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    "end": 1.8,
    "text": "Ahmad Mansur kann kein Vorbild sein."
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    "end": 11.44,
    "text": "Intellektuelle wie Ahmad Mansur, die aus migrantischen Muslimen Staatsresonverfechter machen wollen, treffen zurecht auf Unverständnis."
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    "text": "Gemeinsame Palestina-Solidemos von Muslimen, Juden, Christen und Atheisten sind die besseren Brückenbauer."
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    "text": "Von Ilias Ibn Karim und Jonathan Peasman."
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    "text": "Ahmad Mansur Bücher tragen Titel wie Generation Allah oder Operation Allah."
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    "text": "In Tweets, Talkshows und Kolumnen warnt der Psychologe und Publizist unermüdlich vor Unterwerfung, Unterwanderung und Terrorunterstützung."
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    "text": "Seit dem Beginn des Genozids in Gaza tritt er zudem verstärkt als pro-israelische Stimme in Erscheinung."
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    "text": "Diese Haltung macht ihn besonders bei Politikerinnen und Politikern der christlich-demokratischen Union und christlich-sozialen Union zu einer gefragten Persönlichkeit."
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    "text": "Seit April, fördert das CSU-geführte Bundesforschungsministerium sogar ein Projekt Monsurs namens Dissident mit neun Komma fünf Millionen Euro."
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    "text": "Offiziell möchte Dissident Islamismus und Israel bezogenen Antisemitismus bekämpfen."
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    "text": "Dafür soll Monsurs unternehmen, die Monsur-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention, MIND, GmbH, nun unter anderem Workshops an Schulen ausrichten."
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    "text": "Dabei liegt der Fokus explizit auf Jugendlichen mit internationaler Migrationsbiografie."
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    "text": "Gleichzeitig wird an mehreren deutschen Universitäten für das Projekt geforscht."
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    "text": "Jede Form der Palestiner Solidarität scheint dabei genau unter die Lupe genommen zu werden."
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    "text": "Ein erlanger Psychologieprofessor untersucht für das Projekt zum Beispiel, wie Lehrkräfte didaktisch darauf reagieren, wenn ein Schüler eine palästinensische Kuffier trägt."
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    "end": 119.8,
    "text": "Das Projekt macht deutlich, dass sich der Einfluss der deutschen Staatsresong keineswegs nur auf Außenpolitik beschränkt."
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    "text": "In seinem Buch über die deutsch-israelischen Beziehungen Absolution stellt der Politikwissenschaftler Daniel Marwecki fest, wenn Deutsche über Israel reden, reden sie meistens über sich selbst."
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    "text": "Geht es um Israel, dann geht es um deutsche Identität."
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    "end": 145.7,
    "text": "Während Muslime schon seit längerem im Fokus deutscher Integrationsdebatten stehen, dient das Bekenntnis zu Israel nun als zentraler Prüfsteingesellschaftlicher Zugehörigkeit."
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    "text": "Akteure wie Ahmad Mansour spielen in diesem Kontext eine besondere Rolle."
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    "text": "Sie sind mehr als karriereorientierte Einzelkämpfer, die zu viel mediale und politische Aufmerksamkeit erhalten."
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    "text": "Mansour ist Teil einer neuen Klasse von staatstragenden muslimischen Intellektuellen, die der Mehrheitsgesellschaft erklären, was mit den Muslimen vermeintlich nicht stimmt."
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    "text": "und dabei helfen, diese Menschen auf den Pfad von Demokratie und Integration zu führen."
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    "end": 179.28,
    "text": "Sie fungieren als Mustermuslime, die ihren Glaubensgeschwistern eine bejahende Haltung gegenüber dem deutschen Staat vermitteln und vorleben sollen."
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    "text": "Wie intellektuelle die herrschende Klasse stützen."
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    "text": "Dem italienischen Marxisten Antonio Gramsci zufolge sind intellektuelle nie lediglich Menschen, die ihr Leben dem Geistigen schaffen widmen."
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    "end": 202.02,
    "text": "Als eine Schicht von Spezialisten sind sie jene Schlüsselfiguren, die aufrechterhalten, was Gramsci kulturelle Hegemonie nannte."
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    "text": "Ein herrschendes System erhält sich nie allein durch Gewalt, sondern auch durch ein Geflecht aus Glaubenssystemen, Narrativen, Normen und Ideologien."
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    "text": "Das sorgt dafür, dass alle Klassen die bestehenden Verhältnisse akzeptieren und stützen."
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    "text": "Intellektuelle dienen als die zentralen Akteure dieser Hegemonie."
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    "end": 229.06,
    "text": "Sie vermitteln ihre Glaubenssätze über Bildung, Medien, Kunst und auch über Religion."
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    "text": "Religion ist wohl das älteste Vehikel kultureller Hegemonie."
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    "text": "Nicht umsonst hat die Bundesrepublik, trotz Neutralitätsgebot, den Religionsunterricht an Schulen aufrecht erhalten."
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    "text": "Dem Christentum wurde eine zentrale Rolle in der korrekten ethischen Erziehung der deutschen Bürger zugesprochen."
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    "text": "Zu groß, als dass man sie ignorieren könnte."
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    "text": "Der Islam sollte im Idealfall eine ähnliche Funktion erfüllen."
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    "text": "Aktuell wird er jedoch als Integrationshemd wahrgenommen."
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    "text": "Ahmad Mansour sorgt dafür, dass das so bleibt."
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    "text": "Sein erklärtes Ziel ist, wie er zum ersten Jahrestag der Angriffe vom siebten Oktober, zwei Tausend Dreiundzwanzig formulierte, aus fremden Demokraten zu machen."
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    "text": "Der migrantische Muslim muss vom ungezügelten und unintegrierten Individuum zum vorbildlichen demokratischen deutschen Bürger umerzogen werden."
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    "text": "Dieser deutsche Vorzeigebürger lehnt Ideen, die sich gegen staatliche Interessen wenden, selbstverständlich ab."
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    "text": "Damit fordert der deutsche Staat also nicht nur die Ablehnung von reaktionären Islamismus, sondern auch ein Bekenntnis zur Staatsreson."
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    "text": "Erwünscht sind nicht in erster Linie progressive oder demokratische Muslime, sondern solche, die die herrschende Hegemonie als gerecht und richtig anerkennen."
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    "text": "Ahmad Mansour ist eher in rechtskonservativen Medien zu Hause als in moscheen und muslimischen Communities."
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    "text": "Damit bleibt er der Rolle des außenstehenden Kritikers verhaftet."
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    "text": "Die gewünschten Veränderungen innerhalb der Gemeinden müssten eigentlich jene Muslime umsetzen, die in diesen Gemeinden und Verbänden verwurzelt sind."
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    "end": 339.2,
    "text": "Aber selbst wenn diese Verwurzelung besteht, bedeutet das nicht automatisch, dass daraus andere politische Positionen folgen oder dass sich die Funktion muslimischer Intellektueller gegenüber dem deutschen Staat verändert."
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    "text": "Das zeigen etwa Murat Kaiman und Ehren Güvercin, die beide als Publizisten mit einer pro-israelischen Haltung bekannt sind."
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    "text": "Beide standen früher den großen türkisch-muslimischen Verbänden in Deutschland wie DITIB nahe."
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    "text": "Heute wenden sie sich als Gründer des liberalen muslimischen Vereins Al-Hambra Gesellschaft gegen ihre ehemaligen Weggefährten."
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    "text": "Mit ihrem Hintergrund sind Kaiman und Güvercin auf den ersten Blick glaubwürdigere Akteure für Reformen innerhalb der Communities als Monsour."
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    "text": "Ihre öffentlichen Positionen sind aber eher von Staatstreue gezeichnet als von einem progressiven Weltbild."
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    "text": "Ende August erschien in der Tat ein längeres Interview mit Murat Kaiman."
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    "text": "Er habe sich in den sozialen Medien als einer der schärfsten Kritiker islamistischer Verharmlosung einen Namen gemacht, schreibt die Zeitung."
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    "text": "In dem Gespräch schiebt Cayman den muslimischen Communities und ihren Repräsentanten in die Schuhe, dass Deutsche kaum Empathie für die Menschen in Gaza zeigen."
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    "text": "hätten nicht genug Mitgefühl für die israelischen Opfer des siebten Oktober gezeigt und bekämen dieses Verhalten nun bloß gespiegelt."
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    "text": "In der rassistischen Vorstellung ist die Diskriminierung einer Gruppe nichts weiter als eine verständliche Reaktion auf ihr eigenes Verhalten."
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    "text": "Auch wenn die allermeisten Muslime in Deutschland gar keinen persönlichen Bezug zu Gaza haben."
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    "text": "Ehren Güvercin tritt mit ähnlichen Positionen auf."
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    "text": "Sein Buch, eine Streitschrift gegen den Moscheenverband Dietieb, wurde Anfang dieses Jahres wegen eines Plagiats aus dem Handel genommen."
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    "text": "Dessen ungehindert findet Gewerzin weiterhin Gehör in den deutschen Medien."
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    "text": "Bei WeltTV warnte er zuletzt vor einer antisemitischen Allianz von Linksextremisten und Islamisten, beim WDR vor islamistischer Einflussnahme an deutschen Universitäten."
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    "text": "Zudem ist der Jurymitglied bei der pro-israelischen Lobbyorganisation ELNET und Landesvorsitzender des FDP-Vereins Liberale Vielfalt."
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    "text": "in Berlin-Brandenburg."
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    "text": "Von türkischen zu israelischen Interessen."
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    "text": "Heute kritisieren Ehren Güvercin und Murat Kaiman die großen türkisch-muslimischen Verbände in Deutschland für ihre Nähe zum türkischen Staat."
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    "text": "Das war aber auch Zwei-Tausend-Fünfzehn schon so."
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    "end": 487.34,
    "text": "Zu dieser Zeit teilte Güvercin auf Twitter noch einen Text von Kaiman, der Dietib gegen den Vorwurf der ausländischen Kontrolle verteidigte."
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    "text": "Kaiman arbeitete damals als Justizjahr für den Verband."
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    "end": 501.76,
    "text": "Güvercin hielt dort Vorträge, ebenso wie bei der als islamistisch geltenden IGMG und der ATIB, die sich als Abspaltung der rechtsextremen grauen Wölfe formierte."
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    "text": "Was sich bei Güvercin und Keimann in den letzten zehn Jahren verändert hat, lässt sich nur schwer nachvollziehen."
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    "end": 516.26,
    "text": "Keimann verließ die Teeb-Anfang zehntausend siebzehn laut eigener Aussage aufgrund des Spionageskandals im Vorjahr."
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    "text": "Damals wurde öffentlich das Imame des Verbands Listen mit Anhängern des Predigers Fethola Gülen erstellten."
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    "text": "Gülen und seine Anhänger werden in der Türkei für den Putschversuch vom Juli, zwei Tausendsechzehn verantwortlich gemacht."
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    "text": "Im Herbst, zwei Tausendsehbzehn gründeten Keiman und Güverzin schließlich die Alhambra-Gesellschaft."
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    "text": "Es ist ihre Verbindung zur muslimischen Community, die sie zu gefragten Stimmen bei bürgerlichen Medien und Parteien macht."
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    "text": "Nichts ersehnt sich der deutsche Staat, mehr als verlässliche Partner innerhalb der muslimischen Gemeinde."
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    "text": "Gesucht werden Vereine, Verbände und Einzelpersonen, die einen Islam lehren, der Identifikation mit dem deutschen Staat fördert."
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    "text": "Muslimen soll auf theologische Weise eine Akzeptanz für die hiesigen Verhältnisse vermittelt werden."
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    "text": "Das ist letzten Endes das zentrale Problem, das der Staat mit dem Islam hierzulande hat."
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    "text": "Anders als das katholische und evangelisch-lutterische Christentum, ist er nicht traditionell in dem hiesigen hegemonialen System verankert."
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    "text": "Er erscheint daher als widerspenstig und ungezähmt."
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    "text": "Die Bekenntnisse zu Frauen und LGBTIQ-Rechten werden dafür gerne miterwähnt."
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    "text": "Schließlich würde auch die katholische Kirche mit ihren Positionen zu Abtreibung und gleichgeschlechtlicher Ehe diesem progressiven Maßstab kaum gerecht werden."
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    "text": "Vertreter der liberal-muslimischen Intelligenz hier müssen daher nicht zwingend progressiv oder gar islamkritisch sein."
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    "text": "Die Alhambra-Gesellschaft wird als Moderat konservativ wahrgenommen."
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    "text": "Theologisch wird hier nicht mit dem Mainstream sunnitischen Islamverständnis gebrochen."
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    "text": "Kaiman und Güvacin treten nicht als avantgardistische Reformer auf."
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    "text": "Dennoch aber als mutige Kritiker falscher Verhältnisse, die sich trotz ihres moderat konservativen islamischen Glaubens, zur deutschen Demokratie und auch zur Staatsreson bekennen."
  },
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    "end": 657.2,
    "text": "Interessant ist, dass Kaiman und Güvacins Wechsel vom türkischen zum israelischen Proxy-Nationalismus weniger eine Frage der Form als des Inhalts ist."
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    "text": "Das zeigt sich besonders bei einem Thema, das für viele moderne Nationalismen wesentlich ist."
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  {
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    "text": "der Unterstützung oder Leugnung von Genoziden."
  },
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    "text": "Die beiden Gründer der Alhambra-Gesellschaft schimpfen heute auf Muslime, die den türkischen Völkermord an den Armenien leugnen."
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    "end": 679.86,
    "text": "Als der Bundestag den Genozid im Sommer-Zwei-Tausendsechzehn anerkennen wollte, setzten sie sich aber selbst dagegen ein."
  },
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    "end": 690.22,
    "text": "Ehren güvercin beschwerte sich damals auf Twitter, dass die armenische Lobby alles getan habe, was sie konnte, während die türkische Seite leider untätig geblieben sei."
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    "text": "Murat Kaiman schrieb zu dieser Zeit einen Text über die Armenierfrage der verblüffende Ähnlichkeiten mit seiner heutigen Rhetorik in Bezug auf Gaza offenbart."
  },
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    "end": 709.68,
    "text": "Die Armenien-Resolution des Bundestags beschrieb Kaiman als Produkt einer grünen Klientelpolitik und einer persönlichen Vendetta des grünen Politikers Cem Özdemir."
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    "text": "Auch bei Gaza verschiebt Kaiman den Fokus weg vom Inhalt des Vorwurfs auf die Person einiger Ankleger, türkische Nationalisten, Islamisten oder Deutsche."
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    "text": "Letztere sein historisch nicht gut darin Genozide zu erkennen."
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    "text": "Eng verflochten mit dieser Taktik der Personalisierung ist der Vorwurf niedriger Beweggründe."
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    "text": "Bei der Anerkennung des Genozids an den Armenien gehe es um politischen Revangismus."
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    "text": "Bei Gaza um Antisemitismus."
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    "text": "Wo Türken bei Keimaren noch das gleiche Leid, das gleiche Unrecht wie Armenia erfahren haben, über Trumpf die Boshaftigkeit der Hamas alle israelischen Kriegsverbrechen."
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    "text": "Die Fakten und Einschätzungen von Expertinnen und Experten, die eine Anerkennung der Völkermorde stützen, werden geschickt übergangen."
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    "text": "Es geht nicht um die Bildung junger Muslime."
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    "text": "Trotz großer politischer Bemühungen bleibt es aber fraglich, ob diese Klicke liberal muslimischer Intellektueller jemals schafft, was der deutsche Staat von ihnen verlangt."
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    "text": "Auch wenn all ihre teils staatlich geförderten Projekte auf junge migrantische Muslime abzielen, haben sie keine Antworten auf die tatsächliche Lebensrealität jener Menschen."
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    "text": "Systematischer institutioneller Rassismus wird geleugnet oder zumindest klein geredet."
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    "end": 799.42,
    "text": "Ahmad Mansour selbst erklärte anti-muslimischen Rassismus zu einem realitätsfernen Kampfbegriff."
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  {
    "start": 800.86,
    "end": 811.58,
    "text": "Und wenn es um den Genozid in Gaza geht, ein Thema, das weit über muslimische Kreise hinaus empört, wird aus dem geforderten Bekenntnis zur Staatsrison eine Anweisung zur Komplizenschaft."
  },
  {
    "start": 812.68,
    "end": 819.18,
    "text": "Viele schreckt das zu Recht ab, selbst progressive, säkulare und nicht praktizierende junge Muslime."
  },
  {
    "start": 820.18,
    "end": 823.88,
    "text": "Diese Entfremdung von der vermeintlichen Zielgruppe sollte aber nicht überraschen."
  },
  {
    "start": 825.0,
    "end": 828.76,
    "text": "Die muslimische Community war nie die eigentliche Zielgruppe dieser Intellektuellen."
  },
  {
    "start": 829.76,
    "end": 838.56,
    "text": "Ihre Projekte zielen zwar offiziell auf die Aufklärung und Bildung junger Musliminnen und Muslime, In Wahrheit aber adressieren sie das politische und mediale Establishment."
  },
  {
    "start": 839.2,
    "end": 841.98,
    "text": "Denn dort sitzen diejenigen, die Karrieren ermöglichen."
  },
  {
    "start": 842.68,
    "end": 846.18,
    "text": "In Ministerien, Stiftungen, Parteien und Redaktionen."
  },
  {
    "start": 847.28,
    "end": 854.66,
    "text": "Entsprechend sind die Positionen so formuliert, dass sie vor allem die bürgerliche, mehrheitlich nicht muslimische Öffentlichkeit überzeugen sollen."
  },
  {
    "start": 855.48,
    "end": 862.0,
    "text": "Das bedeutet aber nicht, dass die Arbeit dieser Personen ohne jedweden Effekt auf Musliminnen und Muslime ist."
  },
  {
    "start": 863.24,
    "end": 871.12,
    "text": "Ironischerweise arbeiten diese liberal muslimischen Intellektuellen gegen ihr vermeintliches Hauptziel, die Zurückdrängung des reaktionären Islamismus."
  },
  {
    "start": 872.16,
    "end": 883.64,
    "text": "Islamisten sehen Muslime in einem permanenten Krieg mit dem Westen, einem Krieg, der sowohl militärisch durch imperialistische Kriege als auch ideologisch durch die Verbreitung fremder Werte ausgetragen wird."
  },
  {
    "start": 884.74,
    "end": 889.16,
    "text": "Der Islamismus deutet Verbrechen wie die in Gaza in ein religiöses Feindbild um."
  },
  {
    "start": 890.1,
    "end": 896.22,
    "text": "Zugleich stempelt er Muslime mit progressiven Ansätzen als westliche Agenten und Verräter ab."
  },
  {
    "start": 897.34,
    "end": 902.04,
    "text": "Die liberalmuslimischen Intellektuellen verstärken dieses Narrativ direkt wie indirekt."
  },
  {
    "start": 902.66,
    "end": 906.34,
    "text": "Sie zeichnen den Krieg in Gaza als zivilisatorischen Konflikt."
  },
  {
    "start": 906.94,
    "end": 911.48,
    "text": "Hier die westlich-liberale Demokratie, dort barbarische islamistische Horden."
  },
  {
    "start": 912.52,
    "end": 919.96,
    "text": "Von dem Muslim in Deutschland wird erwartet, dass er sich zur Schwesterdemokratie im Nahen Osten bekennt, sofern er als echter Demokrat gelten möchte."
  },
  {
    "start": 920.88,
    "end": 932.56,
    "text": "Er wird somit vor die Wahl gestellt, entweder das Stigma des Integrationsverweigerers zu tragen oder passiver Komplize in einem Massenmord zu werden, der bereits mindestens achtzigtausend Leben gefordert hat."
  },
  {
    "start": 933.8,
    "end": 936.08,
    "text": "Es muss aber nicht bei dieser unmöglichen Wahl bleiben."
  },
  {
    "start": 937.2,
    "end": 940.8,
    "text": "Die Antwort auf die vorherrschende Hegemonie ist die Gegenhegemonie."
  },
  {
    "start": 942.08,
    "end": 951.18,
    "text": "Sie setzt einerseits den Konsens voraus, dass die bestehenden Verhältnisse falsch sind und andererseits das Bewusstsein dafür dass eine Veränderung der Verhältnisse möglich ist."
  },
  {
    "start": 951.94,
    "end": 959.18,
    "text": "Sie wird von einer organisierten, heterogenen Bewegung getragen, die neue Antworten bietet und die herrschende Politik infrage stellt."
  },
  {
    "start": 959.88,
    "end": 965.3,
    "text": "In vielerlei Hinsicht sehen wir das teilweise in der Praxis bei der Solidaritätsbewegung mit Palästina."
  },
  {
    "start": 966.92,
    "end": 974.94,
    "text": "Hier kommen sowohl säkulare als auch praktizierende Muslime mit Menschen jüdischen und christlichen Glaubens sowie mit Konfessionslosen zusammen."
  },
  {
    "start": 975.96,
    "end": 979.58,
    "text": "Frauen mit Hijab marschieren hier in derselben Menge mit Queerfeministinnen."
  },
  {
    "start": 980.24,
    "end": 987.48,
    "text": "Die gemeinsame Sache für Gaza und die Kritik an der deutschen Staatsräson haben ein gewaltiges Potenzial, soziale Gräben zu überwinden."
  },
  {
    "start": 988.34,
    "end": 990.86,
    "text": "Man darf dieses Momentum nur nicht verpassen."
  }
]