auslassversuch macht. 20 Prozent der betroffenen Menschen entwickeln im weiteren Verlauf ein Rezidiv. Das heißt, die Erkrankung kommt wieder.“",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nBei der Hashimoto-Krankheit sind wir noch nicht einmal so weit. Wir wissen nicht, wie man sie heilen kann – aber wir können die Symptome und das Leiden in den Griff bekommen – sie kann gut gemanaged werden, wie es so heißt.\nImmerhin. Ansonsten hilft in manchen Fällen ... na, ich will nicht sagen ein Wunder, sagen wir lieber: Der Körper hilft sich selbst. Wenn man Glück hat.",
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    "text": "DR. ONNO JANßEN:  “Menschen mit Hashimoto, die noch keine Funktionsstörung haben, da gibt es in bestimmten Situationen durchaus die Hälfte von denen, da heilt das wieder aus. Also die Schilddrüse normalisiert sich wieder, die Antikörper werden weniger,und es kommt nie zu einer Unterfunktion, aber wir haben bisher nicht verstanden, was man tun kann, um das aktiv zu fördern. Ich beglückwünsche diese Menschen dann, dass quasi die Unterfunktion an ihnen vorbei gegangen ist und wir nichts tun müssen. Aber wie man das herstellen kann, wissen wir nicht.“",
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    "text": "ANDREA SAWATZKI:\nDie beiden Krankheiten - und vor allem die Hashimoto -Krankheit bleiben ein medizinisches Problem. Aber auch ein gesellschaftliches. Und darunter leiden vor allem Frauen. Das liegt zum einen daran, dass beide Krankheiten bei ihnen - bei uns - viel häufiger auftreten. Bei Hashimoto sprechen wir von einem Verhältnis von beinahe 9 zu 1, bei Morbus Basedow liegt es immerhin noch bei etwa 5 zu 1. \nDas hat biologische Gründe – das weibliche Immunsystem ist anpassungsfähiger, schießt aber auch leichter über das Ziel hinaus. Frauen haben deshalb insgesamt häufiger Autoimmunerkrankungen als Männer. \nUnd: bei Frauen werden manche Symptome noch immer viel zu oft auf psychische Probleme geschoben, ohne die zugrunde liegende physische Ursache zu erkennen. Das hat viel mit Rollenbildern und Vorurteilen zu tun. Wir gehen hier nicht ins Detail, aber wenn euch das Thema interessiert, dann hört doch mal in unseren Podcast über geschlechtergerechte Medizin rein. Der heißt „The Sex Gap“ und den verlinken wir in den Infos dieser Folge. \nKrankheiten wie Hashimoto haben natürlich auch wirtschaftliche und soziale Folgen für die Betroffenen. Insbesondere wenn sie unbehandelt bleiben. Ich sag mal so: Wer zum Beispiel dauerhaft erschöpft ist, kann keine Überstunden schieben, keine Kinder zum Training fahren, keine Partys organisieren. Da werden Hashimoto und Basedow durchaus  zu Karriere-Killern und können Freundschaften und Familien belasten.\nWir sprechen hier übrigens keineswegs von seltenen Krankheiten, auch wenn sie immer noch ein bisschen als Exoten gelten. Hashimoto Thyreoditis ist sogar die häufigste Autoimmunerkrankung überhaupt. In Deutschland sind etwa 2,3% der Bevölkerung, also beinahe 2 Millionen Menschen davon betroffen. \nAber: Das Wissen um die Krankheiten verbreitet sich. Hausärztinnen und Hausärzte überprüfen bei unspezifischer Müdigkeit heute oft auch gleich anhand eines Blutwertes die Schilddrüsenfunktion.\nAuch die Therapien verbessern sich, auch wenn der endgültige Durchbruch zur Heilung noch in der Zukunft liegt. Noch immer ist bei der Hashimoto Krankheit mit einer Unterfunktion das Schilddrüsenhormon T4 das Mittel der Wahl, wie schon vor mehr als 100 Jahren. Aber die Einstellung wird heute sehr genau und individuell angepasst. Wer an Morbus Basedow erkrankt, hat inzwischen deutlich bessere Chancen, ohne Operation auszukommen.\nUnd ich finde, auch das ist ein „Sieg der Medizin“: Das Erkennen, Erforschen einer oft übersehenen Krankheit, das Ernstnehmen der Betroffenen, das Beherrschen der Symptome. \nSo. Und um diese verdammt komplizierte Folge gebührend zu beenden, kehren wir noch einmal in die Welt von Heidi zurück. Vorhin habe ich sie kaputt gemacht. Jetzt mach ich sie wieder heil. \nIn der Nacht findet Heidi keinen Schlaf. Sie hat lange mit dem Öhi gesprochen. \"Jaja, so sind die Leute nun mal\", hat der gesagt, genau wie Peter. Und als sie gefragt hat, warum die Menschen in Frankfurt nicht so sind, warum sie dort kaum einen Kropf gesehen hat, warum dort nicht an jeder Ecke Kinder mit übergroßen Köpfen und leerem Blick herumsitzen - da hat er lange geschwiegen und an seiner Pfeife gezogen.\n\"Vielleicht hat Gott uns vergessen\", sagte er schließlich. Dann stand er auf und ging in den Stall, um die Tiere zu versorgen.\nHeidi seufzt und zieht sich die dünne Decke bis ans Kinn. Das kann doch nicht wahr sein! Gott vergisst doch niemanden, das hat der Pfarrer so oft in seinen Predigten beteuert! Und dann soll er sich ausgerechnet von den kranken Menschen im Dörfli abgewendet haben? Von denen, die ihn am meisten brauchen? Aber der Pfarrer hat noch etwas anderes erzählt. Dass nämlich die Liebe und die Sorge Gottes sich manchmal nicht in einem Wunder zeigen, sondern einfach in der Liebe und Sorge eines anderen Menschen, in einem Lächeln, einer helfenden Hand, einer kleinen Geste der Anteilnahme. \nSie versteht zwar nicht genau, warum Gott sich nicht selbst kümmert, sondern andere vorschickt, und überhaupt: warum er solches Leid überhaupt zulässt und die Leute nicht einfach heilt. Aber - auch das hatte der Pfarrer gesagt - Gottes Wege sind unergründlich und es ist nicht an uns, sie in Frage zu stellen.\n\"Heidi, was stellst du denn nun schon wieder an?\" Der Öhi schüttelt den Kopf, als er sich am nächsten Morgen auf die Bank vor der Almhütte setzt. Der ganze Tisch liegt voll mit Kräutern und Beeren: Schafgarbe, Frauenmantel, Wacholder, dazwischen bunte Blüten von Wiesenblumen. \n\"Ich kann sie woanders hinlegen, wenn sie dort stören. Sie müssen trocknen ...\"\nDer Alte steckt sich gemächlich die Pfeife an. \"Trocknen, soso. Und wozu? Ich habe genug Heilkräuter in der Küche.\"\n\"Die sind nicht für uns!\" Heidi strahlt ihn an. \"Die sind für die Menschen im Dörfli, die Kranken. Ich will sie in kleine Säckchen nähen und sie ihnen schenken!\"\n\"Ach Heidi!\", brummt der Öhi. \"Was denkst du dir nur? Wenn diese Kräuter sie heilen könnten, wäre niemand mehr krank! Willst du die Welt verbessern? Du bist nur ein kleines Mädchen, du kannst nicht mehr ausrichten als ...\" Er schaut sich um und zeigt dann auf die Wiese. “... dieser kleine Schmetterling dort mit seinem Flügelschlag.”\n\"Ich weiß”, sagt Heidi fröhlich. “Ich will sie auch gar nicht heilen - obwohl, schön wäre es schon. Aber wenn sie das Säcklein sehen und daran riechen, dann werden sie wissen, dass jemand an sie denkt und mit ihnen fühlt. Und wenn nur ein einziges kleines Mädchen wie ich an sie denkt und ihnen Kräuter und ein Lächeln schenkt, dann hat Gott sie nicht vergessen.\"\nSie springt auf, als sie die Glöckchen hört. \"Oh, da kommt Peter! Ich muss los, ich muss ihn gleich fragen, ob wir heute wieder ins Dörfli können!“\nUnd damit zurück von der Alm auf den Boden der Tatsachen: Wir sind am Ende dieser Episode. Einen herzlichen Dank an Professor Doktor Onno Janßen für das Gespräch und vielen Dank an euch fürs Zuhören. Wenn ihr könnt: Empfehlt uns weiter und bewertet uns, das hilft uns sehr! Vor allem freut es uns - und ganz bestimmt auch die Leute, die dank euch noch auf diesen Podcast stoßen. \nIn unserer nächsten Folge geht es um eine Krankheit, bei der schon der Name Schrecken auslöst: Kinderlähmung. Oder, fachlich korrekt, Polio bzw. Poliomyelitis. Ein Schrecken, der überwunden schien und es doch noch nicht ist ...\nAch, übrigens: Falls ihr demnächst mal bei der Arbeit einschlaft, wünsche ich euch von Herzen, dass ihr beim Aufwachen eine tolle wissenschaftliche Entdeckung vorfindet - falls nicht (und falls das öfter vorkommt) - sprecht ruhig mal mit eurer Hausärztin oder eurem Hausarzt.\nIn diesem Sinne: Bleibt gesund und munter und neugierig!\nEure Andrea Sawatzki!",
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    "text": "SPRECHER:\nSiege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören, das Audioangebot der Apotheken Umschau\nExecutive Producers „gesundheit-hören“: Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück\nExecutive Producers „WakeWord“: Ruben Schulze Fröhlich und Christoph Falke\nAutor: Volker Strübing\nRegisseur: Berni Mayer\nRedaktion „WakeWord“: Berni Mayer, Volker Strübing, Josephine Aleyt\nRedaktion „gesundheit-hören“: Kari Kungel\nMedizinisch-pharmazeutischer Faktencheck: Dr. Andreas Baum, Dr. Roland Mühlbauer, Dr. Katharina Kremser\nMusik: Johannes Cornelius\nSound Design: Felix Stäblein\nProduktionsleitung: Josephine Aleyt\nProduziert von den Wake Word Studios in München",
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