[
  {
    "start": 3.0,
    "speaker": "Marc-Sven Kopka",
    "text": "For a Better Working Life, der NWX Podcast. Wir interviewen Menschen, die die Arbeitswelt neu denken und diejenigen, die sie jeden Tag gestalten. Wir liefern Zahlen, Studien und Insights zu dem, was wir Arbeit nennen. Heute: The Briefing.",
    "end": 24.0
  },
  {
    "start": 24.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Willkommen zu einer neuen Folge von The Briefing, dem kompakten Update-Format rund um Zahlen, Studien und Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt. Heute geht es um das Thema Arbeitszeit. Arbeiten wir zu viel oder vielleicht sogar zu wenig? Und was bedeutet das für unsere Wirtschaft, unsere Gesellschaft und natürlich auch für jeden Einzelnen? Wie immer mit dabei unser hochkompetenter XING-Arbeitsmarktexperte Dr. Julian Stahl. Hallo Julian.",
    "end": 50.0
  },
  {
    "start": 50.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Hallo Alina und hallo an die Zuhörenden.",
    "end": 53.0
  },
  {
    "start": 53.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Julian, lass uns direkt mal rein starten. Wenn du auf die aktuellen Zahlen zur Arbeitszeit schaust, was sind aus deiner Sicht gerade die wichtigen Entwicklungen? Also was fällt dir besonders auf?",
    "end": 64.0
  },
  {
    "start": 64.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Also für Hörende, die sehr wenig Zeit haben, die ganz wichtigen Botschaften vorab: Wir haben zwar mehr Erwerbstätige – die sind stetig gestiegen, da ist der Trend zu mehr Teilnahme am Arbeitsmarkt. Und gleichzeitig haben wir ein ziemlich konstantes Arbeitsvolumen. Das heißt, es werden gleich viele Stunden geleistet. Und woran das liegt, können wir uns gerne jetzt im Nachgang in der Folge einmal richtig anhören oder beziehungsweise richtig durchgehen.",
    "end": 90.0
  },
  {
    "start": 90.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Okay, das können wir gleich gerne machen. Lass uns das vorher noch einmal so ein bisschen europäisch einordnen. Wo steht Deutschland? Da arbeiten wir mehr oder weniger als unsere Nachbarn?",
    "end": 100.0
  },
  {
    "start": 100.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Also wenn man sich wirklich nur die durchschnittliche Wochenarbeitszeit anguckt, dann liegt Deutschland deutlich unter dem EU-Schnitt – und tatsächlich am drittletzten Platz. Nur die Dänen und die Niederländer arbeiten im Mittel noch weniger als die Deutschen. Allerdings – und da können wir gleich nochmal darauf eingehen – gilt auch in Deutschland: Deutschland hat die dritthöchste Teilzeitquote und eine relativ hohe Erwerbsteilhabe. Das heißt, relativ viele Personen im erwerbsfähigen Alter nehmen auch am Arbeitsmarkt teil.",
    "end": 130.0
  },
  {
    "start": 130.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Das finde ich super spannend, denn es arbeiten ja immer mehr Menschen als früher. Aber insgesamt arbeiten wir ja nicht mehr Stunden. Wie passt das denn zusammen?",
    "end": 140.0
  },
  {
    "start": 140.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Naja, was da reinkommt, ist die Tatsache, dass diejenigen, die daran teilnehmen am Arbeitsmarkt, im Mittel natürlich weniger arbeiten. Das heißt: Zum einen gab es in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten viele Tarifabschlüsse, die zum Beispiel Durchschnittswochenarbeitszeiten von tarifgebundenen Jobs gesenkt haben. Und der zweite Grund, der daran ganz stark einen Anteil hat, ist, dass die Teilzeitquote – also Leute, die nicht 100 Prozent arbeiten – stark gestiegen ist.",
    "end": 168.0
  },
  {
    "start": 168.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Teilzeit scheint also ein ganz zentraler Hebel zu sein dabei. Wie stark beeinflusst das das Gesamtbild?",
    "end": 176.0
  },
  {
    "start": 176.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Sehr stark. Und dahinter wiederum ist ein entscheidender Treiber, dass – wenn man sich anguckt, ich habe ja gesagt, es gibt mehr Erwerbstätige – bei welchen demografischen Gruppen ist denn die Erwerbstätigkeit besonders stark gestiegen? Und das sind vor allen Dingen Frauen und es sind vor allen Dingen Arbeitnehmende 60 plus. Und beides, das sind Gruppen, die überproportional häufig in Teilzeit arbeiten. Und dementsprechend gibt es da diesen Mix-Effekt, dass die Tatsache, dass es mehr von denen gibt, die im Mittel häufiger Teilzeit arbeiten, die Teilzeitquote deutlich nach oben treibt.",
    "end": 209.0
  },
  {
    "start": 209.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Und wenn wir jetzt über Arbeitszeitverkürzung sprechen, hört sich das in meinen Ohren erstmal ganz schön an. Nach etwas Erstrebenswertem – weniger Stress, mehr Freizeit. Aber mal ehrlich: Wer profitiert da wirklich und wer vielleicht nicht?",
    "end": 225.0
  },
  {
    "start": 225.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Also profitieren tun natürlich diejenigen, die es wirklich freiwillig tun – die sich bewusst dagegen entscheiden, mehr Stunden bezahlte Arbeit zu leisten, weil sie sich das leisten können und es wirklich aus freiem Willen tun. Allerdings – und da können wir gleich wieder nochmal darauf eingehen – gibt es interessante Gründe, warum Leute in Teilzeit arbeiten. Und diejenigen, die zum Beispiel im Niedriglohnsektor arbeiten – für die ist es wahrscheinlich gar keine Option, freiwillig weniger zu arbeiten, weil es ansonsten nicht für den Lebensunterhalt reicht.",
    "end": 260.0
  },
  {
    "start": 260.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Ein Konzept, das ja auch viel diskutiert wird, ist die Viertagewoche. In Ländern wie Island oder Großbritannien wurde die ja auch schon getestet. Was können wir denn aus solchen Pilotprojekten mitnehmen?",
    "end": 271.0
  },
  {
    "start": 271.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Was man daraus erfreulicher oder zumindest überraschenderweise sieht, ist, dass an sich die Produktivität – zumindest in den Testzeiträumen – gar nicht groß gesunken ist. Wenn es gut organisiert ist und wenn die Arbeitskultur passt, wenn die Technologie vorhanden ist, dann kann es klappen, dass Leute tatsächlich nur vier Tage arbeiten und gleich oder ähnlich produktiv sind wie vorher. Das ist eine Frage von Disziplin – und das sind natürlich auch Studien, die testweise durchgeführt worden sind. Es mag auch sein, dass Leute in der Zeit besonders viel Gas gegeben haben. Im Langfristvergleich und auf die Gesamtbevölkerung könnte sich das aber nochmal anders auswirken – das kann man nicht sicher sagen.",
    "end": 312.0
  },
  {
    "start": 312.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Gut, jetzt aber nochmal ganz konkret: Für wen ist die Viertagewoche wirklich realistisch und wer tut sich damit eher schwer?",
    "end": 321.0
  },
  {
    "start": 321.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Das sind natürlich solche Leute, die man gemeinhin als Wissensarbeitende bezeichnet – also Menschen, die z. B. vom Schreibtisch E-Mails beantworten, Videokonferenzen machen, Konzepte entwickeln. Dort ist es relativ egal, wann und von wo gearbeitet wird. Auch Menschen, die von Homeoffice oder Workation profitieren. Wenn ich allerdings z. B. in der Gastro arbeite und abends um 18 oder 20 Uhr die große Welle an Gästen kommt, dann funktioniert das so nicht. Auf der anderen Seite: Die Viertagewoche gibt es auch erfolgreich im Handwerk, wo dann freitags komplett zu ist – das ist dann ein Employer Branding Faktor. Also es gibt auch gute Beispiele fernab des Schreibtischs.",
    "end": 391.0
  },
  {
    "start": 391.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Während die Viertagewoche häufig auch noch voll entlohnt wird, ist das bei Teilzeit eher nicht die Regel. Da stellt sich für mich die Frage: Ist das jetzt wirklich freiwillig, dass Menschen in Teilzeit gehen – oder entsteht das manchmal aus der Not heraus, z. B. wegen fehlender Betreuung, Pflege oder Vollzeitstellen? Julian, wie siehst du das? Kannst du uns da eine kurze Einschätzung geben?",
    "end": 415.0
  },
  {
    "start": 415.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Also, wenn man sich das anguckt – und zum Glück gibt es beim Statistischen Bundesamt relativ genau aufgefächerte Daten – dann ist es so, dass von den Leuten, die derzeit in Deutschland Teilzeit arbeiten, insgesamt nur 42 % es wirklich aus freiem Willen tun. Ein Achtel arbeitet Teilzeit wegen Aus- und Weiterbildung, 5 % sagen, sie haben keine Vollzeitstelle gefunden, weitere 5 % nennen Krankheit oder Behinderung. Und der große Rest – über ein Drittel – arbeitet Teilzeit, weil sie Kinder oder Angehörige betreuen müssen. Bei den Männern sind es 18 % der Teilzeitkräfte, die das aus Betreuungsgründen machen, bei Frauen aber 42 %. Also: 42 % der Frauen, die in Teilzeit arbeiten, tun das nicht freiwillig – sondern wegen familiärer Betreuungspflichten. Deswegen – du hast es so schön gesagt – schöne, shiny neue Welt und alle haben viel Freizeit? In fast der Hälfte der Fälle ist das eben gar keine freie Entscheidung.",
    "end": 499.0
  },
  {
    "start": 499.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Also es ist immer noch ein starker Unterschied zwischen Männern und Frauen – und Care-Arbeit, die eigentlich auch Arbeit ist, aber nicht entlohnt wird. Eine andere Gruppe von Menschen, die freiwillig arbeiten, obwohl sie es eigentlich nicht mehr müssten, sind Menschen, die über das Rentenalter hinaus arbeiten. Machen die das, weil sie Lust drauf haben – oder weil es finanziell nicht anders geht?",
    "end": 525.0
  },
  {
    "start": 525.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Tatsächlich ein Stück weit beides. Also es ist so, und das will ich auch gar nicht schönfärben, das Armutsrisiko ist im Bereich des Rentenalters überproportional hoch. Das heißt, es gibt auch in der Altersgruppe relativ viele, die tatsächlich arbeiten, schlichtweg weil die Rente nicht reicht, weil sie aufstocken müssen.Das machen sie dann vielleicht nicht in Vollzeit, entweder weil sie nicht mehr können oder weil auch der Vollzeitjob nicht unbedingt zum Lebensunterhalt notwendig ist, aber die arbeiten halt, weil sie müssen. Auf der anderen Seite, und das finde ich persönlich eigentlich ganz ermutigend, zum Beispiel das IAB, aber auch wir von XING zusammen mit Appinio haben gefragt, was denn Leute antreibt, noch über das Rentenalter hinaus weiter zu arbeiten. Und neben den finanziellen Faktoren – und sogar teilweise mehr – waren es eher Gründe wie: ich möchte mein Wissen weitergeben, ich möchte den sozialen Kontakt zu meinen Kolleginnen und Kollegen nicht verlieren, ich möchte mich gebraucht fühlen, ich möchte einfach aktiv bleiben, aktive Teilhabe haben – und da waren echt Gründe dabei, die mich persönlich sehr positiv gestimmt haben.Und um dann nochmal ganz kurz auf dem Thema zu bleiben: Aktuell arbeiten rund 8 % der 65- bis 69-Jährigen. Wir haben aber gefragt, ob es sich Leute vorstellen könnten, übers Renteneintrittsalter hinaus zu arbeiten und ob sie dazu auch gesundheitlich in der Lage wären. Natürlich gab es einige, die sagen, nee, zum Beispiel nach 40 Jahren auf dem Bau ist mein Rücken so kaputt, ich könnte gar nicht mehr arbeiten.Aber ziemlich viele Leute könnten noch arbeiten und ziemlich viele würden es auch wollen. Also ich hatte eben gesagt, 8 % tun es, 53 % wären aber theoretisch dazu bereit. Und das ist, finde ich, schon eine ziemlich beeindruckende Zahl, wo man auch sieht, dass tatsächlich das Weiterarbeiten – wenn man über Arbeitszeit redet im Sinne von Lebensarbeitszeit – dass da noch ein ganz schön großes Potenzial schlummert.",
    "end": 641.0
  },
  {
    "start": 641.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Ja, auf jeden Fall, zumal diese Menschen natürlich auch einen ganz hohen Mehrwert für die Gesellschaft leisten können, und die Arbeit wiederum wahrscheinlich auch Lebensqualität bieten kann für die Menschen im Rentenalter. Was könnten wir denn ändern – oder gibt es da noch eine Stellschraube oder einen Hebel, den wir drücken könnten, damit ältere Menschen auch wirklich gesund und gern länger im Job bleiben können?",
    "end": 664.0
  },
  {
    "start": 664.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Also da gibt es, glaube ich, eine Reihe von Hebeln. Wichtig ist erstmal, dass wir aktiv gegen Altersdiskriminierung vorgehen. Auch dazu haben wir unlängst eine Studie gemacht und herausgefunden, dass mehr als jeder Vierte bereits aufgrund des Alters im Job diskriminiert worden ist.Geht halt gar nicht – müssen wir abstellen. Dann ist auch da der Wunsch nach Flexibilität ein großer. Das heißt, die Leute so arbeiten lassen – räumlich, zeitlich – wie es ihnen am besten passt.Und natürlich auch auf gesundheitliche Bedürfnisse eingehen, ergonomisch sinnvolle Arbeitsplätze schaffen und sozusagen die Hürden, die es gibt, abbauen. Und natürlich zu guter Letzt: finanzielle Anreize schaffen beziehungsweise finanzielle Disincentives abbauen. Und die sich gerade formierende Bundesregierung hat das ja auch mit im Konzept, dass die Freibeträge angehoben werden – dass man sozusagen mehr Anreiz bekommt, auch übers normale Renteneintrittsalter hinaus weiterzuarbeiten.",
    "end": 723.0
  },
  {
    "start": 723.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Gut, ich würde jetzt gerne nochmal mit dir ein bisschen rauszoomen. Du hast am Anfang gesagt, Deutschland ist schon jetzt unter den Flop 3 im EU-Vergleich der Arbeitszeit. Was sind denn die größten Risiken für unseren Arbeitsmarkt, wenn jetzt ab 2027 der demografische Wandel voll durchschlägt?Die Zahl der Erwerbsfähigen wird dann ja nochmal deutlich sinken. Es wird weniger Arbeitskräfte bei gleichzeitig steigendem Bedarf geben. Hast du da jetzt vielleicht Ideen, wie wir das lösen könnten?Also welche Ansätze gibt es da?",
    "end": 752.0
  },
  {
    "start": 752.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Das ist natürlich eine Frage von sehr, sehr großer Tragweite, aber sicherlich gibt es einige Ansätze dafür. Erst mal – du hast so recht – es ist natürlich ein Riesenrisiko auch für die Volkswirtschaft, wenn so viele Menschen ausscheiden.Auf einem Thema waren wir gerade schon implizit relativ stark: dass man natürlich Anreize schafft, dass Leute länger arbeiten. Wenn mehr Leute länger arbeiten – also auf Lebensarbeitszeit betrachtet – dann haben wir wieder mehr volkswirtschaftliche Leistungen im Säckel.Dann gibt es aber auch noch eine ganze Reihe weiterer Hebel. Wir waren gerade zum Beispiel bei der Erwerbsbeteiligung von Frauen, die viel in Teilzeit ist aufgrund von Betreuungsverpflichtungen. Wenn man da bessere Betreuungsangebote von Kindern, aber auch von Pflegebedürftigen schafft, ist auch das sicherlich noch ein großer Hebel – wenn diejenigen, die gerne Vollzeit arbeiten würden, das auch können.",
    "end": 806.0
  },
  {
    "start": 806.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Ja, es gibt ja immer diese sogenannten stillen Reserven, die wir noch heben können. Ich würde mit dir da gerne mal so ein paar Szenarien durchgehen. Also für mich wäre ein Hebel jetzt: mehr Menschen in Vollzeit bringen.Zum Beispiel, wenn wir Kinderbetreuung oder Pflege besser organisieren. Woran scheitert das jetzt gerade noch?",
    "end": 825.0
  },
  {
    "start": 825.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Das ist eine spannende Frage. Also ich denke, es scheitert an einer Reihe von Faktoren. Es scheitert daran, dass schlichtweg diese Jobs in den Bereichen, die man dafür bräuchte, an sich zu schlecht bezahlt sind.Das heißt, Kitas können teilweise nicht aufmachen, weil es zu wenig Erziehende gibt. Und das ist unter anderem sicherlich auch ein Gehaltsthema. Das heißt, da müsste man bewusst auch – oftmals ja auch in staatlicher Trägerschaft – investieren, dass einfach die Jobs, die sozusagen indirekt dafür sorgen, dass andere Menschen auch mehr arbeiten können, auch vernünftig bezahlt werden.Das kenne ich selber mit einem Kind im Kindergarten. Diese Leute dort leisten einen sehr, sehr wertvollen Beitrag – und der sollte eben auch entlohnt werden. Das ist, glaube ich, schon mal ein ganz wichtiger Punkt.Und das Gleiche gilt auf der anderen Seite natürlich genauso auch in der Alters- und Krankenpflege.",
    "end": 877.0
  },
  {
    "start": 877.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Ein weiterer Hebel, den ich mir mit dir gerne anschauen würde, ist das Thema Migration. Das wird ja auch ganz, ganz viel diskutiert. Wenn wir die Zuwanderung jetzt klug gestalten – kann das den Fachkräftemangel abfedern oder wo sind die größten Hürden?",
    "end": 893.0
  },
  {
    "start": 893.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Ja, also das ist sicherlich auch ein ganz wichtiger Faktor, um den Fachkräftemangel abzufedern. Und auch in Bereichen wie der Pflege ist das ein wichtiger Faktor – aber natürlich auch in so ziemlich allen anderen Mangelberufen. Und ich glaube, dass wir uns da ein Stück weit selber im Wege stehen – auch teilweise.Also teilweise aufgrund von Sprachbarrieren, dass wir den Leuten, die gerne kommen möchten, die schon da sind, nicht schnell genug die Hürden abbauen, die es für eine wirkliche Teilhabe vielleicht brauchen würde.Dass wir hier und da – und wenn man sich Wahlergebnisse derzeit anguckt, kann einem echt Angst und Bange werden – dass wir auch mindestens mal den Eindruck machen, nicht sonderlich offen dem Zuzug gegenüber zu sein. Das können wir uns eigentlich langfristig auch nicht leisten.Und auch da: Auf dem Weltmarkt konkurrieren wir natürlich als Volkswirtschaft mit anderen, die sich um gut qualifizierte Migrantinnen und Migranten bewerben. Und das wäre schon gewissermaßen ein Mindset-Shift, den man da vollziehen müsste, denn ich glaube, wir brauchen guten qualifizierten Zuzug, damit eben – just das, was du angesprochen hast – dieser Fachkräftemangel mindestens ein Stück weit abgemildert werden kann.",
    "end": 969.0
  },
  {
    "start": 969.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Gut, also alles nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Dann hätte ich da jetzt aber noch unsere Wunderwaffe: die KI. Können wir nicht einfach mit KI das fehlende Arbeitsvolumen auffangen oder ausgleichen?",
    "end": 982.0
  },
  {
    "start": 982.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Teilweise ja. Du weißt, ich bin ein großer Verfechter vom Einsatz von künstlicher Intelligenz – allen sicherlich auch existenten Risiken zum Trotz. Wir hatten deswegen ja auch vor ein paar Monaten extra die Detailfolge zum Thema künstliche Intelligenz.Und ich glaube, es ist ganz, ganz wichtig, dass wir Routineaufgaben, repetitive Aufgaben möglichst stark an die KI auslagern. Und dass wir auch KI nicht als Bedrohung für Arbeitsplätze verstehen, sondern eher als Augmentierung.Das heißt, dass das Mensch-Maschine-Duett sozusagen viel besser die zu tuende Arbeit erledigen kann, als das ein Mensch alleine könnte.Und historisch gesehen gab es Wirtschaftswachstum auch immer dann, wenn mehr Menschen in den Arbeitsmarkt eingetreten sind. Und da das jetzt auch auf absehbare Zeit sicherlich nicht passieren wird – und eher das gegenteilige Momentum herrscht – ist der einzige wirklich realistische, auch mathematisch realistische Weg, wie man weiterhin Wirtschaftswachstum in Deutschland haben kann, wenn die Stundenproduktivität steigt.Und Stundenproduktivität kann eigentlich dann nur noch steigen, wenn man mehr und besser und schlauer Technologie einsetzt, um eben die durchschnittliche Wertschöpfung pro Arbeitsstunde anzuheben.Und dafür ist KI meiner Meinung nach die ganz, ganz große Chance, die wir da haben.",
    "end": 1062.0
  },
  {
    "start": 1062.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Ja, okay, dann lass uns noch einmal zusammenfassen. Was würdest du in drei knappen Punkten sagen: Welche Stellschrauben sollten wir aus deiner Sicht jetzt dringend drehen, damit wir beim Arbeitsvolumen und der Wettbewerbsfähigkeit nicht den Anschluss verlieren?",
    "end": 1076.0
  },
  {
    "start": 1076.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Also:\nWir sollten den Ausbau von Pflege- und Betreuungsplätzen betreiben und auch die Menschen, die dort arbeiten, vernünftig entlohnen und gute Arbeitsbedingungen schaffen, damit es ein attraktives Feld ist.\nWir sollten Zugewanderte schneller und besser in den Arbeitsmarkt integrieren.\nUnd wir sollten älteren Menschen, die länger arbeiten wollen, das auch ermöglichen.Und zu guter Letzt: KI wirklich als Produktivitätsfaktor und -motor verstehen – und diese Chance auch aktiv annehmen.",
    "end": 1104.0
  },
  {
    "start": 1104.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Und ganz zum Schluss jetzt nochmal deine persönliche Vision. Wie sieht für dich die perfekte Arbeitszeit der Zukunft aus?",
    "end": 1112.0
  },
  {
    "start": 1112.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Also die perfekte Arbeitszeit der Zukunft, die verbringt man und die verbringt jeder dort und dann, wann und wo er und sie am besten eingesetzt werden möchte und produktiv sein möchte und das mit so viel sinnvoller KI-Unterstützung wie möglich.",
    "end": 1129.0
  },
  {
    "start": 1129.0,
    "speaker": "Alina Kölbl",
    "text": "Das ist doch mal ein toller Abschluss, ein toller letzter Satz. Dann danke ich dir Julian, schön, dass du wieder dabei warst und bis zum nächsten Mal.",
    "end": 1137.0
  },
  {
    "start": 1137.0,
    "speaker": "Dr. Julian Stahl",
    "text": "Vielen Dank und bis in rund vier Wochen.",
    "end": 1148.84
  }
]